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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 02.10.2009

Interview mit Avitall Gerstetter
Iella Peter

Die j├╝dische Kantorin, eine der wenigen deutschlandweit, stellt ihr neuestes Projekt "Ahawah - Die Mehrreligionen-Akademie" vor. Eine Universit├Ąt, die junge Menschen verschiedener Konfessionen...



... zusammenf├╝hren will.

Nach einem Gesangs-, Klavier-, Klarinetten- und Tanzstudium sowie Englischstudium, schloss Avitall Gerstetter 2001 ihre Ausbildung zur Kantorin in New York ab und seitdem kann sie regelm├Ą├čig in den Gottesdiensten der Synagogen Oranienburgerstra├če und H├╝ttenweg geh├Ârt werden. Neben ihrer T├Ątigkeit als Kantorin engagiert sich Gerstetter in gesellschaftlichen Projekten. 2005 initiierte sie mit prominenter Unterst├╝tzung den "Avitallscup", ein interreligi├Âses Fu├čballturnier, das Berliner Jugendliche muslimischen, j├╝dischen und christlichen Glaubens auf dem Sportplatz vereinen soll. Ihre neue Initiative "Ahawah - die Mehrreligionen-Akademie" soll auf dem Gel├Ąnde der Auguststra├če 11-16 in Berlin-Mitte verwirklicht werden. Bereits vor 150 Jahren trug dieses Geb├Ąude als j├╝disches Waisenhaus denselben Namen und auch in Zukunft soll "Ahawah", Hebr├Ąisch f├╝r Liebe, das Leitmotiv der Universit├Ąt sein.

AVIVA-Berlin: Was hat Sie zu dazu bewogen den Beruf der Kantorin zu w├Ąhlen? Hat Religion schon immer eine gro├če Rolle in ihrem Leben gespielt?
Avitall Gerstetter: Religion hat schon immer eine sehr gro├če Rolle in meinem Leben gespielt. Ich bin in einem traditionell j├╝dischen Haushalt gro├č geworden und bin in den j├╝dischen Kindergarten hier in Berlin gegangen. Da man wei├č, dass die ersten sechs Jahre eine sehr pr├Ągende Zeit sind, war dadurch der Grundstein f├╝r mich bereits gelegt. Ich bin regelm├Ą├čig in die Synagoge gegangen und war sp├Ąter auch Mitglied im Chor der Synagoge Pestalozzistra├če. Ich bin der Gemeinde aufgefallen, da ich in diesem Rahmen auch Konzerte gegeben habe, und mir wurde vorgeschlagen, eine Ausbildung als Kantorin zu beginnen. Ich bin dann mutig diesen Weg gegangen, ohne anfangs zu wissen was mich eigentlich erwartet.

AVIVA-Berlin: Was genau sind die Aufgaben einer j├╝dischen Kantorin? Inwieweit unterscheidet sich ihr Arbeitsalltag von dem einer christlichen Kantorin?
Avitall Gerstetter: Im j├╝dischen Gottesdienst besteht die Liturgie haupts├Ąchlich aus Gesang, das hei├čt es werden im Wechsel mit den Betenden die Gebete gesungen. Der Kantor muss die Gebete vortragen, manchmal auch allein. Daher bedarf es einer fundierten musikalischen und besonders gesanglichen Ausbildung.

AVIVA-Berlin: Liegt Dir eine Deiner allt├Ąglichen Aufgaben als Kantorin besonders am Herzen?
Avitall Gerstetter: Das Spannende am Beruf des Kantors ist, dass er zum gr├Â├čten Teil f├╝r die Stimmung des Gottesdienstes verantwortlich ist, das hei├čt durch die Art und Weise wie er die Gebete vortr├Ągt, kreiert er zum Beispiel die Shabbat-Atmosph├Ąre. Es ist wichtig die Menschen in diese Stimmung zu versetzen und das ist eine gro├če Aufgabe. Ich war zu Rosch-Haschanna in Stuttgart in einer Synagoge und das war nicht so befriedigend. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, wirklich f├╝r die Menschen da zu sein und f├╝r sie die Gottesdienste zu gestalten.

AVIVA-Berlin: Wann und wie bist Du auf die Idee f├╝r das Projekt "Ahawah" gekommen? Haben Dich positive Erlebnisse, wie beispielsweise der Avitallscup, zu Deiner Initiative inspiriert?
Avitall Gerstetter: Ich habe viele Jahre, parallel zu meinem Studium, interreligi├Âsen Dialog praktiziert und habe dabei negative Erfahrungen gesammelt. Die Religionen wurden in den Kirchen zwar vorgestellt, aber trotz allem fand kein richtiger Dialog statt. Auch an der FU Berlin habe ich an einigen Veranstaltungen teilgenommen und auch dort hat es sich nicht weiter bewegt. Das wollte ich ver├Ąndern. Daher habe ich vor 5 Jahren das interreligi├Âse Fu├čballturnier "Avitallscup" ins Leben gerufen und die Jugendlichen waren sehr interessiert. Sport ist ja etwas sehr ├╝bergreifendes, aber ich wollte mehr: Ich wollte die Menschen, unterschiedlicher Kulturen und Religionen, unter einem Dach sehen. Als Kantorin der Oranienburgerstra├če ist mir aufgefallen, dass der Geb├Ąudekomplex in der Auguststra├če seit vielen Jahren brach lag. Ich fand es dramatisch zu sehen, wie die Geb├Ąude immer mehr vor meinen Augen verfielen. So entstand die Idee, gute K├Âpfe an einem Ort zusammen zu bringen. Jungen Menschen, die man noch pr├Ągen und formen kann, soll die Chance gegeben werden, hier von renommierten Professoren, aus der ganzen Welt, zu lernen.

AVIVA-Berlin: Gibt es bereits Reaktionen von ehemaligen Waisenkindern des "Ahawah-Waisenhauses" auf ihre Initiative?
Avitall Gerstetter: Ja, Rabbiner Tovia Ben-Chorin erz├Ąhlte mir neulich bei einer Veranstaltung der Bertelsmann Stiftung, dass seine Mutter im "Ahawah" gewesen sei und er findet es ganz wunderbar, dass wir vorhaben diesen wichtigen Ort zu erhalten. Das ist auch unser Wunsch. Wir wollen zwar einen neuen Gedanken in die "Ahawah" hinein bringen, aber ich finde, es darf nie das Alte vergessen werden. Es freut mich sehr, dass wir von Rabbiner Ben-Chorin diese Unterst├╝tzung erfahren.

AVIVA-Berlin:Wie finanziert sich Dein Projekt?
Avitall Gerstetter: Urspr├╝nglich sollten Sponsoren f├╝r das Projekt gewonnen werden. Das Problem war allerdings die wirtschaftliche Lage. Ich musste mir etwas Neues ├╝berlegen, damit die "Ahawah-Akademie" auf eigenen F├╝├čen stehen kann. Und da ich nicht der Typ bin, der sich gern alimentieren l├Ąsst, ist mir die Idee gekommen, mit der Manufaktur Meissen eine Kooperation einzugehen. N├Ąchstes Jahr feiert Meissen 300j├Ąhriges Jubil├Ąum und wird in einer limitierten Auflage Judaika produzieren, deren Gewinne vollst├Ąndig der "Ahawah" zu Gute kommen. Deswegen brauchen wir viele Menschen, die unsere Produkte kaufen und uns dadurch unterst├╝tzen.


AVIVA-Berlin: Konntest Du auch Unterst├╝tzung von politischer Seite gewinnen? Und von wem w├╝rdest Du Dir noch mehr Unterst├╝tzung w├╝nschen?
Avitall Gerstetter: Ich w├╝rde mir w├╝nschen, dass die j├╝dische Gemeinde in Berlin ein wenig leidenschaftlicher mit dem Thema umgeht. Es betrifft uns schlie├člich alle. Unterst├╝tzung von politischer Seite habe ich zum Gl├╝ck, denn von au├čen wird das Projekt als wichtig und richtig angesehen.

AVIVA-Berlin: Welche Studienrichtungen sollen in der Akademie gelehrt werden?
Avitall Gerstetter: Wir werden die Studienrichtungen Journalismus, Kunst und Musik anbieten. Besonders Journalismus ist ein wichtiges Fach, weil unsere heutige Medienlandschaft ein oft zu einseitiges Bild vermittelt. Das m├Âchte ich ├Ąndern. Die jungen Menschen, die Journalisten werden wollen, sollen mehr Einblick in die verschiedenen Religionen und Kulturen erhalten. Mir ist vor allem wichtig, dass die vermittelten Inhalte von den Studenten in ihre jeweiligen Heimatl├Ąnder mitgenommen werden und von dieser positiven Erfahrung berichtet wird.

AVIVA-Berlin: Woher nimmst Du die Sicherheit, dass Deine Initiative von den Jugendlichen angenommen wird?
Avitall Gerstetter: Ich bin davon ├╝berzeugt, weil ich, ganz pers├Ânlich, mir solch eine Institution w├Ąhrend meines eigenen Studiums sehr, sehr gew├╝nscht h├Ątte.

AVIVA-Berlin: Wie k├Ânnen die Jugendlichen erreicht werden, die sich nicht sofort vom Programm der Ahawah angesprochen f├╝hlen?
Avitall Gerstetter: Die Idee ist, in die unterschiedlichen Unis zu gehen und die Professoren direkt anzusprechen. Sie sollen dann Empfehlungen aussprechen. Es sollen gute Studenten geworben werden, aber der Fokus liegt keineswegs darauf, dass es reiche Studenten sind. An der "Ahawah" soll nicht die Elite studieren, auch die mit weniger Geld sollen hier lernen k├Ânnen.

AVIVA-Berlin: Was w├╝nscht Du Dir als langfristiges Ziel f├╝r Dein Projekt "Ahawah"?
Avitall Gerstetter: Das langfristige Ziel ist es, ein kleines Mosaiksteinchen dazu beizutragen, dass es weniger Konflikte im Bereich der Kulturen und Religionen gibt.

AVIVA-Berlin: Wei├čt du schon genauer, wann StudenntInnen sich das erste Mal in der "Ahawah" zusammenfinden k├Ânnen?
Avitall Gerstetter: Bis sich die Tore der Akademie ├Âffnen, wird in jedem Fall noch mindestens ein Jahr vergehen. Wir sind in Gespr├Ąchen mit der Gemeinde, das Ensemble in der Auguststra├če 11-16 betreffend. Ich muss aber ganz ehrlich sagen, die f├╝r den Komplex ben├Âtigten 15 Millionen Euro sind sehr viel Geld und w├╝rden wir uns f├╝r den Bau eines komplett neuen Geb├Ąudes entscheiden, w├╝rde es sehr viel g├╝nstiger werden. Die Geb├Ąude in der Auguststra├če drohen zu zerfallen und es w├Ąre dramatisch, wenn dieser Teil j├╝discher Geschichte unwiderruflich verschwindet. Wir brauchen viel Unterst├╝tzung und auf www.ahawahvision.com werden ab Ende Oktober die Produkte von Meissen zu erwerben sein. Es werden nicht nur Judaika zu kaufen sein, sondern auch Artikel f├╝r das nicht j├╝dische Klientel. Ich kann nur sagen, unterst├╝tzen Sie uns alle in dem sie eines oder mehrere unserer Produkte kaufen.

AVIVA-Berlin: Im Jahr 2000 hast Du Deine erste CD "Die j├╝dische Stimme" heraus gegeben. 2003 folgte dann Dein zweites Album "Avitall in Concert" mit liturgischen Ges├Ąngen und jiddischen Liedern. 2010 wirst Du auf Tour gehen. Wie findest Du, neben Deinem enormen Engagement f├╝r "Ahawah", noch die Zeit f├╝r eigene Konzerte?
Avitall Gerstetter: Das ist alles eine Frage der Organisation und wie sehr man auch bereit ist, Opfer zu bringen. Nat├╝rlich opfere ich einen Gro├čteil meiner Freizeit, aber ich mache es gerne, weil mir dieses Thema sehr wichtig ist und mit ganzem Herzen dabei bin.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview und viel Erfolg f├╝r Ihre Arbeit und das Projekt "Ahawah - Die Mehrreligionen-Akademie".

Weitere Informationen zu Ahawah - Die Mehrreligionen-Akademie und Avitall Gerstetter finden Sie unter:

www.ahawahvision.com

und

www.avitall.de

Interviews Beitrag vom 02.10.2009 AVIVA-Redaktion 





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