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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 25.02.2011

Interview mit Yasemin Samdereli
Anna Hohle

Mit AVIVA-Berlin sprach die Regisseurin der wunderbaren Multi-Kulti-Kom├Âdie "Almanya" ├╝ber filmische Parallelen zu ihrer eigenen Kindheit, die Chancen einer interkulturellen Gesellschaft und ihre...



... Lieblingsecken in der Hauptstadt.

Yasemin Samdereli wurde 1973 in Dortmund geboren und studierte an der Hochschule f├╝r Fernsehen und Film in M├╝nchen. Sie arbeitete als Regieassistentin, Drehbuchautorin und Regisseurin, sammelte Erfahrungen bei internationalen Kinoproduktionen wie Jacky Chan ist Nobody und Accidental Spy. Ihr erster Kurzfilm Schl├╝ssell├Âcher erschien 1994, Kismet (2001) wurde f├╝r den Max Oph├╝ls-Preis nominiert. 2002 drehte sie ihren ersten TV-Spielfilm, die Multi-Kulti-Liebeskom├Âdie Alles get├╝rkt und 2007 die Kom├Âdie Ich Chefe, du nix. An der preisgekr├Ânten TV-Serie T├╝rkisch f├╝r Anf├Ąnger arbeitete sie als Co-Drehbuchautorin mit.

"Almanya. Willkommen in Deutschland" produzierte sie gemeinsam mit ihrer Schwester Nesrin Samdereli, ebenfalls Regisseurin und Drehbuchautorin.

AVIVA-Berlin: Frau Samdereli, Almanya lief im diesj├Ąhrigen Berlinale-Wettbewerb au├čer Konkurrenz und kommt am 10. M├Ąrz 2011 in die Kinos. Der Film behandelt auf leichte und humorvolle Weise die Erlebnisse und Konflikte dreier Generationen einer Einwandererfamilie. Welche pers├Ânlichen Erfahrungen von Ihnen und Ihrer Schwester sind hier mit eingeflossen?
Yasemin Samdereli: Eines unserer pers├Ânlichen Erlebnisse war zum Beispiel ein ebenso missgl├╝cktes Weihnachtsfest, wie es im Film vorkommt. Wir hatten unsere Mutter gen├Âtigt, uns ein Weihnachtsfest auszurichten. Da die Arme keine Ahnung hatte ÔÇô sie kannte ja dieses Ritual nicht ÔÇô standen wir Kinder vor einem ca. 10 Zentimeter gro├čen Plastik-Tannenbaum und die Geschenke, die nat├╝rlich kaum darunter passten, weil der Baum eben so mickrig war, waren nicht verpackt. Es war ein Trauma!

AVIVA-Berlin: Sie schauen mit einem sehr liebevollen Blick auf die einzelnen Filmfiguren, wodurch eine gro├če N├Ąhe entsteht. Charles Dickens sagte einmal, es gebe keine bessere Form, mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor. K├Ânnte man so auch die Einstellung beschreiben, mit der Sie Almanya entwickelt haben?
Yasemin Samdereli: Charles Dickens spricht mir/ uns aus der Seele. Nesrin und ich haben genau diesen Ansatz. Ich habe immer jene Filmemacher bewundert, die das Kunstst├╝ck vollbringen, ihre Zuschauer zum Lachen zu bringen und dennoch nicht belanglos zu werden.

AVIVA-Berlin: Thilo Sarrazin steht mit "Deutschland schafft sich ab" in den deutschen Bestsellerlisten, rechtspopulistische Parteien wie pro K├Âln oder Die Freiheit finden durchaus Zulauf in der Bev├Âlkerung. Macht Ihnen diese Entwicklung Angst?
Yasemin Samdereli: Nat├╝rlich ist das etwas, was man mit Sorge beobachtet. Aber aktuell m├Âchte ich meinen Blick auf alle Deutschen lenken, die diese Meinung nicht teilen. Und ich bin davon ├╝berzeugt, dass das die Mehrheit ist. Man darf Menschen wie diesem speziellen Herrn nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Eine dumme Meinung bleibt eine dumme Meinung, auch wenn sie von einer Gruppe von Menschen vertreten wird.

AVIVA-Berlin: Die Familie Yilmaz in Almanya setzt sich aus ganz verschiedenen Charakteren zusammen ÔÇô anstelle von Stereotypen zeigen Sie Individuen. Spielen Kulturen oder kulturelle Hintergr├╝nde Ihrer Meinung nach ├╝berhaupt eine so wichtige Rolle bei der Generierung von Identit├Ąt/en?
Yasemin Samdereli: Sicher spielen sie eine Rolle, aber die Entstehung von Identit├Ąt bleibt eine komplexe Sache. Der Einfluss einer Familie kann gro├č sein, muss es aber nicht. Ebenso k├Ânnen Einwirkungen von Freunden oder Lehrern das eigene Leben stark pr├Ągen. So bleibt ein Mensch wirklich die Summe seiner Erlebnisse.

AVIVA-Berlin: W├╝nschen Sie sich, dass Almanya bei den ZuschauerInnen gewisse Denkprozesse ausl├Âst oder Stereotype relativiert?
Yasemin Samdereli: Nesrin und ich haben Figuren kreieren wollen, die so leider kaum erz├Ąhlt werden ÔÇô dies war uns ein gro├čes Bed├╝rfnis.
Wir wollten zeigen: Es gibt auch Leute wie uns. Eltern wie unsere, die ihren T├Âchtern nicht im Weg stehen, sondern sie sehr unterst├╝tzen. Unser Bruder w├╝rde nie auf die Idee kommen, sich in das Privatleben seiner Schwestern zu sehr einzumischen. Und ebenso gibt es Frauen, die ein Kopftuch tragen und trotzdem die Hosen anhaben! Wir haben von der Vielfalt erz├Ąhlt, von dem, was wir kennen.
Es ist wichtig, dass die Zuschauer den Menschen sehen. Die Figur H├╝seyin ist in erster Linie Familienvater, Gro├čvater und erst viel sp├Ąter kommt die Zuordnung des "T├╝rken".

AVIVA-Berlin: In vielen Produktionen der letzten Jahre (Solino, T├╝rkisch f├╝r Anf├Ąnger, aktuell Fasten auf Italienisch) wird das Thema Interkulturalit├Ąt humorvoll bearbeitet. Was m├╝sste sich ├Ąndern, damit dieses positive Bild von Interkulturalit├Ąt auch im allt├Ąglichen Miteinander wirksamer wird?
Yasemin Samdereli: Ich w├╝rde mir w├╝nschen, dass die Menschen unkomplizierter und humorvoller miteinander ins Gespr├Ąch kommen.
Dabei w├Ąre es sch├Ân, wenn den Einwanderern der ersten Generation nicht st├Ąndig ihr unperfektes Deutsch zum Vorwurf gemacht w├╝rde. Stattdessen sollte Deutschland anerkennen, was diese Menschen geleistet haben. Und seien wir ehrlich: Die Menschen kamen nach Deutschland, um zu arbeiten, und niemand hat sich in den Anf├Ąngen darum bem├╝ht, die Deutschkenntnisse der Gastarbeiter zu f├Ârdern.

AVIVA-Berlin: Es wird viel ├╝ber die Probleme von Migration debattiert, aber leider selten ├╝ber den Mehrwert und die Chancen einer Gesellschaft gesprochen, in der Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergr├╝nden zusammen leben. Wie werden MittlerInnen zwischen den Kulturen wie Cenk in Almanya unsere Gesellschaft in Zukunft bereichern?
Yasemin Samdereli: Vielleicht ├Ąhnelt diese Gesellschaft irgendwann dem Bild einer Familie, die sich aus Mitgliedern verschiedener Kulturen zusammen setzt. Es w├Ąre wunderbar, wenn dieser Prozess, wie Sie sagen, als Bereicherung, und nicht als Verlust verstanden w├╝rde. Wie vieles im Leben ist dies lediglich eine Frage der Perspektive.

AVIVA-Berlin: Sie sind in Dortmund geboren, leben inzwischen in Berlin. Was sind Ihre Lieblingsecken in der Hauptstadt? Wo ist Berlin Ihrer Meinung nach "typisch deutsch" und wo (zum Gl├╝ck) ├╝berhaupt nicht?
Yasemin Samdereli: Ich liebe Berlin wirklich als gro├čes Ganzes. Die Vielfalt dieser Stadt ist wundervoll. Ich genie├če es, auf dem Multikulti-Markt am Maybachufer einzukaufen oder im Sub-Stadtteil Rixdorf spazieren zu gehen. Wenn ich Besuch habe, gehen wir oft zu Curry 36 oder zum Deutschen Bundestag, wo ich bestimmt schon vier Mal war.
Nat├╝rlich haben Kinos f├╝r mich eine besondere Bedeutung und davon hat Berlin so tolle: zum Beispiel das wundersch├Âne Babylon in Mitte, ein Stummfilmkino. Oder die Passage in Neuk├Âlln. Ich k├Ânnte weiter und weiter erz├Ąhlen, aber das w├╝rde den Rahmen sprengen. Berlin ist einfach super.

AVIVA-Berlin: K├Ânnen wir uns auf weitere gemeinsame Produktionen der Samdereli-Schwestern freuen?
Yasemin Samdereli: Aber nat├╝rlich! Wir arbeiten schon flei├čig an neuen Geschichten.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das interessante Interview! Wir w├╝nschen Almanya viel Erfolg und Ihnen und Ihrer Schwester alles Gute.


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin: "Almanya. Willkommen in Deutschland"



(Quellen (Biografie): Concorde Filmverleih)

Interviews Beitrag vom 25.02.2011 AVIVA-Redaktion 





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