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AVIVA-BERLIN.de im August 2019 - Beitrag vom 07.07.2009


Interview mit Iris Berben
Silvy Pommerenke

Iris Berben kommt im Herbst 2009 mit dem Psychodrama "Es kommt der Tag" auf die Leinwand. Darin geht es um eine Ex-Terroristin, die sich unerkannt in Frankreich ein neues Leben aufgebaut hat ...



... und dennoch dreißig Jahre später von ihrer Vergangenheit eingeholt wird: Ihre Tochter Alice (Katharina Schüttler) konfrontiert sie mit der Schuldfrage, warum sie sie damals zur Adoption freigegeben hat und wie weit jemand für seine Ideale gehen darf. AVIVA-Berlin traf die äußerst charmante und facettenreiche Schauspielerin und führte ein Gespräch über Philosophie, Politik und Paul, ihren Jack-Russell-Terrier.

AVIVA-Berlin: Seit wann geben Sie heute schon Interviews?
Iris Berben: Seit zwölf, aber ich bin völlig entspannt, denn ich bin gerade vor zwei Tagen aus Vietnam gekommen. Das bringt auf eine Weise diese berühmte asiatische Ruhe mit sich, und auf der anderen Seite bedeutet es, sich hier in dieser westlichen Welt neu zu orientieren.
AVIVA-Berlin: Waren Sie in Vietnam auf Urlaub?
Iris Berben: Nein, beim Dreh.

AVIVA-Berlin: Kommen wir zu Ihrem aktuellen Film "Es kommt der Tag". Es geht darin um Judith, die vor dreißig Jahren aus politischen Gründen in den Untergrund gegangen ist und ihr Kind Alice zur Adoption freigegeben hat. In der Gegenwart – Judith hat mittlerweile einen Mann und zwei Kinder - treffen Mutter und Tochter aufeinander. Auf Drängen Alices verlässt Judith ihre Familie, um sich der Polizei zu stellen, aber das Ende bleibt offen. Wie könnte es aussehen?
Iris Berben: Ja, das Ende bleibt offen. Zwischen der Autorin Susanne Schneider, die gleichzeitig auch die Regisseurin ist, und mir gibt es eine unterschiedliche Haltung. Ich kann Ihnen da keine klare Antwort geben. Susanne Schneider sagt: "Judith geht nicht, sie wird sich nicht stellen." Und ich sage: "Gut, aufgrund der moralischen Verpflichtung, die es in unserer Gesellschaft gibt und in der sie sich jetzt auch dreißig Jahre befindet, ist es für sie notwendig, sich zu stellen." Das Problem ist, dass die Selbstanzeige von Judith sofort die Zerstörung der eigenen Familie beinhalten würde. Die Zerstörung von drei weiteren Leben. Das Dilemma ist nun: Rechnet man auf? Das Leben eines Toten, den man vor dreißig Jahren ermordet und seine Familie, die man mit auf dem Gewissen hat, gegen dreißig Jahre und das eigene neue Leben? Diese Frage macht mich verrückt! Es ist fast eine philosophische Frage. Ich denke: Sie muss sich stellen. Obwohl ich weiß, dass sie drei Leute mit hineinzieht, deren Leben von diesem Moment an natürlich auch zerstört sind.

AVIVA-Berlin: Judith begeht den "Fehler" der Vergangenheit ein zweites Mal und verlässt ihre Kinder. Ist es die Aussage des Filmes, dass sich Geschichte immer und immer wieder wiederholt, ohne dass man einen Neuanfang machen kann?
Iris Berben: Sie fragen danach, ob sich Geschichte wiederholt? Ja, wir lernen wohl wirklich nicht aus den Vorkommnissen. Ich weiß, warum ich so viele Lesungen gegen das Vergessen mache: Die schlimmste Erkenntnis, die ich als junger Mensch hatte, war die, dass man effektiv aus gar nichts lernt. Die unmittelbare Generation, die etwas erlebt hat, für die ist es auch die Lehrgeschichte. Die Generation danach muss ihre eigene Erfahrung machen, sich die eigene Verantwortung als Haltung und als Statement erst wieder suchen.

AVIVA-Berlin: Ist die Behauptung, dass die heutige junge Generation so unpolitisch und die 68er Generation so politisch gewesen sein soll, nicht ein Trugschluss? Damals war ja nur ein kleiner Teil der Studentenbewegung politisch motiviert, während die meisten versucht haben, sich in dem Wirtschaftswunderland zu installieren.
Iris Berben: Sie haben Recht. Ich bin damals fast zwei Jahre mitgelaufen, aber für mich war das nach elf Jahren Internat ein Ventil. Das war keine politische Motivation. Im Nachhinein fing ich erst an, darüber nachzudenken. Wir haben uns für "Es kommt der Tag" im Vorfeld viel mit Dokumentationen über Terroristen beschäftigt, da gibt es ja einige, beispielsweise die von Hans-Joachim Klein. Bei manchen war es damals Wut, bei anderen die Möglichkeit heimzuzahlen. Aber Sie haben ganz Recht. Wie klein war denn der Kreis der politisch Motivierten? Mich ärgert es heute allerdings, dass bei der Beschreibung der 68er reflexartig das Wort Terror und Terrorismus kommt. Das stimmt natürlich nicht, es war eine Zeit, die etwas aufgebrochen, die hinterfragt hat, und zwar mit einer anderen Form des Widerstandes und Obrigkeitsdenkens. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Lehrer das letzte Wort hatten.

AVIVA-Berlin: Haben Sie damals schon so reflektiert über diese Zeit gedacht, oder ist das jetzt erst die Weisheit des Alters?
Iris Berben: Nein, das ist gewachsen. Als ich 18 Jahre alt war, habe ich aus einem Instinkt heraus gehandelt und nicht aus einer politischen Motivation.

AVIVA-Berlin: Sie haben selbst einen Sohn - könnten Sie sich vorstellen, dass es eine politische Situation gibt oder eine politische Notwendigkeit, wo Sie ihr eigenes Kind verlassen oder zur Adoption freigeben würden?
Iris Berben: Heute nicht mehr aufgrund der Komplexität, die man kennt. Natürlich auch durch die Bedeutung meines Sohnes für mein Leben. Ich bin zum Teil geworden, was ich bin, wegen dieses Kindes. Weil wir eine Symbiose haben, und das ist kein Geheimnis. Jeder weiß von der sehr engen und intensiven Beziehung, die ich zu meinem Sohn habe. Und trotzdem glaube ich nicht, dass ich eine ganz klare Antwort darauf geben kann. Wenn ich damals in einer Situation gewesen wäre, in der ich das Gefühl gehabt hätte, dass es anders nicht ginge, dass ich da etwas erledigen müsse, ein Teil einer Sache geworden wäre, dann vielleicht? Ich finde es immer schwer, aus einer heutigen Sicht zu urteilen. Auch aus einer moralischen Verantwortung, die man ja seinem Kind gegenüber hat, kann man trotzdem nicht einfach sagen: So etwas kann man doch nicht machen. Ich denke, man muss so viel mehr über eine Zeit, über Verletzungen, über Wut und Verantwortlichkeit einer Zeit gegenüber wissen, so dass man den Gedanken nicht ganz abwegig empfinden darf, das Kind dahin zu geben, wo es sicher ist. Wenn ich ihm diese Sicherheit mit dem Leben, was ich führe, nicht geben kann.

AVIVA-Berlin: Dies war auch einer der Vorwürfe Alices gegenüber Judith, dass sie sie nicht zur Großmutter, sondern an eine fremde Familie zur Adoption gegeben hat.
Iris Berben: Ja, die Großeltern waren "reaktionär" und "konventionell". Das waren damals Schlagworte, durch die man sich befreien wollte und mit denen man ganz viel erklärt hat. Was dahinter steckte und wie schmerzhaft das letztlich für manche war, war vielen wohl nicht bewusst. Man bekämpfte das verhasste System. Wie leicht fiel da die Entscheidung, das Kind nicht zur Großmutter zu geben, die in diesem System lebte. Das sind alles Momente, weswegen ich nicht weiß, wie ich mich verhalten hätte. Ich weiß es nicht!

AVIVA-Berlin: Eine ganz andere Frage: Sie haben einen Hund, der Paul heißt. Gibt es ihn noch?
Iris Berben: Paul Berben – und wie es den gibt! Wir wollen jetzt aber nicht in der Wunde stochern.
AVIVA-Berlin: Nein, auf gar keinen Fall. Aber Sie haben ihn mal mit Buster Keaton verglichen.
Iris Berben: [empörtes Schmunzeln] Ich habe ihn nicht mit Buster Keaton verglichen, er ist die Wiedergeburt von Buster Keaton! Wenn Sie ihn sehen würden ...
AVIVA-Berlin: Dann gibt es hier für Paul eine kleine Aufmunterung ... [Hundestick Sorte Salami wird überreicht]
Iris Berben: Ach, wie süß! Ich werde es ihm sagen, denn ich rede ja mit Paul. Ich habe mit ihm einen literarischen Spaziergang durch Berlin gemacht. Er kennt jedes Museum, jede Gedenkstätte und jede Straße. Paul macht gerade Ferien auf dem Bauernhof. Normalerweise habe ich ihn zwar immer dabei, aber diese Reisen nach Vietnam oder China sind zu anstrengend für ihn.
AVIVA-Berlin: Was ist denn das für ein Dreh in Vietnam?
Iris Berben: Das ist ein Kinderfilm, "Tiger Team", den Peter Gersina für das Kino macht. Wenn man so will, ist es ein James Bond für Kinder. Und ich bin das Böse. Ich musste dieses Mal nicht viel spielen ...

AVIVA-Berlin: Noch einmal zurück zu "Es kommt der Tag". Katharina Schüttler sagte, sie hat in der Figur der Alice nach einem Teil von sich selbst gesucht und gefunden. Haben Sie einen Teil in der Judith von sich selbst gefunden? Wenn ja, welcher war das?
Iris Berben: Ja, Judith ist eine Frau, die mir Parallelen aufgedrängt hat, weil sie in ihrer Konsequenz zerrissen ist. Da habe ich auch vieles von mir gesehen.
AVIVA-Berlin: Was für ein schönes Schlusswort: "Weil ich in meiner Konsequenz zerrissen bin." Wie poetisch! Frau Berben, vielen Dank für das Interview, viel Erfolg bei Ihren nächsten Projekten und grüßen Sie Paul von uns!



Interviews Beitrag vom 07.07.2009 Silvy Pommerenke 





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