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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.02.2010

Interview mit Tamara Trampe
Tatjana Zilg

AVIVA-Berlin traf die Regisseurin Tamara Trampe ("Weisse Raben") w├Ąhrend der turbulenten Berlinale-Tage, um mehr ├╝ber ihren neuen Film "Wiegenlieder" zu erfahren.



Die poetisch sch├Âne, sanft ber├╝hrende Doku "Wiegenlieder" feierte ihre Premiere am ersten Berlinale-Sonntag im Cinestar am Potsdamer Platz.

Tamara Trampe studierte Germanistik an der Universit├Ąt Rostock und begann 1967 als Kulturredakteurin beim "Forum". Von 1970 bis 1990 betreute sie als Dramaturgin zahlreiche Spielfilme beim DEFA-Studio in Babelsberg. Seit 1990 ist sie als freiberufliche Filmemacherin, Autorin und Dramaturgin t├Ątig und unterrichtet an verschiedenen Filmhochschulen. Ihr Film "Weisse Raben" wurde mit dem Adolf Grimme Preis und dem 3sat-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet.

AVIVA-Berlin: Wie ist die Idee entstanden, Menschen in Berlin zu fragen, ob sie sich an die Wiegenlieder ihrer Kindheit erinnern?
Tamara Trampe: Mit sieben Jahren kam ich 1949 als Kind aus der Ukraine nach Deutschland. Da gab es hier kaum Migranten. Wenn ich das meinen Enkelkindern erz├Ąhlt habe, verstanden die das gar nicht. Ich wohne, wie auch meine Enkelkinder, in der Stargarder Stra├če in Prenzlauer Berg. Dort gibt es mittlerweile ├╝berall t├╝rkische, polnische und tschetschenische Migranten. Ich dachte mir, ich m├╝sste mal herausbekommen, wie viel Nationen dort heute wohnen. Und es ist doch viel leichter sie nach den Wiegenliedern ihrer Kindheit zu fragen als nach dem Herkunftsland. Ich erlebte dabei immer wieder das Gleiche: Stutzen, Nachdenken, L├Ącheln und oft fingen sie dann an zu singen. Als das so gut lief, wusste ich, dass dies ein gutes Motiv f├╝r einen Film w├Ąre und fing an, intensiv zu recherchieren.

AVIVA-Berlin: Haben Sie damit gerechnet, dass einige Befragte sich nicht so gut erinnern konnten oder auch nicht vor der Kamera singen wollten?
Tamara Trampe: Ja, nat├╝rlich. Es gab eine sch├Âne Situation, die wir mit einer Afrikanerin erlebt haben, als sie in Kamerun anrief und ihre Mutter nach Text und Melodie des Wiegenliedes fragte. Auch eine Polin rief ihre Mutter an und diese sang dann am Telefon das Lied.

AVIVA-Berlin: Wie haben Sie die Auswahl getroffen, welches Material Sie im Film tats├Ąchlich verwenden?
Tamara Trampe: Von Anfang an war klar: Es sollten Lieder sein, verschiedene Nationen und eine Stadt. Da wir beide in Berlin unsere Heimatstadt sehen, die wir lieben, dann nicht m├Âgen und dann doch wieder m├Âgen, hatten wir das Bed├╝rfnis, dieser Stadt ein Lied zu schenken. Und als wir ├╝ber die Struktur f├╝r den Film nachdachten, wurde uns bewusst, dass wir in den anderen Filmen systematisch eng am Thema entlang erz├Ąhlt haben: Von A nach B, von B nach C und so fort. Immer ganz gerade. Wir sagten uns, dass es sch├Ân w├Ąre, es dieses Mal kontr├Ąr dazu wie einen Tanz durch Berlin zu gestalten. Mehr assoziativ, indem wir eine T├╝r aufmachen, mit jemanden reden, wieder rausgehen und jemand anderen fragen, ob er f├╝r einen Moment stehen bleibt und uns anschaut. Es war also ein Bed├╝rfnis da, mit einer ganz offenen Struktur zu arbeiten. Von Anfang an.

AVIVA-Berlin: Sie arbeiten sehr oft mit Johann Feindt zusammen.
Tamara Trampe: Wenn ich ├╝berhaupt Filme mache, dann mit ihm.

AVIVA-Berlin: Das ist ungew├Âhnlich. Worin sehen Sie die Vor- und Nachteile?
Tamara Trampe: Die Vorteile sind, dass ich wei├č, dass er ein Super-Kameramann ist und dass er versteht, wie ich denke und ticke. Und dass er selbst durch die lange Zusammenarbeit wei├č, dass ich nicht jemand bin, auf dem man sich hundertprozentig verlassen kann. Ich bin niemand, der sich hinsetzt und sagt: ┬┤Ich fange mit der Frage an und werde dort enden.┬┤ Sondern es ist immer ein Verbundspiel. Ich wei├č eigentlich vorher nie, welche Richtung ein Projekt nehmen wird. Und das kann man nat├╝rlich am besten mit einem Kameramann realisieren, der keine engen Erwartungen daran hat, wie sich das Projekt entwickeln wird.

AVIVA-Berlin: Sie teilen sich auch die Regiearbeit als Team.
Tamara Trampe: Ja. Wir sehen sehr ├Ąhnlich. Nat├╝rlich macht er die Bilder und in dem Moment kann ich die Bilder nie sehen. Aber auf ihn kann ich vertrauen, weil er ein gro├čartiger Kameramann ist. Ich wei├č zuvor, dass er die gleichen witzigen Situationen wahrnimmt wie ich, denn wir k├Ânnen ├╝ber die gleichen Dinge lachen und wir sind ├╝ber das Gleiche emp├Ârt. Das ist eine gute Grundlage.

AVIVA-Berlin: Die Art und Weise, wie Sie Ihre InterviewpartnerInnen im Film befragen, ist ├╝berraschend, da die Fragen teils sehr provokativ, teils therapeutisch sind. Was hat Sie dazu veranlasst, so zu arbeiten? Haben Sie Vorerfahrungen mit therapeutischen Methoden?
Tamara Trampe: Ja, ich bin schon mehrmals gefragt worden, ob ich Therapeutin werden wollte. Aber das ist keinesfalls so. Das kam f├╝r mich nie in Frage. Das k├Ânnte ich auch gar nicht.
Aber ich glaube, dass dieser therapeutische Eindruck dadurch entsteht, dass ich nur Fragen stelle, die ich mir in den jeweiligen Situationen selbst auch stellen w├╝rde. Zum Beispiel, was Trauer f├╝r einen bedeutet. Ich nehme an, mein Gegen├╝ber sp├╝rt deshalb, dass das nicht einfach so eine leicht dahin geworfenen Frage ist, sondern dass ich mich damit besch├Ąftige. Dass es auch meine Verletzungen betrifft.

AVIVA-Berlin: Hatten Sie nicht die Bef├╝rchtung, dass dies bei dem Anderen zu viel ausl├Âst, wie bei den Exilanten aus Tschetschenien?
Tamara Trampe: Nein. Das hat damit zu tun, dass es mein Anliegen ist, dem mir gegen├╝ber sitzenden Menschen zu helfen, authentisch zu sein. Nicht zu schummeln, sich nicht zu verstecken. Ihm das Gef├╝hl zu geben, wir k├Ânnen dar├╝ber sprechen. Und auch Detlef versucht auszuweichen, indem er kleine Sp├Ą├čchen macht. Ich versuche, ihm zu helfen, indem ich vermittle, dass er das nicht braucht und dass er zeigen kann, dass und wie er verletzt worden ist.
Und so war das auch bei Apti Bisultanov.
Im gleichen Land, wo er ein sehr beliebter Dichter und unter den frei gew├Ąhlten Pr├Ąsidenten Kulturminister war, wurde er gefoltert. Es f├Ąllt ihm schwer, dar├╝ber zu sprechen, dass jemand Macht ├╝ber ihn hatte. Und da konnte ich ihm nur helfen, indem ich am Kern der Sache dran bleibe und ihn ermutige, ├╝ber die Vorkommnisse zu sprechen. Er ist kein Mann, dem man aus Mitleid verschonen muss. Er wei├č, was er tut. Ich kann ihn tr├Âsten und ihm sagen, dass es mir wehtut, wie mit ihm umgegangen wurde. Das muss alles in der tats├Ąchlichen Dimension gesehen werden. Die Folter war nicht das Schlimmste f├╝r ihn, sondern der Verlust der Heimat.

AVIVA-Berlin: Wie viel Zeit haben Sie sich f├╝r die Gespr├Ąche mit den einzelnen Personen genommen?
Tamara Trampe: Soviel, wie wir brauchten. Das war jeweils nicht nur ein Gespr├Ąch. Es waren viele. Meistens haben wir uns mindestens zehnmal getroffen. Es gibt nur einziges durchgehendes Gespr├Ąch: Santos in der U-Bahn.

AVIVA-Berlin: Santos haben Sie auch in seiner Wohnung besucht.
Tamara Trampe: Die Verabredung war, dass er dort f├╝r uns singt. Ich stelle ihm keine Fragen, w├Ąhrend wir ihn in der Wohnung besuchen.

AVIVA-Berlin: Wie kam es dazu, dass Sie den Komponisten Helmut Oehring mit in den Film einbezogen haben? Wie haben Sie ihn kennen gelernt?
Tamara Trampe: Das lief ├╝ber Recherchen. Wir haben bewusst nach jemanden gesucht, der in seiner Kindheit mit Sicherheit keine Wiegenlieder gesungen bekam.

AVIVA-Berlin: Bei der Premiere fragte eine Kinobesucherin, warum fast nur Menschen mit traurigen Kindheitserlebnissen zu Wort kommen. Dass man wenig h├Ârt von sch├Ânen Kindheitserinnerungen. Wieso haben Sie sich entschieden, die Szenen so zusammenzustellen?
Tamara Trampe: Nun, auch wir beiden Filmmacher haben solche traurigen Erinnerungen an unsere Kindheit und ich fand es spannender, diese Ausschnitte auszuw├Ąhlen. Aber ich nehme schon an, dass unter den Menschen, die wir in dem Film zeigen, auch welche sind, die eine wundersch├Âne Kindheit haben. Die Frage ist ohnehin: Wann ist eine Kindheit nur sch├Ân?
Es kann auch sein, dass mich in der Schule ein Junge so geschubst hat, dass ich diese Verletzung lange in mir weitertrage. Pl├Âtzlich ist die Kindheit nicht mehr wundersch├Ân. Ich glaube nicht an eine ganz heile Kindheit.
Es gibt doch aber auch in dem Film einige Szenen, wo eine z├Ąrtliche Beziehung zu den Kindern durchscheint. Zum Beispiel, wie die junge Frau in der Wagenburg mit ihrem Baby umgeht. Man muss nicht ├╝ber alles reden, vieles erkl├Ąrt sich aus den Bildern.
Ich bin selbst aufgewachsen in einem Dorf, das v├Âllig zerbombt war, mit einer Mutter, die an der Front war und somit nicht anwesend f├╝r mich, und einer Gro├čmutter. Bei uns lief das Wasser in das Haus hinein, aber wir haben jeden Abend gesungen, und so habe ich trotz der materiell eingeschr├Ąnkten Verh├Ąltnisse erfahren, was W├Ąrme und Liebe ist. Ich denke, es ist wichtig, eine nicht vernachl├Ąssigte Beziehung zu haben und ein St├╝ck davon will der Film erz├Ąhlen. Als wir ├╝ber die Stra├čen gegangen sind und die Menschen gefilmt haben, so gab ihnen das das Gef├╝hl, gesehen und wahrgenommen zu werden.

AVIVA-Berlin:Es geht dabei somit um eine unmittelbare Form der Kommunikation, zu der der Zugang ├╝ber die Musik erleichtert wird?
Tamara Trampe: Ja, das auch.

AVIVA-Berlin: Sie haben als Kulturredakteurin gearbeitet und waren dann Dramaturgin bei der DEFA. Wie kamen Sie sp├Ąter zur Regie?
Tamara Trampe: Ja, das war alles noch in der DDR. Dann wurde das Studio aufgel├Âst und wir sa├čen von einem Tag auf den anderen auf der Stra├če. Aber ich hatte schon, w├Ąhrend ich bei der DEFA als Dramaturgin angestellt war, nebenbei an Dokumentarfilmen mitgearbeitet - als Autorin und als Regisseurin. Ich habe mir daf├╝r vom Studio freigenommen, um einen Ausgleich zu haben f├╝r die Arbeit an den emotional aufgeladenen Spielfilmen. Ich brauchte diese Rauheit der Realit├Ąt als Kontrast.
Und dann fiel die Mauer. Johann Feindt und ich kannten uns schon zu dem Zeitpunkt wie auch Helga Reidemeister. So beschlossen wir eine Gruppe zu gr├╝nden. Mit dabei waren auch Jeanine Meerapfel, Dieter Schumann, Wolfgang Pfeiffer: Ost und West bunt durcheinander. Von da an haben wir regelm├Ą├čig Projekte gemacht.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview und viel Erfolg und Spa├č noch auf der Berlinale!


Interviews Beitrag vom 28.02.2010 AVIVA-Redaktion 





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