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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.03.2010

Saara Aila Waasner im Interview
Tatjana Zilg

Mit dem Diplomfilm an der Berlinale teilnehmen: Mit der Doku "Frauenzimmer" ging dieser Traum f├╝r die junge Regisseurin, die ihr Studium an der Filmakademie Baden-W├╝rttemberg ...



Ihre sensible Portrait-Collage von drei Frauen um die f├╝nfzig, die sich f├╝r eine selbstbestimmte T├Ątigkeit in der Prostitution entschieden haben, wurde f├╝r die "Perspektive Deutsches Kino" ausgew├Ąhlt und erwarb die Gunst von Kritik und Publikum durch Detailreichtum, geschickten Umgang mit der Biografie der Protagonistinnen und sympathischer wie auch tiefgr├╝ndiger Darstellung der drei Frauenpers├Ânlichkeiten.

AVIVA-Berlin traf Saara Aila Waasner w├Ąhrend der 60. Berlinale zu einem Gespr├Ąch.

AVIVA-Berlin: Ihr Film war f├╝r mich an vielen Stellen ├╝berraschend, weil er einen anderen Blick auf das Thema Prostitution aufwirft, und es nicht nur um die negativen Seiten geht, ├╝ber die mittlerweile relativ viel bekannt ist.
Was hat Sie selbst am meisten ├╝berrascht w├Ąhrend der Dreharbeiten?
Saara Aila Waasner: Bevor ich zu drehen anfing, habe ich mich im Vorfeld oft mit den Protagonistinnen ohne Kamera getroffen. Deshalb kannte ich die Lebensgeschichten der drei Frauen bereits gut. So ganz ├╝berraschend war f├╝r mich beim Dreh dann nichts mehr. Aber als ich die drei Frauen kennen gelernt habe, war ich schon erstaunt, was f├╝r au├čergew├Âhnliche Biografien das sind. Damit habe ich am Anfang nicht gerechnet.

AVIVA-Berlin: Stand f├╝r Sie bei den Recherchen im vornherein fest, dass Sie Protagonistinnen in diesem Lebensalter suchen?
Saara Aila Waasner: Als ich mit dem Thema angefangen habe, war f├╝r mich klar, dass ich mich auf etwas ├Ąltere Frauen konzentrieren m├Âchte. Urspr├╝nglich kam ich zu dem Thema, als mir eine Bekannte erz├Ąhlte, dass ihre Patentante als Prostituierte arbeitet. Das empfand ich damals nat├╝rlich schon als au├čergew├Âhnlich, so dass ich nachfragte. Da ich zu dieser Zeit auch auf der Suche nach meinen Diplomthema war, dachte ich sofort, dass es interessant sein k├Ânnte, hier anzukn├╝pfen. Zuvor hatte ich mir nie Gedanken dar├╝ber gemacht, wie man in dieser Branche ├Ąlter wird, und ob es Frauen um die f├╝nfzig gibt, die Sexarbeit anbieten. Ich erinnere mich, wie ich mich nach diesem Treffen spontan an den Rechner gesetzt und alle m├Âglichen Kombinationen eingegeben habe. Das war der Beginn meiner ausf├╝hrlichen Recherche. Und da war ich schon ├╝berrascht, wie viele ├Ąltere Frauen in der Prostitution arbeiten.

AVIVA-Berlin: Es ist verbreiteter, als man annehmen w├╝rde?
Saara Aila Waasner: Ich kann es jetzt nicht prozentual sagen, da ich mich von Beginn an auf diese Gruppe konzentriert habe. Aber es war schnell ersichtlich, dass es keinerlei Probleme f├╝r einen Mann gibt, der bewusst vorhat, zu einer ├Ąlteren Prostituierten zu gehen. Ganz unabh├Ąngig davon, wo man in Deutschland lebt. Es gibt ├╝berall Frauen, die das anbieten.

AVIVA-Berlin: Wie kam es, dass alle drei Protagonistinnen im Film in Berlin leben? Was hat Sie von M├╝nchen, wo Sie wohnen, nach Berlin gef├╝hrt?
Saara Aila Waasner: Das war Zufall. Ich habe w├Ąhrend der Recherchen sogar Frauen in ├ľsterreich und der Schweiz getroffen. Zun├Ąchst plante ich, mit zwei Frauen aus Berlin und einer Frau aus einer anderen Stadt zu drehen, welche aber kurz vor dem Drehstart abgesprungen ist. Der Einfachheit halber und um die Kosten nicht steigen zu lassen, suchte ich den Ersatz f├╝r sie ausschlie├člich in Berlin. Und das hat sich bei der Umsetzung als optimal erwiesen. So konnte man die Dreharbeiten flexibler gestalten und auch mal eine Pause machen. Dokumentarfilme sind beim Dreh immer auch anstrengend f├╝r die Protagonistinnen.

AVIVA-Berlin: Mit welcher pers├Ânlichen Haltung zu dem Thema Prostitution sind Sie an Ihrem Film herangegangen? Es ist ein Feld, welches oft sehr emotional diskutiert wird und viele kontr├Ąre Aspekte aufweist.
Saara Aila Waasner: Nun, ich war zuvor bereits sensibilisiert. Im Jahr 2005 habe ich eine Kurz-Doku ├╝ber einen Jugendlichen gemacht. Er hatte auch Prostitutionserfahrung und sprach dar├╝ber sehr offen mit mir. Das war zwar ein anderer Blickwinkel als bei "Frauenzimmer" - nicht nur wegen der anderen Generation, sondern auch weil es um m├Ąnnliche Prostitution ging, aber so wurde ich zum ersten Mal intensiv aufmerksam auf das Thema. Und nachdem ich mich eine Weile mit dem Thema besch├Ąftigt habe, wurde mir klar, dass ich einen Film ├╝ber Frauen machen m├Âchte, die freiwillig dieser T├Ątigkeit nachgehen, und ├╝ber die Gr├╝nde, die sie daf├╝r haben.
Zwangsprostitution w├Ąre da ein ganz anderes Thema gewesen und es w├Ąre ein v├Âllig anderer Film geworden.

AVIVA-Berlin: Was war ausschlaggebend daf├╝r, dass Sie sich f├╝r Christel, Paula und Karolina als Protagonistinnen entschieden haben?
Saara Aila Waasner: Wenn man einen Film plant, ├╝berlegt man, welche Geschichten gut zueinander passen - wie sie sich erg├Ąnzen und worin sie gegens├Ątzlich sind. Mich haben diese drei Geschichten zudem selbst sehr fasziniert. Die drei Frauen sind ja auch sehr unterschiedlich.
Beim Filmemachen ist es auch wichtig, im Vorfeld auszuloten, wer sich dabei wohlf├╝hlt, seine Geschichte vor der Kamera zu erz├Ąhlen. Es ist die eine Sache, f├╝r die Frauen zu sagen, sie finden das Filmprojekt gut und m├Âchten es unterst├╝tzen, aber selbst den Schritt in die ├ľffentlichkeit zu wagen, ist da noch ein Schritt weiter. Mir war es deshalb auch wichtig, dass ich Frauen finde, die einen guten R├╝ckhalt durch ihre Familie oder ihren Freundeskreis haben.

AVIVA-Berlin: Sie haben im Film Szenen eingebunden, wo die Kinder oder Enkel der Frauen ├╝ber sie sprechen, und sind auch mit dabei, wenn sie mit ihrer Familie Zeit verbringen. Waren die Familienangeh├Ârigen offen daf├╝r? Wie haben Sie sie davon ├╝berzeugt?
Saara Aila Waasner: Das hat sich ganz nat├╝rlich ergeben, da ich im Vorfeld die Frauen schon so gut kennen gelernt habe. Von Treffen zu Treffen habe ich dann auch die Familienmitglieder kennen gelernt. Diese fragten zum Teil von sich aus, ob sie nicht selbst im Film etwas sagen k├Ânnten, denn sie erfuhren so bald, in welche Richtung mein Projekt gehen soll. Dass ich keine Vorurteile bedienen m├Âchte.

AVIVA-Berlin: Wie lange dauerte die Vorbereitung? Das klingt nach einer langen Zeitphase.
Saara Aila Waasner: Es waren neun Monate, ├╝ber die ich mich immer wieder mit den Frauen getroffen habe.

AVIVA-Berlin: Wie war die Bereitschaft des Freiers der Domina, den man im Film sieht, mitzumachen?
Saara Aila Waasner: Da war das ├Ąhnlich. Ich habe ihn im Vorfeld kennen gelernt. Man muss dazu sagen, dass er ein guter Freund von Karolina ist und nicht nur ihr Freier. Da war das keine gro├če Sache. Er ist zudem selbst jemand, der dazu steht, wie er seine Sexualit├Ąt lebt. Sein gesamtes Umfeld wei├č Bescheid, auch seine Kollegen und sein Arbeitgeber.



AVIVA-Berlin: Warum haben Sie sich dazu entschieden, nur einen Freier einzubeziehen?
Saara Aila Waasner: Ich habe viele Freier kennen gelernt und mit ihnen gesprochen. Es ist aber ein Film, der aus der Sicht der Frauen erz├Ąhlt. Deswegen habe ich auch keine Fragen an den Sklaven gestellt, wie es f├╝r ihn ist, zu einer Domina zu gehen.

AVIVA-Berlin: Wie haben Sie die Idee entwickelt, die sexuelle Dienstleistung der Frauen darzustellen, indem sie die Ger├Ąusche aufnehmen, mit der Kamera aber in den Nebenzimmern bleiben?
Saara Aila Waasner: Es gibt dazu drei Szenen. Bei jeder Frau zeige ich je eine Arbeitssituation. Es war f├╝r mich wichtig, dies einzubeziehen. Der Job, den sie machen, wird auf diese Weise erlebbar. Ich wollte das aber nicht noch direkter machen, da ich auf keinen Fall in die voyeuristische Schiene kommen wollte. Zudem w├Ąre es auch gesch├Ąftssch├Ądigend f├╝r die jeweilige Frau, wenn man zu nah an die Freier herantritt. Da war es wichtig einen Weg zu finden, wie dieser Bereich trotzdem nicht ausgeklammert wird. So fand ich zu der M├Âglichkeit, es ├╝ber T├Âne zu beschreiben und w├Ąhrenddessen ihre Arbeitsr├Ąume mit einigen Details zu zeigen.

AVIVA-Berlin: Haben Sie damit gerechnet, dass sich zwei Frauen gegen Ende der Dreharbeiten entscheiden, ihr Leben erneut in eine andere Richtung zu lenken?
Saara Aila Waasner: Das habe ich zuvor nicht erwartet, das kam ├╝berraschend. Es ist aber sch├Ân, wenn man beobachten kann, dass sich bei den Protagonistinnen viel tut in ihrem Leben. Die Dreharbeiten liefen wie die Recherche ├╝ber neun Monate. In dieser Zeit bin ich immer wieder mit dem Filmteam dorthin gefahren. Durch den langen Zeitraum wurde es erleichtert, eine Entwicklung zu zeigen.

AVIVA-Berlin: Sie haben an der Filmakademie Dokumentarfilm studiert. Was war Ihre Motivation f├╝r diese Studienausrichtung?
Saara Aila Waasner: Ich habe letzten Dienstag mein Diplom gemacht. Es war mir schon ziemlich fr├╝h klar, dass ich Filmemachen studieren will.
Seit ich zw├Âlf Jahre war, habe ich mich schon daf├╝r interessiert. Ich ging auf die Waldorfschule und musste eine Jahresarbeit schreiben, wof├╝r ich in ein kleines Dorf in den neuen Bundesl├Ąndern gefahren bin. Seit der Wende waren zehn Jahre vergangen und ich befragte die Menschen dort, wie sie diese Zeit erlebt haben. Im Anschluss arbeitete ich dies als schriftliche Arbeit aus und fand es toll, was ich alles erfahren konnte. Das wurde eine sehr ausf├╝hrliche Arbeit. Aber keiner machte sich die M├╝he, sie zu lesen. So dachte ich, es w├Ąre noch besser gewesen, wenn ich eine Kamera dabei gehabt h├Ątte. Da hat man ganz andere M├Âglichkeiten, ├╝ber die Erfahrungen zu berichten und zu erz├Ąhlen. Ich h├Ątte die Leute aufnehmen k├Ânnen, wie sie sprechen, wie sie sich bewegen. Ich sehe da eine gr├Â├čere Genauigkeit. Und von da an war es mein Ziel, an einer Filmhochschule zu studieren.

AVIVA-Berlin: Wie kam es zu dem Schwerpunkt Dokumentarfilm?
Saara Aila Waasner: Nun, mir war das Schreiben und Filmen an sich wichtig. Aber es haben mich schon immer Menschen interessiert - welche, die ├╝berhaupt nicht bekannt sind, die man nicht sieht, die nicht beachtet werden. Wenn ich durch die Stra├čen gehe, fallen mir so viele Menschen auf, ├╝ber die es vielleicht spannend sein k├Ânnte, mehr zu erfahren und dann ├╝ber sie zu erz├Ąhlen.
Ich interessiere mich auch sehr f├╝r Spielfilm, aber momentan ist Dokumentarfilm genau das, was ich machen m├Âchte.

AVIVA-Berlin: Was zeichnet einen guten Dokumentarfilm f├╝r Sie im allgemeinen aus?
Saara Aila Waasner: Mich interessieren Dokumentarfilme, die mich emotional ber├╝hren und wo ich mehr ├╝ber Menschen erfahre. Toll finde ich es auch, wenn mich Filmemacher ├╝berraschen.
Es ist eine gro├če Bereicherung f├╝r das eigene Leben, wenn es immer wieder Leute gibt, die einen an ihren Gedanken und an ihren Leben teilhaben lassen.

AVIVA-Berlin: Wie war Ihre Reaktion, als Sie erfahren haben, dass Ihr Film f├╝r die Berlinale ausgew├Ąhlt wurde?
Saara Aila Waasner: Das hatte mich unglaublich gefreut. Ich habe ganz laut geschrieen am Telefon. Auf der Berlinale selbst war ich schon ├Âfters. So kannte ich das hier alles schon. Aber es ist etwas ganz Besonderes, wenn man seinen eigenen Film hier zeigen kann. Ich genie├če das sehr.

AVIVA-Berlin: Ihr Kurzfilm "Die Gedanken sind frei" von 2007 wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet. W├╝rden Sie den Inhalt beschreiben?
Saara Aila Waasner: Es ist ein Portrait ├╝ber eine psychisch kranke Frau, die unter anderem an einem Z├Ąhlzwang leidet. Als ich den Film drehte, war sie Mitte Vierzig. Mit zwanzig Jahren wurde sie in eine Pflegefamilie aufgenommen. Mich hat interessiert, wie dieses Familienleben funktioniert. Wie sie damit umgehen, dass sie eine psychische Krankheit hat, durch die sie manchmal zwei Wochen lang nicht spricht und nichts anderes macht, als in der Ecke zu stehen, in die Luft oder auf den Boden zu schauen.
Zugleich habe ich eine Ann├Ąherung an sie versucht und wollte verstehen, wie ihre Zw├Ąnge entstanden sein k├Ânnten, wie sie denkt und wie es ihr damit geht.
Ich habe mittlerweile festgestellt, dass mich soziale Themen sehr interessieren. Aber ich habe mir das nie bewusst vorgenommen.

AVIVA-Berlin: Wird Ihr Film "Frauenzimmer" bald im Kino zu sehen sein?
Saara Aila Waasner: Das hoffe ich nat├╝rlich. Meine Produzentin Caroline Daube und ich haben bei der Berlinale Gespr├Ąche mit einigen Verleihen gef├╝hrt. Fest steht da noch nichts. Es wird sich noch zeigen, ob es zu einem Kinostart kommt - m├Âglicherweise in den kleineren Programmkinos.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview, viel Erfolg weiterhin und viel Spa├č noch auf der Berlinale!



Interviews Beitrag vom 11.03.2010 AVIVA-Redaktion 





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