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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 19.03.2010

Sibel Kekilli im Interview
Tatjana Zilg

2004 holte Fatih Akin mit "Gegen die Wand" den Goldenen B├Ąren und Sibel Kekilli war schlagartig bekannt. Bei der 60. Berlinale lief sie f├╝r das Panorama ├╝ber den roten Teppich, denn sie spielte ...



... die Hauptrolle in "Die Fremde" von Feo Aladag.

AVIVA-Berlin traf Sibel Kekilli w├Ąhrend der turbulenten Berlinale-Tage und erfuhr mehr ├╝ber die Entstehung des eindringlichen Films und ihre Empathie f├╝r die junge Deutscht├╝rkin Umay, die sich zwischen der Liebe zu ihrer Familie und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben entscheiden muss.

AVIVA-Berlin: Ihre Darstellung der Umay in "Die Fremde" ist sehr ├╝berzeugend und stimmig. Wann wurde Ihnen selbst bewusst, dass dies so ineinander aufgeht?
Sibel Kekilli: Als ich den Film zum ersten Mal selbst auf der Leinwand gesehen habe und in ihn als Ganzes eintauchen konnte.

AVIVA-Berlin: Wie haben Sie dies empfunden, als Sie das Drehbuch gelesen haben? Wo liegt da der Unterschied zu sp├Ąter, wenn Sie den fertigen Film auf der Leinwand sehen? Ist das dann eher ein Arbeitszustand?
Sibel Kekilli: Nun, das sind zwei verschiedene Sachen. Wenn man dem Film auf der Leinwand anschaut, so ist der Arbeitsprozess abgeschlossen. Zuvor wei├č man noch nicht genau, wie das Ergebnis als Gesamtes sein wird. Es war auf jeden Fall eine Bereicherung mit so einer tollen Regisseurin wie Feo Aladag zu arbeiten.

AVIVA-Berlin: Wie kam es zu der Entscheidung, doch wieder eine Deutscht├╝rkin zu spielen? Es gab vor einiger Zeit von Ihnen das Statement, solche Rollen nicht mehr ├╝bernehmen zu wollen.
Sibel Kekilli: Nein, das war nicht so. Das wurde falsch wiedergegeben. Ich wurde das jetzt schon oft gefragt. Ich hatte in dem Zusammenhang gesagt, dass ich keine Opferrollen spielen m├Âchte und das ist hier nicht so. Bei Umay spielen viele andere Dinge eine Rolle, wie auch eine gewisse Sturheit, ein Egoismus, der aus der Verzweiflung herauskommt. Wenn sie zum Beispiel zu der Hochzeit geht, so gef├Ąhrdet sie auch die Heirat ihrer Schwester, aber sie kehrt noch ein zweites Mal zur├╝ck, um f├╝r sich und ihren Sohn um Anerkennung zu k├Ąmpfen.

AVIVA-Berlin: Wie haben Sie sich der Rolle angen├Ąhert, um diese verschiedenen Antriebe des Charakters zu verstehen?
Sibel Kekilli: F├╝r mich war dabei die Zeit vor dem Dreh wichtig, in der ein Schauspielcoach mit den Darstellern von Umays Geschwistern und mir gearbeitet hat. Dadurch sind wir als Cast zusammengewachsen. Wir haben auch miteinander das Familiengef├╝ge analysiert. Es war gut, so schon vor dem Dreh mit der Rolle eins zu werden.

AVIVA-Berlin: Hatten Sie Bedenken, als Sie f├╝r die Rolle der Umay zugesagt haben, dass dies wieder in Verbindung zu ihrer eigenen Biografie gesetzt wird?
Sibel Kekilli: Nein. Ich finde es unn├Âtig, dass Rollenbesetzungen ├Âfter so hinterfragt werden. Und ich w├╝rde mir w├╝nschen, dass man dies mehr f├╝r sich stehen l├Ąsst und nicht solche Bez├╝ge heranzieht.

AVIVA-Berlin: Welchen Eindruck wird der Film Ihrer Meinung bei Publikum hinterlassen? Sie haben sich gegen Klischees bei der Mediendarstellung von Menschen mit t├╝rkischen Migrationshintergrund ge├Ąu├čert. Aber k├Ânnte nicht auch "Die Fremde" falsch verstanden werden und bestimmte Klischees n├Ąhren?
Sibel Kekilli: Ja, wenn ein Film falsch verstanden werden soll, so ist das auch hier m├Âglich. Aber von Anfang an habe ich an dem Drehbuch gemocht, dass es keine Schwarz-Wei├č-Malerei betreibt, sondern dass es viele Nuancen enth├Ąlt.

AVIVA-Berlin: Haben Sie auch direkt Einfluss auf das Drehbuch genommen?
Sibel Kekilli: Nein, im Drehbuch war das alles schon enthalten und beschrieben. Aber zum Beispiel bei der Szene auf der Hochzeit, wo Umay ihre ungewollte Rede h├Ąlt, haben wir noch Feinheiten miteinander verbessert. Feo hat die t├╝rkischen Dialoge in Deutsch geschrieben und dann habe ich diese mit meiner Filmmutter so umgeschrieben, dass man sie in T├╝rkisch sprechen konnte. Der bildliche Ausdruck unterscheidet sich im Deutschen und T├╝rkischen schon sehr.

AVIVA-Berlin: Wie war es f├╝r Sie und Ihre jungen Kollegen, in die Film-Rollen hineinzuschl├╝pfen?
Sibel Kekilli: Es war gut, dass wir uns vorher schon ausf├╝hrlich kennen lernen konnten. Serhad Can, der Umays j├╝ngeren Br├╝der spielt, fiel die Szene schwer, in der er mir auf der Hochzeit eine Ohrfeige geben sollte. Er sagte, es sei seine Einstellung, niemals Frauen zu schlagen. Ich habe ihm dann vermittelt, dass das zum Film geh├Ârt und dass es wichtig ist, das umzusetzen. Auch Tamer Yigit, der ├Ąltere Bruder, hatte zuerst Schwierigkeiten, mich von der B├╝hne zu zerren.

AVIVA-Berlin: Den M├Ąnnern in dem Film gelingt es nicht, aus den vorgegebenen Rollenmustern auszubrechen. Welche Ans├Ątze br├Ąuchte es, um dies in der Realit├Ąt zu ├╝berwinden?
Sibel Kekilli: Indem sie innere St├Ąrke entwickeln. Wenn die Jungen von klein auf nicht als Paschas erzogen werden und stattdessen ein tolerantes Verhalten erlernen w├╝rden. Dass sie auch Tr├Ąnen zeigen d├╝rfen und keine Angst davor haben m├╝ssen, als Schw├Ąchling angesehen zu werden.

AVIVA-Berlin: In dem Film "Die Fremde" erh├Ąlt Umay Unterst├╝tzung von Au├čen, nachdem sie sich entschieden hat, den Ausstieg aus der sich zuspitzenden Familiensituation zu suchen. Sie w├Ąhlt den Notruf und die Polizei holt sie mit Nachdruck aus der Wohnung, danach wohnt sie kurzzeitig in einem Frauenhaus. W├╝rden Sie sagen, dass heutzutage das Unterst├╝tzungssystem f├╝r die betroffenen Frauen funktioniert?
Sibel Kekilli: Nun, man muss erst mal dahin kommen, Unterst├╝tzung anzunehmen. Morsal, die Afghanin, die in Hamburg get├Âtet wurde, lebte zuvor schon in einem Jugendheim und kehrte dann wieder zu ihrer Familie zur├╝ck. Was nat├╝rlich auch zum Teil verst├Ąndlich ist, da es bestimmt sehr schwer ist, die Familie aufzugeben. Da hat die Hilfe leider nichts genutzt. Ich finde es gut, dass es Organisationen gibt, die versuchen, an dieser Stelle einzusteigen wie zum Beispiel das Jugend-Projekt "Heroes".

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview und viel Erfolg!



Interviews Beitrag vom 19.03.2010 AVIVA-Redaktion 





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