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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.09.2010

Jessy Howe im Interview
Tatjana Zilg

Rund um den Flughafen Tempelhof rockte und swingte es Anfang September 2010 gewaltig. AVIVA-Berlin nutzte die Gelegenheit und traf wÀhrend der Popkomm die SÀngerin Jessy Howe von The Raveners zu ...



... einem GesprĂ€ch ĂŒber die Vor- und Nachteile des Musikerinnenseins in virtuellen Zeiten, ĂŒber die Schnittmenge von Swing und Rock, ĂŒber das Live-Spielen und ihre DebĂŒt-CD "Ravenous".

AVIVA-Berlin: Ihr kommt auf der BĂŒhne und von CD sehr energiegeladen herĂŒber. Wo nehmt Ihr all die Energie her, die Ihr auf der BĂŒhne ausstrahlt?
Jessy Howe: Der Kern der Band besteht aus dem Gitarristen und Produzenten Chris Muzik, dem Bassisten GĂ©za Burghardt und mir selbst. Wir haben eine sehr ambivalente Beziehung untereinander. Chris und ich sind manchmal wie zwei Zwillingsschwestern, wir streiten, lieben einander und streiten wieder. Geza sorgt dann immer dafĂŒr, dass wir uns wieder versöhnen. Eigentlich wollen wir extrovertiert und leicht aggressiv sein, nicht introvertiert. Aber im positiven Sinn. Zu unserer Lebendigkeit bei den BĂŒhnenauftritten trĂ€gt die positive Streitkultur innerhalb der Band viel bei.

AVIVA-Berlin: Ihr beschreibt Eure Musik auf Myspace selbst als eine Mischung aus Swing und Rock. Wie ist die Idee entstanden, diese beiden teils doch eher kontrÀren Musikstile miteinander zu verbinden?
Jessy Howe: Es gibt einige Titel, in die wir Elemente aus den 30er Jahren integrieren. Als wir im Jahr 2007 die Band gegrĂŒndet haben, arbeiteten wir viel mit Jazz-Elementen, auch ein wenig beeinflusst von Billie Holiday. Dann wurde es mehr und mehr rockig. Die Single "You gotta swing" spiegelt gut, was wir unter Swing Rock verstehen. Die rockigen EinflĂŒsse sind da schon sehr krĂ€ftig.

AVIVA-Berlin: Woher kommt Euer Interesse am Swing? Ist das ein Musikstil, den ihr persönlich mögt? Woraus ist die Idee entstanden, mit diesen Stil zu spielen?
Jessy Howe: Der Anlass dazu war vor allem meine Stimme. Ich habe viel Swing in der Stimme und einen gewissen Hang zur nostalgischen Romantik. Meine Stimme erinnert oft an die Art der SĂ€ngerinnen der 30er Jahre. Ich habe selbst mit Jazz und Blues angefangen.

AVIVA-Berlin: Aus der Schweiz sind in letzter Zeit vor allem Songwriterinnen wie Sophie Hunger in Deutschland bekannt geworden.
Jessy Howe: Ja, Sophie Hunger hat eine gewaltige Stimme und kommt sehr intensiv herĂŒber. Man merkt bei ihr, dass sie einfach loslassen kann, die Umgebung wird ihr egal und nur noch die Musik ist ihr wichtig. Es gibt aber auch noch viele andere super SĂ€ngerinnen und KĂŒnstlerinnen in der Schweiz.

AVIVA-Berlin: Ihr kommt aus ZĂŒrich. Wie wĂŒrdest Du die Musikszene dort beschreiben?
Jessy Howe: Nun, dort ist - wie woanders auch - die eigene Sprache sehr nachgefragt. Es gibt viele KĂŒnstlerInnen, die in Mundart, im SchwyzerdĂŒtsch, singen. Das kann man natĂŒrlich nicht in Deutschland veröffentlichen. Aber auch wenn man Englisch als internationale Sprache nutzt, bleibt es dennoch schwierig, sich auf dem internationalen Musikmarkt durchzusetzen - in England, in Skandinavien genau wie in Deutschland.
Ich denke auch, der Schweizer Nationalstolz ist da eben nicht so groß wie der in anderen LĂ€ndern. Nach Außen zu gehen erfordert Mut und zum anderen sind die Schweizer oft auch ein bisschen verwöhnt: Sie haben einen guten Job, alles ist schön geregelt und nebenbei machen sie ein paar Gigs und können damit etwas Geld dazuverdienen.
Einen Bus zu mieten, um acht Stunden nach Deutschland zu fahren, nur um hier ein Konzert zu geben und das noch selbst zu finanzieren, lĂ€sst viele davor zurĂŒckschrecken, den Versuch zu unternehmen, ihre Musik im Ausland bekannter zu machen.

AVIVA-Berlin: Das Finanzielle spielt folglich eine große Rolle dabei, dass die Bands den Schritt ĂŒber die Grenze nicht wagen?
Jessy Howe: Ja, anders ist es erst, wenn man eine CD in Deutschland veröffentlicht hat und damit auf ein grĂ¶ĂŸeres Interesse stĂ¶ĂŸt. Dann wird es natĂŒrlich viel leichter, eine internationale Tour zu organisieren.

AVIVA-Berlin: Wie lange seid Ihr schon im MusikgeschÀft? Seit 2007 gibt es Eure Band, warst Du vorher schon als Musikerin und SÀngerin aktiv?
Jessy Howe: Ja, ich war davor schon bei anderen Bands aktiv. Alle Mitglieder von The Raveners spielen entweder nebenbei noch in anderen Bands oder haben frĂŒher in anderen Bands mitgemacht. Zudem ist es so, dass ich vor ein paar Jahren das große GlĂŒck hatte, mich selbstĂ€ndig machen zu können: Ich singe bei PrivatanlĂ€ssen nach dem Gusto der GĂ€ste. Das macht mir super viel Spaß und ich habe viel dadurch gelernt. Mit The Raveners kann ich viel von meiner eigenen KreativitĂ€t ausleben und umsetzen. So ergĂ€nzt sich beides gut miteinander.

AVIVA-Berlin: Hast Du eine klassische Gesangsausbildung?
Jessy Howe: UrsprĂŒnglich wollte ich Schauspielerin werden und habe dann aber gemerkt, ich brauche mehr Druck, um mich weiter zu entwickeln. Ich bin dann auf die Musik gestoßen und habe bei einer sehr guten SĂ€ngerin in ZĂŒrich Unterricht genommen.
Durch Chris, unseren jetzigen Produzenten, habe ich viel dazugelernt. Er hat mich sozusagen gedrillt und meinen Ehrgeiz gefördert. Heute sehe ich es so, dass jeder Auftritt auch ein Versagen ist, da man immer nach mehr Perfektion strebt. Es braucht einfach Geduld und Zeit: Man muss da immer dranbleiben. Es hilft viel, wenn man gute Lehrer, Kollegen und einen Mentor hat.

AVIVA-Berlin: Wie haben The Raveners zusammengefunden?
Jessy Howe: Chris Muzik und ich kennen uns schon seit mehr als zehn Jahren. Die anderen sind auf Anfrage hinzugekommen. Sie sind eine Riesenbereicherung, denn sie machen das alle von Herzen und nicht hauptsĂ€chlich, um Geld zu verdienen. Der Schlagzeuger ist allerdings schon der FĂŒnfte, der bei uns mit dabei ist. Die guten Schlagzeuger sind in der Schweiz sehr nachgefragt.

AVIVA-Berlin: Wie ist es fĂŒr Euch, bei der Popkomm mit dabei zu sein, die dieses Jahr eine Kombination aus einer großen Musikmesse und einem weit gefĂ€cherten Live-Festival ist? Warst Du auf der Messe?
Jessy Howe: Ich war vorhin eine Stunde im Flughafen auf der Fachmesse und habe Flyer fĂŒr unser Showcase verteilt. Hier zu spielen ist natĂŒrlich eine Riesenreferenz, weil jeder die Popkomm kennt. Der Musikmarkt ist leider ziemlich in sich zusammengefallen und da ist es toll, auf einer Messe spielen zu können und die Möglichkeit zu haben, seinen Namen ohne allzu großen Aufwand bekannter machen und die Musik vorstellen zu können. Wir haben uns via Sonicbids angemeldet und haben von ihnen UnterstĂŒtzung bei der Visabesorgung und Kontakthilfen zur deutschen Musikwirtschaft bekommen. Dass das so gut geklappt hat, hing auch damit zusammen, dass wir schon lĂ€nger Musik machen und eine CD veröffentlicht haben. Ich glaube, wenn man ganz frisch im MusikgeschĂ€ft ist, wĂ€re das schon schwieriger.

AVIVA-Berlin: Bleibt Ihr noch etwas in Berlin und schaut Euch auf der Popkomm und der Berlin Music Week um?
Jessy Howe: Nein, das geht leider nicht. Morgen singe ich auf einer Hochzeit und wir mĂŒssen deshalb bald wieder zurĂŒckfahren. Chris hat auch einen Auftritt und die Anderen mĂŒssen ebenfalls wieder arbeiten. Ansonsten wĂŒrde ich gerne ein wenig lĂ€nger in Berlin bleiben. Was ich bisher von Berlin gesehen habe, vor allem Kreuzberg, finde ich extrem charmant. Ich verstehe völlig, warum die Leute gerne nach Berlin kommen.

AVIVA-Berlin: Wie seht Ihr die Diskussion um den Einfluss der digitalen Medien und des Internets auf den Musikmarkt? Habt Ihr das GefĂŒhl, dass es heute schwerer ist, sich als Profi-Band zu behaupten als vor zehn Jahren?
Jessy Howe: Ja, die Downloads gefĂ€hrden den Musikmarkt schon sehr. Die Leute unterschĂ€tzen einfach, was es fĂŒr ein Aufwand ist, Musik zu machen, und welche Kosten dafĂŒr notwendig sind, wenn sie die Songs gratis herunterladen und dadurch weniger CDs kaufen. Im Leben ist nichts umsonst und natĂŒrlich mĂŒssen die KĂŒnstler auch von etwas leben. Ich glaube, die Leute schneiden sich damit ins eigene Fleisch. Die Musik darf nicht wertlos werden. Vielleicht ist die Zukunft Live-Entertainment, denn das kann man nirgends downloaden.

AVIVA-Berlin: Was sind Eure PlĂ€ne fĂŒr die Zukunft?
Jessy Howe: Es wird ein zweites Album geben, welches nÀchstes Jahr erscheinen soll. Wir sind gerade dabei, es zu produzieren und hoffen, dass es dann noch CDs geben wird (lacht). Auf jeden Fall möchte ich kreativ tÀtig bleiben. Solange die Leute uns sehen und hören wollen, solange werden wir Musik machen.

The Raveners im Netz:

http://theraveners.com/
www.myspace.com/theraveners

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Unsere Rezension zu "Ravenous" von The Raveners im Netz.


Interviews Beitrag vom 28.09.2010 AVIVA-Redaktion 





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