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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 17.01.2003

Engagierte Streiterin
S. Adler + C. Corne

Lea Rosh ist Journalistin, Moderatorin & Initiatorin des Mahnmals f├╝r 6 Millionen ermordete Juden aus 18 Nationen.



Am 24. August 1988 forderte sie erstmals ├Âffentlich in einer Diskussionsveranstaltung die Errichtung eines (schon l├Ąngst ├╝berf├Ąlligen) Mahnmals in Berlin, der Stadt, in der die Vernichtung der europ├Ąischen Juden beschlossen wurde. Gestartet ist sie mit einer Unterschriftensammlung.

Die SPD-nahe B├╝rgerinitiative "Perspektive Berlin" wurde gegr├╝ndet. Vorsitzende ist Lea Rosh. Aus der "Perspektive Berlin" entstand der F├Ârderkreis zur Errichtung eines Denkmals f├╝r die ermordeten Juden Europas.

Eine zw├Âlf Jahre andauernde Debatte um die Errichtung des Mahnmals begann. Im Januar 2001 hat sie schlie├člich ihr Ziel erreicht: Mitten in Berlin und nicht, wie von ihren Gegnern gefordert, am Rande der Stadt wird es das Mahnmal f├╝r die Opfer des Holocaust geben.
Wir trafen Lea Rosh in ihrem B├╝ro in Berlin-Mitte

AVIVA-Berlin: Frau Rosh, das Engagement f├╝r das Holocaust-Mahnmal hat Sie viel Zeit und Kraft gekostet. Woher nehmen und nahmen Sie in all den Jahren die Kraft weiterzumachen?
Lea Rosh:
F├╝r mich hat sich nie die Frage gestellt aufzuh├Âren. Ich habe mir alle sechs Vernichtungslager angesehen, nicht nur die bekannten wie Treblinka und Auschwitz. Nach diesen Erlebnissen habe ich den Entschluss gefasst, nicht einfach wieder zur Tagesordnung ├╝berzugehen. Ich habe am Aschehaufen der Opfer ein Versprechen abgelegt. Es gab aber auch sehr viele d├╝stere Stunden. Die enge Beziehung zu meiner Mutter hat mir sehr viel Kraft gegeben. Ich habe sie sehr geliebt.

AVIVA-Berlin: Sie besch├Ąftigen sich mit einer der dunkelsten Seiten der Menschheitsgeschichte. Glauben Sie noch an das Gute im Menschen?
Lea Rosh:
Nein! Der Mensch ist schlecht. Sehen Sie sich an, was alles passiert. Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Korruption beweisen, dass der Mensch nicht aus seinen Fehlern lernt. Meiner Meinung nach muss man den Menschen ein gesetzliches Korsett anlegen, das ist die einzige L├Âsung. Deshalb bin ich auch f├╝r die EU.

AVIVA-Berlin: Nach zw├Âlf Jahren m├╝hevollen Ringens haben Sie die Errichtung des Holocaust- Mahnmals durchgesetzt. Sind Sie stolz auf sich?
Lea Rosh:
Stolz...? Nein, nicht stolz. Ich habe viele Helfer gehabt. Mein Mann und viele Freunde haben mich sehr unterst├╝tzt. Au├čerdem habe ich durch das Projekt auch neue Freunde gewonnen. Ich habe eigentlich dauerhaft Best├Ątigung erhalten. Man fragt mich oft, ob ich r├╝ckblickend wieder als Initiatorin f├╝r das Mahnmal auftreten w├╝rde. Ich f├╝rchte ja, schlie├člich hat es zum Erfolg gef├╝hrt.

AVIVA-Berlin: Was halten Sie von dem Entwurf des US-Architekten Eisenman, der letztendlich den Auftrag f├╝r den Bau des Mahnmals erhalten hat?
Lea Rosh:
Ich halte den Entwurf von Eisenman f├╝r eine sch├Âne Skulptur, aber mein Favorit war immer der Entwurf der Berlinerin Christine Jacobs-Marks. Ein Namensplatte, auf der die sechs Millionen Opfer verzeichnet sind erscheint mir logischer als die Arbeit von Eisenman. Ich finde auch Aktionen wie den Jom HaShoah gut. (Anmerkung der Redaktion: Namenslesung zum Gedenken an Jom HaShoah an der Gedenktafel am Ort des zuk├╝nftigen Mahnmals f├╝r die ermordeten Juden Europas)

AVIVA-Berlin: Wie stehen Sie zu der Diskussion um ein Verbot der NDP?
Lea Rosh:
Ich bin f├╝r ein Verbot der NDP und der DVP. Diese Parteien gef├Ąhrden die Demokratie und m├╝ssen weg. Der Gesetzgeber sollte rechtsextreme T├Ąter mit der ganzen H├Ąrte des Gesetzes bestrafen. Die Strafe f├╝r die M├Ârder von Omar Ben Noui in Guben ist nicht hart genug. Sie haben zwei Jahre daf├╝r bekommen, dass sie einen Menschen stundenlang zu Tode gehetzt haben. Der Urteilsspruch lautete, dass die T├Ąter seinen Sprung durch die Scheibe nicht verursacht h├Ątten. Als wenn jemand freiwillig durch eine Glast├╝r springen w├╝rde...

AVIVAViVA-Berlin: Sie haben im Oktober letzten Jahres die GmbH f├╝r Medien und Kommunikation gegr├╝ndet, die sich in Berlin-Mitte befindet. Mit welchen Projekten befassen Sie sich aktuell?
Lea Rosh:
In Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium f├╝r Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Urania Berlin haben wir 15 Veranstaltungen gegen Rechtsextremismus organisiert. Wir fahren in St├Ądte wie Guben, Cottbus und Hoyerswerda und versuchen, durch einen ├Âffentlichen Diskurs Aufkl├Ąrung zu betreiben. Wir haben dazu ausgewiesene Experten aus Politik, Wissenschaft und Kultur eingeladen. "Das politische Cafe" ist ein Podium f├╝r B├╝rger, die sich informieren und orientieren wollen.

AVIVA-Berlin: Anfang Februar moderierten Sie im Museum f├╝r Kommunikation in Berlin eine Diskussionsrunde zum Thema Internet (Titel der Diskussionsrunde: "Emanzipation von der Information - oder: Hat Wissen noch Autorit├Ąt?"). Wie gehen Sie pers├Ânlich damit um?
Lea Rosh:
Das Internet vermittelt kein Wissen, sondern Informationen. Informationen allein machen noch kein Wissen. Trotzdem halte ich das Internet f├╝r etwas ganz, ganz Tolles. Mein Neffe ist gerade in Afrika. Ich schreibe ihm eine Email und drei Sekunden sp├Ąter ist sie da. Oder ich drucke mir wichtige Zeitungsartikel aus. Unsere Firma hat auch eine eigene Homepage. Aber das wichtigste sind mir immer noch die Gespr├Ąche mit meinem Mann und meinen Freunden.

AVIVA-Berlin: Frau Rosh, Sie sind Atheistin mit einem j├╝dischen Gro├čvater. F├╝hlen Sie sich als deutsche J├╝din oder als j├╝dische Deutsche?
Lea Rosh:
F├╝r mich ist das weniger eine Glaubensfrage, als ein politisches Bekenntnis. Ich glaube nicht an Gott. Ich bin mit 18 Jahren aus der Kirche ausgetreten und seitdem Atheistin. In diesem Sinne f├╝hle ich mich als j├╝dische Deutsche. Ich habe die Phantasie, mich in die Rolle von Minderheiten hineinzuversetzen, egal ob es sich um schwule M├Ąnner, Behinderte, Zigeuner oder Juden handelt. Den meisten Menschen fehlt diese Phantasie. Sie leben nach der Regel: Das sind doch immer die anderen!



Weitere Infos unter:


www.holocaust-denkmal-berlin.de

Interviews Beitrag vom 17.01.2003 AVIVA-Redaktion 





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