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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.01.2005

Interview mit den Jewels - Teil II
Sharon Adler + Julia Richter

Vivian Kanner, ehemalige Frontfrau der M├╝nchner Band "Gefilte Fish", ausserdem Schauspielerin, und Sharon Brauner, die seit Jahren als Schauspielerin und S├Ąngerin im Rampenlicht steht.



AVIVA-Berlin: F├╝r die J├╝dischen Kulturtage 2002 habt ihr gemeinsam eine Doku gedreht: " Leben und leben lassen " ist ein Film ├╝ber die Bedeutung des Judeseins f├╝r j├╝dische und nichtj├╝dische Berliner. Was bedeutet Judesein f├╝r euch?
Vivian: Genau die Frage haben wir ungef├Ąhr 100 Leuten auf der Stra├če gestellt.
Sharon: Wir haben j├╝dische, christliche, moslemische, schwule, lesbische, junge alte, arme und reiche Menschen aus Ost und West gefragt, was ihnen zu Berlin und zum Thema Judentum einf├Ąllt. Ob sie Berlin m├Âgen, was sie sich w├╝nschen und woran sie glauben. Dabei kam heraus, dass der Berliner an sich an alles andere, an sich selber, aber nicht an Gott glaubt. Auf die Frage, was ihnen zum Judentum einf├Ąllt, hat nicht einer dasselbe geantwortet. Der Film ist 20 Minuten lang und sehr spannend. Er lief in Russland und Belgien, auch Schulklassen haben ihn angefordert.

AVIVA-Berlin: Was bedeutet das Judentum f├╝r Euch?
Sharon: Schwer zu sagen. Ich kenne es, bin mit dem Judentum aufgewachsen, mag es gerne, hab mich aber nie damit identifiziert. Ich w├╝rde mich nicht als j├╝disch bezeichnen. Ich lebe ja weder den Glauben noch die Tradition. Das Judentum ist eines von vielen spannenden Aspekten auf unserem so bunten Planeten.
Fotos von Ann-Christine Woehrl
Vivian: Ich bin in einer sehr traditionellen Familie aufgewachsen. Die Aus├╝bung der Tradition ist stark mit meiner Familie verbunden, und wenn ich alleine bin, z├╝nde ich keinen Chanukkaleuchter oder backe Challe. F├╝r mich ist es wichtig, andere Werte weiterzugeben, die ├╝ber die Grenzen des j├╝dischen Glaubens hinweg G├╝ltigkeit besitzen. F├╝r das menschliche Zusammenleben ist Toleranz von entscheidender Bedeutung. Man sollte Menschen nicht auf das reduzieren, was sie darstellen, sondern sie als Menschen ansehen und wie Sharon gesagt hat, nicht nur mit Juden herumh├Ąngen, das empfinde ich als geistige Inzucht.
Sharon: Sch├Ân finde ich am Judentum, den Humor sowie das Verehren, ja fast Verg├Âttern der Eltern. Da drin bin ich sehr j├╝disch. Man wird mit einem permanent schlechten Gewissen erzogen. Das ist zwar krankhaft und zwanghaft, aber irgendwie auch sehr sch├Ân und bringt ein lustiges enges famili├Ąres Zusammenleben mit sich. Das ist wie bei dem Witz mit der italienischen und der j├╝dischen Mutter: Wenn das Kind nicht aufessen will, sagt die italienische Mutter: "Ich bring dich um!" und die j├╝dische Mutter: "Ich bring mich um!"
Vivian: Ich bin Tochter eines Holocaust├╝berlebenden und in Deutschland aufgewachsen. Das ist eine B├╝rde, die Du tr├Ągst. Ich war fr├╝her in der ZJD (Zionistische Jugend Deutschland, Anm. der Red.) sehr aktiv, und da wurde ich st├Ąndig mit solchen Fragen konfrontiert: "Was sagen junge Juden zu diesem oder jenem Thema?" Mir fiel auf, dass es einen ungeheuren Bedarf bei der nichtj├╝dischen Generation meines Alters gibt, ├╝ber das Thema Holocaust zu reden und dass sie ein ungeheures Schuldgef├╝hl mit sich herumtr├Ągt. Ich glaube, es ist einfacher, die Tochter eines Opfers als die Tochter eines T├Ąters zu sein.
Sharon: Warum glaubst Du, dass es einfacher ist, die Tochter eines Opfers zu sein als die eines T├Ąters?
Vivian: Viele Deutsche tragen eine "Erbschuld" mit sich herum, die ihnen keiner aufgeb├╝rdet hat - ich zumindest nicht. Es sind ja nicht alle M├Ârder gewesen. Aber wenn sie sich ├╝ber dieses Thema unterhalten, habe ich oft das Gef├╝hl, dass sie eine gro├če Belastung empfinden. Ich hingegen habe dieses Gef├╝hl nicht, weil mein Vater im KZ sa├č, und ich frage mich, warum einige junge Menschen, so empfinden. Sie haben doch zu dieser Zeit noch gar nicht gelebt, aber ich habe bei vielen das Gef├╝hl, dass sie froh sind, endlich einen Juden vor sich zu haben. Ich steh ihnen dann gerne Rede und Antwort. Mit unserem heutigen Wissen ist es einfacher, ├╝ber diese Zeit zu urteilen. Wenn einem heute jemand sagen w├╝rde, dass unz├Ąhlige Menschen in Viehwagons abgekarrt werden, w├Ąre doch die normale Reaktion zu sagen: "Mensch, Du spinnst!" Das ├╝bersteigt jede Vorstellungskraft.
Sharon: Ja, Du hast recht. Ich find`s aber auch wichtig darauf hinzuweisen, dass es viele nichtj├╝dische Deutsche gab, die Juden geholfen haben, zu ├╝berleben. Ohne diese mutigen Helfer h├Ątte meine Familie wahrscheinlich nicht ├╝berlebt, die haben bis 1940 in Berlin gewohnt. Meine Gro├čmutter hatte in der Reichskristallnacht Geburtstag, deshalb sind sie an dem Abend essen gegangen. Als sie zur├╝ckkehrten, war das Haus vollkommen verw├╝stet, und sie erhielten einen anonymen Anruf, dass der Vater sofort verschwinden sollte, da er auf einer Deportations-Liste stand. Daraufhin hat sich die Familie geteilt: Meine Oma floh mit meiner Mutter ├╝ber Jugoslawien und Italien in die Schweiz. Dort lebten meine Oma und meine Mutter in einem Lager bis sie sp├Ąter weiter nach Frankreich gingen. 1954 kehrten sie in ihre alte Heimat zur├╝ck. Meine Familie m├╝tterlicherseits lebt ja bereits seit 7 Generationen in Deutschland. Aber dieses Thema m├Âchten wir nicht in unserer Show ansprechen. 33-45 ist tabu. Wir wollen lieber zeigen, was da verschwunden ist. Was f├╝r eine lebendige Kultur, was f├╝r eine Lebensfreude trotz der armen Verh├Ąltnisse.

AVIVA-Berlin: Sharon, Dein Vater kommt aus Lodz. Als Dreizehnj├Ąhrige hast Du ein j├╝disches M├Ądchen in einem Film gespielt, der in der Heimatstadt Deines Vaters spielt. Dein Vater hat Dich w├Ąhrend der Dreharbeiten begleitet. Wie war die R├╝ckkehr f├╝r ihn und welche Erinnerungen hast Du an diese Zeit?
Sharon: Es war sehr bewegend mit ihm dort zu sein. Er hat mir das Haus gezeigt, in dem er als Kind gewohnt hat. Sogar den Baum, an den er sich genau erinnern konnte, gab es noch. Wir haben im Grand Hotel gewohnt, und mein Vater hat mir erz├Ąhlt, dass er sich als kleiner Junge vorgenommen hatte, einmal im Leben ein M├Ądchen in dieses Hotel zum Eis essen einzuladen. Wir logierten in der Suite und ich durfte mir soviel Eis bestellen wie ich wollte. In der Synagoge waren wir auch, aber das war sehr trostlos. Es kam zwar ein Minjan zustande, aber die M├Ąnner waren alle 80 oder ├Ąlter. Obwohl die Synagoge fast leer war, rief der ├älteste immer "Tzicha", was "Ruhe" bedeutet, und drehte sich vorwurfsvoll um. Mein Vater erkl├Ąrte mir, dass diese Handlung ein Relikt aus vergangenen Tagen war. Vor dem Krieg haben viele Menschen an den Gottesdiensten teilgenommen, und es war laut in der Synagoge. Deshalb musste die Gemeinde oft zur Ruhe ermahnt werden.
Ein weiteres Mal zieht es mich allerdings nicht nach Polen.

AVIVA-Berlin: Vivian, Dein Vater kommt urspr├╝nglich ebenfalls aus Polen. Seid ihr einmal gemeinsam in seine Heimat gefahren?
Vivian: Mein Vater stammt aus Wolbrom bei Krakau. Als ich Abitur machte, ist er mit der Familie nach Polen gereist und hat meinen Geschwistern die St├Ątten seiner Jugend gezeigt. Es war das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass er dorthin gefahren ist. Ein Jahr spaeter organisierte ich eine Reise nach Polen fuer eine juedische Jugendgruppe aus Muenchen.

AVIVA-Berlin: Welche Erinnerungen hast Du an diese Reise?
Vivian: Breslau und Krakau fand ich sehr sch├Ân. Allerdings war es auffallend, dass es fast kaum noch j├╝disches Leben dort gab. Warschau erlebt in der Beziehung jetzt wieder eine Renaissance, aber in allen anderen St├Ątten wurde das Judentum fast ausgel├Âscht. Es gibt heute eigentlich kein j├╝disches Leben in Polen. Nach der Shoa lebten von ehemals 3 Millionen polnischen Juden noch knapp 300 000.
Sharon: Und von denen sind etliche ausgewandert, da sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Polen weiterhin unter antisemitischen Ausschreitungen zu leiden hatten. Umso sch├Âner, dass dort jetzt ein Interesse an jiddischer Musik erwacht ist. Es gibt in Polen gut besuchte "Klezmer"-Festivals. Da spielen haupts├Ąchlich nichtj├╝dische Musiker f├╝r nichtj├╝dische Polen. Es kann ja auch sch├Ân sein, dass sich die Zeiten ├Ąndern.

Mehr zu Jewels im Netz:
www.thejewels.de
Mehr zu Vivian Kanner im Netz:
www.viviankanner.com
Mehr zu Sharon Brauner im Netz:
www.sharonbrauner.de

Interviews Beitrag vom 03.01.2005 AVIVA-Redaktion 





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