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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.06.2003

Being different
Sharon Adler

Nicola Galliner, die Leiterin des 9. Jewish Film Festivals, im Gespr├Ąch mit AVIVA ├╝ber Anderssein, Hoffnungen und Ziele des Festivals



AVIVA: Das Motto des diesj├Ąhrigen Festivals lautet: "Being different". Warum?
Nicola Galliner:
Weil Unterschiede eher verdeckt oder vergessen werden. Anderssein sollte man akzeptieren, denn es ist auch eine Bereicherung. Wenn wir alle gleich w├Ąren, w├Ąren wir auch alle sehr langweilig. Das Anderssein kommt im Festival in verschiedenen Facetten zur Sprache. Es ist einmal das J├╝disch-Sein in einer nichtj├╝dischen Umwelt, das Anderssein in Israel. Im hochinteressanten Film "Ford Transit" kommt das zum Ausdruck. Wir haben zwei Filme ├╝ber geistig Behinderte, beides von Amerikanern gemachte Filme, und ich denke, Amerikaner sind wesentlich entspannter im Umgang mit Behinderung als wir.
Einer der Filme, "Blessings", hat uns zum Titel des Festivals inspiriert.
Wenn man in dem Film sieht, wie diese kleine liberale Gemeinde in Jerusalem mit den Insassen des Heims f├╝r geistig Zur├╝ckgebliebene lebt, ist das entz├╝ckend!
Die wandern durch den Gottesdienst, undenkbar irgendwo anders! Aber man kann eben auch mit den Leuten auf eine menschlichere Art umgehen.

AVIVA: Sicher ist es sehr schwer, eine Auswahl f├╝r das Festival zu treffen?
Nicola Galliner:
Das ist einfach immer eine furchtbare Entscheidung. Was nimmt man? Man versucht zum einen, die L├Ąnder und Themen zu variieren. Und es ist letztendlich immer eine unfaire Entscheidung. Wie man es macht, ist es unfair. Ich habe jedes Jahr viel zu viele Filme. Normalerweise wiederholen wir den Er├Âffnungsfilm, das haben wir dieses Mal nicht gemacht. Dann m├╝ssen sich eben alle beim Er├Âffnungsfilm reinquetschen und dann gibt es gleich im Anschluss den n├Ąchsten.

AVIVA: Ist seit Beginn des J├╝dischen Filmfestivals schon ein Anstieg j├╝discher Filme zu verzeichnen? K├Ânnte man schon dar├╝ber nachdenken, f├╝r das kommende Jahr 10 Tage zu planen?
Nicola Galliner:
Das ist eine Geldfrage. N├Ąchstes Jahr, hoffen wir, werden wir bessere finanzielle M├Âglichkeiten haben.

AVIVA: Gibt es Sponsoren?
Nicola Galliner:
Ganz wenige. Aber wir werden uns bem├╝hen, f├╝r das 10j├Ąhrige im kommenden Jahr dies etwas zu verst├Ąrken. Die J├╝dische Volkshochschule ├╝berhaupt befindet sich in einer unangenehmen finanziellen Situation. 2003 haben wir 25% unserer F├Ârderung durch die J├╝dische Gemeinde verloren.
Ich wei├č nicht, wie es mit dem gesamten Programm ├╝berhaupt weitergehen soll. Denn das sind ganz, ganz harte Einschnitte. Es ist mir unverst├Ąndlich, wir bekamen 1% vom Gemeindeetat und nun bekommen wir nur noch 0,75%. Ich finde, bei 25 Millionen Euro m├╝sste ein bisschen mehr f├╝r die Kultur ├╝brigbleiben. Ich finde das Ganze ehrlich gesagt ziemlich skandal├Âs.

AVIVA: Finde ich auch. Besonders, wenn man j├╝disches Leben sichtbar machen will...
Nicola Galliner:
Die j├╝dische Gemeinde lebt von ├Âffentlichen Geldern und muss sich der ├ľffentlichkeit ├Âffnen und pr├Ąsentieren. Das war auch der Sinn des J├╝dischen Gemeindehauses, mit einer Volkshochschule, mit einer ├Âffentlichen Bibliothek. Die Bibliothek hat 50% der Gelder f├╝r die Neuanschaffung neuer B├╝cher gestrichen bekommen - unglaublich. Denn das ist die gr├Â├čte Judaica-Bibliothek Deutschlands und etwas, worauf wir sehr stolz sein k├Ânnen.

AVIVA: Sie sind urspr├╝nglich Fotografin und haben bei Lette gelernt. Fotografieren Sie heute noch?
Nicola Galliner:
Nein, es ist einfach nur noch die Liebe zum Bild, zum Film geblieben. Deshalb ist auch das Filmfestival mein Lieblingskind unter den Veranstaltungen in der Volkshochschule.

AVIVA: Welche Hoffnungen und Ziele setzen Sie in das Festival?
Nicola Galliner:
Ich hoffe, dass wir es ├╝berhaupt weiterf├╝hren k├Ânnen.
Auch wenn die Anzahl der J├╝dischen Gemeinde-Mitglieder in den letzten Jahren gestiegen ist - wir haben heute knapp 11.500 Gemeindemitglieder. Man rechnet insgesamt mit vielleicht 15.000 Juden in Berlin, das ist ein ganz kleiner Teil der Bev├Âlkerung. Aber das Interesse an denen ist sehr gro├č. Mit dem Medium Film kann man in j├╝dische Lebensweisen reingehen und sie nach Berlin holen. Man kann mal schnell von seinem Kinosessel aus nach Paris gucken, oder nach Amerika, oder Israel. Es ist einfach wunderbar.
Ein Ziel des Festivals ist es, auf Reisen zu gehen.
Toll w├Ąren Dokumentarfilme ├╝ber interessante Leute. Wenn man erst den Film von einem Menschen sieht und dann der Mensch selber kommt, merkt man, wie begrenzt ein Film eigentlich ist. Weil er immer nur eine Facette zeigen kann. Eine der interessantesten Personen die wir jemals hatten, war Alice Shalvi aus Jerusalem, die in ihrem Leben mehr gemacht hat, als manch andere in der doppelten Zeit. Erst mal hat sie 6 Kinder, was auch nicht ohne ist. Dann ist sie Professorin f├╝r englische Literatur. In Israel hat sie die englische Abteilung der Universit├Ąt und eine Experimentalschule f├╝r religi├Âse Medien geleitet, und jetzt, im hohen Alter, leitet sie die Jerusalemer Abteilung einer amerikanischen Rabbiner-Ausbildungsst├Ątte. Sie hat das Women┬┤s Network in Jerusalem gegr├╝ndet und sich sehr f├╝r die Rechte der Frau eingesetzt. Sie geht auf die 80 zu und hat die Energie einer 40j├Ąhrigen. Jedenfalls war es ein unglaublicher Moment, als sie auf die B├╝hne kam und das ganze Kino aufstand und klatschte. Ich denke, das war auch f├╝r sie sehr sch├Ân, weil sie eigentlich gar nicht nach Berlin kommen wollte. Ich wollte aber den Film nur mit ihr nehmen. So musste die Filmemacherin sie ├╝berzeugen. Sie war nach ihrer Emigration nach England nie wieder in Deutschland. Ich finde es sehr sch├Ân, wenn man Leute nach Berlin bringen kann, die sonst nicht kommen w├╝rden, denn viele Leute haben immer noch Hemmungen. Wenn man erlebt hat, wie hier alles zerschlagen wurde, tut es diesen Leuten gut, zu sehen, dass auch wieder etwas nachw├Ąchst.
Ein anderes Ziel des Festivals ist es, Filme, die man sonst hier nie sehen w├╝rde, nach Berlin zu bringen. Und deshalb werden die Ausl├Ąnder absolut bevorzugt bei uns.
Wir wollen junge Filmemacher f├Ârdern, so Tamy Ben Tor, eine 25 Jahre alte Israelin mit dem 10-Minuten Meisterwerk "Women talking about Adolf Hitler".
Ich kann nur sagen, wenn sie jetzt so anf├Ąngt, hat sie eine grandiose Zukunft vor sich!
Man versucht auch, f├╝r die Filme einen Verleih zu finden. Das ist schon einige Male gegl├╝ckt. Mit unserer Hilfe wurde z.B. der Film "Zug des Lebens"verkauft, weil wir ihn damals vor einigen Jahren das erste Mal gezeigt haben. Im Spiegel wurde er auf einer ganzen Seite gelobt, das hat den Film verkauft. "Zug des Lebens" war ein Film, der sehr kontrovers diskutiert worden ist, was ich auch verstehen kann. Ich denke, man muss den Mut zum Risiko haben. Auch dieses Jahr zeigen wir Filme, die nicht jedem gefallen werden. Das w├Ąre auch nicht Sinn des Festivals. Man kann ruhig andere Sachen zeigen, als erwartet werden. Hauptanliegen ist ja, Filme zu zeigen, die NICHT auf der Berlinale zu sehen sind.
Manchmal nehmen wir auch Filme, die nicht fertig sind. Letztes Jahr war das der zu drei Vierteln fertige Film "Diwan" ein wunderbarer Dokumentarfilm aus den USA, ich glaube, er ist k├╝rzlich fertig geworden. Eine Amerikanerin kam mal mit einem wundersch├Ânen Film ├╝ber einen j├╝dischen Sportler.
Gleich nach der Auff├╝hrung hat sie dem Publikum gesagt, sie brauche noch ein paar Tausend Dollar f├╝r die letzten Titel, und sofort sprang jemand im Publikum auf und ├╝berreichte ihr einen Scheck! Absolut toll. Ganz wichtig f├╝r mich: Junge Leute. Ich finde es sehr spannend, wenn man Werke pr├Ąsentiert, denen man am Anfang mit auf die Beine helfen kann.

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Interviews Beitrag vom 11.06.2003 Sharon Adler 





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