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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 31.10.2006

Danielle de Picciotto im Interview - Mountains Of Madness
Tatjana Zilg

Anl├Ąsslich der DVD-Release sprach AVIVA-Berlin mit der Wahlberlinerin und Multi-K├╝nstlerin ├╝ber die Projektentstehung, Lovecraft, die Zusammenarbeit mit Alexander Hacke und ihre vielseitige Vita



The Tiger Lillies sind eine britische, schwarzhumorige Band, die mit einer Melange aus Variet├ę, Oper und Zigeunermusik ihr Publikum fasziniert. Unter der Regie der Berliner Kunst- und Musikszene-Lieblinge Danielle de Picciotto & Alexander Hacke entwickelten sie eine eindringliche, innovative B├╝hnenperformance zu Ehren des Kult-Autors H.P. Lovecraft Zu Lebzeiten kaum bekannt, ist er heute weltweit hochanerkannter Meister des Makaberen und geh├Ârt zu den bedeutendsten Klassikern der unheimlichen Literatur.
Danielle de Picciotto entwarf filigrane, schaurig-humoristische B├╝hnenillustrationen. Die Aufzeichnung der Weltpremiere von "Mountains Of Madness" am 18. August 2005 in der arena Berlin ist jetzt als DVD erh├Ąltlich.

AVIVA-Berlin: Wann haben Sie die Tiger Lillies zum ersten Mal im Konzert gesehen? Wie haben sie spontan auf Sie gewirkt? Hatten Sie sofort Bilder zu ihrer Musik im Kopf?
Danielle de Picciotto: Ich habe die Tiger Lilllies zum ersten Mal 2002 in San Francisco gesehen - dort spielten sie St├╝cke, die sie zu Geschichten von Edward Gorey (einer meiner Lieblings-Zeichner) komponiert hatten. Ihr St├╝ck "Schockheaded Peter" sah ich danach in London - allerdings mit der Pere Ubu Besetzung - und war von der Inszenierung ├╝berw├Ąltigt. Die Musik, die Texte und das B├╝hnenbild haben mich sofort begeistert. Die Mischung aus dunkler Zirkuswelt, aneckender Lebensphilosophie, schwarzem Humor und grandios erz├Ąhlten Geschichten "is my cup of tea".
Wenn ich im Atelier arbeite, h├Âre ich oft all Ihre Platten hintereinander. Ihre Texte und Atmosph├Ąren erinnern mich immer wieder an das f├╝r mich Wesentliche: dem Au├čenseiter. Diese Welt suche ich in meinen Bildern auszudr├╝cken - so kann man die Musik der Tiger Lillies und meine Zeichnungen als Spiegelbilder der gleichen Idee in unterschiedlichen Techniken betrachten.

AVIVA-Berlin: Was hat Sie an der Biografie von H.P. Lovecraft beeindruckt?
Danielle de Picciotto: Edgar Allen Poe war einer meiner ersten Lieblingsschriftsteller. Mit acht Jahren hatte ich all seine Geschichten gelesen und erz├Ąhlte sie gerne meinen j├╝ngeren Geschwistern, um sie bei langen Autofahrten still zu halten.
Lovecraft habe ich erst viel sp├Ąter entdeckt - begeistert wurde ich wieder Kind und konnte, genauso wie damals, mit dem Lesen nicht mehr aufh├Âren. Die eigenartigen verlorenen oder vertauschten Seelen - inmitten einsamer, verlassener Architektur oder Bergketten mit be├Ąngstigenden H├Âhlen - Themen, in denen ich mich gerne verliere.
Die Tatsache, dass er Providence Rhode Island nie verlassen und nicht im 18.Jahrhundert, sondern in den 20ern gelebt hat , ist erstaunlich.

AVIVA-Berlin: Sie haben schon sehr viele Projekte zusammen mit Alexander Hacke gemacht? Was sch├Ątzen Sie besonders an der Zusammenarbeit mit ihm?
Danielle de Picciotto: Mit Alexander Hacke habe ich eine verwandte Seele entdeckt - wir begeistern uns f├╝r die selbe Musik und Kunst - haben einen ├Ąhnlichen Humor und haben das Gl├╝ck, uns gegenseitig immer wieder ansto├čen zu k├Ânnen. So jemanden zu finden ist ein Gl├╝cksfall. Alexander hat durch die 25j├Ąhrige Zusammenarbeit mit den Einst├╝rzenden Neubauten nicht nur eine sehr professionelle Art zu arbeiten. Er kennt sich au├čerdem in unterschiedlichsten internationalen Sparten der Undergroundmusik, Kunst oder Literatur aus und ist viel gereist. Da ich als Armeekind in den USA , Paris & Deutschland aufgewachsen und Reisen gewohnt bin, kommt mir dies sehr entgegen - wir haben ein ├Ąhnliches Unabh├Ąngigkeitssyndrom...

AVIVA-Berlin: War es schwierig, die Regie zu zweit zu f├╝hren? Gab es auch kontr├Ąre Ideen? Wie haben Sie sich dann entschieden?
Danielle de Picciotto: Da Alexander Hacke , die Tiger Lillies und ich sehr oft unterwegs sind mit unseren unterschiedlichen Projekten, mussten wir das Experiment wagen, unabh├Ąngig von einander das St├╝ck vorzubereiten. Ich habe diese Arbeitsweise schon immer bevorzugt - ich f├╝hle mich unwohl, wenn ich alle Bereiche bestimmen oder dirigieren muss. Ich versuche stattdessen, mit sehr zuverl├Ąssigen, professionellen Menschen zu arbeiten, mit denen ich mich instinktiv verstehe und deren Geschmack meinem ├Ąhnlich ist. So kann man vertrauen anstatt zu kontrollieren - kann aber gleichzeitig auch ziemlich sicher sein, dass man nicht entt├Ąuscht wird. In diesem Fall haben Alexander und ich den Tiger Lillies unsere Lieblingsgeschichten von Lovecraft geschickt und haben sie gebeten, dazu Lieder zu schreiben. Ich habe w├Ąhrenddessen die Geschichten illustriert und Alexander elektronische Soundscapes vorbereitet. Das erste tats├Ąchlich gemeinsame Treffen war dann eine Woche vor der Auff├╝hrung. Alle waren sehr nerv├Âs und aufgeregt und die Erleichterung dann umso gr├Â├čer als wir relativ schnell merkten, dass unsere Zusammenarbeit funktioniert und das Ergebnis alle begeisterte.
Alexander und ich haben uns au├čerdem um die praktischen, logistischen und technischen Details gek├╝mmert und haben auch da gegenseitig Aufgaben verteilt - jeder hat das gemacht was er am besten kann. Wenn man wei├č, dass alle K├╝nstler w├Ąhrend der Vorbereitungszeit durchgehend weltweit auf Tournee waren, hat das ganze erstaunlich unkompliziert geklappt.

AVIVA-Berlin: Sie haben auch an der DVD "Live im Palast der Republik 2004" von den Einst├╝rzenden Neubauten mitgearbeitet. Worin sehen Sie Vor - und Nachteile, CDs und DVDs im Supporter-System zu ver├Âffentlichen? Meinen Sie, dass dieses System sich zu einer wirksamen Alternative zur Musikindustrie entwickeln k├Ânnte oder funktioniert das nur im Ausnahmefall?
Danielle de Picciotto: Ich finde das Supporter Projekt der Einst├╝rzenden Neubauten www.neubauten.org faszinierend und betrachte es als ein Zukunftsmodel f├╝r K├╝nstler - vor allem als Denkanstoss. Ich habe ├╝ber das ganze Projekt eine Dokumentation gedreht (Einst├╝rzende Neubauten-on tour with neubauten.org) und bin auch in dessen dritten Phase, nach wie vor, von der tats├Ąchlichen Effektivit├Ąt beeindruckt, den K├╝nstler mit dem Endabnehmer zu verbinden. Es haben sich daraus viele Freundschaften und neue Arbeitsprojekte entwickelt - abgesehen davon, dass die Einst├╝rzenden Neubauten mehrere Platten, DVDs und Touren damit finanzieren konnten. Ich merke auch insgesamt, dass K├╝nstler immer mehr lernen das Internet f├╝r sich zu nutzen und bin mir sicher, dass da noch ganz andere Sachen auf uns zu kommen. Die letzte geniale Idee von der ich geh├Ârt habe, waren Internet Musikfestivals in L├Ąndern (wie z. B. im Iran) in denen Musik verboten wird.

AVIVA-Berlin: Haben Sie als Kind gerne Horrorgeschichten gelesen? Haben Sie ein Faible f├╝r die dunklen Seiten des Lebens?
Danielle de Picciotto: Das geheimnisvoll Mystische zieht mich an - das "Ungreifbare" wie Lovecraft sagen w├╝rde. Horror ist ja sehr vielseitig auslegbar - ich finde es immer wichtig, Humor oder positive Mystik dabei zu sp├╝ren W├Ąhrend der Zusammenarbeit von "Berge des Wahnsinns" hat Humor auch eine gro├če Rolle gespielt .Alexander Hacke hat die unaussprechliche Gr├Â├če und Mysterie der G├Âtter mittels seiner Soundscapes und Martyn Jaques mit Hilfe der Songtexte die Angst und Verlorenheit des Menschen mit viel Humor ausgedr├╝ckt. Diese "dunklen Seiten" werden dadurch greifbarer und bieten sogar eine Art von Trost.

AVIVA-Berlin: Sie haben eine sehr vielf├Ąltiges k├╝nstlerisches Portfolio. Was war als Kind Ihr Traumberuf? War es schwer, Ihre Ziele gegen├╝ber Ihrer Umgebung durchzusetzen?
Danielle de Picciotto: Ich hatte als Kind keinen Traumberuf - da ich schon immer gemalt oder Musik gemacht habe, war es eine logische Schlussfolgerung, damit Geld zu verdienen. Ich glaube, man kann sich den Beruf K├╝nstlerin nicht aussuchen - die Auseinandersetzung damit f├Ąngt schon in der Kindheit an und l├Ąsst einen nicht mehr los. Manchmal kommt es mir wie ein Feuer spuckendes Monster vor, das mir im Nacken sitzt - unerm├╝dlich, ohne Gnade. Es ist kein leichter Beruf - es gibt keine Richtlinien au├čer dem eigenen Instinkt, es gibt keine Sicherheit - weder im K├╝nstlerischem noch im finanziellen. Um seine Ziele zu erreichen - d.h. seine Kunst verstanden zu sehen und damit ├╝berleben zu k├Ânnen - gibt es keine wirklichen Hilfsmittel. Nur das Monster im Nacken - es l├Ąsst einem keine Ruh...Andererseits erlaube ich es mir, die Themen und K├╝nstler auszusuchen, mit denen ich arbeite und empfinde es als gro├čes Gl├╝ck mit Ihnen zusammen ein "Werk" zu kreieren aus dem ich, und hoffentlich auch andere, Kraft und Gl├╝ck sch├Âpfen k├Ânnen. Es ist nach wie vor schwierig, als K├╝nstlerin ernst genommen zu werden - dies kann man bei unz├Ąhligen Ausstellungen, Filmfestivals und Literatursymposien erleben, bei denen sehr wenig vorgestellt werden. Deswegen finde ich gegenseitige Unterst├╝tzung sehr wichtig.

AVIVA-Berlin: Gibt es K├╝nstlerInnen, deren Artwork Sie in zuk├╝nftigen Projekten gerne gestalten w├╝rden?
Danielle de Picciotto: Ich w├╝rde sehr gerne Geschichten von Carson Mc Cullers, Flanner O┬┤Conner, Zadie Smith oder Katherine Dunn illustrieren.

AVIVA-Berlin: An welche Projekte aus Ihrer bisherigen Vita denken Sie besonders gerne zur├╝ck?
Danielle de Picciotto: Ich habe in den 90ern intensiv mit Gudrun Gut zusammengearbeitet - wir haben gemeinsam Musik komponiert, Rauminstallationen kreiert, H├Ârspiele entworfen, Videos und Fotosessions gemacht und unz├Ąhlige Events organisiert, bei denen wir auch aufgetreten sind. Es war meine erste enge Zusammenarbeit mit einer anderen K├╝nstlerin und ich empfand sie als wundersch├Ân leicht und ernst zugleich.
Die erste Love Parade die ich zusammen mit Dr Motte organisiert habe, ein Austauschprojekt mit dem Goethe Institut in Hong Kong, "Kunst oder K├Ânig" in Senske und "Kunst oder K├Ânigin" in der Arena waren weitere Highlights.
Im Juni 2006 habe ich eine Workshop Tour durch Bosnien zusammen mit Alexander Hacke gemacht - die Energie meiner ganzen Erfahrung dort zu vermitteln war ein neuer Weg, den ich gerne weiter verfolgen w├╝rde.

AVIVA-Berlin: Ist Ihre kreative Arbeitsweise sehr unterschiedlich, je nachdem, ob Sie gerade Illustrationen, Musik oder Performance-Kunst entwerfen? Ist es sehr schwierig, so ausgesprochen interdisziplin├Ąr zu arbeiten?
Danielle de Picciotto: Ich empfinde die unterschiedlichen K├╝nste als unterschiedliche Techniken. Man kann z. B. mit der Musik interaktive, emotionelle Themen sehr gut ausdr├╝cken. Mit der Malerei geht es bei mir eher um sehr pers├Ânliche, stille Themen, im Film kann man sie alle wunderbar im Chor erleben - so wende ich instinktiv die jeweilige Kunst an, die mir bei einem Thema als Ausdrucksvollste erscheint. Ich bin ein K├Ârper der aus vielen unterschiedlichen Organen (Musik, Malerei, Film etc. ) besteht. Jedes Organ ist gleichwichtig, hat aber eine andere Funktion, die dem K├Ârper Ausdruck gew├Ąhrt. Diese Arbeitsweise ist auf meinem Instinkt gebaut - ich lasse mich leiten - es ist sehr einfach und nat├╝rlich so zu arbeiten.

AVIVA-Berlin: Ihre Werke erinnern oft an die surrealistischen K├╝nstlerinnen aus den Zwanziger Jahren. Arbeiten Sie in ├Ąhnlicher Weise, lassen Sie sich sehr vom Unbewussten inspirieren?
Danielle de Picciotto: Die Zwanziger Jahre liebe ich nat├╝rlich sehr - die Aufbruchsstimmung sowohl in Berlin wie Paris haben mich in vielerlei Hinsicht inspiriert. Neue Wege einzuschlagen, Regeln zu brechen, Konventionen zu hinterfragen - immer wieder von Vorne anzufangen...Dies sind auch die Gr├╝nde, warum ich in den 80ern von NY nach Berlin gezogen bin. Hier gibt es viele K├╝nstler/innen ,die sich mit ├Ąhnlichen Themen besch├Ąftigen. Der Underground, das Unbewu├čte spielen dabei nat├╝rlich eine gro├če Rolle.

AVIVA-Berlin: Gibt es konkrete Pl├Ąne f├╝r zuk├╝nftige Projekte?
Danielle de Picciotto: Ich arbeite gerade an einer gro├čen Ausstellung f├╝r n├Ąchstes Fr├╝hjahr, einem Dokumentarfilm ├╝ber ungew├Âhnliche K├╝nstler/Innen und bereite einen Stummfilm vor.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview!

Lesen Sie auch unsere Rezension zu der DVD "Mountains Of Madness".

Danielle de Picciotto und ihre Arbeiten im Netz: www.danielledepicciotto.de


Interviews Beitrag vom 31.10.2006 AVIVA-Redaktion 





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