Dror Shaul im Interview - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

etage7
AVIVA-Berlin > Interviews AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 01.03.2007

Dror Shaul im Interview zu Sweet Mud
Tatjana Zilg

Auf der 57. Berlinale wurde sein Film "Sweet Mud" (Adama Meshuga┬┤at) mit dem Gl├Ąsernen B├Ąren ausgezeichnet. Das Melodram ├╝ber eine Kindheit in einem Kibbutz w├Ąhrend der 70er Jahre beeindruckte die Jugendjury sehr



"Ist es m├Âglich Individualit├Ąt und Freiheit mit dem Wunsch nach Gemeinschaft zu verbinden? Die authentische Darstellung einer engen Mutter-Sohn-Beziehung und der Suche nach dem eigenen Weg hat uns tief ber├╝hrt. Der Gl├Ąserne B├Ąr f├╝r den besten Spielfilm geht an Adama Meshuga┬┤at von Dror Shaul" begr├╝ndeten die sieben Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren ihre Entscheidung f├╝r die Preisvergabe w├Ąhrend der Generation, dem Kinder- und Jugendfilmfest der Berlinale unter neuen Namen.

Filme, die keineR so schnell wieder vergisst, waren bei der Generation zahlreich vorhanden, mit Themen, die unter die Haut gehen, aufr├╝tteln und zum Nachdenken anregen. Dabei kam nat├╝rlich die Unterhaltung und Spannung nie zu kurz.

"Sweet Mud" wirft einen intensiven und detaillierten Blick auf einen wichtigen Teil der Zeitgeschichte Israels: Das allt├Ągliche Leben im Kibbutz w├Ąhrend der 70er Jahre wird aus der Perspektive des 12j├Ąhrigen Dvir (Tomer Steinhof) gezeigt, der dort mit seiner Mutter und dem ├Ąlteren Bruder lebt. Der Vater ist schon vor einigen Jahren gestorben.
├ťber die Geschehnisse der Vergangenheit legt sich ein dunkler Schleier. Miri (Ronit Yudkevitz), die Mutter, leidet unter Depressionen. Im Kibbutz hat sie eine schwierige Position, auf dem ersten Blick scheinen sich alle um sie zu k├╝mmern, aber dann wird deutlich, dass die Regeln sehr eng und starr sind. Miri gelingt es nicht, einen Platz in der Gemeinschaft einzunehmen, mit dem sie ihr innerliches Gleichgewicht wiederfinden k├Ânnte.
Dvir w├Ąchst nicht im Hause seiner Mutter auf, denn in den 70er Jahren war es ├╝blich, dass die Kinder in eigens daf├╝r vorgesehenen H├Ąusern leben und die Eltern nur ab und an besuchen.
Als Stephan (Henri Garcin), Miris Freund aus der Schweiz und ein Judo-Champion, zu einem zweiw├Âchigen Besuch in den Kibbutz kommt, scheint sich die Situation kurzfristig zu verbessern. Doch als er aufgrund einer ungl├╝cklichen Verkettung der Ereignisse den Kibbutz wegen eines Gemeinschaftsbeschlusses wieder verlassen muss, eskaliert die Situation und Dvir muss eine wichtige Entscheidung f├╝r sein eigenes Leben treffen.

AVIVA-Berlin traf auf der 57. Berlinale den Regisseur Dror Shaul zu einem Gespr├Ąch ├╝ber den Film, mit dem er 2003 f├╝r das Sundance Directors and Screenwriters Lab ausgew├Ąhlt und beim Sundance 2007 mit dem World Cinema Jury Prize ausgezeichnet wurde. Im September 2006 gewann "Sweet Mud" bei der Verleihung der Ophir Awards, der Israeli Film Academy bereits Auszeichnungen in den Kategorien Bestes Production Design, Beste Filmmusik und Bester Sound.

AVIVA-Berlin: Sie sind selbst in einem Kibbutz aufgewachsen. Haben Sie w├Ąhrend des Drehbuchschreibens viele ihrer biographischen Erlebnisse integriert?
Dror Shaul: Ich habe an vielen Stellen auf meine biographische Erlebnisse zur├╝ckgegriffen, aber der Plot ist keine wahre Geschichte im urspr├╝nglichen Sinne. Das Buch basiert zwar auf meinen Kindheitserinnerungen, aber es ist nie genau so in einem Jahr einer einzigen Person passiert.
Ich bin selbst in einem Kinderhaus eines Kibbutz aufgewachsen. Das war in den 70er Jahren. Als ich ein paar Wochen alt war, kam ich in die Baby-Krippe und habe meine Eltern nur noch f├╝r ein paar Stunden am Nachmittag gesehen.
Als das Drehbuch fertig war und es an die Umsetzung ging, musste ich die Realit├Ąt ohnehin beiseite legen und mich auf die technischen Aspekte konzentrieren.

AVIVA-Berlin: Hat sich denn viel ver├Ąndert in den Kibbutzen w├Ąhrend der letzten drei├čig Jahre?
Dror Shaul: Der Film ist ein R├╝ckblick in die 70er Jahre und zeigt, wie zu dieser Zeit im Kibbutz gelebt wurde. Die Kibbutz-Bewegung hat sich in den fr├╝hen 80er Jahren sehr ver├Ąndert ÔÇô nach einer finanziellen und sozialen Krise, im Zuge derer viele Mitglieder die Kibbutzim verlassen haben. Heute ist die Kibbutz-Bewegung ganz anders. Es ist mehr wie ein kleines Dorf mit vielen Gemeindeeinrichtungen.

AVIVA-Berlin: Wie alt waren Sie, als Sie den Kibbutz verlassen haben?
Dror Shaul: Das war erst nach meinen Armee-Dienst.

AVIVA-Berlin: Der Junge im Film flieht schon mit 12 Jahren aus dem Kibbutz. Gemeinsam mit einer Freundin f├Ąhrt er mit dem Fahrrad ├╝ber die Felder in Richtung Flughafen.
Dror Shaul: Das Ende des Filmes ist eine Metapher daf├╝r, was in der Zukunft passieren wird. Die Szene, wo die beiden Teenager aus dem Kibbutz davonlaufen, wurde von einem Kamerateam in einem Helikopter gedreht. Das ist sehr ungew├Âhnlich f├╝r einen Film mit einem kleinen Budget, der in den 70er Jahren spielen soll. Aber durch die Luftaufnahmen wird die emotionale Stimmung der Schlussszene verst├Ąrkt. Damit soll zum Nachdenken und Sich-Fragen-Stellen angeregt werden. Die Kinder fahren mit den R├Ądern ├╝ber die Felder zum Flughafen, aber man kann sich nicht sicher sein, ob sie es schaffen werden. Vielleicht haben sie auch gar keine P├Ąsse dabei, vielleicht wird der Verfolger aus dem Kibbutz sie schon bald mit seinem Jeep einholen. Das ist alles aber auch nicht so wichtig in dem Moment. Wichtig ist nur ihre Entscheidung, den Kibbutz in dieser Situation zu verlassen ÔÇô ein wichtiger Schritt hin zum Erwachsenwerden. Auch wenn es ihnen dann doch erst in ein paar Jahren gelingen sollte, den Kibbutz zu verlassen.

AVIVA-Berlin: Es bleibt unklar, warum die Eltern den Kibbutz nicht gemeinsam verlassen haben, als sie gemerkt haben, dass sie nicht getrennt von ihren Kindern leben wollen.
Dror Shaul: Wir haben sehr lange dar├╝ber nachgedacht, wieviel Zeit wir den einzelnen Anteilen der Geschichte geben wollen. Insgesamt sollte der Film ja auch nicht zu lang werden, so wie er jetzt gezeigt wurde, hat er 97 Minuten. Alles, was offen bleibt an der Handlung, ist so beabsichtigt. Die Frage, warum sie den Kibbutz nicht verl├Ąsst, ist zentral, aber ich will sie nicht detailliert beantworten, sondern das Publikum soll die M├Âglichkeit bekommen, sich dazu seine eigenen Gedanken zu machen. In Israel war die Meinung vieler Frauen, es sei ganz nat├╝rlich, dass sie den Kibbutz nicht aus eigener Kraft verlassen kann. Die M├Ąnner sahen das meist etwas anders.
Im Film soll nur deutlich werden, dass es verschiedene Variationen ├╝ber die Vergangenheit der Eltern gibt. Was den Kindern im Kibbutz erz├Ąhlt wird, entspricht nicht der Wahrheit. An einer Stelle wird dann deutlich, dass der Vater gehen wollte, aber bedroht wurde.

AVIVA-Berlin: Wieviel Zeit hat das Casting in Anspruch genommen?
Dror Shaul: Es war sehr schwierig, die beiden Hauptrollen zu besetzen ÔÇô Dvir und seine Mutter Miri. Und es war leider nicht so, dass ich zu Beginn zumindest eine schon besetzt h├Ątte, so dass ich "nur" den passenden Gegenpart h├Ątte finden m├╝ssen.
Ich bin alle Schauspieler in Israel in der Altersgruppe um die 14 durchgegangen, aber es wurde ein sehr schwieriger Prozess. Wir haben sehr lange gesucht, bis Tomer zu einem unserer Casting-Workshops kam. Ich war gerade gar nicht da, meine Schwester rief mich an und sagte, diesen Jungen m├╝sse ich mir unbedingt ansehen. Tomer war sofort v├Âllig dabei, er hat ein sehr gutes Ged├Ąchtnis und konnte sich tief auf den Charakter einlassen. Er hat eine Szene sehr intensiv gespielt, wir haben ihm eine Pause gegeben, damit er sich beruhigen konnte, und nach der Pause spielte er dieselbe Szene sogar noch intensiver. Gl├╝cklicherweise entdeckten wir kurz darauf auch Ronit Yudkevitch f├╝r die Rolle der Mutter. Sie ist ein ber├╝hmtes Model in Israel. Sie hat zuvor erst in zwei Spielfilmen mitgewirkt, "Sweet Mud" ist ihre erste Hauptrolle. Wir haben dann daran gearbeitet, die Beziehung zwischen ihnen aufzubauen. Und weil sie beide ganz besondere Seelen sind, gab es bald eine tiefe Verbindung zwischen ihnen. Ich denke, das ist einer der Gr├╝nde, warum der Film so stark wirkt.

AVIVA-Berlin: Warum haben Sie sich daf├╝r entschieden, den Altersunterschied zwischen Miri und ihrem Freund Stephan so gro├č zu machen? F├╝r den Plot scheint es nicht unbedingt notwendig zu sein.
Dror Shaul: Daf├╝r gibt es zwei Gr├╝nde. Zuallererst basiert der Film ja auf der Realit├Ąt. Meine Mutter hatte einen Schweizer Freund, der Ski Champion war. Als er uns zum ersten Mal im Kibbutz besuchte, war er 72. Das war eine ziemliche Dem├╝tigung f├╝r mich. Alle anderen Kinder haben mich ausgelacht. In der Realit├Ąt verk├Ârperte dieser Mann f├╝r uns aber die Hoffnung auf ein ├ťberleben. Die Liebesbriefe, die meine Mutter an ihn schrieb, entstanden genau so wie im Film gezeigt. Sie wurden von einer dritten Person ├╝bersetzt und ich gab zuvor immer eine Menge Ratschl├Ąge, wie meine Mutter sie am besten formulieren soll.
Als er einmal wieder in den Kibbutz kommen wollte, schrieb ich im Namen meiner Mutter, dass wir uns vielmals f├╝r die Einladung in die Schweiz bedanken und sie gerne annehmen. Drei Monate sp├Ąter hat er uns tats├Ąchlich Flugtickets geschickt. Wir flogen in die Schweiz und hatten dort eine sehr gute Zeit.
So wurden diese Ereignisse Bestandteil des Drehbuchs.
Und f├╝r die Ausgestaltung des Plot erschien es mir gerade wichtig, dass Stephan so viel ├Ąlter als Miri ist, 30, mindestens 25 Jahre. Denn so entstehen neue Fragen zu dieser Beziehung: Ist es m├Âglich, mit so einem gro├čen Altersunterschied eine Beziehung aufzubauen? Ist es wirklich eine Liebesbeziehung oder mehr ein Vater-Tochter-Verh├Ąltnis? Wo haben sie sich getroffen, wie sind sie zusammengekommen? Es gibt ein paar Erkl├Ąrungen, aber sie bleiben vage angedeutet, so dass das Publikum sich seine eigenen Gedanken machen muss. Nach einiger Zeit beginnt man zu glauben, dass diese Beziehung trotz des gro├čen Altersunterschied funktionieren k├Ânnte.
Das alles macht die Geschichte um einiges interessanter, als wenn der Freund gleichaltrig w├Ąre.

AVIVA-Berlin: Sie haben zuvor zwei andere Spielfilme gedreht. W├╝rden Sie uns etwas ├╝ber die Inhalte erz├Ąhlen?
Dror Shaul: Meine beiden ersten Filme waren Kom├Âdien. Die Erste hei├čt "Operation Grandma". Es ist eine 50min├╝tige Kurzgeschichte ├╝ber drei Br├╝der aus einem Kibbutz, die ihre Gro├čmutter aus der Stadt zur Beerdigung in den Kibbutz bringen m├╝ssen. Der Film bekam 1999 den Israeli Academy Award und wurde vom Publikum sehr gut angenommen. Mein zweiter Film "The Witch" handelt von einer 62 j├Ąhrigen Frau, die Landbesitzstreitigkeiten mit ihrem Nachbar hat, denn sie will ihr Haus ausbauen. Aber sie geraten in ein heftiges Wortgefecht und sie verflucht ihn. Und innerhalb einer Woche wird alles, was sie gesagt hat, wahr: Sie wird ber├╝hmt, er wird verr├╝ckt und ├╝bertrieben religi├Âs. Es geht um Rassismus in der israelischen Gesellschaft. An den Kinokassen war er auch sehr erfolgreich, aber die KritikerInnen haben ihn verrissen. Manche h├Ątten sogar gern gesehen, wenn ich ausgereist w├Ąre.

AVIVA-Berlin: Werden Sie Zeit finden, auf der Berlinale selbst Filme zu schauen?
Dror Shaul: Leider nur sehr wenig, aber "Beaufort" werde ich mir ansehen.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview!

Sweet Mud
Originaler Titel: Adama Meshuga┬┤at
Israel, Deutschland, Japan 2006

Mehr Infos zu "Sweet Mud" unter: www.heimatfilm.biz

Interviews Beitrag vom 01.03.2007 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken