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AVIVA-BERLIN.de 11/25/5778 - Beitrag vom 27.11.2007

Wahlen 2007 oder wie sich eine Gemeinde emanzipiert
Annegret Oehme

Am 25.11.2007 hat die J√ľdische Gemeinde zu Berlin ihre 21 Repr√§sentantInnen gew√§hlt und sich damit von einigen vertrauten Gesichtern, Heuchelei und Protektion verabschiedet.



Raus aus den Negativ-Schlagzeilen und endlich wieder eine demokratische Leitung die eint und nicht noch f√ľr zus√§tzliche Spaltung sorgt, so kann man den Appell der W√§hlerInnen interpretieren, die am vergangenen Sonntag zur Gemeindewahl gegangen sind.

Dass es sich dabei gerade mal um ein Drittel aller Stimmberechtigten handelt, macht die allgemeine Politikverdrossenheit deutlich.
Dennoch kam ein √ľberraschendes Ergebnis zustande, das zeigt, dass es noch einige gibt, denen das Wohl ihrer Gemeinde am Herzen liegt und die ihr Recht als W√§hlerInnen nutzen.

Das von ihnen erwirkte Resultat ist als klare Absage an Arkadi Schneidermann und sein B√ľndnis Tachles zu deuten, von dem es niemand in die Repr√§sentantenkonferenz geschafft hat.
Ganz anders das Bild bei Atid: Bis auf eine Kandidatin gelang der Einzug in die RV komplett und so ein herausragender Sieg. In Erinnerung an ein ähnliches Ergebnis der damaligen Kadima-Liste, die sich dann hoffnungslos zerstritt und so zur gegenwärtigen desolaten Situation beitrug, ist dies hoffentlich kein schlechtes Zeichen.
Von der "Neue Namen"-Liste wurde nur Michail Kantor unter die ersten 21 gew√§hlt und beim Wahlb√ľndnis Hillel reichte es f√ľr f√ľnf Kandidatinnen, darunter auch den gegenw√§rtigen Vorsitzenden der J√ľdischen Gemeinde, Dr. Gideon Joffe.
Die meisten Stimmen gingen an Dr. Alexander Brenner, der der Gemeinde bereits von Mai 2001 bis Januar 2004 vorstand.

Im Januar 2008 wird die neu gew√§hlte Repr√§sentantenkonferenz dann das erste Mal zusammentreten und ihren f√ľnfk√∂pfigen Vorstand w√§hlen, der wiederum aus seinen Reihen den/die VorsitzendeN der J√ľdischen Gemeinde zu Berlin w√§hlt. Dabei d√ľrfte es ein offenes Geheimnis sein, dass die Spitzenkandidatin von Atid, Frida (Lala) S√ľsskind, beste Chancen hat, als erste Frau den Stuhl im B√ľro der Gemeindeleitung zu besetzen.

Mit der Wahl am Sonntag ging ein Wahlkampf zu Ende, der l√§nger nicht h√§tte sein d√ľrfen. Ironische Artikel in den Medien, gef√§lschte Rundschreiben, haltlose Anklagen und kuriose Wahlveranstaltungen fanden ihren Abschluss.

In den vergangenen zwei Wochen wurden die KandidatInnen dem Publikum im Gemeindehaus vorgestellt und nach f√ľnfmin√ľtiger Ansprache hatten die Zurh√∂rerInnen die M√∂glichkeit, ihnen Fragen zu stellen.
In dem offensichtlich fehlenden Verst√§ndnis, was eine Frage kennzeichnet, lag hierbei das erste Problem. Weder ein Statement, noch ein gut gemeinter Buchtipp f√ľr die zuk√ľnftigen Repr√§sentantInnen ist eine Frage. Vielleicht resultierte diese Fehlinterpretation auch aus der Frustration, mit vielen unklaren oder gar fehlenden Antworten allein gelassen zu sein. Dabei zeichnete es sich vor allem bei KandidatInnen einer Liste ab, Antworten stets mit der Diskreditierung anderer zu beginnen. Was die W√§hlerInnen davon halten, haben sie am Sonntag gezeigt.

Au√üer bei "Spitzenduellen" reichten die BesucherInnenzahlen dieser Veranstaltungen kaum √ľber 75 Personen hinaus. Auf Grund dominierender Pers√∂nlichkeiten, an die alle Fragen gerichtet waren, bot sich weniger bekannten KandidatInnen leider selten eine Chance, sich vorzustellen und eigene Visionen f√ľr die Gemeinde anzusprechen.

So traurig auch hin und wieder der Umgang miteinander war, gab es doch auch immer wieder gewollt und ungewollt komische Momente.
Eine des Deutschen kaum m√§chtige Dame zum Beispiel sorgte mit ihrem einzigen Satz "W√§hlen Sie mich, alles wird gut!" f√ľr Erheiterung und bei einer gl√ľhenden Pro-Israel-Rede wunderten sich zwei √§ltere Gemeindeglieder in gut h√∂rbarer Lautst√§rke, ob es dem Herrn am Mikro um einen Platz in der RV oder doch in der Knesset gehe.

F√ľr den derzeitigen Amtierenden Dr. Gideon Joffe ging es um eine weitere Amtszeit. Ohne eine breitere Vertretung seines eigenen Wahlb√ľndnisses in der RV d√ľrfte es keine Aussicht darauf geben, dass er eine zweite Amtszeit als Vorsitzender erleben wird. Die zweite Chance bleibt ihm, dessen gr√∂√üter Fehler es vielleicht war, sein Vertrauen in den falschen Mentor gesetzt zu haben, nun wohl verwehrt. Der ihm ins Amt geholfen, hatte Joffe noch auf der letzten Repr√§sentantenkonferenz im November einen, schlie√ülich gescheiterten, Misstrauensantrag zugedacht. Im √úbrigen kann ein Misstrauensantrag ‚Äď von entsprechender Seite gestellt ‚Äď manchmal sogar ein Kompliment sein. Wer immer mit allem konform geht und jeden zufrieden stellt, leistet selten konstruktive Arbeit.
Es bleibt zu w√ľnschen, dass einer der Fragesteller bei den Vorstellungsrunden mit seiner These Recht beh√§lt, Dr. Gideon Joffe werde sich sicher bald mit globaleren Themen als mit Kindertagesst√§tten und dergleichen besch√§ftigen.

F√ľr die gew√§hlten Repr√§sentantInnen und den zuk√ľnftigen Vorstand bleiben die Probleme des Haushaltes und der Zuwanderung die dringendsten. Es gilt, sich zusammenzuraufen, erfolgreiche Gemeindepolitik zu machen und so auch das in der √Ėffentlichkeit besch√§digte Image wieder zu verbessern.
Mit ihrer Agenda haben die Atid-KandidatInnen allen einen klaren Bewertungsma√üstab in die Hand gegeben und sich in die Verantwortung begeben, diesen auch zu erf√ľllen. So wird das n√§chste Jahr zeigen, ob es mit Atid wirklich in die Zukunft geht. Der J√ľdischen Gemeinde Berlin w√§ren ruhigere und konstruktivere Jahre zu w√ľnschen.

Die J√ľdische Gemeinde zu Berlin im Netz: www.jg-berlin.org

Jüdisches Leben Beitrag vom 27.11.2007 AVIVA-Redaktion 





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