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AVIVA-BERLIN.de 11/20/5778 - Beitrag vom 23.11.2007

Andere Umstände. Von Magie, Medizin und Mäzenen
Yvonne de Andrés

Anl√§sslich des 100-j√§hrigen Jubil√§ums der Nathan Stiftung erz√§hlt die Ausstellung des J√ľdischen Museums Franken von Schwangerschaft, Fruchtbarkeit, Potenz, Geburt, Ausgrenzung, Vertreibung und Exil.



F√ľrth ist eine Mittelstadt und bildet mit N√ľrnberg und Erlangen eine Ballungsregion. Heute wird F√ľrth meistens mit dem Namen der Firma Quelle verbunden. Die Stadt wirkt im November grau. Es ist kalt und das Stadtbild zur Mittagszeit wenig belebt.

In den verschiedenen √∂rtlichen Buchhandlungen gibt es wenig zum Thema Judentum. Vom Glanz des einstigen fr√§nkischen Jerusalems findet sich hier kaum etwas. Auch in der Rubrik Regionalia wird frau nicht f√ľndig. Lediglich Jakob Wassermann - ein wichtiger j√ľdischer Schriftsteller der Weimarer Republik, der aus F√ľrth stammt - und die Br√ľder Henry und Walter Kissinger finden sich in den Buchregalen.
Amulettbeutel mit M√ľnzen f√ľr j√ľdische S√§uglinge Deutschland, zweite H√§lfte des 19. Jh. Zum Schutz des Neugeborenen gegen b√∂se Geister wurden Amulette verwendet.
¬© J√ľdisches Museum Frankfurt am Main


F√ľrth war im 17. und 18. Jahrhundert nicht nur ein Mittelpunkt des j√ľdischen Lebens in Franken sondern auch ein Zentrum j√ľdischer Druckereien, die hebr√§ische B√ľcher in ganz Mitteleuropa vertrieben und so eine finanzielle Basis daf√ľr schufen, auch rabbinische Texte verlegen zu k√∂nnen. In F√ľrth befand sich nach der Shoah die einzige B√§ckerei Deutschlands, die Schmure-Mazze (beh√ľtete Mazzot) nach den Kaschruth (Speisegesetze) f√ľr Pessach herstellte.

Erfreulich immerhin, dass frau die Geschichte j√ľdischen Lebens in F√ľrth wenigstens im J√ľdischen Museum Franken erfahren kann. Das sch√∂ne und verwinkelte Fachwerkhaus wurde 1999 er√∂ffnet und liegt in der N√§he des Rathauses an einer belebten, lauten und autoreichen Strasse. Mit dem Eintritt in das Museum wird es ganz still. Das heutige Museum war zu fr√ľheren Zeiten ein j√ľdisches B√ľrgerhaus und eines der wenigen H√§user, die nach dem drei√üigj√§hrigen Krieg nicht zerst√∂rt wurden. Im Keller des Museums befindet sich die einstige Mikwe. Die Ausstellungsr√§ume erstrecken sich √ľber drei Etagen.

Zur Zeit, noch ge√∂ffnet bis Ende M√§rz 2008, beherbergt das Museum die Ausstellung "Andere Umst√§nde. Von Magie, Medizin und M√§zenen". Sie zeigt unter anderem, wie verschieden die Situation christlicher und j√ľdischer Frauen war, die sich"in anderen Umst√§nden" befanden.

Warum die Ausstellung sich mit solcherlei anderen Umst√§nden von christlichen und j√ľdischen Frauen besch√§ftigt, erschlie√üt sich der Besucherin erst, wenn sie bis zur zweiten Abteilung der Ausstellung vorgedrungen ist, die sich dem Andenken an den gro√üb√ľrgerlichen Rechtsanwalt Dr. Alfred Nathan widmet. Er stiftete 1906, zur Verbesserung der Situation von Schwangeren und S√§uglingen, das Nathanstift der Stadt F√ľrth, indem er daf√ľr 300.000 Mark zur Verf√ľgung stellte.

Der Rechtsanwalt Alfred Nathan stiftete das Nathanstift 1906. Fotografie aufgenommen in Baden Baden, 1909
¬© J√ľdisches Museum Frankfurt am Main
Die Schau stellt die m√§zenatische Tradition der Bankiersfamilie vor, die damit in die Tradition des wohlt√§tigen Engagements des deutsch-j√ľdischen Gro√üb√ľrgertums des sp√§ten 19. und 20. Jahrhunderts geh√∂rt. Alfred Nathans Schwester Thea Irene wurde vom Maler Kaulbach portraitiert. Die Familie geh√∂rte in Bayern zu den Oberen Kreisen der Gesellschaft. Sie verstand sich als liberal, die traditionellen Speisegesetze hielt man nicht ein. Die Familie hatte sich vollkommen assimiliert.

Das Nathanstift wurde eine renommierte Klinik. Prinzregent Luitpold stattet der Klinik 1913 einen Besuch ab. Dr. Alfred Nathan wurde Ehrenb√ľrger der Stadt. Der aufkommende Antisemitismus nach dem Ersten Weltkrieg verbittert ihn bis zu seinem Tod. Die letzten Familienmitglieder mussten 1938 wegen "anderer Umst√§nde" F√ľrth verlassen. Im Nationalsozialismus wurde das Nathanstift umbenannt. Erst nach dem 2. Weltkrieg hie√ü es wieder Nathanstift. Seit 1967 ist es Teil des Klinikums der Stadt F√ľrth.

Die Abteilung der Ausstellung, die sich mit den Themen Schwangerschaft, Fruchtbarkeit, Potenz und Geburt in ihren verschiedenen kulturellen Ausprägungen beschäftigt, zeigt auch die Geschichte der unfruchtbaren Rachel, der zweiten Frau Jakobs, die ihr Heil bei Alraunen suchte. Sie wollte nicht geschieden werden, weil sie kinderlos war.

Zu sehen ist auch das heute noch im Handel erwerbbare Parf√ľm "P6", das mit Pheromonen angereichert ist und deshalb eine stark erotisierende Wirkung auf Frauen haben soll. Zu sehen ist auch ein Geb√§rstuhl, in dem bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Kinder zur Welt gebracht wurden. Die Ausstellung verfolgt die Entwicklung von der Hebamme, der "hebenden Amme", zur Hausgeburt, bis hin zu den ersten Geb√§rh√§usern f√ľr ledige M√ľtter im 18. Jahrhundert und den Kliniken unserer Tage.
Das Wöchnerinnen- und Säuglingsheim Nathanstift, 1909
¬© J√ľdisches Museum Franken


Viele kleine Details machen auf die Verschiedenheiten j√ľdischer und christlicher Br√§uche aufmerksam, stellen sie vor und erl√§utern sie. So z. B. Unterschiede in der Namensgebung. Christliche Kinder erhielten oft die Namen ihrer Eltern oder Gro√üeltern. Bei j√ľdischen Kindern geschah dies nur dann, wenn die Verwandten nicht mehr lebten. Zus√§tzlich werden unterschiedliche Amulette und Gl√ľcksbringer mit ihren Geschichten vorgestellt.

Die Geschichte des Klinik-Stifters Alfred Nathan wird in der Ausstellung mittels eines Videos sehr anschaulich und plastisch von seiner Gro√ünichte Margarete Meyers (geb. Midas) erz√§hlt, die ihn als gro√üherzigen Menschen schildert. Sie erz√§hlt wie integriert die Familie lebte, dass sie sich erst durch Ausgrenzung ihrer j√ľdischen Identit√§t bewusst wurde. Margarete Meyers selbst musste ihre Schule verlassen und besuchte vor ihrer Emigration 1938 die Israelitische Realschule F√ľrths. Vor 1933 hatten die Familie Weihnachten, nicht Chanukka gefeiert. Erst nach 1933 besorgte man sich auch eine Chanukkia. Im Exil, in den USA, feierte die Familie dann wieder Weihnachten.

Das Verm√∂gen der Nathans wurde arisiert. In der Nachkriegszeit erhielt die Familie, die in den USA blieb, ihr Eigentum zur√ľck. F√ľr Frau Meyers blieb F√ľrth, aus dem sie mit 11 Jahren vertrieben wurde, noch immer ihre Heimat. Sie erz√§hlt das und hat dabei eine Tr√§ne im Augenwinkel.

Veranstaltungsort:
J√ľdisches Museum Franken in F√ľrth
K√∂nigsstra√üe 89, 90762 F√ľrth
www.juedisches-museum.org
√Ėffnungszeiten:
Di 10-20 Uhr, Mi-So 10-17 Uhr, Montags geschlossen
Die Ausstellung wird bis zum 30.03.08 gezeigt

Jüdisches Leben Beitrag vom 23.11.2007 Yvonne de Andr√©s 





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