Wir waren Nachbarn. Das Leben in Berlin vor 1933 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Juedisches Leben



AVIVA-BERLIN.de 2/6/5782 - Beitrag vom 20.12.2007


Wir waren Nachbarn. Das Leben in Berlin vor 1933
Sharon Adler

120 Biografien jüdischer ZeitzeugInnen zeigt die Intervallausstellung im Foyer des Rathaus Schöneberg vom 28.01. bis 27.4.2008. Schwerpunkt des Rahmenprogramms: "Exil aus subjektiver Sicht"




Am internationalen Holocaust Gedenktag, dem 27. Januar 2008 um 18:00 Uhr, öffnet, mit einer Gedenkveranstaltung im Foyer des Rathauses Schöneberg, zum vierten Mal die Intervallausstellung Wir waren Nachbarn.
Als ein wichtiger Gedenkort in Berlin, bietet die mittlerweile 120 Familienalben umfassende Ausstellung am Beispiel von Tempelhof und Schöneberg einen Einblick in das Leben ehemaliger jüdischer NachbarInnen in Berlin vor 1933 sowie in die Schritte der "Ausgrenzung und Entrechtung, Vertreibung, Deportation und Ermordung Berliner Juden".

Mehr als 16.000 Juden und Jüdinnen lebten vor 1933 in Schöneberg, über 2.000 in Tempelhof. Nur etwa 10.000 konnten fliehen und fanden Aufnahme in unterschiedlichsten Ländern der Erde. In Kontinuität einer über 20-jährigen Erinnerungsarbeit konnten auch in diesem Jahr elf neue Alben in die Ausstellung integrieren werden. Wieder haben sich ZeitzeugInnen, deren Nachfahren oder Interessierte gefunden, die bereit waren, persönliche Fotos und unveröffentlichte Dokumente zu überlassen und/oder Unterstützung bei den Recherchen in Archiven zu leisten.
Eines der neuen Alben beschäftigt sich mit dem Gedenken an die Musiklehrerin Maria Leo, die ihrer Deportation durch Suizid zuvorkam. Ein weiteres erinnert an den Buchhändler Benedikt Lachmann vom Bayerischen Platz, der bereits sehr früh nach Lodz deportiert wurde.

Seit den 80er Jahren versuchen MitarbeiterInnen des Kunstamtes auch nicht-jüdische ZeitzeugInnen zu gewinnen, ihre Erinnerungen zu erzählen, aufzuschreiben sowie Dokumente und Fotos zur Verfügung zu stellen. Hieraus entstand 2005 der Interview-Film Geteilte Erinnerungen von Monika Wenczel, der in der Ausstellung zu sehen ist. Weiterhin sind seit 2006 in einem großen Archivschrank zahlreiche neue "Erinnerungssplitter" zu entdecken, die von BesucherInnen hinzugefügt wurden, darunter auch Beispiele von Familienerzählungen aus der Perspektive der jüngeren Generationen.

Inhaltlicher Schwerpunkt des diesjährigen Rahmenprogramms ist das Thema Exil.
Für viele jüdische EmigrantInnen bedeutet Exil aus heutiger Sicht zunächst das Glück, Nazi-Deutschland entkommen zu sein. Gleichzeitig ist es für die meisten ebenfalls die Erinnerung an ein Leben in einem fremden Land mit einer unbekannten Sprache und Kultur, häufig ohne familiäre Beziehungen und ohne ein Netzwerk von Freunden und Bekannten.
Häufig waren sie Jugendliche, manche noch Kinder und als einzige der Familie ins rettende Ausland geschickt worden: Mit Kindertransporten nach England oder Schweden. Andere fanden durch eine Bürgschaft - oft von entfernten Verwandten - Aufnahme in den USA, Kanada oder in einem südamerikanischen Land. Gerade sie, die häufig ihre gesamte Familie zurücklassen mussten, beschäftigt die Suche nach dem Leidens- und Todesweg naher Verwandten, sowie das Thema verlorene Heimat bis ins hohe Alter.

Für viele BesucherInnen der Ausstellung ist es immer wieder überraschend, wenn sie aus den Familienalben erfahren, dass in vielen jüdischen Familien lange nicht über die Zeit vor und während der Emigration gesprochen wurde. Häufig herrschte in den Familien "Scham" darüber, dass man selbst überlebt hatte und andere - nahe Familienmitglieder - oft nicht. In Selbstzeugnissen, die in der Ausstellung nachgelesen werden können – ist, wie auch in der Exilliteratur - häufig vom "Segen des Vergessen(können)s" die Rede.

Insgesamt präsentiert sich die Ausstellung als ein unschätzbares, zunehmend wachsendes Archiv der Erinnerungen, das einen lebendigen Einblick in das Leben in den 30er/40er Jahren des vorherigen Jahrhunderts in Berlin bietet.

Anmeldung und Information
Für Gruppen und Schulklassen (auch freitags)
Kunstamt: (030) 7560-6964

Wir waren Nachbarn
120 Biografien Jüdischer Zeitzeugen

28.01. bis 27.4.2008
Schwerpunkt des Rahmenprogramms in diesem Jahr: "Exil aus subjektiver Sicht"
Eröffnung am 27. Januar 2008 mit einer Gedenkfeier anlässlich des internationalen Holocaustgedenktages, zusammen mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Ausstellungsort:
Rathaus Schöneberg
John - F. - Kennedy - Platz
10825 Berlin
U4 Rathaus Schöneberg, U 7 Bayerischer Platz, Bus M46, 104

Öffnungszeiten
Mo. bis Do. von 10 bis 18 Uhr
Sa. und So. von 10 bis 17 Uhr
Freitags: Für Gruppen – und Schulklassen nach Anmeldung

Eintritt frei.


Jüdisches Leben

Beitrag vom 20.12.2007

Sharon Adler 






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