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AVIVA-BERLIN.de 12/30/5780 - Beitrag vom 14.04.2020


AVIVA-Interview- + Fotoprojekt JETZT ERST RECHT: Mara
Sharon Adler, Mara Noomi Adler

"Du Jude", Hassmails, Rechte Hetze im Rap oder faschistoide Verschwörungsideologien in der Corona-Krise. Das Attentat in Halle. Um die Gedanken und Erfahrungen, die Perspektiven und Forderungen von jüdischen Menschen in Deutschland sichtbar zu machen und ihnen abseits der Statistiken ein Gesicht und eine Stimme zu geben, hat die jüdische Fotografin und Journalistin, Herausgeberin von AVIVA-Berlin, Sharon Adler ihr neues Projekt JETZT ERST RECHT! initiiert, das von der Amadeu Antonio Stiftung gefördert wird. Eine der Teilnehmer*innen ist Mara Noomi Adler, geboren 1995 in Berlin. Ihr Slogan lautet: JETZT ERST RECHT! - "Verstecke ich meine Wurzeln nicht"



AVIVA: Thema Antisemitismus in Deutschland heute: Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin) hat 2018 insgesamt 1.083 antisemitische Vorfälle in Berlin erfasst. Im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um 14 %. Die Zahlen des BKA belegen aktuell fünf Angriffe auf Jüdinnen/Juden pro Tag. Am 9. Oktober 2019, zu Yom Kippur, dem höchsten Feiertag im jüdischen Kalender, hat ein rechtsextremistischer, antisemitischer 27-jähriger Attentäter einen Mordanschlag auf die Synagoge in Halle verübt. Synagogen, Schulen und weitere jüdische Einrichtungen in Deutschland stehen unter Polizeischutz.
Kannst du in dem aktuellen Kontext bitte einmal genauer erläutern was du mit Deinem Statement "Jetzt erst Recht - verstecke ich meine Wurzeln nicht" auf unserem Demo-Plakat meinst?



Mara Noomi Adler: Jetzt erst Recht – eben besonders jetzt, nachdem die aktuellen Entwicklungen der letzten Jahre so eskaliert sind und ein deutlicher Anstieg von Antisemitismus weltweit verzeichnet wird. Jetzt erst Recht finde ich es besonders wichtig, meine Wurzeln demonstrativ nicht zu verstecken, sei es durch das Tragen meines Davidstern-Ohrrings oder der ehrlichen Antwort auf die Frage nach der Herkunft meiner Familie. Was nicht immer selbstverständlich war und ich mich auch schon in Situationen oder unter Menschen befand, in und bei denen ich mir zweimal überlegt habe was ich davon preisgeben sollte. Das Thema Antisemitismus als gesamtgesellschaftliche Aufgabe anzugehen und auch durch Konfrontation offen sichtbar zu machen, ist meiner Meinung nach heute besonders wichtig.

AVIVA: Unter Kindern und Jugendlichen wird das Wort "Jude" auf Schulhöfen oder in Sozialen Netzwerken ganz offen als Schimpfwort benutzt. Zudem kommt es unter Schüler*innen immer wieder zur Gewaltbereitschaft mit antisemitischem Hintergrund, wie unter anderem aktuell ein Fall in Graz zeigt, wo ein Schüler wegen seines Davidsterns tätlich angegriffen wurde.
Hast du selbst eine solche Stimmung oder Vorfall schon einmal, zum Beispiel in deiner Schulzeit, oder im öffentlichen Raum, miterleben müssen?

Mara Noomi Adler: Dass das Wort Jude im "ernst gemeinten" und aggressiven Kontext als Schimpfwort gegen mich oder andere verwendet wurde, musste ich glücklicherweise noch nie miterleben. Dass das Wort jedoch in meiner Gegenwart "spaßeshalber" als Beleidigung gegen jemand Anderen (meistens von "Nicht-Jude" zu "Nicht-Jude") ausgesprochen wurde, schon.

Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich schon überrascht davon, wie weit damals bei Jugendlichen im Alter von circa 13-16 Jahren die Assoziation von "Jude" oder "Jüdisch-Sein" mit etwas eher Negativem oder Besonderem im Sprachgebrauch verbreitet war, und sei es auch "nur" als "Witz" gemeint.
Besonders unter Jugendlichen kommt es generell häufig vor, dass Wörter wie "Spast" unbedacht als Kommentar los gelassen werden, wenn jemand sich beispielsweise gerade ungeschickt angestellt hat, oder ähnliches. In dem Kontext wird auch "du Jude" als Beleidigung verwendet. "Jude" als Beleidigung durch einen naiven Mitläuferkommentar und den Versuch, witzig zu sein, habe ich des Öfteren miterlebt. Wobei das für mich weniger die antisemitischen Züge des Jugendlichen an sich zeigt, als die unserer Gesellschaft, in der es normal zu sein scheint, über so einen Kommentar nicht nachdenken zu können oder nicht immer Konsequenzen zu erfahren. Denn die Normalität eines solchen "Witzes" ist an sich schon eine Art von Antisemitismus.

Geschweige denn die Entwicklung und die schmale Grenze von "Spaß" zu Ernst: Ich weiß auch aus meiner Erfahrung durch Unterhaltungen mit Jugendlichen, die einen solchen "Slang" drauf hatten, dass viele sich eine solche angeeignete Ausdrucksweise ablegen wollten und Wörter, die Gruppen diskriminieren, in dem Moment selbst nicht als antisemitisch oder rassistisch verstanden. Was das Ganze jedoch auch nicht entschuldigen kann. Ich weiß, dass es sehr vieler solcher "Trendschimpfwörter" gab und gibt. Das Wort "Jude" wurde in meiner Schulzeit meistens auch von Jugendlichen verwendet, ausschließlich Jungs, wenn ich mich richtig erinnere, die damals in meinen Augen keinen antisemitischen Standpunkt vertraten oder die ich nicht als solche einschätzte. Nur die wenigsten haben wirklich realisiert, dass "Du Jude", auch im "spaßigen" Kontext, eine rote Linie überschreitet.

Ich glaube, der Sprachgebrauch des Wortes als naiv gemeintes Schimpfwort, abgesehen natürlich vom viel schlimmeren Phänomen, dies mit offensichtlich antisemitischer Überzeugung zu verwenden, ist in der Hinsicht gefährlich, da es die unbewusste ablehnende Haltung Juden gegenüber schürt. Auch wenn es als "kein ernstgemeintes Schimpfwort" ausgesprochen wird, zeigt es doch eine Assoziation mit etwas Negativem dem Judentum gegenüber, was niemand bestreiten kann.

Das Etablieren des Wortes "Jude" in den "normalen" Sprachgebrauch von Jugendlichen zeigt in meinen Augen einfach, wie stark die antisemitischen Denkstrukturen noch immer in unserer Kultur verankert sind und sogar bis dahin vordringen.

"Du Jude" kannte ich zuvor nur in einem ganz anderen Kontext: aus meiner jüdischen Grundschule. Wobei dies natürlich nochmal mit ganz anderen Hintergründen. In der Grundschule kam es auch vor, dass jüdische Mitschüler sich in bestimmten Situationen untereinander als "Du Jude" "aufzogen". Das hatte aber immer eine gewisse Selbstironie.

Das ist natürlich etwas ganz anderes, als wenn nicht-jüdische Mitschüler so einen Kommentar bei einem jüdischen Mitschüler machen und es fühlt sich natürlich auch ganz anders an. Ich erinnere mich daran, dass ein Mitschüler, dessen Vater Palästinenser war, auf der "nicht jüdischen Schule" mir gegenüber einmal den Kommentar herausgehauen hat "Ihr Juden, ihr tötet meine Familie". Ich erinnere mich daran, wie baff ich damals war. Ich persönlich identifiziere mich ja noch nicht mal mit der Politik der Regierung des Staates Israel, und kann dort ja noch nicht einmal wählen.
Abgesehen davon, dass dies keine differenzierte Kritik an der Politik des Staates Israel ist, wäre eine solche zwar nicht gleich Antisemitismus, einen Juden aber automatisch mit dem Staat Israel gleich zu setzen aber natürlich der komplette Schwachsinn und zeigt eindeutig ein antisemitisches Denkmuster.

Einen antisemitisch motivierten Gewaltakt musste ich zum Glück nie direkt miterleben, sei es auf der Schule oder sonst wo. Natürlich wurde ich schon früh damit konfrontiert, dass es zur Gewaltbereitschaft von außen kommen könnte, schließlich ist nicht jede Schule mit Panzerglas und Polizisten ausgestattet und nicht jeder Vorschüler geht mit seinen Eltern durch einen Sicherheitsbereich mit einem Körperscanner, bevor man in die Schule gelangt.

AVIVA: Warum, denkst du, kommt es sogar schon unter Kindern und Jugendlichen zu antisemitischen Denken und Gewaltbereitschaft?

Mara Noomi Adler: Ein Grund ist sicherlich die immer noch zu schlechte Bildung bzw. das unzureichende Wissen über das Judentum auf vielen Schulen und damit meine ich nicht nur in Bezug auf den Holocaust, sondern vor allem in Bezug auf die Gründung des Staates Israel und den Israel-Palästina Konflikt. Außerdem sollte zur Beschäftigung mit dem Thema auch immer eine gewisse Toleranz vorhanden sein, was auch das sofortige Durchgreifen bei antisemitischen oder rassistischen Kommentaren von Schülern bedeutet, was leider nicht überall getan wird.

Antizionistischer Antisemitismus oder Vorurteile gegen Juden bei Kindern und Jugendlichen sind sicherlich nicht aus eigenen Standpunkten und schulischer Bildung entsprungen, sondern sind sehr wahrscheinlich vor allem auf das Denken in der Familie oder den Anschauungen von älteren Kontaktpersonen zurück zu führen, die ein solches Denken vertreten.
Werden Kinder und Jugendliche nicht ausführlich durch Bildung mit dem Thema konfrontiert und aufgeklärt, ist es klar, dass es schwerfällt, sich auch eine eigene Meinung bilden zu können und nicht nur das zu wissen und zu hören, welche Anschauung in ihrer Familie oder in ihrem Freundeskreis vertreten wird.

Das ist vor allem bei muslimischem Antisemitismus der Fall, denke ich, wo in einigen Fällen Kindern bereits von klein auf in der Familie beigebracht wird, dass Jüdisch-Sein etwas "Böses" ist. Meine Unterhaltung mit einem syrischen Flüchtling hat mein Wissen darüber, dass in vielen muslimischen Ländern auch Kinderfilme gezeigt werden, wo der Jude immer den "Bösen" darstellt, noch einmal bestätigt. Wenn man mit diesem Bild von klein auf aufwächst, ist es natürlich besonders schwierig, diese Sichtweise zu revidieren. Es liegt jedoch an der Verantwortung unserer Zivilgesellschaft, es nicht zu tolerieren, dass eine solche Ansicht vertreten wird und besonders nicht, dass es zu Gewaltakten gegen Kinder und Jugendliche kommt.

AVIVA: Antisemitismus hat eine lange "Tradition", nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Darunter sind immer wieder antijüdische Verschwörungstheorien, wie aktuell in der Corona-Krise. Auf YouTube und sozialen Netzwerken wird offen gegen Jüdinnen und Juden gehetzt. Unter anderen warnte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein gegenüber dem Berliner "Tagesspiegel", die Pandemie würde ein Klima allgemeiner Verunsicherung schaffen, was einzelnen Personengruppen einen idealen Nährboden für Rechte Hetze liefern würde: "Es überrascht leider nicht, dass Juden und Israel Hauptziele sind."
Wie denkst du darüber?

Mara Noomi Adler: Leider neigen viele Menschen dazu, in Zeiten wie dieser rassistisch konnotierte Schuldzuweisungen zu machen um sich besser zu fühlen, oder was auch immer. Aber diese doch offensichtlich komplett kontextlosen Verschwörungstheorien gegen Israel oder gegen Juden, zeigen einfach wieder, dass sich doch weniger geändert hat als man annehmen sollte. Die Juden als Sündenbock hinzustellen, ist ein altes antisemitisches Muster, das doch eigentlich jeder erkennen müsste.

AVIVA: Felix Klein forderte auch härtere Strafen für antisemitische Taten und eine neue Strategie gegen Judenfeindlichkeit.
Was denkst du darüber? Was sind deine Strategien gegen Antisemitismus, was wären deine Empfehlungen an Politik und Zivilgesellschaft?

Mara Noomi Adler: Offensichtlich, bei solch einem radikalen Anstieg: Härtere Strafen für antisemitische Taten aber auch eine bessere Bildung in Bezug auf das Judentum und die Konfrontation mit dem Thema Antisemitismus in der Schule.

Es ist schon eine große Herausforderung, aber man muss ja auch irgendwie den Kern angehen und die Menschen in eine andere Denkrichtung bringen und nicht nur Taten verhindern. Dafür müsste man auf jeden Fall neue Strategien und radikalere Maßnahmen entwickeln, um einem antisemitischen Denken entgegen zu wirken.

Mara Noomi Adler wurde am 02. August 1995 in Berlin geboren, wuchs in Berlin-Kreuzberg auf und besuchte dort einen staatlichen Kindergarten, an den sie "nur gute Erinnerungen" hat. Ab der Vorschule ging sie auf die Jüdische Grundschule in Grunewald und anschließend von der 7. bis zur 10. Klasse auf ein staatliches Gymnasium in Steglitz. Mara entschied sich schließlich dafür, für die letzten zwei Jahre vor dem Abi noch einmal auf die Jüdische Oberschule in Berlin-Mitte zu wechseln, was sie als "die beste Entscheidung" bezeichnet. Ende September 2019 hat sie ihren Bachelor im Studiengang Wirtschaftspsychologie abgeschlossen und lebt wieder in Kreuzberg.

Mara ist nicht religiös, war sie auch noch nie, sie sieht ihre Verbundenheit zum Judentum nicht in der Religion sondern darin, die jüdische Kultur weiter zu leben und sich ihrer Wurzeln bewusst zu sein. Beides wurde ihrer Familie in der Vergangenheit zum Verhängnis und wird es heute vielen anderen Menschen immer noch – ein Thema, mit dem sie sich im Laufe ihres Lebens stark auseinander gesetzt hat und welches ihr Verantwortungsbewusstsein in dem Sinne verstärkt hat, ihre Wurzeln und dessen Kultur nicht zu verstecken sondern offen damit umzugehen. Mara interessiert sich sehr für Tabuthemen in der Gesellschaft, sowie für Themen, die Konfliktpotenzial beinhalten und oft radikal angegangen werden. Über solche Themen mit Beteiligten ins Gespräch zu kommen ist ihr wichtig um die Pluralität der Meinungen und Gefühle des Gegenübers verstehen zu können und nicht in eine populistische Denkweise zu verfallen, die ein gewisses Bild von einer "Masse" hat. Dies war auch der Antrieb für Mara, an dem AVIVA-Schreibprojekt "Schalom Aleikum" teilzunehmen. Auch wenn Mara gerne und oft nach Israel reist und sich vom Land angezogen und zum Land hingezogen fühlt, steht sie dessen Politik mit einem kritischen Blick entgegen und kritisiert insbesondere die "Siedlungspolitik", die vom Staat ausgeht.

JETZT ERST RECHT!
Um die Erfahrungen, Perspektiven und Forderungen von jüdischen Menschen in Deutschland sichtbar zu machen und ihnen abseits der Statistiken ein Gesicht und eine Stimme zu geben, hat die jüdische Fotografin und Journalistin, Herausgeberin von AVIVA-Berlin Sharon Adler ihr neues Projekt JETZT ERST RECHT! initiiert.



Mitmachen

Wenn Du auch Interesse hast, an dem Interview- + Fotoprojekt JETZT ERST RECHT! teilzunehmen, kannst Du Dich per eMail mit Sharon Adler unter sharon@aviva-berlin.de in Verbindung setzen. Bitte sende in dieser eMail Deine Motivation und einige biographische Informationen.

Gefördert wurde das Interview- + Fotoprojekt von der Amadeu Antonio Stiftung.



Copyright: Gestaltet wurde das Signet JETZT ERST RECHT! von der israelischen Künstlerin Shlomit Lehavi. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich nach vorheriger schriftlicher Anfrage und Genehmigung durch AVIVA-Berlin.





Copyright Foto von Mara Noomi Adler: Sharon Adler



Jüdisches Leben Beitrag vom 14.04.2020 AVIVA-Redaktion 





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