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AVIVA-BERLIN.de 11/20/5778 - Beitrag vom 05.07.2004

Das j├╝dische Berlin - Teil 1
Denise Hoffmann

Berlin mal "j├╝disch" erleben: In der Spandauer Vorstadt, dem heutigen Berlin-Mitte, sind viele j├╝dische St├Ątten (fast ├╝berall kostenlos) in einem ausgedehnten Spaziergang zu entdecken!



Ganz Berlin ist in Urlaubsstimmung. Doch warum in die Ferne schweifen?!
AVIVA-Berlin m├Âchten Ihnen Ihre Stadt mal von einer anderen Seite zeigen:
Das j├╝dische Berlin.
Viele Orte kennen Sie bestimmt, doch auch die kleinen unbekannteren Sch├Ątze Berlins sind es wert, erw├Ąhnt und besucht zu werden.
Denn in der Hauptstadt gibt es weitaus mehr j├╝disches Leben und j├╝dische Orte als nur das J├╝dische Museum und das Holocaust-Mahnmal. Einen Ausschnitt dieser kulturellen Vielfalt m├Âchten wir Ihnen hier pr├Ąsentieren.

Die Alte Synagoge in der Heidereuther Gasse, die 1714 von der noch jungen J├╝dischen Gemeinde zu Berlin in Gebrauch genommen wurde, wurde in der Reichspogromnacht 1938 verw├╝stet, und in den 1960ern schlie├člich abgerissen, obwohl ein Wiederaufbau durchf├╝hrbar gewesen w├Ąre. An Berlins erste Synagoge erinnert heute nur eine Gedenktafel, die hinter B├Ąumen und einer Garagenzufahrt allzu versteckt ist.

In unmittelbarer N├Ąhe, auf einer Gr├╝nanlage vor der Rosenstra├če, steht der "Block der Frauen". Ingeborg Hunziger entwarf das Kunstwerk, das an den Frauenprotest in der Rosenstra├če erinnern soll, 1995 wurde es realisiert.

Zwei Litfasss├Ąulen auf der Rosenstra├če kl├Ąren ├╝ber die "Fabrikaktion" auf, bei der 7.000 Juden, die in "privilegierten Ehen", den sogenannten "Mischehen" lebten, Anfang 1943 verhaftet wurden. Die "arischen" Ehefrauen protestierten wochenlang f├╝r deren Entlassung.

In der Rosenthalerstra├če 39 befindet sich das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt. Otto Weidt hatte in den 30er und 40er Jahren eine Besen- und B├╝rstenfabrik, in der J├╝dinnen und Juden arbeiteten. Da sein Unternehmen als kriegswichtiger Betrieb eingestuft war, gelang es Otto Weidt Ende 1942 einige j├╝dische ArbeiterInnen, die in einem Sammellager interniert waren, zur├╝ckzuholen und versteckte sie. Die meisten davon wurden verraten und umgebracht. Otto Weidt konnte jedoch knapp 30 Menschen retten, darunter auch die Schriftstellerin und Journalistin Inge Deutschkron.
(Sonntags um 14 Uhr finden ├Âffentliche F├╝hrungen durch die Ausstellung und die Spandauer Vorstadt statt. Preis: 3 Euro, zzgl. Eintritt)
www.blindes-vertrauen.de

Der ├Ąlteste j├╝dische Friedhof der J├╝dischen Gemeinde befand sich in der Gro├čen Hamburger Stra├če. Heute ist er ein denkmalgesch├╝tzter Park, auf dem der Grabstein Moses Mendelssohns mit deutscher und r├╝ckseitig mit hebr├Ąischer Schrift steht.
Tafeln auf verschiedenen Sprachen informieren ├╝ber den Friedhof, der 1943 durch die Gestapo entweiht wurde, um als Splittergraben und sp├Ąter als Massengrab f├╝r Bombenopfer zu dienen.

Einige Schritte weiter befand sich bis 1942 das J├╝dische Altersheim in der Gro├čen Hamburger Stra├če 29. Heute "erinnert" eine Plastik etwas zweifelhaft daran: Dieses Kunstwerk entstammt aus einem nicht realisierten Entwurf von Will Lammert, der dem Frauen-KZ Ravensbr├╝ck zugedacht war.
Es besteht also keinerlei Zusammenhang zwischen der Skulpturengruppe aus Frauen und dem historischen Ort. Informationstafeln, die ├╝ber diesen Missstand aufkl├Ąren k├Ânnten, gibt es bis heute nicht!

Zwei H├Ąuser weiter befindet sich seit ├╝ber zehn Jahren die J├╝dische Oberschule in der Gro├čen Hamburger Stra├če 27. Urspr├╝nglich als Knabenschule f├╝r j├╝dische und humanistische Bildung 1778 gegr├╝ndet, wurde sie 1942 geschlossen und stand in der DDR lange leer.

Die Gro├če Hamburger Stra├če m├╝ndet in den Koppenplatz, auf dem "Der verlassene Raum" steht: Ein Tisch, zwei St├╝hle, einer davon umgerissen, wie bei einer hastigen Flucht. In den Rand des bronzenen Parkettbodens sind Verse eines Gedichts von Nelly Sachs graviert.
Seit 1996 existiert diese Installation von Eva Butzmann und Karl Biedermann, die 1988 damit einen Wettbewerb zum 50. Gedenktag der Reichspogromnacht gewannen.

In der Tucholskystra├če 40 befindet sich die Berliner Einheitsgemeinde "Adass Jisroel". Die Entwicklung und Reformierung der J├╝dischen Gemeinde ging manchen Mitgliedern zu weit, sodass die Neo-Orthodoxie entstand. Diese j├╝dische Str├Âmung versuchte Torahtreue mit Akkulturation an die deutsche Kultur zu verbinden.
"Adass Jisroel" wurde 1885 offiziell gegr├╝ndet und anerkannt. Nachdem die Gemeinde 1939 aufgel├Âst wurde und Bomben im Krieg die Synagoge zerst├Ârten, wurde "Adass Jisroel" 1989 neu gegr├╝ndet und ein Jahr sp├Ąter eine neue Synagoge er├Âffnet.

In der Tucholskystra├če 9 befindet sich heute das Leo-Baeck-Haus, in dem die Gesch├Ąftsstelle des Zentralrats der Juden in Deutschland und die Redaktion der J├╝dischen Allgemeinen Zeitung sitzt.
Ab 1907 hatte die "Hochschule f├╝r die Wissenschaft des Judentums", gegr├╝ndet 1872, hier ihren Sitz. Im Vorfeld waren drei Versuche, eine j├╝dische Fakult├Ąt an der Berliner Universit├Ąt zu etablieren, gescheitert.
Leo Baeck, Direktor der Hochschule, unterrichtete seit 1919 Judaistik. Anfang der 30er Jahre wurde die weltweit erste Rabbinerin, Regina Jonas, ordiniert (Dies nur nebenbei: Die zweite Rabbinerin wurde erst 1972 im amerikanischen Cincinatti eingesegnet).
Das Schicksal der "Hochschule f├╝r die Wissenschaft des Judentums" ist symptomatisch f├╝r Berlins wechselvolle Geschichte: Im Zuge des Berliner Antisemitismusstreites wurde sie in eine "Lehranstalt" umgetauft, in der Weimarer Republik wieder zur "Hochschule" gemacht, um dann im Dritten Reich abermals "Lehranstalt" zu werden: Endg├╝ltig geschlossen 1942.

In der Oranienburger Stra├če 28/30 befindet sich die Stiftung "Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum". Durch den christlichen Baumeister Eduard Knoblauch erbaut, wurde die Neue Synagoge 1866 zu Rosch Haschana, dem j├╝dischen Neujahrsfest, eingeweiht. Die alte Synagoge in der Heidereuthergasse war f├╝r die rasant anwachsende Berliner Gemeinde zu klein geworden, das neue Gotteshaus konnte 3.200 (!) Gl├Ąubige aufnehmen.
Deutschlands gr├Â├čte Synagoge ist im maurischen Stil erbaut und erinnert an die Alhambra in Granada, sowie an die Budapester Synagoge, wobei man nicht wei├č, ob Knoblauch letztere kannte.
Sogar f├╝r Treitschke, der durch den Berliner Antisemitismusstreit zu zweifelhaftem Ruhm gekommen war, war es das "sch├Ânste Gotteshaus".
Nachdem die seinerzeit ├Ąu├čerst moderne Synagoge die Reichspogromnacht 1938 unbeschadet ├╝berstanden hatte, fiel sie den Bomben im Krieg zum Opfer. Zahlreiche Kultger├Ąte wurden zudem zur Verst├Ąrkung von Betonw├Ąnden entweiht. Diese wurden bei der Sprengung des Synagogenhauptraumes Ende der 50er Jahre entdeckt und werden heute ausgestellt.
Heute besteht der gesamt Komplex aus drei Teilen: Aus Altem, Neuem und der Ruine. Dies ist beabsichtigt: Das Alte, die Au├čenfassade und -mauern, soll die Gr├Â├če und Wichtigkeit des Gotteshauses f├╝r die damalige Reform-Gemeinde repr├Ąsentieren. Das Neue, eine Stahl-Glaskonstruktion, soll f├╝r heutige und nachkommende Generationen Mahnung sein, dass man das, was verloren ist - damit ist nicht nur die Architektonik, sondern auch der ideelle und nat├╝rlich der physische Verlust gemeint - nicht wieder aufbau- und ersetzbar ist, sondern f├╝r immer verloren bleibt. Die Ruine soll die Zerst├Ârung, den Terror und die L├╝cke sowohl in der J├╝dischen Gemeinde als auch in der Stadt Berlin darstellen.
Es werden F├╝hrungen zur st├Ąndigen und zu Dauerstellungen angeboten.
www.cijudaicum.de

In der Oranienburgerstra├če 26 (Eingang Krausnickstra├če) hat der J├╝dische Kulturverein Berlin e.V seinen Sitz. Gegr├╝ndet nach der Wende, verwurzelt jedoch in der von Kindern ├ťberlebender und Exilierter initiierten Gruppe "wir f├╝r uns" aus den 80er Jahre in der DDR. Verschiedene kulturelle Veranstaltungen, wie Lesungen, Musikprogramme und Vortragsreihen, vereinen weltliches mit traditionellem Judentum. Hier wird Kabbalat Schabbat gefeiert, interkulturelle und interreligi├Âse Veranstaltungen stehen jedem offen.

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Geschichte des j├╝dischen Berlins

Jüdisches Leben Beitrag vom 05.07.2004 AVIVA-Redaktion 





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