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AVIVA-BERLIN.de 10/23/5778 - Beitrag vom 05.09.2007

Drei Fotografinnen. Eine Doku von Antonia Lerch
Marietta Harder

In den 30ern waren sie au├čergew├Âhnliche K├╝nstlerinnen: Ilse Bing, Grete Stern, Ellen Auerbach. Und wie sieht ihr Leben 60 Jahre sp├Ąter aus, welche Erinnerungen haben sie an die Vergangenheit?



Antonia Lerch, Filmemacherin aus Berlin, stellte sich diese Fragen und dokumentiert in ihren drei Filmen die Geschichte der j├╝dischen Fotografinnen, wobei sie nur die K├╝nstlerinnen selbst zu Wort kommen l├Ąsst. Alle drei begannen eine Karriere in Deutschland, mussten aus der Heimat fliehen und arbeiteten im Ausland erfolgreich weiter. Welche Erfahrungen sie dabei machten und welche Ziele sie verfolgten, schildert jede von ihnen in einem 55min├╝tigen Portrait.

Ilse Bing, 1899-1998
"Ich bin nicht Fotografin geworden, sondern ich war es einfach. Ich wusste, das ist das Richtige, das ist mein Weg", beschreibt Ilse Bing 1992 den Beginn ihrer Laufbahn als K├╝nstlerin und l├Ąsst die ZuschauerInnen an ihrer immer noch sp├╝rbaren Begeisterung teilhaben. Voller Stolz und mit Eigenwillen zeigt sie eine Auswahl ihrer Werke, kann sich an fast jede Jahreszahl erinnern und erz├Ąhlt zu vielen Aufnahmen deren Entstehungsgeschichte: So entstand unter anderem das Foto "Drei M├Ąnner an der Seine", weil Ilse Bing genau in dem Moment fotografierte, als der f├╝nfte hinzukam und die Komposition perfekt machte. "Ich war immer bereit, ich hatte immer meine Kamera dabei."

Im Hintergrund ist Klaviermusik zu h├Âren, gespielt von ihrem verstorbenen Ehemann Konrad Wolff. So macht bereits der Beginn des ersten Filmportraits neugierig auf das Leben der um 1900 geborenen J├╝dinnen.

Als Avantgarde-K├╝nstlerin der 20er und 30er Jahre geh├Ârt Ilse Bing mit ihren Leica-Aufnahmen zu den experimentierfreudigen und bedeutendsten Fotografinnen der klassischen Periode. Das Besondere ihrer Arbeiten zeichnete sich nicht nur durch den Gebrauch der Kleinbildkamera aus, auch ihre Nachtaufnahmen und ungew├Âhnlichen Perspektiven, der stets individuelle Blick waren damals au├čergew├Âhnlich. Genau wie der Wille, diesem Beruf nachzugehen: "In einer Blitzsekunde entschied ich mich, ich lasse die akademische Karriere fallen und bleibe bei der Fotografie. Das war an sich nicht leicht, denn auf Fotografinnen hat man nur so von oben runter gesehen." Dennoch steht f├╝r Ilse Bing 1929 fest, dass ihre Zukunft nicht in dem Studium der Mathematik und Kunstgeschichte liegt.

Zun├Ąchst arbeitet sie f├╝r einige Illustrierte und emigriert 1930 nach Paris, wo sie "vom ersten Augenblick an f├╝hlte, wie die Wurzeln von meinen F├╝├čen in das Pflaster gehen." Hier folgen in den kommenden Jahren zahlreiche Auftr├Ąge und Ilse Bing stellt ihre Werke aus, in denen sie unter anderem die Stadt, Musik und Tanz thematisiert. "Es sind stets Aufnahmen mit einer sehr individuellen Sicht auf ihre Umgebung ... extreme Aufsichten, interessante Nahansichten und ungew├Âhnliche Ausschnitte" zeichnen ihre Arbeit aus, hei├čt es in einem Ank├╝ndigungstext zur Ausstellung von Ilse Bing.

In ihren eigenen Worten berichtet die Avantgarde-K├╝nstlerin aus der Vergangenheit und reist mit leuchtenden Augen noch einmal zur├╝ck. Die Kamera beobachtet sie dabei und ohne Kommentare von au├čen tauchen die ZuschauerInnen ein in das nicht immer einfache Leben der (zu dem Zeitpunkt) 93j├Ąhrigen.

Grete Stern, 1904-1999
Auch sie beginnt mit einem Studium und gibt es einige Jahre sp├Ąter auf, um sich der Fotografie zu widmen: "...fand ich in der Fotografie eine M├Âglichkeit, das auszudr├╝cken, was ich gerne zeigen wollte." Und um dies mit Erfolg zu tun, andere Menschen an ihrer Sicht teilhaben zu lassen, lernt Grete Stern 1927/28 in dem Berliner Studio von Walter Peterhans als Privatsch├╝lerin. "Ich arbeitete ein Jahr mit Peterhans, dann erschien eine zweite Sch├╝lerin, Ellen Rosenberg, mit der ich sp├Ąter zusammen ein Atelier machte.", erinnert sich Grete Stern in dem Filmportr├Ąt.

Mit den Arbeiten im Atelier "ringl + pit", einem Studio f├╝r Reklamefotografie, werden die beiden Avantgarde-K├╝nstlerinnen bekannt und gewinnen unter den Spitznamen aus Kindertagen internationale Auszeichnungen. Noch 1992 berichtet Grete Stern stolz: "So ein Bild hie├č dann Studio ringl + pit, fotografiert von Grete Stern oder von Ellen Rosenberg, oder von beiden zusammen. (...) Wir haben uns wohl gef├╝hlt und haben mit sehr viel Genuss gearbeitet." Dies erkannte auch die Jury der "Exposition Internationale de la Photographie et du Cinema" in Br├╝ssel und vergab 1933 einen Preis an "Komol", eine Werbeaufnahme der Berliner Fotografinnen.

Ihre Zusammenarbeit ist jedoch nicht von langer Dauer und findet im Herbst 1933 ein schlagartiges Ende: Die J├╝dinnen Grete Stern und Ellen Rosenberg (sp├Ąter Auerbach) trennen sich und verlassen Deutschland, Ringl emigriert zun├Ąchst nach London, Pit l├Ąsst sich in Tel Aviv nieder. "Es war ein Schnitt. (...) Wir waren traurig, f├╝r die ganze Situation dort, wir waren traurig, dass wir uns trennen mussten, wir hatten einige Jahre ein wunderbares Atelier angefangen."

F├╝r Grete Stern schlie├čt sich eine erfolgreiche Karriere an, vor allem in Buenos Aires, wo sie zahlreiche Portr├Ąts anfertigt und auch Fotomontagen gestaltet. Viele dieser Aufnahmen sind heute noch erhalten und so pr├Ąsentiert sie in der Dokumentation von Antonia Lerch einige Arbeiten der Jahre 1930-1970. "Im Jahr 1982 habe ich aufgeh├Ârt zu fotografieren. Es hat mich nicht mehr interessiert."

Ellen Auerbach, 1906-2004
"Ich glaube manchmal, dass die besten Bilder unbewusst entstehen. Irgendwas bringt dich zum Fotografieren und nachher wundert man sich, wie so etwas gelingen konnte.", versucht Pit ihre Arbeit in Worte zu fassen. Sie ist ebenfalls eine au├čergew├Âhnliche Fotografin der 20er und 30er Jahre und stellt als Dritte in der Dokumentation ihre Aufnahmen vor. Die ZuschauerInnen sehen ihr beim Fr├╝hst├╝cken zu und erfahren von ihrer Kooperation mit Ringl (Grete Stern). Beeindruckende Zeugnisse dieser Berliner Atelier- und Wohngemeinschaft sind neben einigen K├╝nstlerInnenportr├Ąts auch und vor allem die Sach- und Werbefotografien des Studios "ringl + pit". Durch Humor, Ironie und Provokation heben sie sich von den g├Ąngigen Reklamebildern der damaligen Zeit ab und werden unter anderem in Br├╝ssel ausgezeichnet.

Erg├Ąnzend zur Fotografie experimentiert Ellen Rosenberg (sp├Ąter Auerbach) Anfang der 30er Jahre mit 16-mm-Bildstreifen und drehte einige Schwarz-Wei├č-Kurzfilme, wie "Bertolt Brecht" oder "Gretchen hat Ausgang".

Ihren Weggang aus Deutschland und das Ende der Studioarbeit mit Pit kommentiert Ringl 1992: "Die Aussichten f├╝r uns erschienen mir einfach zu schlecht und zu entw├╝rdigend, da wollte ich nicht bleiben. Das hat nichts damit zu tun, wie ich ├╝ber Deutschland f├╝hle, das war einfach eine Sache von Hitler." Und so emigriert die j├╝dische Avantgarde-K├╝nstlerin 1933 nach Tel Aviv, lebt ein paar Jahre sp├Ąter in London mit Grete Stern und geht 1937 schlie├člich mit ihrem Ehemann Walter Auerbach in die Vereinigten Staaten. Hier ver├Ąndert sich ihr Fotografierstil: Standen ihre Bilder der Berliner Jahre noch unter dem Einfluss der avantgardistischen Fotografie der 20er Jahre, gelingt Ellen Auerbach nun der fotografische Blick auf unspektakul├Ąre Alltagssituationen. Mit dem ihr eigenen Gesp├╝r f├╝r Menschen und Situationen wandelt sie das vordergr├╝ndig Sichtbare mit Hilfe der Kamera zu zeitlosen und poetischen Aufnahmen. Sie nennt dies ihr "drittes Auge", das im Verborgenen das Wesentliche zu entdecken vermag. "Ich habe ziemlich fr├╝h gemerkt, dass ich zu den Leuten geh├Âre, die was suchen. Ich hab gemerkt, dass es versteckt ist. Und wenn ich es irgendwo finde, dann bin ich sehr gl├╝cklich und in der Fotografie hat man verh├Ąltnism├Ą├čig viel Gelegenheit, davon etwas zu finden. Was das aber wirklich ist, wei├č ich nicht genau."

AVIVA-Tipp: Antonia Lerch l├Ąsst die Fotografinnen in ihrer gewohnten Umgebung, dem eigenen Wohnzimmer in New York und Buenos Aires zu Wort kommen. So erhalten die ZuschauerInnen einen interessanten Einblick in die Gef├╝hlswelt der "Drei Fotografinnen", erfahren von ihrem Umgang mit der Vergangenheit und der Rolle ihrer Arbeiten innerhalb der Geschichte der Fotografie. Drei v├Âllig verschiedene Charaktere blicken auf ihr Lebenswerk und die Kamera f├Ąngt Emotionen wie Traurigkeit oder Stolz ein und macht es so m├Âglich, auch zwischen den Zeilen zu lesen.


Drei Fotografinnen
Ilse Bing, Grete Stern, Ellen Auerbach

Deutschland, 2007
Regie: Antonia Lerch
Darstelerinnen: Ilse Bing, Grete Stern, Ellen Auerbach
Laufzeit: 165 Minuten, Tonformat: Dolby 1.0, Bildformat: 4:3
Sprache: Deutsch
Extras: Kapiteleinteilung, ausf├╝hrliches Booklet, PDF mit Links und Buchtipps
Vertrieb: absolut MEDIEN
EAN: 978-3-89848-845-7
24,90 Euro

Weiterlesen:
Drei gro├če Fotografinnen der 20er und 30er Jahre

Weitere Infos:
www.exil-archiv.de
www.artnet.de
www.storms-galerie.de


Jüdisches Leben Beitrag vom 05.09.2007 AVIVA-Redaktion 





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