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AVIVA-BERLIN.de 11/19/5778 - Beitrag vom 15.09.2002

Erica Fischer, Autorin von Jaguar & Aim├ęe - Teil 2
Sharon Adler

1943 im englischen Exil geboren, wohin ihre Eltern - der Vater war ├ľsterreicher, die Mutter polnische J├╝din - 1938 gefl├╝chtet waren. 1948 kehrte sie mit der Familie nach Wien zur├╝ck.



AVIVA-BERLIN: Wie beurteilen Sie das Bild Israels in den Medien, und woher kommt die Sympathie der Deutschen f├╝r die Pal├Ąstinenser?
Erica Fischer:
Ich habe mich aus dem Nahost-Konflikt immer herausgehalten. Ich wollte mich dazu nicht ├Ąu├čern. Ich habe keinerlei zionistische Tradition in meiner Familie. Meine Mutter war in ihrer Jugend Kommunistin. Ihre Familie war in Warschau sehr auf Assimilation bedacht. Deshalb spielte das Judentum in meiner Erziehung keine Rolle und ich habe erst Ende der achtziger Jahre angefangen, mich damit ernsthafter zu besch├Ąftigen.
Und doch gab es da immer eine gewisse Sensibilit├Ąt: Ich erinnere mich in den 80er Jahren an ein Gespr├Ąch mit einem ├Âsterreichischen Journalisten. Er sagte, er w├╝rde keine israelischen Avocados kaufen. Das war die Zeit, als ich selbst im Fr├╝chte-Boykott gegen S├╝dafrika engagiert war. Da habe ich mich schon gefragt: Wieso Israel und nicht S├╝dafrika?
Ich habe auch keine besondere N├Ąhe zu Israel. Ich war einige Male dort und fand es sehr interessant und aufregend, vor allem das Gef├╝hl, unter lauter Juden zu sein. Aber ich bin von meiner politischen Einstellung her eine Linke, also grunds├Ątzlich gegen Besatzer, gegen Imperialisten und auf der Seite der Schwachen. Insofern stehe ich politisch auf der Seite der Pal├Ąstinenser. Die Selbstmordattentate finde ich allerdings unertr├Ąglich, dieser ganze arabische Macho-M├Ąrtyrerkult.
[Foto: Erica Fischer - ┬ę Sharon Adler] Die jungen Menschen identifizieren sich wahrscheinlich mit den vermeintlichen Opfern. Das finde ich auch grunds├Ątzlich richtig. Aber die Dinge sind nicht so einfach, wie es die Leute gern h├Ątten: das klare Bild von den B├Âsen auf der einen Seite und den Guten auf der anderen. Ich denke jedoch, dass diese Tendenz in Deutschland nicht ausgepr├Ągter ist als in Frankreich und anderswo. Ich z├Âgere, das direkt einer antisemitischen Grundstr├Âmung zuzuordnen.
Es wird aber viel zu wenig wahrgenommen, dass es neben der Sharon-Politik in Israel auch eine Friedensbewegung gibt, immer gegeben hat. Gerade der Nahost-Konflikt hat einen sehr komplizierten historischen Hintergrund, an dem Deutschland nicht unbeteiligt ist.
Man kann wohl nicht radikal und differenziert gleichzeitig sein. Wenn ich mich an mich selber als radikale Feministin erinnere, so war ich vermutlich sehr m├Ąnnerfeindlich. Habe einzelne M├Ąnner f├╝r das gesamte Patriarchat verantwortlich gemacht. Andererseits habe ich immer zu jenen geh├Ârt, die bereit waren, den Dialog zu f├╝hren. Den Dialog abzubrechen, bedeutet Krieg. Solange man spricht, ist noch Hoffnung. Ich habe den Kontakt zu M├Ąnnern nie abgebrochen.

AVIVA-BERLIN: Wo sehen Sie Ihre eigene j├╝dische Identit├Ąt?
Erica Fischer:
Ich war f├╝nf, als ich nach Wien kam. Was mir meine Mutter vermittelt hat, war das Wissen um den polnischen Antisemitismus einerseits und ihr eigenes Unbehagen, im Naziland ├ľsterreich zu leben. Das hat sich mir schon als Kind eingepr├Ągt. Ich war immer sehr stolz auf meinen englischen Pass und meine englische Staatsb├╝rgerschaft und hatte eine gro├če Distanz zu ├ľsterreich. Als Kind und als Jugendliche konnte ich aber nicht artikulieren, was die Ursache war. Ich bin erstmals 1965 - w├Ąhrend einer antisemitischen Welle an der Wiener Uni - f├╝r ein Jahr weggegangen, erst nach England, dann nach Italien. Ich hatte das Gef├╝hl, es keinen Augenblick l├Ąnger ertragen zu k├Ânnen. Insofern war schon ein Bewusstsein da, aber ich habe das mehr allgemein politisch verstanden. Wie stark das alles mit mir pers├Ânlich zu tun hatte, habe ich damals nicht erkannt.

[Foto: Erica Fischer - ┬ę Sharon Adler] Das zweite Mal war w├Ąhrend der Zeit, als Waldheim Bundespr├Ąsident von ├ľsterreich war, 1986. Jeden Sonntag ging meine Mutter auf den Stephansplatz, um mit den Leuten ├╝ber Antisemitismus zu diskutieren. Ich konnte nicht verstehen, wie sie sich dem aussetzen konnte. Die zweite Generation ist da ja oft viel empfindlicher, ich wollte damit nichts zu tun haben.
1988 ging ich - frisch verheiratet - nach K├Âln, und erst in Deutschland habe ich ernsthaft begonnen, mich mit meinem j├╝dischen Hintergrund zu besch├Ąftigen. So habe ich einmal einen Artikel ├╝ber j├╝dischen Feminismus geschrieben, habe gelesen, wie amerikanische j├╝dische Feministinnen mit ihrer Religion umgehen und fand das sehr spannend. Als ich 1994 - frisch geschieden - nach Berlin kam, habe ich bewusst j├╝dische Zusammenh├Ąnge gesucht, hatte eine j├╝dische Therapeutin und bin auch einige Male in der Synagoge gewesen. Aber die Religion erschlie├čt sich mir nicht. Doch immerhin habe ich es geschafft, meine Beklommenheit los zu werden, mich nicht mehr zu sch├Ąmen, dass ich so wenig ├╝ber das Judentum wei├č. Jetzt wei├č ich gerade genug. Ich muss nicht religi├Âs sein, um J├╝din zu sein. Aber ich finde die Tradition sch├Ân und bedaure, davon so wenig mitbekommen zu haben.
Eine j├╝dische Bekannte - Ruth Beckermann - hat ein Buch ├╝ber Juden im Nachkriegs├Âsterreich geschrieben mit dem Titel "Unzugeh├Ârig". Das ist mein Lebensproblem: Ich habe mich immer unzugeh├Ârig gef├╝hlt. Dieses Gef├╝hl der Unzugeh├Ârigkeit wird nie vergehen.

[Foto: Erica Fischer - ┬ę Sharon Adler]AVIVA-BERLIN: "Ni oubli├ę, ni pardon" und "Juden m├╝ssen immer Angst haben" - das sind Zitate aus dem Band "Die Liebe der Lena Goldnadel". Empfinden Sie das auch so?
Erica Fischer:
"Ni oubli├ę, ni pardon" - im Bezug auf die Nazigeneration ganz sicher. Das stand auf dem Grab einer umgebrachten Familie. Bezogen auf die nachfolgende Generation muss man nichts verzeihen, weil sie nichts daf├╝r kann. Was ich den j├╝ngeren Leuten allerdings nicht verzeihe, ist, dass sie nicht genug nachfragen. Wenn ich junge Leute nach ihren Gro├čeltern frage, sagen sie: "Ich habe es versucht, aber sie wollen nicht reden" oder aber: "Ich bin jung, was geht mich das an?" Diese mangelnde Auseinandersetzung mit der eigenen Familie muss man kritisieren.
Aber ich habe bei Lesungen auch Menschen meiner Generation kennen gelernt, die es getan haben und die psychisch schwer angeschlagen sind. Das sind zwar Einzelf├Ąlle, aber ich habe gesehen, was passieren kann, wenn man sich der famili├Ąren Wahrheit stellt.
Wenn ich mit jungen Leuten ├╝ber eine meiner Geschichten aus "Lena Goldnadel" spreche, in der der Vater einer jungen J├╝din nicht will, dass seine Tochter einen Deutschen heiratet, bekomme ich als erstes zu h├Âren: "Die Juden sind ja genauso Rassisten wie die Nazis". Dieser Nazi-Vergleich, der auch in der Nahost-Debatte immer wieder kommt, ist schrecklich.

AVIVA-BERLIN: Und was halten Sie von M├Âllemann?
Erica Fischer:
Ich denke, dass die FDP von den M├Âllemann-├äu├čerungen profitieren wird und dass die am rechten Rand absch├Âpfen werden. Dieser Hass gegen Michel Friedmann: Er ist einfach zu selbstbewusst f├╝r die Leute. Er ist aggressiv und fordernd, sieht gut aus, und das macht ihn f├╝r sie unertr├Ąglich. Ein Jude darf so nicht sein. Da merkt man dann doch, dass der Antisemitismus knapp unter der Oberfl├Ąche liegt. Manchmal denke ich, ich sehe die Lage vielleicht doch zu positiv. Aber wenn ich hier lebe, muss ich ja auch einen positiven Bezug zu meiner Umgebung haben. Ich will nicht paranoid sein.
Und als Ausl├Ąnderin, die ich bin - ich bin ja auch nicht wahlberechtigt -, finde ich es hier leichter als in ├ľsterreich. Was hier passiert, geht mir nicht so sehr unter die Haut. Und auf jeden Fall wurde hier mehr aufgearbeitet als in ├ľsterreich, keine Frage.

AVIVA-BERLIN: Sie lieben j├╝dische Friedh├Âfe und k├Ânnen Stunden damit zubringen, die Namen auf den Grabsteinen zu lesen. Was fasziniert Sie daran?
Erica Fischer:
Diese Namen sind f├╝r mich mit der Trauer ├╝ber eine vergangene, versunkene Zeit verbunden, die ich nat├╝rlich auch romantisiere. Es ist ein Phantasieren ├╝ber etwas, was verloren gegangen ist, unwiederbringlich.

AVIVA-BERLIN: Kennen Sie auch diese spezielle Fragestellung: ├ähhh, sind Sie.....Jude? Ich selber entgegne immer: Erstens bin ich J├╝din und zweitens ist es kein Schimpfwort, Sie k├Ânnen es ruhig aussprechen.....
Erica Fischer:
Oh ja, das kenne ich. Diese Angst, das Wort in den Mund zu nehmen, weil es fr├╝her ein Schimpfwort war. Das ist heute noch stark ausgepr├Ągt.

[Foto: Erica Fischer - ┬ę Sharon Adler]AVIVA-BERLIN: Auf Ihrer taufrischen Website findet sich der Satz: "zwei Staatsb├╝rgerschaften, aber keine Kinder".
Erica Fischer:
Ja, das stimmt, zwei Staatsb├╝rgerschaften, aber keine Kinder.

AVIVA-BERLIN: War das eine bewusste Entscheidung?
Erica Fischer:
R├╝ckblickend war es wohl eine Entscheidung, die ich aber nicht bewusst getroffen habe, es war einfach das Leben. Nach `68 war die Zeit so ungeheuer interessant. Ich bin Anfang der 70er Jahre mit drei├čig in der Frauenbewegung aktiv geworden. Damals h├Ątte ich mir das mit dem Kind allm├Ąhlich ├╝berlegen m├╝ssen. Ab und zu habe ich dar├╝ber nachgedacht. Aber immer war das, was ich gerade gemacht habe, so viel aufregender als die Vorstellung, ein Kind zu haben. Das Bed├╝rfnis war nicht so stark. Heute w├Ąre es sch├Ân, eine erwachsene Tochter zu haben. Es ist ein Aspekt des Lebens, der mir entgangen ist.

AVIVA-BERLIN: Ihr Traum?
Erica Fischer:
Mein Traum w├Ąre es, eine j├╝dische Geschichte aus Wien zu schreiben. Ich bin jetzt bereit, mich meinem ├Âsterreichischen Anteil auszusetzen. Dort nachzubohren, wo es am meisten weh tut, mir am n├Ąchsten kommt.
Ich denke, Literatur ist immer auch die Suche nach den eigenen Spuren. Wunderbar fand ich "Die Vertreibung aus der H├Âlle" von Robert Menasse. Er hat seine Familiengeschichte in eine hochliterarische Form gegossen. Mich haben immer wieder Leute gefragt, warum schreibst du nicht ├╝ber deine eigene Familie? Aber damit will ich vorerst nichts zu tun haben. Vielleicht sp├Ąter einmal, wenn ich siebzig bin...

Jüdisches Leben > Juedinnen Beitrag vom 15.09.2002 Sharon Adler 





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