Interview mit Peggy Lukac - Teil 1 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Juedisches Leben Juedinnen



AVIVA-BERLIN.de 3/4/5782 - Beitrag vom 02.12.2003


Interview mit Peggy Lukac - Teil 1
Sharon Adler

Peggy Lukac, eine der Leiterinnen der Jüdischen Kulturtage 2003 "A jiddische Gass" im Gespräch mit AVIVA-Berlin über die Verbreitung von Klischees, Klezmeritis und Mut




AVIVA-Berlin, Sharon Adler: Zusammen mit Dr. Elvira Grözinger, Sigalit Meidler-Waks, Vladimir Stoupel und Moishe Waks sind Sie eine der Leiterinnen der Jüdischen Kulturtage 2003. Was war für Sie die größte Herausforderung dabei, was haben Sie gedacht, als Sie den Job übernahmen?
Peggy Lukac:
Die erste größere Herausforderung war das Thema. Ich wurde gefragt, ob ich das machen würde, ich sagte Ja -dann erst erfuhr ich: das Thema ist jiddisch. Oops, jiddisch, jiddisch....

AVIVA-Berlin: Die diesjährigen Kulturtage stehen unter dem Motto: "A jiddische Gass". Was verbindet Sie persönlich mit Jiddisch?
Peggy Lukac:
Was fiel mir zu jiddisch ein? Schtetljudentum, irgendeiner sitzt da, hat eine Milchkanne dabei und singt, "bei mir biste scheen". Und damit war Schluß. Dann dachte ich okay, take it. Ich bin auf Spurensuche gegangen, habe viel gelesen, denn ich bin ein fleißiges Lieschen. Da ich ja auch Regisseurin bin, habe ich das Ganze wie eine Inszenierung gesehen. Das sieht man auch am weiten Spektrum des Programms: von chassidischen Geschichten bis Heeb Magazine. Ich habe ganz viel über Jiddisch erfahren. Auch, dass dieses jiddisch Disney-Land und "Klezmeritis" ein absoluter Quatsch ist. Dann versuchte ich, dieses Festival so zu gestalten wie mein "Hineinarbeiten" in das Jiddische.
"Viele Leute, auch Juden, wissen eigentlich gar nicht was Jiddisch ist."
Da gibt es vielleicht eine Großmutter die jiddisch gesprochen hat, aber in vielen Fällen noch nicht mal das. Assimiliertes Judentum hat längst, vor einem viertel Jahrhundert, aufgehört, Jiddisch zu sprechen. Mit den Pogromen kamen die Ostjuden nach Deutschland, die dann aber auch wieder aufgehört haben jiddisch zu sprechen. Da dachte ich, um Gottes willen, es ist ja schon schwierig genug, in Berlin Jüdisches zu vermitteln, aber Jiddisch?

AVIVA-Berlin: Diese Herausforderung haben Sie aber dann doch angenommen...
Peggy Lukac:
Ja, und das hat mein Leben unglaublich bereichert. Ich kann nicht mal garantieren, dass ich nicht anfange noch mal jiddisch zu lernen. Ich bin ein Maniac.
"Für die Kulturtage wurde viel Neues entdeckt"
Ich habe alle angesprochen, Künstler animiert, sich mit Jiddisch auseinander zu setzen, so dass es einen Synergieeffekt gegeben hat.Alle waren total begeistert, es gab ganz viele Dinge, die wir überhaupt nicht kannten, Arbeiterlieder, 2nd Avenue, Material von alten Schellack-Platten, zum Teil über das Jewish Research Institute in Amerika. "Amour Fou", haben wir neu inszeniert, das Heeb Magazine eingeladen. Es ist auch aufmunternd, dass die jungen FilmemacherInnen einen Preis bekommen, gesponsert von der UFA. Ich denke, dass nicht die Größe des Events wichtig ist, sondern das Zeichen, das man damit setzt. Das ist gut, das macht Mut.

"Eine Renaissance des Jiddischen"


AVIVA-Berlin: Aber insgesamt kann man doch sagen, dass Jiddisch - aus meiner Sicht heraus - eine Renaissance erlebt.
Peggy Lukac:
So etwas tut es, aber das ist immer zweischneidig zu sehen. Alles was so kurz vor dem Untergang ist, bekommt noch eine Erinnerung. Über die Jugendbewegung hat es aber auch eine gewisse Chance: Das ist hip, das ist fancy. Das größte Problem ist, dass es nur wenige Bereiche gibt, wo jiddisch täglich gesprochen wird, außer dem chassidischen Judentum. Das kann man natürlich nicht mit einer Volkshochschule oder einer Universität wett machen Gerade unter säkularisierten Juden ist es auch eine Frage der Identität, die jiddische Sprache nicht zu vergessen und wenn nur mit einzelnen Worten, mit dem Humor wieder Eingang findet.

AVIVA-Berlin: Leo Roosten hat ein sehr schönes Buch gemacht -"Jiddisch", bei DTV erschienen...
Peggy Lukac:
Das ist wunderbar. Es gibt ein zweites Buch, das ich auch dringend empfehlen möchte. Von Miriam Weinstein, aus dem Kindler-Verlag, "Jiddisch. Eine Sprache reist um die Welt.". Man hat nicht das Gefühl, in Universitätsliteratur zu versinken. Es ist spannend, wunderbar geschrieben und hat mir wahnsinnig geholfen. Ich habe den Journalisten Auszüge kopiert. Die fanden das zwar interessant, hatten aber noch weniger Ahnung als ich.. und ich dachte, oh Gott...

Für eine moderne und offenere Ausrichtung der Jüdischen Kulturtage.

(Foto: Margarete Redl - von Peinem)


AVIVA-Berlin: Was erwartet die BesucherInnen während der "Erlebnis-Bustour zwischen jiddischer Theatergeschichte und Volksküche, "inmitn drinen: kibizn und naschn"?
Peggy Lukac:
Kibizn: ein bisschen reingucken. Um die Jahrhundertwende bis in die 20er Jahre, bis Hitler, gab eine große jiddische Theaterszene. Keines dieser jiddischen Theater existiert heute noch. Nur die Sophiensaele werden heute noch als Theater bespielt. Das Herrnfeld Theater war berühmt und unglaublich beliebt.
Es hatte einen eigenen U-Bahn-Eingang. Das gab es nur noch in Potsdam bei der S-Bahn für den Kaiser. Den Herrnfelds wurde deshalb vorgeworfen, Mitverursacher des Antisemitismus zu sein.
In der ehemaligen Grenadierstraße gab es sehr viele jiddische Theater.
Interessant ist die Biographie von Alexander Cranach, ein Bäckergeselle und Sargtischler. Er kam aus dem Osten und sprach nur jiddisch. Als er diese vielen jiddischen Theater gesehen hat, wollte er Schauspieler werden. Er hat das Jiddische abgelegt, seinen Namen geändert. Er nannte sich Alexander, hat sich seine beiden krummen Bäckerbeine gerade brechen lassen und ist dann für Deutschland in den 1. Weltkrieg gezogen. Dann wurde er einer der größten deutschen Schauspieler. Neben diesen Assimilationsprozess haben wir Itzhak Loevy gesetzt, der zu seiner Zeit genauso bekannt war wie Cranach, aber vom Jiddischen nicht weg gegangen ist.
Kafka hat über Loevy geschrieben, das waren ganz berühmte Personen seiner Zeit. Von Itzhak Loevy weiß man heute nichts, Cranach dagegen ist bekannt.
Damals gab eine Volksküche, die "Garkich", und wir begleiten die Erlebnis-Bustour mit Essen, mit Geschichten, mit Erzählungen. Wenn man heute durch die Almstadtstraße geht, ist das ist die langweiligste Straße in ganz Mitte. Früher war hier eine überquellende Schtetlwelt. Die Geschichte, die Vernichtung, es ist zu spüren, was da passierte. Wir streben eine Mischung zwischen Literatur und Vergnügen an, aber nicht im Sinne der Nostalgie.

"Die Jüdische Geschichte überlebt im Polizei-Archiv"

Dass es diese ganzen Stücke heute noch gibt, haben wir der Zensur zu verdanken.
Damals mussten die Stücke der Zensur vorgelegt werden.
Da sie aber Hebräisch geschrieben waren, was der Zensor nicht lesen konnte, gibt es Übersetzungen. Und die haben im Berliner Polizei-Archiv überlebt.

AVIVA-Berlin: Wie sind die Behörden damit umgegangen? War es einfach, an dieses Archiv zu kommen?
Peggy Lukac:
Das lagerte da vor sich hin. Dr. Ingrid Hammer, mit der ich zusammenarbeite, hat dieses Material ein ganzes Jahr lang recherchiert.

AVIVA-Berlin: So ist es auch wieder zum Leben auferweckt.
Peggy Lukac:
Genau, so ist es, das ist eine ganz neue Produktion, die aber niemand hätte bezahlen können.
Zum großen Teil, heute versteht man dies viel eher, war es unglaublich dadaistisch. Es wurden Wortspiele gemacht, die es zum Teil gar nicht gibt. Es war ganz schräg und komisch. Jiddisches Theater war nicht immer nur romantisches Schtetljudentum.

"Die Verbreitung von Klischees: Klezmer und oj-oj-oj"

AVIVA-Berlin: Heute sieht man das in einem ganz anderen Kontext.
Peggy Lukac:
Das kommt mir auch so vor. Es wäre so, als wenn jeder Österreicher vorsichtshalber eine Lederhose anzieht.
Wenn ein Weißer Blues singt, dann macht er das mehr oder weniger gut, kommt aber nicht auf die Idee, sich schwarz anzumalen. Hauptsächlich machen ja Nicht-jüdische Leute Klezmer.
Die ziehen sich eine schwarze Hose, ein weißes Hemd an, setzten sich einen Hut auf den Kopf, wackeln irgendwie komisch mit dem Körper und sagen immer "oj-oj-oj". Natürlich kann jeder auf der Welt Klezmer spielen, aber warum immer nur verkitscht? Diese Welt ist vernichtet worden, das sollten sie endlich wahrnehmen und nicht auf kitschige Weise reinszenieren. Besonders pikant ist, dass das noch nicht mal Juden tun, verkehrte Welt.

Teil 2 des Interviews mit Peggy Lukac finden Sie hier


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Beitrag vom 02.12.2003

Sharon Adler 






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