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AVIVA-BERLIN.de 11/22/5778 - Beitrag vom 17.07.2012

Verlorene und wieder gefundene Erinnerungen. Meta Adler
Donna Swarthout

Die j├╝disch-amerikanische Schriftstellerin Donna Swarthout zieht nach Berlin und st├Â├čt dort unerwartet auf eine verlorene und vergessene Verwandte. Sie macht sich auf eine Reise, um sicher zu...



ÔÇŽ stellen, dass das Andenken ihrer Gro├čtante Meta erhalten bleibt.

Als ich meine Kindheit im New Jersey der 1960er Jahre verbrachte, hinterlie├č der Stempel der deutsch-j├╝dischen Kultur hat seinen Abdruck auf mir. Meine Nanas, Papas und Tanten sprachen Deutsch und Jiddisch und servierten Kuchen an Stelle von Cookies. Sie zogen sich schicker an, als der Durchschnitt der AmerikanerInnen und wirkten sehr kultiviert. Sie waren immer noch ImmigrantInnen in einem neuen Land, deren Abh├Ąngigkeit von einander die Verbundenheit innerhalb unsere weit verstreuten Familie verst├Ąrkte.

Jahrzehnte sp├Ąter, als ich als Erwachsene in Kalifornien und Montana lebte, gab es nur wenig Kontakt mit meinem kulturellen Erbe. Ich versuchte oftmals, in die Vergangenheit einzutauchen und die Erinnerungen meiner Kindheit hervor zu holen, um ihre Pr├Ąsenz wieder in meinem Alltagsleben zu sp├╝ren. Aber wie konnte ich diese verschwommenen Eindr├╝cke von fr├╝her fassen, w├Ąhrend sie immer weiter von mir weg drifteten? Meine Erinnerungen waren nicht mehr fassbar oder detailliert genug, um mehr als eine Fu├čnote zu meiner Identit├Ąt darzustellen. Ich trieb in diesem riesigen Ocean namens Amerika ohne einen Anker durch mein Leben, ohne einen wirklichen Begriff von "zu Hause" zu haben.

Die meisten meiner in Deutschland geborenen Verwandten sind mittlerweile verstorben, so dass der einzige Weg, mich meinen Wurzeln anzun├Ąhern, war, in das Land zur├╝ck zu kehren, aus dem sie geflohen waren. Ich tat diesen Schritt vor zwei Jahren und seitdem bin ich ohne Plan oder Landkarte durch die R├Ąume eines Ortes gewandert, welcher mir neu und vertraut zugleich ist. Die Geschehnisse, die meine Eltern hinter sich gelassen haben, sind hier und warten darauf, dass ich sie erforsche und die Erinnerungen meiner Kindheit scheinen eher in Reichweite. Ich habe den Zweig der Familiengeschichte gew├Ąhlt, der 1938 abgebrochen wurde, und n├Ąhe ihn wieder in das Gewebe eines ver├Ąnderten Deutschlands ein.

Wie eine Zeitreisende bin ich durch Vergangenheit und Gegenwart gegangen und habe versucht, das Ausma├č zu verstehen, in dem Deutschland mich in Besitz nimmt. Ich habe mich dem Schmerz und dem Genozid ge├Âffnet, der nicht verstanden werden kann und ich habe die Freude dar├╝ber gesp├╝rt, in der vibrierenden Landschaft j├╝dischen Lebens in Berlin meinen Platz zu finden. Ich kam hierher, um die Kultur zu erleben, die als Kind meine Sinne so sehr berauscht hat, aber ich habe nie erwartet, irgend etwas zu finden, das Licht auf meine eigene Familiengeschichte wirft. Ich habe meine Familie nie verd├Ąchtigt, Geheimnisse zu h├╝ten.

Letztes Jahr habe ich in die Vergangenheit hinein gegriffen und entdeckte meine Gro├čtante Meta. Meta lebte mit der Familie meines Vaters zusammen, erst Altwiedermus und sp├Ąter in Frankfurt, bis sie 1938 nach Amerika abreisten. Meta war eine einfache Frau von Land, die nie heiratete und als Dienstmagd arbeitete. Als jedeR in der Familie au├čer Meta die Bedingungen f├╝r eine Einreise in die USA erf├╝llte, wurde eine Entscheidung getroffen. Mein Gro├čvater, Metas Bruder, arrangierte die Flucht f├╝r seine Frau, seine Kinder und f├╝r seine Schwiegermutter. Meta wurde zur├╝ck gelassen.

Die Best├Ątigung von Metas Schicksal kam von der Yad Vashem Datenbank in Jerusalem. Ihr Tod widersprach der Version der Familiengeschichte, die von meinen Eltern erz├Ąhlt worden war, der Version, in der alle in die Sicherheit entkamen. Meta geh├Ârte zum Haushalt meines Vaters, also h├Ątte ich von ihr erfahren sollen. Die Entdeckung, dass unsere Familie das Andenken an sie nicht aufrecht erhielt, tat mehr weh, als der dumpfe Schmerz, von ihrem Schicksal zu erfahren. Als die Familie meines Vaters die T├╝r zu ihrem Heimatland hinter sich schloss, sperrten sie Meta in eine Vergangenheit ein, die vor der n├Ąchsten Generation verborgen gehalten wurde.


Meta Adler. ┬ę Familie Adler

Mein Vater war acht Jahre alt, als er Deutschland verlie├č, also muss er sich an Meta erinnert haben. Aber er starb vor neun Jahren, so dass ich keine Chance hatte, seine Erinnerungen an und seine Gef├╝hle f├╝r die Tante zu ergr├╝nden, die pl├Âtzlich aus seinem Leben verschwunden war. Statt dessen erfuhr ich die groben Umrisse von Metas Geschichte von einer Dorfhistorikerin in Altwiedermus, nahm dankbar das eine Photo an, das sie mir gab und sammelte die sp├Ąrlichen Hinweise, die noch vorhanden waren.

Es w├Ąre einfacher gewesen, die Vergangenheit ruhen zu lassen, meine Entschlossenheit, die L├╝cke in der Familiengeschichte zu f├╝llen, aufzugeben. Ich h├Ątte die unangenehmen Gespr├Ąche mit meiner Tante vermeiden k├Ânnen, die Vorw├╝rfe meines Cousins, aus unlauteren Motiven zu forschen, die zahllosen Stunden des Suchens nach Dokumenten, die zerst├Ârt wurden. Aber die Ungerechtigkeit eines verlorenen Andenkens wog so viel schwerer, als die Spannungen, die dadurch entstanden sind, dass ich ein Familienschweigen gebrochen habe.

Das Schweigen meines Vaters war am ehesten nachvollziehbar. Er wollte einfach, dass seine zwei T├Âchter h├Ârten, wie die Familie nach Amerika entkam, sich als arme ImmigrantInnen empor k├Ąmpften und erfolgreich den Amerikanischen Traum lebten. Er besch├╝tzte uns vor der Trauer ├╝ber einen Verlust, den er nicht hatte verhindern k├Ânnen. Aber die Nachkommen derer, die entkommen waren und ├╝berlebt hatten, sollten nicht von Wissen oder Trauer verschont werden, wir haben eine kollektive Verantwortung, die Geschichten zu erfahren und uns an sie zu erinnern.

Mehr als sieben Jahrzehnte des Schweigens ├╝ber ein vergessenes Opfer des Holocausts sind nun vorbei. Am 2. Juli 2012 haben wir vor der fr├╝heren Wohnst├Ątte der Adlers in Altwiedermus einen Stolperstein f├╝r Meta gesetzt. Wir haben Meta wieder in ihren Platz in unserer Familie und in ihrem Dorf eingef├╝gt. Dieser kleine Stein ist ein greifbarer Beweis eines verlorenen Lebens, wie ein Grabstein bezeichnet er einen Ort, um die Tote zu ehren. Metas Stein ist eine dauerhafte Verbindung zur Vergangenheit, f├╝r unsere Familie und f├╝r eine Stadt, die seit 1938 keine j├╝dische Bev├Âlkerung mehr gehabt hat.


┬ę Donna Swarthout. Das fr├╝here Haus der Familie Adler in Altwiedermus

Metas Gedenkzeremonie war das Ergebnis von mehr als einem Jahr Arbeit daran, eine L├╝cke in meiner Familiengeschichte zu f├╝llen. Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, um Stammbaumforschung zu betreiben, oder eine Historikerin des Holocausts zu werden. Ich hatte nie erwartet, die Art Schmerz und Trauer zu erfahren, die ich f├╝r Meta f├╝hlte. Aber mein Bed├╝rfnis, die Vergangenheit wiedergut zu machen, hat mich auf die Spur eines einzelnen Opfers gebracht, und mir eine tiefe Traurigkeit beschert, vor der ich bisher als Tochter deutsch-j├╝discher Eltern besch├╝tzt worden war.

Als ich an einem regnerischen Montagmorgen auf den Stufen zu dem Haus, in dem mein Vater seine Kindheit verbracht hat, vor einer kleinen Gruppe Menschen stand, die sich zu Metas Andenken versammelt hatten, konnte ich nur m├╝hsam genug Fassung bewahren, um f├╝r Meta sprechen zu k├Ânnen. Aber mit der Unterst├╝tzung meiner Schwester und meines Sohnes, der ├╝ber seine Bar Mitzvah in Berlin das Geld f├╝r Metas Stolperstein gesammelt hatte, gab ich dem Leben einer vergessenen Frau eine Stimme. Es ist eines der kraftvollsten Dinge, die ich in meinem Leben getan habe.


┬ę Donna Swarthout. Donna Swarthout nach der Stolperstein-Zeremonie vor dem fr├╝heren Haus der Familie Adler in Altwiedermus

Seit ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich noch andere Entdeckungen ├╝ber meine Familie gemacht, Entdeckungen vom Verlieren und (Wieder-)Finden eines Landes, welches viele Fragmente einer dunklen Vergangenheit enth├Ąlt. Jede Entdeckung st├Ąrkt meinen Sinn f├╝r mein Selbst und hilft mir, meinen Platz als eine j├╝dische Frau im heutigen Deutschland zu finden. Ich will mich nicht in der Vergangenheit verlieren, aber ich will sie als einen Teil, der zur├╝ck gelassen wurde, ber├╝hren und bewahren, um die wieder erlangten Erinnerungen mit mir in die Zukunft zu nehmen. Ich f├╝hle mich jetzt freier, in der Gegenwart zu leben, bereit, die Seiten eines neuen Kapitels meiner deutsch-j├╝dischen Familiengeschichte zu f├╝llen.


┬ę Donna Swarthout

Donna Swarthout zog im Juli 2010 mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern von Bozeman in Montana nach Berlin. Sie ist die Tochter deutsch-j├╝discher Eltern, die 1938 aus Deutschland geflohen sind. Sie hat einen Masterabschluss in Politikwissenschaften von der University of California Berkeley und fast f├╝nfzehn Jahre Erfahrung als Collegelehrerin. Swarthout hat ihre deutsche Staatsb├╝rgerinnenschaft im letzten Herbst wieder erlangt, w├Ąhrend ihr ├Ąltester Sohn seine Bar Mitzvah in Berlins fr├╝herem j├╝dischem Waisenhaus erhielt. Letztes Jahr entdeckte sie, dass ihre Gro├čtante Meta ein Opfer des Holocausts geworden war.

Swarthout hatte bereits fr├╝her f├╝r das "Jewish Writing Project" eine Geschichte zu Meta geschrieben, die unter jewishwritingproject.wordpress.com gelesen werden kann.

Auf ihrem Blog "Full Circle" k├Ânnen Sie mehr ├╝ber sie erfahren.




Lesen Sie auch die englische Version dieses Artikels auf AVIVA-Berlin.


Das Projekt "J├╝dische Frauengeschichte(n) in Berlin - Writing Girls - Journalismus in den Neuen Medien" wurde erm├Âglich durch eine Kooperation der Stiftung ZUR├ťCKGEBEN, Stiftung zur F├Ârderung j├╝discher Frauen in Kunst und Wissenschaft



und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)



Weitere Informationen finden Sie unter:

www.stiftung-zurueckgeben.de

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Jüdisches Leben > Writing Girls Beitrag vom 17.07.2012 AVIVA-Redaktion 





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