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AVIVA-BERLIN.de 11/19/5778 - Beitrag vom 21.12.2012

Rahel Varnhagen von Ense, geborene Levin. Die Geschichte einer indirekten Politikerin
Mich├Ęle Prigoschin

Dem Einfluss der j├╝dischen Saloni├Ęre widmet sich die erst 17-j├Ąhrige Studentin Mich├Ęle Prigoschin, die ihre eigene Geschichte (21. Jhd.) mit der Rahels (18.-19. Jhd.) miteinander vergleichen...



... m├Âchte.

Briefmarke, aus der Serie "Frauen der deutschen Geschichte"
Erstausgabetag: 13. Oktober 1994


Wenn man heute einen beliebigen Passanten nach den dringenden Problemen unserer Zeit fragt, dann sind Antworten wie Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit und Rassismus vorprogrammiert. Die junge Generation lebt in der heutigen Welt.
Geschichte ist f├╝r sie vergangen. Jugendliche verlieren keinen Gedanken mehr ├╝ber "Altes". F├╝r sie ist es einfach "zu weit weg". Doch die Geschichte Deutschlands ist unsere Geschichte und unsere Geschichte ist etwas sehr pers├Ânliches.

In meiner Familie wurde schon immer sehr viel Wert darauf gelegt wer man ist und woher man kommt. Ich bin mit dem Wissen aufgewachsen, dass meine Vorfahren v├Ąterlicherseits j├╝disch sind. Zwar ist man nur j├╝disch wenn die Mutter j├╝disch ist, doch f├╝r mich ist das nicht relevant. Es z├Ąhlt vielmehr, dass man die j├╝dische Geschichte respektiert und sich mit ihr identifizieren kann. Deswegen war ich schon immer stolz, J├╝din zu sein. Darauf basiert mein ganzes Sein: mein Denken, mein Handeln und meine Lebenseinstellungen. Das haben mir meine Eltern beigebracht.

Als Gemeindemitglied der j├╝dischen Gemeinde zu Berlin l├Ąsst man uns, wie jeden Monat, das Gemeindeblatt "j├╝disches Berlin" zukommen. Dort fand ich eine f├╝r mich unerwartete Anzeige der "AVIVA Berlin". Es wurden Teilnehmerinnen f├╝r das Projekt "J├╝dische Frauengeschichten in Berlin" gesucht. Da ich gerne schreibe und mehr ├╝ber das j├╝dische Leben erfahren wollte, rief ich bei Frau Adler an, die erstmal erstaunt war, dass eine 16-j├Ąhrige an so einem seri├Âsen und nicht gerade "modernen" Thema teilnehmen m├Âchte. Doch das tat ich. Wer, wenn nicht die neue Generation sollte die wirklich wichtigen Werte im Leben und zwar Respekt, Familie, Tradition und Toleranz kennen und sch├Ątzen lernen? Wer wenn nicht ich w├╝rde ├╝ber die Person schreiben ├╝ber die ich schreibe? Und zu guter Letzt: Was spricht dagegen, dass eine 16-j├Ąhrige Abiturientin ihren Artikel an die ├ľffentlichkeit richtet?



Deswegen repr├Ąsentiere ich Ihnen nun meine erste Biographie.

Mein Artikel, der haupts├Ąchlich aus einer Biographie besteht und durch Monologe und geschichtliche Informationen verziert ist, sollte also von einer j├╝dischen Frau handeln.

Doch wer repr├Ąsentiert eigentlich die j├╝dische Geschichte? Auf der Suche nach einer passenden Protagonistin f├╝r meinen Artikel bin ich auf eine sehr interessante und bemerkenswerte Frau gesto├čen. Sie fragen sich, wieso ich ausgerechnet ├╝ber eine Frau schreiben will? Als ich mein Abitur mit nur 16 Jahren absolviert habe wurde mir immer h├Ąufiger gesagt, dass ich sehr reif f├╝r mein Alter scheine, da ich sehr philosophisch veranlagt bin. Au├čerdem nannten mich einige "die Feministin" ÔÇô nicht gerade der schlechteste Ruf, den es im Gymnasium zu erwerben gab. Und es stimmt: eine Feministin steckt in mir durchaus.



Ich finde es ist schon lange an der Zeit, Frauen ernst zu nehmen. Es ist auch an der Zeit, dass Frauen sich selbst ernst nehmen. Die Idee und vor allem die "Mode" f├╝r gebildete, interessante und emanzipierte Frauen scheint in der Masse von nichtswollenden Menschen untergegangen zu sein. Ich pers├Ânlich versuche aus dieser Gesellschaftsblase durch Bildung heraus- und hervorzustechen. So wie es Rahel Varnhagen von Ense, geb. Levin zu ihrer Zeit, n├Ąmlich Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts getan hat.

Mein Portr├Ątfoto veranschaulicht die Idee die dahintersteckt.

Der Akzent ist auf das blau leuchtende Buch gesetzt, das sowohl Rahel Levins Profil, als auch die Aufschrift "Ein Buch des Andenkens" in roter Farbe auf sich tr├Ągt. Gegen├╝ber des Buches sieht man meine Seitenansicht, wie ich Rahels Buch, sozusagen ihre Lebensgeschichte "auf den H├Ąnden trage". Die Idee ist, dass meine Geschichte (21. Jhd.) auf Rahels Geschichte (18.-19. Jhd.) prallt und diese miteinander verglichen werden.



Mein Interesse an dieser Frau wurde durch etliche ihrer Briefwechsel, durch Filme, Informationen und die Vorstellung der Zeit des 18. Jhd. geweckt.
Zu Anfang meiner Arbeit versuchte ich mich in die Zeit des 18.-19. Jahrhunderts einzuleben, um Rahels Leben, Interessen und Lebensziele nachvollziehen zu k├Ânnen.
Deswegen habe ich mich daf├╝r entschieden meine Informationen erst einmal aus B├╝chern zu sammeln. Ich bin sehr froh, dass es viel Material ├╝ber die bekannte Salondame gibt, da mir dadurch die M├Âglichkeit geboten wird, eine auf Fakten basierende Biographie schreiben zu k├Ânnen.

Rahel Levin wurde am 19. Mai 1771 in Berlin als ├Ąltestes von f├╝nf Kindern geboren. Ihr Vater Markus Levin (1723-1790) war j├╝discher Bankier und Kaufmann. ├ťber Rahels Mutter Chaie konnte ich leider kaum etwas erfahren, doch ich wei├č, dass sie 1809 gestorben ist und ich nehme an, dass sie sich ausschlie├člich um die F├╝hrung des Haushalts gek├╝mmert hat.



Mit Rahel entwickelte sich auch die j├╝dische Geschichte weiter und die Zeiten ├Ąnderten sich. Ich erlaube mir einen kleinen geschichtsbezogenen Ausschweifer, damit man sich die Zeit, in der Rahel lebte, besser vorstellen und Rahel dadurch besser verstehen kann.



Kant ver├Âffentlichte 1781 seine Schrift "Kritik der reinen Vernunft" und Friedrich Wilhelm II. wurde 1786 K├Ânig von Preu├čen. Er war der erste Herrscher, der sich an den Idealen der Aufkl├Ąrung orientierte. "The age of enlightement", "le si├Ęcle des lumi├Ęres┬┤", das "Zeitalter der Aufkl├Ąrung" ist somit er├Âffnet.

Das am 17. April 1750 erlassene Generalpatent erm├Âglichte die Aus├╝bung des j├╝dischen Glaubens. Dies erkl├Ąrte Friedrich II. damit, dass das dem Staat ├Âkonomische Vorteile verschaffe und Intoleranz hingegen dem Handel und Gewerbe schade. Er bot Juden nicht aus Gr├╝nden der Moral oder Gerechtigkeit mehr Rechte an, sondern aus Interesse des Staates. Juden hatten nach wie vor kein Staatsb├╝rgerrecht, waren vom Zunfthandwerk, vom Grundbesitz und von staatlichen ├ämtern ausgeschlossen. Au├čerdem lebten sie mit Einschr├Ąnkungen und mussten viele Abgaben zahlen, da Friedrich II. das ausnutzte, um die leeren Staatskassen nach den Eroberungskriegen wieder aufzuf├╝llen.

1790 starb Markus Levin, was die Familie offenbar in finanzielle Schwierigkeiten brachte. Leider widersprechen sich viele Quellen und es l├Ąsst sich nicht eindeutig sagen, ob es stimmt, dass w├Ąhrend Markus, der ├Ąlteste Bruder, das v├Ąterliche Gesch├Ąft erbte, Rahel sich um ihre j├╝ngeren Geschwister Ludwig (*1778), Rose (*1781) und Moritz (*1785) k├╝mmerte.

Ich nehme an, dass die streng orthodoxe Ausrichtung des Elternhauses eine umfassende Bildung Rahels und ihrer vier Geschwister verhinderte. Rahel erwarb sich ihr umfangreiches Wissen als Autodidaktin durch Literatur. Rousseau, Lessing, Shakespeare, Dante, Diderot geh├Âren zu ihren Favoriten.

F├╝r das Lesen und Verarbeiten der vielen Informationen ├╝ber Rahel brauche ich noch mehr Zeit. Die Fortsetzung Teile meines Artikels sind in Arbeit und werden bald an dieser Stelle ver├Âffentlicht.



Literaturnachweise

Hrsg: Marion Kaplan
"Geschichte des j├╝dischen Alltags in Deutschland. Vom 17. Jahrhundert bis 1945"

Verlag C.H.Beck, 2003
www.chbeck.de
Gebundene Ausgabe, 638 Seiten
ISBN 3 406 50205 9
19,95 Euro


Hrsg: Hannah Lund
"Die ganze Welt auf ihrem Sopha" Frauen in europ├Ąischen Salons (Band 16)

trafo Verlag, 1. Auflage 2004
www.trafoberlin.de
Gebundene Ausgabe, 198 Seiten
ISBN 3-89626-456-7
19,80 Euro


Hrsg: Hannah Lund
"Der Berliner >>j├╝dische Salon<< um 1800"

Herausgegeben vom Moses Mendelssohn Zentrum f├╝r europ├Ąisch-j├╝dische Studien, Potsdam, in Kooperation mit dem Zentrum J├╝dische Studien Berlin-Brandenburg (Redaktion: Werner Tre├č)
De Gruyter Verlag, Juli 2012
www.degruyter.com
Band 1, gebunden, 593 Seiten
ISBN 978-3-11-027140-9
99,95 Euro


Hrsg: Karl August Varnhagen von Ense, mit einem Nachwort von Dr. Ulrike Landfester
"Rahel- Ein Buch des Andenkens an ihre Freunde"

Matthes & Seitz Verlag, 1. Auflage 2010
www.matthes-seitz-berlin.de
Gebundene Ausgabe, 639 Seiten
ISBN 978-3-88221-848-0
39,90 Euro


Hrsg: Barbara Hahn, mit einem Essay von Brigitte Kronauer
"Rahel. Ein Buch des Andenkens an ihre Freunde"

Eine gemeinsame Ver├Âffentlichung der Deutschen Akademie f├╝r Sprache und Dichtung und der W├╝stenrot Stiftung
Wallstein Verlag, 2011
www.wallstein-verlag.de
6 B├Ąnde, gebunden, zus. 3310 Seiten
ISBN 978-3-8353-0528-1
69,- Euro

Mehr Informationen unter:

Rahel Levin Varnhagen, 1771 ÔÇô 1833 von Barbara Hahn

Rahel Varnhagen Eine J├╝din im Gespr├Ąch mit gro├čen Deutschen

Rahel Levin Varnhagen, Familienbriefe

Station 01: Rahel Varnhagen - eine "falsch Geborene"?


Das Projekt "J├╝dische Frauengeschichte(n) in Berlin - Writing Girls - Journalismus in den Neuen Medien" wurde erm├Âglich durch eine Kooperation der Stiftung ZUR├ťCKGEBEN, Stiftung zur F├Ârderung j├╝discher Frauen in Kunst und Wissenschaft



und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)



Weitere Informationen finden Sie unter:

www.stiftung-zurueckgeben.de

www.stiftung-evz.de

Unser besonderer Dank gilt den Verlagen, die uns die Literatur zu Rahel Levin Varnhagen kostenlos zur Verf├╝gung gestellt haben:

De Gruyter Verlag
Matthes & Seitz Verlag
trafo Verlag
Wallstein Verlag




Copyright Fotos von Mich├Ęle Prigoschin: Sharon Adler

Jüdisches Leben > Writing Girls Beitrag vom 21.12.2012 AVIVA-Redaktion 





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