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AVIVA-BERLIN.de 10/23/5778 - Beitrag vom 03.02.2013

Hier wohnte - Here lived
Sharon Kuckuck

Als sich Sharon Kuckuck, Projektberaterin und Leiterin j├╝discher Touren durch Berlin n├Ąher mit den Stolpersteinen vor ihrer Haust├╝r besch├Ąftigt, entdeckt sie eine tiefe, emotionale Verbindung ...



... zur j├╝dischen Geschichte in Berlin.

Niches Geschichte

left-to-right: Simson, Rita, Julius, Niche, Pia


Es war am 21. April 2012 als ich Niche Scherl und ihren Sohn Simson zum ersten Mal traf. Sie lebten einst in meinem Haus, eine Etage ├╝ber mir und auf der anderen Seite ├╝ber den Gang, vor 71 Jahren. Ich dachte jedes Mal an sie, wenn ich das Haus verlie├č und versuchte, um ihre kleinen Stolpersteine herumzugehen.

Niche war die Tochter von Sara und Pinkhas in Galizien. Sie kamen nach Berlin auf der Suche nach einem besseren Leben. Sie hatten im Erdgeschoss einen Laden, dort wo heute das thail├Ąndische Restaurant ist. Ihre Tochter Pia erz├Ąhlte mir, wie stolz ihre Eltern Niche und Julius auf ihr Gesch├Ąft waren. Sie verkauften Dinge von "Qualit├Ąt", sagte sie, "hochwertige Teppiche, gehobene M├Âbel und Rosenthal Porzellan". Manchmal kamen die Kunden auch nur, um sich mit ihrer Mutter Niche zu unterhalten. "Sie hatte einen gro├čartigen Humor und steckte voller Energie", erz├Ąhlte sie.

Niche "hielt sich fit, jeden Tag machte sie ├ťbungen vor dem Fenster im Wohnzimmer" und sie "kochte uns Kindern immer sehr gesundes Essen", erz├Ąhlte mir ihre Tochter Pia. "Ich habe immer noch den Geschmack ihres Essens im Munde." Sie a├čen koscher, schlossen sogar jeden Shabbat den Laden. "Wir schafften es zwar nicht immer in die Synagoge in der M├╝nchenerstra├če oder der Passauerstra├če, aber wir verpassten nie einen einzigen Feiertag."

Wir sind Nachbarn und leben im selben Haus.
Wir beide lieben und umsorgen unsere Kinder.


von links nach rechts: Rita, Paul (Cousin), Pia, Simson.


Niches T├Âchter, Pia und Rita, nahmen beide Klavierunterricht, aber es war Simson, der am besten Klavier spielte, "ohne je Unterricht gehabt zu haben", sagte sie. Pia war so durchtrainiert wie ihre Mutter und sie schwamm auch gerne, "nicht nur im Schwimmbad, sondern auch im Wannsee".

Pia und Simson teilten ihre Liebe zum Sport und als 1936 die Olympischen Spiele in Berlin stattfanden, sahen sie sich zusammen Fu├čballspiele an. Als sie ihn darum bat, ihr das Fahrradfahren beizubringen, da war er nat├╝rlich "genau der Richtige".

Wie jede Familie hatte auch diese ihre Geheimnisse. Einmal im Monat schickte Niche ihre Tochter Pia auf die Poststelle. "Mein Vater, mein Bruder und meine Schwester wussten nicht, dass meine Mutter der Familie in Polen regelm├Ą├čig Geld schickte." Pia und ihre Mutter standen sich sehr nahe.

Sie lebten in meinem Haus und ihr Leben war ein gutes bis "dieser schreckliche Mann an die Macht kam".

Von links nach rechts: Simson, Pia


Pia erinnert sich an Hitlers Stimme im Radio. "Und ich erinnere mich daran, dass die Nazis in der Nacht in die H├Ąuser j├╝discher Familien kamen, sie hinaus zerrten, zuerst im Norden Berlins, sie folterten und t├Âteten."
Pias Vater Julius starb im Dezember 1937 an einem Herzinfarkt. "Der Stress, nachdem Hitler an die Macht kam, war zu viel f├╝r ihn." Pia erz├Ąhlte mir: "Als der Arzt nach dem Herzinfarkt meines Vaters zu uns nachhause kam, sagte er zu uns es sei diese schreckliche Zeit, es sei Hitler, der ihn umgebracht habe."

"An jedem der sieben Tage, an denen wir Shiva sa├čen, kam ein junger Mann vorbei" und Pia wunderte sich, warum er jeden Tag kam. "Er sagte uns, seine Familie st├╝nde unserem Vater sehr nahe." Seine Familie kannte Pias Vater Julius aus der Synagoge. Der junge Mann wollte den M├Ądchen helfen zu fliehen, aber "es war illegal". Niche hatte "Nein" gesagt und sie wartetet auf "die Urkunde", die "ankommen" sollte, von ihrem Onkel aus Amerika. Sie kam niemals an.

Hitler zog die Schlinge um den Hals der Juden immer weiter zu.

Am Abend des 9. November 1938 begann das Pogrom, euphemistisch auch Kristallnacht genannt. Pia erinnert sich daran, dass sie alle in der Wohnung sa├čen und "sich in ihre wei├čen Gesichter sahen". "Es war furchtbar f├╝r uns, wir konnten h├Âren was drau├čen geschah", erz├Ąhlte sie.

Sie mussten so schnell wie m├Âglich fliehen.

Pia, damals 16 Jahre alt, floh "illegal". Ihre Mutter brachte sie zum Bahnhof, "wo viele SS Leute waren", sagte Pia. Niche wollte sichergehen, dass ihre Tochter auch sicher in den Zug stieg. "Unendlich traurig fuhren wir ab." In Wien bestieg Pia allein das Schiff, das sie nach Pal├Ąstina bringen sollte. "Es waren vier Monate zusammen mit 2.000 Leuten in Eisesk├Ąlte auf einem dreckigen Schiff." "Menschen starben und zwei Kinder wurden geboren, bevor wir Pal├Ąstina erreichten", erinnerte sie sich.

In Pal├Ąstina angekommen heiratete Pia diesen "jungen Mann", der sie in Berlin jeden Tag besucht hatte und der sie angefleht hatte, "illegal" zu fliehen. Sein Name war Louis und er hatte ihr seine Liebe schon in Briefen gestanden, w├Ąhrend er ein Jahr lang darauf wartete, dass sie nach Pal├Ąstina k├Ąme, um mit ihm zusammen zu sein.

Pias Schwester Rita war zuvor bereits mit einem anderen Kindertransport nach London geflohen. Es verging einige Zeit bis die Schwestern sich wieder fanden und Rita zu Pia und Louis nach Pal├Ąstina kam.

Erst viele Jahre sp├Ąter fand Pia die Wahrheit ├╝ber ihre Mutter Niche und ihren Bruder Simson in Berlin heraus. Eine Professorin namens Miriam Gillis-Carlebach hatte Nachforschungen zu den Transporten nach Riga angestellt und Kontakt zu Pia in Pal├Ąstina aufgenommen. Professor Gillis-Carlebach sagte ihr, dass Niche und Simson am 27. November 1941 von Berlin nach Riga deportiert wurden. Das wusste Pia bereits. Aber dass sie bereits drei Tage sp├Ąter im Wald von Bikernieki ermordet wurden, das wusste sie noch nicht.

Gleis 17, Denkmal am S-Bahnhof Grunewald (Datum der Deportation von Niche und Simson)


Es bricht mir das Herz wenn ich mir nur vorstelle, dass eine Mutter die Entscheidung treffen musste, ihre T├Âchter wegzuschicken. Ihr Sohn Simson blieb. Ich wollte Pia nach dem Warum fragen ÔÇô aber ich konnte es nicht. Sie erz├Ąhlte mir das, was sie erz├Ąhlen wollte, und nicht mehr, w├Ąhrend dieser zwei Telefonate nach Israel.

Ich wei├č, dass sie ihre Erinnerungen sorgf├Ąltig geordnet hat, in das, was sie erz├Ąhlen und das, was sie f├╝r sich behalten m├Âchte.

Pia wurde nach Deutschland eingeladen. Zuerst wollte ihr Ehemann Louis, der junge Mann, der jeden Tag gekommen war als sie Shiva gesessen hatte, auf gar keinen Fall nach Deutschland reisen oder gar nur ├╝ber deutsches Staatsgebiet fliegen. Doch als er 70 Jahre alt wurde gab er nach und sie reisten nach Deutschland. "Sie waren sehr nett zu uns, wir gingen in die Oper, wir sahen wie kultiviert sie waren, und wir konnten sehen, wie Deutschland sich ver├Ąndert hatte." "Niemals vergeben und vergessen, aber..." , ihre Stimme bricht ab.

Nach dieser Reise nach Deutschland wurde Pia krank und "sie war im Krankenhaus, weil es einfach alles zu viel war". Dann schrieb sie all ihre Erinnerungen nieder, nur f├╝r sich, alles woran sie sich erinnern konnte. Sie las einmal daraus vor, als sie 40 der damaligen Kinder von ihrem Kindertransport in Israel besuchen kamen. Sie sagten ihr sie solle es ver├Âffentlichen, und dass es in so gutem Deutsch verfasst sei, doch sie gab es nie preis. Ich habe sie gefragt, ob ich es lesen k├Ânne, aber sie sagte, es sei nur f├╝r diesen einen Tag gewesen.

Am Freitag, den 20. April 2012, 71 Jahre nachdem Niche und Simson aus Berlin deportiert wurden, kam Niches Urenkel zusammen mit seinem Onkel Yoel aus Israel, um vor meiner Haust├╝r diese gl├Ąnzenden, kleinen Stolpersteine zu legen, Steine der Erinnerung. Ich fragte sie, in welcher Wohnung Niche und Simson damals gelebt hatten und sie erz├Ąhlten es mir. Ein Nachbar merkte leise an: "Gut, dass sie nicht in Ihrer Wohnung gelebt haben. Was f├╝r eine schreckliche Geschichte." Doch ich dachte mir, besser die Opfer als die T├Ąter. Ich erz├Ąhlte Ron von der Bat-Mitzvah meiner Tochter, die in diesem Jahr stattfinden wird und dass wir sehr froh sind, dass jetzt eine j├╝dische Familie in diesem Haus wohnt ÔÇô wieder.

Es ist kompliziert hier in Berlin j├╝disch zu sein, aber die Welt ist ebenso kompliziert. Wenn ich Touren durch das j├╝dische Berlin gebe, antworte ich auf die Frage "Wie?" geradewegs bevor sie jemand stellt. Ich kann nicht sagen warum. Es sind nur Gef├╝hle. Unerkl├Ąrbar.

Pia feierte dieses Jahr ihren 90. Geburtstag. Sie sprach am Telefon mit einer wundersch├Ânen, klaren Stimme und sie steckt voller Energie. Sie und ihre Schwester haben f├╝nf Kinder, elf Enkel und drei Urenkel, von denen einer in Berlin lebt.

Danke Pia. Danke daf├╝r, dass du deine Geschichte mit mir geteilt hast.


Meine Geschichte

├ťber Niche Scherl zu schreiben schien eine klare Sache zu sein: Archive durchforsten, das ├Ârtliche Museum kontaktieren, welches f├╝r das Legen der Stolpersteine in meinem Kiez zust├Ąndig ist, und wenn m├Âglich mit der Familie sprechen.

Ich fand gerade Niches Geschichte interessant. Ich wollte ├╝ber jemanden wie mich schreiben, keine ber├╝hmten, keine besonders religi├Âsen Leute, sondern einfache Leute, die Teil der Vielfalt j├╝dischen Lebens in Berlin sind.

Das gute Leben, das Niche hier in der Goltzstra├če hatte, war Teil der Entwicklung j├╝dischen Lebens hier in Berlin. Ich wollte dem Artikel den Titel "In Gedenken an den ganz gew├Âhnlichen Juden" geben, der wunderbaren j├╝dischen Gemeinde zu Ehren, deren Fortbestehen f├╝r immer verloren schien. Das sollte meine Verbindung zu dieser Geschichte sein. Nun ja, es kam etwas anders, da Niches 90-j├Ąhrige Tochter Pia eine andere Geschichte zu erz├Ąhlen hatte. Sie war nicht nur eine beliebige j├╝dische Frau, f├╝r mich war sie meine jiddische Gro├čmutter. Pia lief einst meine Stra├če entlang und vor Allem, sie hat in meinem Haus gewohnt. Das machte es sehr pers├Ânlich f├╝r mich und ich f├╝hlte mich, als l├Ąge die Verantwortung, ihre Geschichte zu erz├Ąhlen, auf meinen Schultern.

Diagramm ├╝ber die Informationen, die Sharon Kuckuck erhalten hatte


Es ist schwierig, von einem guten Plan abzuweichen. Ich legte den Artikel f├╝r einige Wochen zur Seite, doch als das Jahresende n├Ąher r├╝ckte, standen zwei Dinge an, die ich zu Ende bringen wollte: die Vorbereitungen f├╝r die bald stattfindende Bat-Mitzvah meiner Tochter und Niches Geschichte.

Die Planung der Bat-Mitzvah stellte sich als eventplanerisch kompliziertes Projekt dar ÔÇô Verwandtschaftsbeziehungen und R├╝ckbesinnung darauf, was es f├╝r mich bedeutet, J├╝din zu sein. Als ich die Informationen ordnete, die ich ├╝ber Niche Scherl zusammengetragen hatte, machte mich das unglaublich traurig, traurig ├╝ber die Stadt, die ich liebte. Ich habe als Tour Guide gearbeitet und war immer enthusiastisch wenn es darum ging, etwas Neues ├╝ber Berlin zu erfahren, auch ├╝ber die Vergangenheit der Stadt. Fakten und pure Information ├╝ber die Vergangenheit erlaubten mir eine emotionale Distanz, ganz anders als das, was hierbei mit mir geschah.

Niches Geschichte weckte Emotionen in mir, ├╝ber meine Stra├če, hier wo all meine Lieblingscaf├ęs sind, wo das Haus steht, in dem ich lebe und die Wohnung, in die heimzukommen ich mich jeden Tag freue. Diese Sache wurde pl├Âtzlich sehr pers├Ânlich.

Ich habe versucht Niches Stimme durch Pia wieder Geh├Âr zu verschaffen, aber es ist nicht die ganze Geschichte. All die Fakten sind nicht vorhanden. Und es ist nicht an mir diese weiterzugeben. Ich bin sicher, dass ich als Empf├Ąngerin dieser Geschichte ein viel gr├Â├čeres Geschenk bekommen habe.

N├Ąchste Woche feiern wir die Bat-Mitzvah meiner Tochter und die Freude dar├╝ber, neue j├╝dische Tradition in Berlin zu leben. Wenn ich am Ende der Zeremonie das Kaddisch sage, werde ich Niche und ihren Sohn Simson in das Gedenken an meine Gro├čmutter mit aufnehmen und in die traurige N├Ąhe, die entsteht, wenn wir uns erinnern.



Berlin, 19.11.2012, Sharon Kuckuck

Lesen Sie auch die englische Originalversion dieses Beitrags Hier wohnte - Here lived

Links

henner-kuckuck.com
sharon.kuckuck@yahoo.com

Quellen und besonderer Dank an:

Family Scherl, besonders Pia ÔÇô Margalit Scherl and Ron Segal in Israel
Maya W├Ąchter, B.A. staatl. gepr. ├ťbersetzerin und Dolmetscherin, staatl. gepr. Fremdsprachenkorrespondentin f├╝r die Berliner Gerichte und Notare erm├Ąchtigte ├ťbersetzerin
Hannelore Emmerich vom Museum Tempelhof Schoeneberg
Frau Ljilja Ruhnke von der Ausstellung "Wir Sind Nachbarn" Berlin-Sch├Âneberg
Yad Vashem ÔÇô World Center for Holocaust Research, Education, Documentation and Commemoration, unter www.yadvashem.org
Die "Judendeportationen" aus dem Deutschen Reich von 1941-1945, Alfred Gottwaldt, Diana Schulle, 2005

Das Projekt "J├╝dische Frauengeschichte(n) in Berlin - Writing Girls - Journalismus in den Neuen Medien" wurde erm├Âglich durch eine Kooperation der Stiftung ZUR├ťCKGEBEN, Stiftung zur F├Ârderung j├╝discher Frauen in Kunst und Wissenschaft



und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)



Weitere Informationen finden Sie unter:

www.stiftung-zurueckgeben.de

www.stiftung-evz.de


Copyright Fotos von Sharon Kuckuck: Sharon Adler



Jüdisches Leben > Writing Girls Beitrag vom 03.02.2013 AVIVA-Redaktion 





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