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AVIVA-BERLIN.de 10/19/5778 - Beitrag vom 22.02.2013

Stella Goldschlag - Das blonde Gift
Shlomit Lasky, Co: Maayan Meir

Sie war eine "Greiferin", eine j├╝dische Informantin, die f├╝r die Gestapo arbeitete. Sie schloss einen "Pakt mit dem Teufel", um zu ├╝berleben und der Deportation nach Auschwitz zu entkommen, und...



... sie verriet zahllose J├╝dinnen und Juden, die im Untergrund lebten. Stella war auch als das "blonde Gift" bekannt, sie hatte zahlreiche Liebhaber und ein skandal├Âses Liebesleben. Ihre Sch├Ânheit war jedoch sowohl ein Segen, als auch ein Fluch.

Wie weit w├╝rde ich gehen, um mich selbst und meine Familie zu retten? Wie unerbittlich und hinterh├Ąltig w├╝rde ich werden, um zu ├╝berleben? Dies sind Fragen, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an Stella Goldschlag denke. Eine sorglose Zwanzigj├Ąhrige aus Westberlin, mit goldenen Locken, einem breiten L├Ącheln und dem Ehrgeiz, einmal Jazzs├Ąngerin zu werden, doch in ihrem Leben ging es bald nur noch ums ├ťberleben und um Verrat, denn sie war eine J├╝din in Nazideutschland.

Ich f├╝hre TouristInnen durch das Scheunenviertel. Vor dem Krieg war es eine heruntergekommene Gegend, wo sich viele mittellose orthodoxe J├╝dinnen und Juden aus Osteuropa niedergelassen hatten, nachdem sie vor den Pogromen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gefl├╝chtet waren. Heute ist es dort von TouristInnen ├╝berlaufen, voller schicker Boutiquen und trendigen Caf├ęs, kaum etwas ist von dem j├╝dischen Leben vor dem Krieg ├╝brig geblieben, au├čer einigen Gedenksteinen und den Geschichten der Vergangenheit, die ich, als eine Fremdenf├╝hrerin, versuche lebendig zu erhalten. W├Ąhrend wir von der Rosenstra├če zu den Hackeschen H├Âfen spazieren, halten wir in der Burgstra├če vor einem modernen Backsteingeb├Ąude an, in dem sich die Zentrale des Deutschen Gewerkschaftsbunds befindet. Vor dem Krieg befand sich hier das Judenreferat der Berliner Gestapoleitstelle.



Zentrale des DGB, die fr├╝here Gestapoleitstelle Berlins

Ich ziehe meinen Aktenordner hervor und zeige den TouristInnen ein Foto der sch├Ânen Stella, geborene Stella Goldschlag. Sp├Ąter heiratete sie ihren Jugendfreund und wurde Stella K├╝bler, danach Stella Isaaksohn. Ich nenne sie nur Stella. Von all den Geschichten, die ich auf meiner Tour erz├Ąhle, finde ich Stellas am dramatischsten und auch am fesselndsten. Stella wurde von der Gestapo benutzt, um Juden zu fangen, die im Untergrund lebten, um der Deportation zu entgehen. In Berlin gab es etwa achtzehn andere J├╝dinnen und Juden, die als "Greifer" oder "F├Ąnger" arbeiteten. Stellas Sch├Ânheit und ihre Skrupellosigkeit machte sie zu der ber├╝hmtesten und trug ihr den vielsagenden Spitznamen "das blonde Gift" ein.

Die j├╝dische Marilyn Monroe

Stella wurde in Westberlin geboren. Sie war ein Einzelkind, das mit sch├Ânen Kleidern verw├Âhnt und von ihren Eltern, besonders ihrem Vater, Gerhard Goldschlag, verg├Âttert und auch etwas erdr├╝ckt wurde.

W├Ąhrend ihrer Kindheit war ihr J├╝dischsein nichts, was Stella definierte, zumindest nicht in ihren Augen. Sie kam aus einer weltlichen und assimilierten Familie. Ihr Vater war ein Veteran des 1. Weltkriegs. Das erste Mal, dass Stella ihr "Andersein realisierte, war nach der Erlassung der N├╝rnberger Gesetze, als man sie aus der Schule warf. Stattdessen musste sie nun eine j├╝dische Privatschule besuchen.

Peter Wyden, ein Klassenkamerad aus der j├╝dischen Schule, der hoffnungslos in Stella verliebt war, schrieb sp├Ąter ein Buch ├╝ber ihr Leben. Darin beschreibt er Stella als die Marilyn Monroe der Schule. Sie war die erotische Phantasie der Jungen, die ihr nachstellten, aber nie eine Chance bei ihr hatten. Die M├Ądchen bewunderten und beneideten sie zugleich. Stellas Traum war es, eine Jazzs├Ąngerin zu werden. Zusammen mit ihrem Freund Manfred K├╝bler, der sp├Ąter ihr erster Ehemann wurde, war sie in einer Band. Seine Familie mochte Stella nicht besonders und misstraute ihr ÔÇô sie dachten, sie sei nur hinter seinem Geld her.

W├Ąhrend der drei├čiger Jahre suchte Stellas Vater verzweifelt nach einem Weg f├╝r seine Familie, aus Deutschland auszuwandern, aber es wurde schwieriger und schwieriger, aus Nazideutschland zu entkommen, besonders seit er seinen Job als Journalist verloren hatte und die Familie kaum noch ├╝ber die Runden kam. Ohne finanzielle Mittel war die Flucht beinahe unm├Âglich. Durch eine Klassenfahrt, welche die Leiterin der j├╝dischen Schule organisierte, hatte Stella hatte zwar die Chance, nach Gro├čbritannien zu entkommen, aber ihr Vater untersagte ihr, alleine auszureisen. Entweder sollten sie alle emigrieren, oder keiner.

Nachdem der Krieg begonnen hatte wurden Stella und ihre Eltern, wie viele Berliner J├╝dinnen und Juden, zur Zwangsarbeit eingeteilt und mussten hart in den Fabriken der Stadt arbeiten, was aber immer noch besser war, als in die Ghettos und Konzentrationslager deportiert zu werden.

Gerettet durch ihr goldenes Haar

Am 27. Februar 1943 fand die sogenannte "Fabrik-Aktion" statt, und Berlin sollte "judenrein" werden.

Eine Woche lang fiel die SS in die Berliner Fabriken ein, in denen J├╝dinnen und Juden arbeiteten. Stella und ihrer Mutter gelang es, der Razzia zu entkommen, indem sie sich im Keller der Fabrik unter einem gro├čen Pappkarton versteckten. Sp├Ąter schl├╝pften sie unbemerkt aus der Fabrik hinaus. Der W├Ąrter am Tor hielt sie nicht auf. Von den ├╝blichen Klischees verblendet, kam er nicht auf die Idee, dass J├╝dinnen blond sein k├Ânnten. Ihr "arisches" Erscheinungsbild hatte Stella gerettet.

Stellas Vater war an diesem Tag f├╝r die Nachtschicht eingeteilt gewesen, so dass er nicht anwesend war, als die SS in der Fabrik auftauchte. Stella und ihre Eltern hatten es geschafft, dieses Mal der Deportation zu entgehen. Stellas Ehemann, der woanders arbeitete, hatte weniger Gl├╝ck, er wurde gefangen, nach Auschwitz verschleppt und dort kurze Zeit sp├Ąter ermordet.

Von der Schulsch├Ânheit zum Untergrundm├Ądel

Einer der Schl├╝ssel zum ├ťberleben, neben Essen und einem Unterschlupf, waren gef├Ąlschte Ausweispapiere. Mit etwas Gl├╝ck und den richtigen Kontakten gelang es Stella, an die Papiere zu kommen, die sie und ihre Eltern ben├Âtigten. Durch einen gemeinsamen Bekannten, der in einem Feinkostrestaurant arbeitete, konnte Stella ein Treffen mit Rolf Isaaksohn, einem Urkundenf├Ąlscher, arrangieren. Rolf hatte sich die F├Ąhigkeiten f├╝r sein Handwerk selbst beigebracht und verlangte hohe Preise f├╝r seine Dienste. Er war Anfang Zwanzig, gutaussehend, mit einem dunklen Teint, voller Charme und Ausstrahlung, aber direkt unter seiner glatten Oberfl├Ąche von b├Âsartiger Gerissenheit. Er hatte die Pr├Ąsenz eines Filmstars und neben seiner Karriere als F├Ąlscher arbeitete er bei der Staatsoper. Stella und Rolf lernten sich in der Schlange des Delikatessenrestaurants kennen und waren sofort unzertrennlich. Rolf versorgte sie und ihre Eltern mit den ben├Âtigten Dokumenten.

Es ist be├Ąngstigend, wie sehr ein Leben f├╝r immer zerst├Ârt werden kann, indem mensch einfach zur falschen Zeit am falschen Ort ist und genau das passierte Stella. Einige Wochen nachdem Stella und Rolf sich kennen gelernt hatten, sahen sie sich an ihrem Lieblingstreffpunkt ÔÇô dem Caf├ę Bollenm├╝ller in der N├Ąhe der Friedrichstra├če, als Inge Lustig, eine Bekannte von Stella, pl├Âtzlich das Caf├ę betrat. Stella versuchte, ein freundliches Gespr├Ąch mit ihr zu beginnen, aber Inge war sichtlich nerv├Âs und hielt sich von ihr fern. Ein paar Minuten sp├Ąter tauchte die Gestapo auf, Rolf und Stella wurden in die Burgstra├če geschafft. Um nicht aufzufallen, transportierte die Gestapo Juden in Umzugsw├Ągen. Ironischerweise stand auf der Au├čenseite des Lasters der fr├Âhliche Slogan "Aus- und einziehen mit Silberstein". Als Stella Inge Lustig neben dem Wagen stehen sah, wusste sie sofort, dass sie verraten worden war. Sie war ein Opfer desselben Verbrechens, welches sie sp├Ąter begehen sollte.

Stella wurde von der Gestapo gefoltert und dann in das Frauengef├Ąngnis in der N├Ąhe des Flughafen Tempelhofs verlegt. Am 10. Juli, ihrem 21. Geburtstag, wurde ihr gestattet, sich einer zahn├Ąrztlichen Behandlung zu unterziehen. Die Zahnarztpraxis war schlecht bewacht, Stella ergriff die Gelegenheit beim Schopf und entkam. Sie machte sich auf die Suche nach ihren Eltern, die sich im Haus von FreundInnen versteckten. Es war f├╝r diese zu riskant, alle drei Goldschlags bei sich zu verstecken, also mieteten sie sich in einer Pension ein, die als sicher galt. Nur wussten sie nicht, dass die Gestapo den Ort ├╝berwachte und noch in derselben Nacht wurden die Goldschlags verhaftet.

Stellas Eltern wurden in das j├╝dische Altersheim in der Gro├čen Hamburger Stra├če geschafft, welches jetzt ein Sammellager f├╝r jene war, die deportiert werden sollten. Stella kam zur├╝ck ins Gef├Ąngnis. Ein paar Wochen sp├Ąter wurde dieses w├Ąhrend eines Luftangriffs der Alliierten bombardiert und Stella gelang es, aus dem brennenden Geb├Ąude zu fliehen. Aber statt in die Freiheit zu fl├╝chten, ging sie, verletzt von den Bombardierungen, zu Fu├č durch die Stadt und stellte sich im Sammellager der Gro├čen Hamburger Stra├če, um mit ihren Eltern zusammen zu sein. Sie hatte die bewusste Entscheidung getroffen, deren Schicksal zu teilen.



Nehmt euch in Acht vor Herrn und Frau Isk├╝!

Im Sammellager erweckte Stella die Aufmerksamkeit eines der Kommandanten. Er erkannte sofort ihr Potenzial: nicht nur war sie sch├Ân, gebildet, charismatisch und ├╝berlebensf├Ąhig, durch ihre Erfahrungen im Untergrund kannte sie auch die ├ťberlebensstrategien tausender anderer versteckt lebender J├╝dinnen und Juden. Die Liebe und Ergebenheit gegen├╝ber ihren Eltern bildeten die perfekten Mittel, um sie zu manipulieren.

Im Austausch f├╝r ihre Hilfe gelang es Stella, auszuhandeln, dass sie und ihre Eltern vom n├Ąchsten Transport freigestellt wurden. Sie erhielt eine Liste der J├╝dinnen und Juden in Berlin, die sie aufsp├╝ren sollte. Zus├Ątzlich wurde von ihr erwartet, ihre eigenen Spuren zu verfolgen. Wenn sie keine Ergebnisse lieferte, stand die Drohung der Deportation immer im Raum. Rolf wurde 1943 ins Sammellager gebracht und bot dort freiwillig seine Dienste als Informant an. Sein Talent als F├Ąlscher machte ihn f├╝r die Gestapo wertvoll.

Stella und Rolf arbeiteten im Team und durchk├Ąmmten die Stra├čen Berlins zusammen, sie hielten Ausschau nach bekannten Gesichtern, fr├╝heren KollegInnen und SchulfreundInnen oder Leuten, die so aussahen, als k├Ânnten sie j├╝disch sein. Sie sa├čen an ├Âffentlichen Orten, wie Caf├ęs, in der N├Ąhe der Schweizer und der Amerikanischen Botschaft, in der Oper und in Kinos herum. Bald waren sie im j├╝dischen Untergrund wohlbekannt, wo mensch ihnen den Spitznamen "Herr und Frau Isk├╝" gab. Fotos kursierten, aber nicht alle Opfer, die ihnen ├╝ber den Weg liefen und sie erkannten, waren auch schnell genug, ihnen zu entwischen.

Sie wurden bald zu bekannt, um noch gemeinsam arbeiten zu k├Ânnen und mussten getrennt oder mit anderen GreiferInnen auf die Jagd gehen. Das Paar hatte verschiedene Methoden, um Juden zu fangen: Stella tauchte auf Beerdigungen auf, wo J├╝dinnen und Juden um ihre "arischen" EhepartnerInnen trauerten und nun nicht l├Ąnger vor Verfolgung gesch├╝tzt waren. Sie arbeitete gr├Â├čtenteils in Westberlin. Manchmal, wenn sie jemanden im Verdacht hatte, j├╝disch zu sein, bot sie Essen und eine Unterkunft an. Wenn die Hilfe angenommen wurde, arrangierte sie ein Treffen und brachte die Gestapo mit. Ein weiteres ihrer Spiele war das der "Maid in N├Âten", bei dem sie vorgab, selbst eine gejagte J├╝din zu sein. Sie bat dann bei alten BekanntInnen um Hilfe und wenn dieses den K├Âder schluckten schickte sie ihnen die Gestapo vorbei.

Der Job brachte auch Privilegien mit sich, zum Beispiel musste sie keinen gelben Stern tragen, erhielt Geld von der Gestapo und vor allem wurde sie von der Deportation verschont. Wieder und wieder schaffte sie es, ihre Eltern von der Liste streichen zu lassen. Aber im Februar 1944 wurden sie schlie├člich nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz gebracht, wo man sie ermordete. Stella wollte ihnen folgen, aber ihre Eltern bestanden darauf, dass sie bleiben und sich retten sollte. Und genau das tat sie.

Es ist schwer zu sagen, wie viele J├╝dinnen und Juden sie tats├Ąchlich gefangen hat, die Zahlen variieren, aber es wird gesch├Ątzt, dass sie und Rolf zusammen Hunderte verraten haben.

An diesem Punkt schlie├če ich meinen Aktenordner und schicke die TouristInnen in eine Kaffeepause. "Aber was ist mit Stella passiert?" fragen die Leute mich neugierig. "Hat sie den Krieg ├╝berlebt?" "Das erz├Ąhle ich Ihnen sp├Ąter, versprochen." Manchmal bestehen sie regelrecht darauf, dass ich fortfahre, aber ich lasse sie gern im Ungewissen und sage halb im Scherz "Wenn ich Ihnen jetzt die ganze Geschichte erz├Ąhle, wie kann ich dann sicher sein, dass Sie f├╝r die andere H├Ąlfte der Tour zur├╝ck kommen?" Sp├Ąter setzen wir die F├╝hrung fort und manchmal kommt jemand auf mich zu und erinnert mich h├Âflich "Sie haben nicht vergessen, dass Sie uns von Stella erz├Ąhlen wollten, nicht wahr?"

Stellas Fall

Wenn wir das Denkmal am Altersheim in der Gro├čen Hamburger Stra├če erreichen, kn├╝pfe ich schlie├člich dort an, wo ich aufgeh├Ârt habe: "Nach der Deportation ihrer Eltern wurde Stella depressiv. Au├čerdem lief ihre Aff├Ąre mit Rolf sehr schlecht, seit sie pl├Âtzlich seine homosexuellen Neigungen entdeckt hatte." Meistens macht dann jemand aus der Gruppe einen bl├Âden Witz "Warum hat sie das denn so sp├Ąt gemerkt?"

Obwohl ihre Gef├╝hle von Rolf verletzt waren und sie sich verraten f├╝hlte, hatte sie ihre eigenen Aff├Ąren: eine mit Heino Meissl, einem H├Ąftling in der Gro├čen Hamburger Stra├če, dessen Abstammung von der Gestapo untersucht wurde. Heino war 35, ein liebenwerter K├╝nstlertyp. Liebe war nicht der Grund f├╝r die Beziehung, f├╝r Heino bedeutete Stella ├ťberleben. Sie schaffte es, ihn immer wieder von den Transportlisten streichen zu lassen. Stella wiederum brauchte Heino als Zeuge ihres Charakters. Sie war nicht dumm. Es war klar, dass der Krieg bald enden w├╝rde und obwohl sie der Deportation und dem Tod durch die Nazis entgangen war, w├╝rde sie sich bald wegen Kollaboration zu verantworten haben. Sie hoffte, Heino werde ihr dabei n├╝tzlich sein.

Als die Sowjets n├Ąher an Berlin heran r├╝ckten, versuchte Rolf alleine nach D├Ąnemark zu fl├╝chten. Nach dem Krieg war er auf der Fahndungsliste der Sowjets, aber sie kamen ihm nie auf die Spur. Er wurde f├╝r tot erkl├Ąrt. Stella war mittlerweile, wahrscheinlich von Heino, schwanger. Er half ihr, aus der Stadt zu fliehen und in Liebenwalde, einer Kleinstadt au├čerhalb Berlins unterzukommen, wo sie ein M├Ądchen zur Welt brachte. Stella nannte ihre Tochter Yvonne Meissl. Nach dem Krieg wollte Heino Meissl nichts mehr mit Stella zu tun haben.

Das Leben unter sowjetischer Besatzung war hart. Eines Tages beklagte sich Stella bei einer Bekannten, dass die sowjetische Geheimpolizei schlimmer sei als die Gestapo. Die Bekannte zeigte sie bei der ├Ârtlichen Polizei an und die Verr├Ąterin Stella wurde wieder einmal selbst verraten.

Sie bekannte sich nicht schuldig und f├╝hrte an, dass sie J├╝din und damit auch ein Opfer war. Die Polizei brachte sie zur j├╝dischen Gemeinde in Berlin, um zu sehen, ob jemand dort sie identifizieren konnte. Stella war dort in lebhafter Erinnerung. Ein Polizeibeamter musste sie davor bewahren, zusammengeschlagen zu werden, aber er erlaubte den Leuten, ihr gewaltsam das Haar abzuschneiden. Sie landete vor einem Milit├Ąrstribunal und wurde zu zehn Jahren verurteilt. Zwei Jahre davon verb├╝├čte sie in Sachsenhausen, dem fr├╝heren Konzentrationslager.

Stella k├Ąmpft um Hoffnung

Nach ihrer Entlassung 1956 beschloss Stella, nach Westberlin zu gehen, um ihre Tochter Yvonne ausfindig zu machen, welche bei einer j├╝dischen Pflegefamilie lebte. Yvonne war die einzige verbliebene Hoffnung in Stellas Leben. Als sie jedoch dort ankam, liefen die Dinge nicht nach Plan. In weniger als einem Jahr fand sie sich vor Gericht wieder, ein Verfahren, dem eine Menge Medienaufmerksamkeit zuteil wurde. Diesmal gab es ZeugInnen. Sie leugnete, irgend jemanden von ihnen zu kennen. Obwohl sie Tuberkulose hatte, bewahrte sie die meiste Zeit ├╝ber die Fassung und erschien elegant gekleidet und mit wei├čen Handschuhen vor Gericht. Sie behauptete, dass die j├╝dische Gemeinde sie ihrer Sch├Ânheit wegen hasste und verfolgte. Es war letzten Endes nicht m├Âglich, sie f├╝r dieselben Verbrechen, f├╝r die sie schon einmal im Gef├Ąngnis gesessen hatte, erneut zu verurteilen.

Stella erhielt das Sorgerecht f├╝r Yvonne nicht. Ihr wurde jedoch gestattet, ihre Tochter regelm├Ą├čig zu sehen. Sie war mittlerweile zum vierten Mal verheiratet. Yvonne, die von der Pflegefamilie Geschichten ├╝ber ihre Mutter geh├Ârt hatte, wollte nichts mit Stella zu tun haben, und wenn sie sie traf, schenkte sie ihr kaum Beachtung. Sp├Ąter lie├č Yvonne sich zur Krankenschwester ausbilden und wanderte nach Israel aus.

Stella endete als einsame und depressive alte Frau. Sie ├╝bernahm fast keine Verantwortung f├╝r ihre Verbrechen und sah sich selbst weiterhin als eher als ein Opfer, denn als eine T├Ąterin. Im Jahr 1994 begang sie Selbstmord, indem sie aus dem Fenster ihrer Wohnung in Freiburg sprang.

Wenn ich damit fertig bin, Stellas Geschichte zu erz├Ąhlen, kommen verschiedenste Reaktionen. "Sie h├Ątte die Todesstrafe kriegen sollen" "Man kann es ihr am Gesicht ansehen, dass sie absolut b├Âse ist" Andere haben Verst├Ąndnis f├╝r sie "Sie war blo├č ein zwanzigj├Ąhriges M├Ądchen, ich wei├č nicht, was ich an ihrer Stelle getan h├Ątte" "Wenn sie der Gestapo nicht so n├╝tzlich gewesen w├Ąre und so viele Juden verraten h├Ątte, h├Ątten die sie wohl deportiert, oder?" Einmal hat ein Psychologe w├Ąhrend meiner Tour erkl├Ąrt, dass Stella aus einem Schutzmechanismus heraus begonnen hatte, sich mit ihren PeinigerInnen zu identifizieren. Stellas Geschichte l├Âst bei meiner Tour oft Debatten aus. H├Ątte sich jede Person unter den Umst├Ąnden so verhalten, oder war sie das reine B├Âse, oder eine Psychopathin?

Wenn ich mich von der Gruppe verabschiede und ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Berlin w├╝nsche, wei├č ich, dass Stellas Geschichte die ist, an die sie sich noch lange erinnern werden.

Autorinnen:



Shlomit Lasky
ist Journalistin und Drehbuchautorin. Shlomit schreibt seit 2005 regelm├Ą├čig f├╝r israelische Medien und wurde in Israel auch zur Theaterschauspielerin ausgebildet. W├Ąhrend sie in London lebte (2001-2005), erwarb sie einen Master in Screenwriting an der University of the Arts London. Seit 2010 lebt sie in Berlin. Sie hat eine F├Ârderung der FFA erhalten, um ein Drehbuch schreiben zu k├Ânnen und arbeitet au├čerdem als Fremdenf├╝hrerin f├╝r "Gablinger Tours.
Maayan Meir ist Trickfilmproduzentin und Projektmanagerin. Maayan hat mehrere gro├če Animationsfilme produziert. Sie ist eines der Gr├╝ndungsmitglieder der "Keset Hebrew Poetry Society". Ihre Gedichte wurden in israelischen Poesiezeitschriften ver├Âffentlicht. Eines ihrer Drehb├╝cher erhielt 2003 eine Ehrung des "The Micky Albin Funds". Au├čerdem organisierte sie die Film- und Drehbuchwettbewerbe des Tel Aviv Students Film Festivals.


Quellen:

"Jews in Nazi Berlin: From Kristallnacht to Liberation". Hrsg. Beate Meyer, Hermann Simon, Chana Sch├╝tz, im Verlag der University of Chicago Press, 2009

"Stella" von Peter Wyden, im Anchor Books Verlag, Doubleday 1992



Der Museumskatalog der Gedenkst├Ątte Sachsenhausen

"Erzwungener Verrat. J├╝dische Greifer im Dienst der Gestapo 1943-1945" von Doris Tausendfreund, erschienen bei Metropol 2006.

Interview with Stella (SWR, 2006)


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Das Projekt "J├╝dische Frauengeschichte(n) in Berlin - Writing Girls - Journalismus in den Neuen Medien" wurde erm├Âglich durch eine Kooperation der Stiftung ZUR├ťCKGEBEN, Stiftung zur F├Ârderung j├╝discher Frauen in Kunst und Wissenschaft



und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)



Weitere Informationen finden Sie unter:

www.stiftung-zurueckgeben.de

www.stiftung-evz.de



Copyright photos: Osnat Kaydar
Copyright photos of Shlomit Lasky and Shlomit Lasky with Co-Author Maayan Meir: Sharon Adler



Jüdisches Leben > Writing Girls Beitrag vom 22.02.2013 AVIVA-Redaktion 





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