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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.07.2008

Interview mit C├ęcile Wajsbrot
Anna-Lena Berscheid

Die 1954 in Paris geborene Autorin von "Aus der Nacht", "Der Verrat", "Im Schatten der Tage" sowie "Mann und Frau den Mond betrachtend" sprach mit AVIVA-Berlin ├╝ber das Schweigen und Vergessen.



C├ęcile Wajsbrot wurde 1954 in Paris geboren. Sie studierte Literaturwissenschaften und arbeitete anschlie├čend als Franz├Âsischlehrerin und freie Redakteurin f├╝r den Rundfunk. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin in Paris und Berlin, zur Zeit ist sie Stipendiatin des DAAD K├╝nstlerprogramms. "Aus der Nacht" wurde f├╝r den Prix Renaudot und den Prix Femina nominiert. Von C├ęcile Wajsbrot erschienen au├čerdem im Liebeskind Verlag die Romane "Der Verrat" (2006), "Im Schatten der Tage" (2004) sowie "Mann und Frau den Mond betrachtend" (2003). AVIVA-Berlin befragte C├ęcile Wajsbrot anl├Ąsslich ihres im Februar 2008 im Liebeskind Verlag erschienenen Romans "Aus der Nacht".

AVIVA-Berlin: "Aus der Nacht" enth├Ąlt viele autobiographische Elemente. Welche besondere Aufgabe stellt sich f├╝r Sie als Autorin, die Verbindung zwischen der eigenen Geschichte und der Fiktion herzustellen?
C├ęcile Wajsbrot: Es gibt immer autobiographische Elemente in einem Roman. Nicht weil man ├╝ber sein Leben berichtet, sondern insofern, als man, bewusst oder unbewusst, mit autobiographischer Materie zu tun hat. Die Frage ist, wie man diese Materie und andere Elemente in ein literarisches Werk verwandeln kann.

AVIVA-Berlin: In Ihrem Buch "Aus der Nacht" leiten Sie die einzelnen Abschnitte mit Ausf├╝hrungen ├╝ber das Leben von Schneeeulen ab. Wie ist diese Metapher zu verstehen?
C├ęcile Wajsbrot: Ich brauchte einen anderen Blick. Etwas leichteres... Die Schneeeule wirkt als Metapher der Unschuld, ihr Leben entwickelt sich nicht im Raum der Geschichte, sie wohnt in Landschaften, wo kein Mensch ist. Sie gilt auch als Bild der Einsamkeit, und als Zugvogel ist sie nat├╝rlich mit dem Thema Migration verbunden.

AVIVA-Berlin: Sowohl in ihrem neuen Werk "Aus der Nacht" als auch im Vorg├Ąnger "Der Verrat" geht es um Vergangenheitsbew├Ąltigung und Verdr├Ąngung. Inwiefern hilft Ihnen das Schreiben dabei, Ihre eigene Familiengeschichte zu verarbeiten?
C├ęcile Wajsbrot: Das war sicher der Impuls. Aber ich hoffe, meine Arbeit geht weiter als einfach meine Familiengeschichte zu verarbeiten. Ich habe nicht ausschlie├člich B├╝cher ├╝ber Vergangenheitsbew├Ąltigung geschrieben, und auch diese sind als literarische Werke gemeint.

AVIVA-Berlin: Sie sind auch nach Kielce, in die Heimatstadt Ihrer Familie, gereist. Waren Ihre Erlebnisse dort ├Ąhnlich bedr├╝ckend wie die Ihrer Protagonistin? Welche ├ängste hatten Sie vor Antritt der Reise? Welche Erkenntnis zogen Sie daraus?
C├ęcile Wajsbrot: Ich wei├č nicht, was ich dort suchte. Kein Zuhause, da bin ich (fast) sicher. Ich wollte einfach dorthin reisen und es ansehen. Jetzt ist Kielce mehr als nur ein Name auf dem Papier. Trotzdem war diese Reise eigenartig. Obwohl ich nicht allein war, f├╝hlte ich oft etwas Unheimliches, und dachte, was mache ich hier?

AVIVA-Berlin: Ihre Gro├čmutter sagte, Deutsch sei "die Sprache des Feindes". Wie stehen Sie selbst zu dieser Sprache? Konnten Sie unbefangen Deutsch lernen?
C├ęcile Wajsbrot: Am Anfang war meine Beziehung zur deutschen Sprache ziemlich zwiesp├Ąltig. Deutsch war die Sprache des Feindes, aber sie hatte auch einen vertrauen Klang wegen der jiddischen Sprache, die meine Gro├čmutter mit meinen Eltern sprach. Aber das war ganz unbewusst. Es war wie Schleusen. Manchmal ├Âffnete sich die Sprache, manchmal schloss sie sich wieder. Als mir dieser Prozess bewusst geworden ist, ging es viel besser. Jetzt gibt es nur noch Spuren von dieser ehemaligen Schwierigkeit. Zum Beispiel dann, wenn ich offizielle Post erhalte, habe ich immer Angst, dass ich nichts verstehe.

AVIVA-Berlin: Ihre Gro├čeltern stammen aus Polen, Sie selbst sind in Frankreich aufgewachsen und leben jetzt in Deutschland. Wo befindet sich Ihre Heimat? Welche Sprache w├╝rden Sie als Ihre Muttersprache bezeichnen?
C├ęcile Wajsbrot: Ich bin in Paris geboren und aufgewachsen, lebe zur Zeit nur teilweise in Berlin. Heimat ist f├╝r mich kein einfacher Begriff. Mir kommt immer dieser Satz von Imre Kertesz in den Sinn: "Es ist etwas anderes, sich zu Hause heimatlos zu f├╝hlen, als in der Fremde, wo man in der Heimatlosigkeit ein Zuhause finden kann." Das ist genau das, was ich in Berlin empfinde. Oder k├Ânnte ich sagen, dass Berlin meine zweite Heimat ist? Meine Muttersprache ist die franz├Âsische Sprache. Ich schreibe auf Franz├Âsisch, k├Ânnte es nicht anders machen ÔÇô aber ich habe das Gef├╝hl, dass meine Sprache wie entwurzelt ist.

AVIVA-Berlin: In Deutschland gibt es immer wieder Diskussionen um die Verantwortung der Nachkriegsgenerationen. Wie kann Ihrer Meinung nach angemessen mit der Thematik umgegangen werden? Was halten Sie davon, dass viele Jugendliche heutzutage jegliche Konfrontation mit der Shoa meiden?
C├ęcile Wajsbrot: Es ist schwer, den richtigen Abstand zu finden. Nicht zu nah, nicht zu weit. Man muss nicht vergessen, muss sich auch nicht immer erinnern. Jeder muss sein eigenes Leben leben. Ich geh├Âre zu der Generation der Nachgeborenen, die vom Krieg und der Vernichtung noch tief gepr├Ągt ist. Dass die j├╝ngere Generationen nicht so davon gepr├Ągt sind, finde ich normal und auch gut. Das bedeutet nicht, dass sie es vermeiden sollten. Nur dass die Zeit vergeht, und dass wir, die Nachgeborenen, nach der Zeugengeneration andere Wege suchen m├╝ssen, nicht dokumentarisch sondern symbolisch, um das Gewissen der j├╝ngeren Generationen zu ber├╝hren. Und vielleicht k├Ânnen wir es auch mit unserem Leben und mit unseren Werken beweisen, dass jede Generation ihre eigene Fragen und Antworten hat.

AVIVA-Berlin: Sie leben und arbeiten in Berlin. Was hat Sie dazu bewogen, Berlin als zweite Heimat anzunehmen?
C├ęcile Wajsbrot: Berlin ist eine Stadt, die mich tief ber├╝hrt. ├ťberall gibt es Gedenktafeln, Denkmale, Zeichen der Vergangenheitbewaltigung. Aber es gibt auch Raum f├╝r die Gegenwart und die Zukunft.

AVIVA-Berlin: Sie sagen, Sie k├Ânnten in Berlin besser Ihrer Arbeit als Autorin nachgehen. Weshalb ist es Ihnen in Paris nicht m├Âglich gewesen, Ihr Werk fortzuf├╝hren? Worin bestehen die Unterschiede zwischen den beiden St├Ądten hinsichtlich ihrer jeweils eigenen Auseinandersetzung mit ihrer unr├╝hmlichen Vergangenheit?
C├ęcile Wajsbrot: Paris ist heute - schon seit Jahren - eine Museumsstadt geworden. Sehr sch├Ân, wenn man die Stadt besucht. Aber in Paris zu leben, dass hei├čt, dass es kaum Raum gibt, im physischen und geistigen Sinn. Alles ist schon besetzt. In Berlin sind die Leute einfacher, angenehmer ÔÇô und man kann freier atmen.

AVIVA-Berlin: Sie sind Stipendiatin des DAAD K├╝nstlerprogramms. Welche Aufgaben kommen dabei auf Sie zu? Wie wurden Sie in dieses Programm aufgenommen?
C├ęcile Wajsbrot: Man muss sich einfach bewerben, ein Projekt beschreiben, erkl├Ąren, warum man in Berlin arbeiten muss. Und eine Jury trifft die Entscheidung. Jedes Jahr gibt es in Berlin 15 bis 20 Stipendiaten des DAAD K├╝nstlerprogramms aus verschiedenen Kunstbereichen und L├Ąndern.

AVIVA-Berlin: Neben Ihren Romanen und Erz├Ąhlungen verfassen Sie auch H├Ârspiele. Worin besteht die besondere Herausforderung, wenn Sie f├╝r das Radio schreiben?
C├ęcile Wajsbrot: Das Radio inspiriert mich. Ich kann in diesen Texten neue Formen ausprobieren, die ich sp├Ąter in den Romanen weiter untersuche und fortf├╝hre.

AVIVA-Berlin: Sie befassen sich in Ihren B├╝chern mit der Vergangenheit, auch mit Ihrer eigenen. Wie planen Sie Ihre Zukunft?
C├ęcile Wajsbrot: Die Zukunft l├Ąsst sich nicht planen!

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview!


Lesen Sie auch unsere Rezension zu "Aus der Nacht" von C├ęcile Wajsbrot.

Kultur > Ausgelesen Beitrag vom 04.07.2008 AVIVA-Redaktion 





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