Das kleine Zimmer. Ein Film von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond. Kinostart 29. September 2011 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kunst + Kultur



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2021 - Beitrag vom 21.09.2011


Das kleine Zimmer. Ein Film von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond. Kinostart 29. September 2011
Nina Breher

Im stillen und wolkenverhangenen Lausanne, das als Kulisse passender nicht sein könnte, treffen zwei Menschen aufeinander. Beide wissen nicht, wie sie es schaffen sollen, weiterzumachen.




Glücklich lächelnd sitzt ein alter Mann zwischen ebenso alten Damen. Er wippt in dem Takt, den die Musik aus seinem tragbaren CD-Player ihm vorgibt. Als eine Hand sich nähert, um ihm die Kopfhörer abzunehmen, damit er sich auf das vor ihm stehende Essen konzentriert, scheucht er sie weg wie eine Fliege. Anschließend fährt er damit fort, abwesend und zufrieden in die Ferne zu sehen. Wir befinden uns in einem Altenheim und es ist Essenszeit. Ach, ließe sich doch die unumgänglich näherrückende Tristesse des Alterns so leicht vertreiben wie eine Fliege!

"Das kleine Zimmer" erzählt zwei Geschichten. Eine berichtet von etwas, das kommen sollte, das fieberhaft erwartet wurde, aber dann doch ausblieb: Ein verlorenes Kind reißt einen nicht mehr zu kittenden Riss in das Leben von Rose (Florence Loiret-Caille), das bis dahin in geraden Linien verlief. Nach diesem Verlust aber ist alles anders. Die schmerzvolle Erinnerung an ihren tot geborenen Sohn kann weder ihr Lebenspartner (Eric Caravaca) noch ihre Schwester (Valérie Bodson) vertreiben – wie von einem Schwarm hartnäckiger Moskitos wird die Protagonistin von dem tragischen Ereignis verfolgt. Das kleine Zimmer in der niedlichen Wohnung, die sie gemeinsam mit ihrem Partner Marc bewohnt, war für das gemeinsame Kind bestimmt und steht nun leer.

Die andere Geschichte erzählt davon, was passiert, wenn die Welt um eineN herum langsam vergeht. Angehörige sterben oder gründen eigene Familien an fernen Orten, und ein mittlerweile alt gewordener Mann (Michel Bouquet) bleibt allein zurück. Zunehmend schwieriger wird es, den Haushalt in den Griff zu bekommen, doch Hilfe annehmen ist auch nicht einfach. Auch die Aussicht auf einen Lebensabend im staatlichen Pflegeheim ist nicht gerade ein Lichtblick – in diesem Fall würde er sich bemühen, "schnell zu sterben", versichert der alte Mann seinem Sohn.

Nun will es das Schicksal, dass die junge Frau die ambulante Krankenpflegerin des alten Mannes wird. Was passiert, wenn zwei Personen, deren Leben aus völlig unterschiedlichen Gründen aus den Fugen geraten ist, sich einander freundschaftlich annähern? Wenn sie versuchen, dem/der anderen zu helfen, die geliebte Normalität zu wahren beziehungsweise in sie zurückzufinden?

Es sei an dieser Stelle verraten, dass sich keine der beteiligten Figuren so ganz korrekt verhält. Es ist wie im echten Leben – niemand ist immer Gutmensch, niemand konstant eine schlechte Person. Der vielfach preisgekrönte Film der beiden Schweizer Regisseurinnen und Theaterschauspielerinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond wurde für den Oscar 2011 nominiert und erhielt zuletzt den Hauptpreis des FÜNF SEEN FILMFESTIVALS.

"Das kleine Zimmer" zeigt Charaktere, die so kompliziert und ambivalent sind, dass sie authentischer kaum sein könnten. Michel Bouquet, der den herzschwachen Edmond darstellt, stand früher für Claude Chabrol und François Truffaut vor der Kamera und hat offenbar kein bisschen von seinem Talent eingebüßt. Grandios gibt er seiner Rolle ein schelmisches Gesicht, denn Edmond ist immer wieder für einen herzhaften Lacher gut. Und wirkt nicht einmal würdelos, als er sich vor dem Spiegel seine Haare kämmt und nicht zu realisieren scheint, dass er schon längst keine mehr auf dem Kopf hat. Florence Loiret-Caille in der Rolle von Rose steht ihm in nichts nach – beeindruckend sind vor allem die Szenen, in denen mensch sich nicht mehr sicher sein kann: Ist sie bereits unwiederbringlich der Trauer ins Netz gegangen oder gibt es noch ein Schlupfloch, das sie zurück in ein glückliches Leben führt?

AVIVA-Tipp: Inmitten einer bewölkten und doch idyllischen Szenerie entfaltet sich eine feinsinnig erzählte Geschichte. Sie berichtet davon, was passieren kann, wenn zwei Menschen, denen ihre Angehörigen nicht länger helfen können oder wollen, aufeinandertreffen. Die schrittweise Einsicht in die Konsequenzen des Erlebten klärt am Ende nicht nur die Frage, was mit dem "kleinen Zimmer" geschehen soll. Ein ruhiger, einfühlsamer Film, der ohne jeglichen Größenwahn eine einzigartige Stimmung schafft.


Zu den Regisseurinnen: Stéphanie Chuat und Véronique Reymond arbeiten als Duo in der Theater- und Filmwelt. Als ausgebildete Theaterschauspielerinnen haben sie ein knappes Dutzend Stücke inszeniert, als letztes im April 2010 eine Bühnenadaption von Nancy Houstons "Lignes de faille". Sie haben fünf Drehbücher für Kurzfilme geschrieben und fürs Kino verfilmt sowie zwei Dokumentarfilme gedreht. Sie haben mit "La petite chambre" kürzlich ihren ersten Spielfilm fertig gestellt. (Quelle: Arsenal Filmverleih)
www.chuat-reymond.com

Das kleine Zimmer
Originaltitel: La petite chambre
Schweiz / Luxemburg 2010
Regie und Drehbuch: Stéphanie Chuat und Véronique Reymond
DarstellerInnen: Michel Bouquet, Florence Loiret-Caille, Eric Caravaca, Joël Delsaut, Valérie Bodson
Verleih: Arsenal Filmverleih
Lauflänge: 87 Minuten
Kinostart: 29. September 2011
www.arsenalfilm.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die Braut trug schwarz, ein Film von François Truffaut mit Michel Bouquet.


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Beitrag vom 21.09.2011

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