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AVIVA-BERLIN.de im Januar 2026 - Beitrag vom 12.01.2026


MOTHER´S BABY – Kinostart 15. Januar 2026
AVIVA-Redaktion

Julia und Georg wünschen sich schon lange ein Kind. Nach einer Behandlung wird sie schwanger – doch nach der Geburt wird das Baby weggebracht. Als sie es endlich in den Armen hält, fühlt sie sich seltsam distanziert. Warum ist das Baby so still und apathisch? Ein Film von Johanna Moder mit Marie Leuenberger.




Julia, eine gefeierte Dirigentin – schön, intelligent –, lebt mit ihrem Mann Georg in einem tollen Haus. Man hat sich stilvoll eingerichtet, ist umgeben von Natur und Kultur, und es scheint an nichts zu fehlen. Da ist nur der Kinderwunsch, der das Paar, beide in ihren Vierzigern, schon lange begleitet. Sie haben es schon oft versucht und die Hoffnung beinahe aufgegeben. Doch dann geht alles plötzlich sehr schnell, als sie eine entsprechende Klinik aufsuchen, in der ihnen der charismatische Dr. Vilfort verspricht: "Es werde schon beim ersten Mal klappen." Julia wird tatsächlich schwanger, und das Haus wird in eine Wohlfühloase für das Baby vorbereitet. Für die Zeit nach der Geburt hat das Paar verabredet, dass erst Julia und später Georg sich um die Betreuung kümmern wird. Alles sehr harmonisch. Bis zur Geburt.

Statement Johanna Moder (Regie & Drehbuch): "In der Gesellschaft dominiert die Erzählung, dass die Geburt eines Kindes das schönste Ereignis im Leben ist. Für viele Frauen überwiegt aber ein anderer Aspekt: Eine Geburt kann auch ein Albtraum sein, und es hat eine Schwere und Langeweile, viel Zeit mit kleinen Kindern allein, ohne Ansprache, ohne Feedback, Tag für Tag in einer reinen Versorger*innenrolle zu verbringen. Ich halte es für wichtig, auch darüber zu erzählen."

Der Film von Johanna Moder macht deutlich, dass die Realität deutlich anders sein kann, als es die rosarote oder himmelblaue Baby-/Werdende-Eltern-Werbewelt in Bild, Text und Ton meist vermittelt. Darin wird vor allem suggeriert, wie glückliche Eltern mit fröhlich glucksendenden, niedlichen Babys ein unbeschwertes Familienleben führen.
Bei Julia stellt sich der Zustand des gesellschaftlich erwarteten Mutterseins nicht ein: Es beginnt damit, dass ihr das Baby unmittelbar nach der Geburt weggenommen wird. Als man es ihr schließlich bringt, bleibt statt Nähe ein Gefühl der Leere, der Irritation, der Distanz. Das Kind wirkt auffallend still, beinahe apathisch, schläft fast ausnahmslos und schreit nie – ein Zustand, der Julias zunehmende Verunsicherung verstärkt. Ihre Wahrnehmung wird jedoch von ihrem Umfeld nicht geteilt oder ernst genommen; vielmehr beharrt man darauf, dass "alles ganz normal" sei.

Mother´s Baby entfaltet seine Wirkung auf mehreren Ebenen. Zum einen als subtiler, psychologischer Thriller, der durch den Einsatz verschiedener Symboliken mit leisem Unbehagen arbeitet, statt auf vordergründige Schockeffekte zu setzen. Zum anderen als präzise Gesellschaftskritik: Der Film zeigt eindrücklich, wie wenig Raum weiblichen Erfahrungen zugestanden wird, sobald sie nicht dem idealisierten Bild von Mutterschaft entsprechen. Frauen, die äußern, dass sich etwas "nicht richtig" anfühlt – sei es körperlich oder emotional –, werden beruhigt, relativiert oder schlicht überhört.

Johanna Moder thematisiert damit auch den enormen Erwartungsdruck, dem Frauen während Schwangerschaft und früher Mutterschaft ausgesetzt sind. Die gesellschaftliche Erzählung von der bedingungslos glücklichen Mutter kollidiert hier mit einer Realität, die von Überforderung, Einsamkeit und emotionaler Entfremdung geprägt sein kann. Der Film stellt unbequeme Fragen: Wer definiert, was "normal" ist?

Cineastisch überzeugt Mother´s Baby durch seine kontrollierte Inszenierung und die dichte Atmosphäre. Durch den Wechsel von einer kühlen Bildsprache bis hin zu einer grobkörnigen, Agfacolour-anmutenden Farbigkeit und die anwachsende Beklemmung schwingt bei der Rezensentin streckenweise eine deutliche Reminiszenz an Roman Polanskis Rosemary´s Baby mit. Besonders prägnant ist die Geburtsszene, die in ihrer alptraumhaften Zuspitzung Erfahrungen widerspiegelt, die viele Frauen in ähnlicher Form kennen. Kontrastiert wird dies durch die mantraartigen Beschwichtigungen des medizinischen Personals – ein Spannungsfeld, das den psychischen Ausnahmezustand der Protagonistin intensiv erfahrbar macht.
Marie Leuenberger trägt den Film mit einer nuancierten, zurückgenommenen Darstellung, die Julias innere Zerrissenheit präzise einfängt. Ihr Spiel changiert von leidenschaftlich bis kontrolliert, beinahe spröde – und ist gerade dadurch umso eindringlicher.

Mother´s Baby feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb der Berlinale 2025, wo er im Rennen um den Goldenen Bären gezeigt wurde. Anschließend erhielt der Film Auszeichnungen auf anderen Festivals, darunter den Fünf-Seen-Filmpreis und den Goldenen Biber der Biberacher Filmfestspiele.

AVIVA-Tipp: Mother´s Baby ist ein kluges, unbequemes Werk über Mutterschaft, Machtstrukturen und das Schweigen, das Frauen oft auferlegt wird. Ein atmosphärischer intelligent inszenierter, psychologischer Thriller, der über reine Suspense hinausgeht und mit großer Klarheit gesellschaftliche Tabus und Realitäten sichtbar macht.

Mother´s Baby
Land: Österreich, Schweiz, Deutschland
Jahr: 2025
Laufzeit: 108 Minuten
Sprachfassung: Deutsch
FSK: 12
Verleih: jip film & verleih
Weltvertrieb: The Match Factory

Regie Johanna Moder
Buch Johanna Moder, Arne Kohlweyer
Kamera Robert Oberrainer
Montage Karin Hammer
Casting Eva Roth
Musik Diego Ramos Rodriguez
Tongestaltung Patrick, Storck, Nils Kirchhoff, Gina Keller, Guido Keller
Szenenbild Hannes Salat
Kostüm Stefanie Bieker, Carola Pizzini
Maske Martine Felber
Produzent*innen Sabine Moser, Oliver Neumann
Ko-Produzent*innen Katrin Renz, Viola Fügen, Michael Weber
Produktion FreibeuterFilm (AT)
Ko-Produktion tellfilm (CH), Match Factory Productions (DE)
Förderungen und Partner Austrian Film Institute, ÖFI+, Vienna Film Fund, Federal Office of Culture (FOC), Zürcher Filmstiftung, MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, Hessen Film & Medien, Funding Programm STEP, In Coproduction with: ORF Film-/Fernsehabkommen, SRF Schweizer Radio und Fernsehen / SRG SSR and blue Entertainment
CAST:
Marie Leuenberger: Julia
Hans Löw: Georg
Claes Bang: Dr. Vilfort
Julia Franz Richter: Gerlinde

Mehr zum Film, der Trailer, Kinotermine und Tickets unter: www. jip-film.de/mothers-baby



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