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AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 20.12.2011


Ich hiess Sabina Spielrein - Ein Film von Elisabeth Márton
Susann S. Reck

Lange vor David Cronenbergs Spielfilm "Eine dunkle Begierde" und Sabine Richebächers wegweisender Biografie "Sabina Spielrein. Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft", porträtierte die ...




... schwedische Regisseurin Elisabeth Márton in ihrem Dokumentarfilm die russisch-jüdische Ärztin und Analytikerin Sabina Spielrein.

Perspektiven
In Elisabeth Mártons Dokumentarfilm geht es um die persönliche Entwicklung von Sabina Spielrein, eine Frau, die willensstark genug war, ihre psychische Krankheit zu überwinden, Medizin zu studieren und als Ärztin im damaligen Orchideenfach der Psychoanalyse zu promovieren. Der Film zeigt auf bewegende Art und Weise, dass Spielrein ihrer Zeit voraus war und überall an Grenzen stieß. Privat, beruflich, als Jüdin.
Bei Cronenberg dagegen bleibt Sabina Spielrein eine blasse Figur. Sein Film erzählt das Dreiecksverhältnis zwischen C.G. Jung, Sigmund Freud und Spielrein aus der Perspektive von Jung, der sich in seine erste Analyse-Patientin Sabina verliebt und es nicht fertig bringt, seine reiche Frau für sie zu verlassen. Diese Perspektive der Ereignisse ist mehr als konventionell, weil sie das Neue, Zukunftsweisende jener Zeit nicht thematisiert, eben die immer stärker werdende Bedeutung von Frauen im öffentlichen Leben und ihren damit verbundenen Kampf um Autonomie.

Wer war Sabina Spielrein?
Sabina Spielrein, geboren 1885 in Rostow am Don und von einem SS-Sonderkommando 1942 in ihrer Heimatstadt ermordet, wurde im Jahr 1905 wegen Hysterie (so der damalige Begriff für ihr Krankheitsbild) in die Psychiatrische Klinik Burghölzli bei Zürich eingeliefert, wo Jung sie behandelte. Spielreins Leben nach der Entlassung war von der Affäre mit ihrem Analytiker C.G. Jung und den daraus resultierenden Schwierigkeiten zwar geprägt. So setzte sich Freud, der zunächst für Jung Partei ergriffen hatte, später für Spielrein ein. Spielreins Umgang mit finanziellen Katastrophen, persönlichen Enttäuschungen, sowie ihre späte Karriere als Pionierin der Kinderpsychologie und Traumdeutung in der Sowjetunion, zeigen sie jedoch vor allem anderen als eine unabhängig denkende, der psychoanalytischen Forschung verfallenen, hochintelligente, schillernde Figur, die bis zur zufälligen Entdeckung ihrer wissenschaftlichen Schriften, Tagebücher und Briefe im Jahr 1977 zu Unrecht eine Randfigur des psychoanalytischen Milieus blieb, nicht mehr als eine Fußnote in den Arbeiten anderer.

Briefe, Stimmen, Fiktion
Es ist nicht einfach, einen Dokumentarfilm über eine zu drehen, die bereits tot ist und von der es nicht mehr als zwei, drei Fotos gibt - wie im Fall von Sabina Spielrein. Auf Super 8 gedrehte S/W- Kurzfilme ohne Ton von Straßenzügen in Berlin, Moskau oder Zürich lassen zudem bestenfalls erahnen, wie es in einer Zeit aussah, die dem heutigen, visuellen Overkill noch nicht ausgesetzt war. Von unschätzbarem Wert für Elisabeth Mártons Dokumentarfilm sind in diesem Sinne C.G. Jungs Aufzeichnungen über die an Hysterie erkrankte, 18 jährige Sabina Spielrein sowie der spätere Briefwechsel zwischen ihr, ihm und Sigmund Freud.
Die schriftlastige Materiallage legt den Schwerpunkt des Films "Ich hiess Sabina Spielrein" auf die Tonebene. Drei SprecherInnen geben den ProtagonistInnen Spielrein, Jung und Freud ihre Stimmen und machen Jungs Beobachtungen an Spielrein sowie Teile des Briefwechsels lebendig. Auch Sabinas Tagebucheintragungen als Kind, ihre Gedanken und Ängste finden so Gehör. Zudem gibt es eine Erzählerinnenstimme, die über Spielreins Lebensetappen informiert.
Auf der visuellen Ebene wird dieses Geflecht der Stimmen durch Spielszenen untermauert, die den Handlungsverlauf weitgehend tragen. Die beiden SchauspielerInnen, die Spielrein und Jung verkörpern, deuten allerdings mehr an als dass sie spielen, überhaupt liegt die Qualität dieser Schwarz-Weiß-Szenen im Atmosphärischen.

Selbstbeobachtung und Diktatoren
Mártons Auswahl der Aufzeichnungen und Briefe ist gelungen. Sie zeigt, wie präzise und detailreich Jung die an Hysterie erkrankte Sabina erforschte. Insgesamt ist der Briefwechsel trotz der Intrige, die Jung schließlich spinnt - er leugnet vor Freud die Affäre mit Spielrein und verleumdet sie sogar - von gegenseitigem Respekt getragen. Es fasziniert, wie genau alle Schreibenden ihren Gefühlen, Zuständen und Beobachtungen Ausdruck verleihen können. Der Film eröffnet Einblicke in eine Welt, in der es fast lebenswichtig zu sein schien, sich über Jahre schriftlich auszutauschen - aus einem intellektuellen Bedürfnis heraus, aus Zuneigung und Einsamkeit. Vor allem aber wird deutlich, wie entscheidend Selbstbeobachtung und -reflexion für die Anfänge der Psychoanalyse waren, das Forschungsinteresse an sich selbst, am Individuum.

Gerade Sabina Spielreins Mut und Fähigkeit zur Selbstanalyse wird, in einer Zeit, in der Frauen sexuelle Bedürfnisse generell abgesprochen wurden, auf faszinierende Art und Weise offensichtlich, die Offenheit, Intimstes zu denken, auszusprechen und konsequent zu deuten. Auch wird vor diesem dokumentarischen Kammerspiel das Ausmaß des Psychoanalyseverbots in der Sowjetunion durch Stalin 1936 und 1938 in Deutschland durch Hitler besonders deutlich: es zeigt die Angst der Diktatoren vor der Stellung des Individuums und der Unberechenbarkeit seiner Entwicklungen. Vor allem aber ist der Film ein eindrucksvolles Dokument über Sabina Spielreins hartes und ereignisreiches Leben.

Zur Regisseurin: Elisabeth Márton, geboren 1952 in Stuttgart, lebt seit 1973 in Schweden. Sie studierte Psychologie, Film und Theater und arbeitete als Kritikerin. 1990 beendete sie ihr Studium an der Filmakademie in Budapest. Ich hiess Sabina Spielrein ist Elisabeth Mártons erster abendfüllender Dokumentarfilm.

Ich hiess Sabina Spielrein
Originaltitel: Mitt nam var Sabina Spielrein
Schweden 2002
Regie: Elisabeth Márton
Drehbuch: Elisabeth Márton, Signe Mähler, Yolande Knobel
Originalscript: Kristina Hjertén von Gedda
Produktion: Idefilm Felixson AB
Kamera: Robert Nordström, Sergej Jurisdizki, Imre Becsi, Gunnar Källström, Schnitt: Yolande Knobel
Musik: Vladimir Dikanski
Länge: 90 Minuten

Cast: Sabina Spielrein - Eva Österberg, Carl Gustav Jung - Lasse Almebäck, Sabina as a child - Mercedez Csampai
Stimmen: Sabina Spielrein - Maria Thorgevsky, Carl Gustav Jung - Dan Wiener, Sigmund Freud - Helmut Vogel

Weitere Informationen:

www.sabinaspielrein.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sabina Spielrein. Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft von Sabine Richebächer


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Beitrag vom 20.12.2011

Susann S. Reck 






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