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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2022 - Beitrag vom 23.05.2022


Maixabel - Eine Geschichte von Liebe, Zorn und Hoffnung. Regie: Icíar Bollaín. Kinostart am 26. Mai 2022
Helga Egetenmeier

In ihrem mehrfach ausgezeichneten Spielfilm dokumentiert die spanische Regisseurin Icíar Bollaín die Aussöhnung von Maixabel Lasa mit den Mördern ihres Mannes, der auf der Todesliste der ETA stand. Vor dem Hintergrund der Attentate im Baskenland...




... erzählt der Film deren Geschichte über zehn Jahre und zeigt, dass der Weg des Dialogs schmerzvoll, aber auch wertvoll ist.

Mit Bildern von der Weite der bergigen Landschaft Nordspaniens, wie auch der Enge des Gefängnisses, spannt Regisseurin Icíar Bollaín den Bogen zu einer baskischen Gesellschaft, deren Geschichte vom Terrorismus geprägt ist. Dort werden Maixabel und Juan Marí mit 16 Jahren ein Paar und engagieren sich ab den 1980er Jahren gemeinsam in der Partido Socialista de Euskadi PSE-PSOE. Der auf Tatsachen basierende Spielfilm beginnt am 29. Juli 2000, dem Tag des Attentates auf Juan Mari Jáuregui in der baskischen Stadt Tolosa.

Ein politischer Mord und seine traumatischen Auswirkungen

In gegeneinander geschnittenen Szenen zeigt die Kamera, wie die Attentäter am Tag der Ermordung mit dem Auto zu dem Café fahren, in dem sich Juan Mari mit Freunden trifft. Seine Frau Maixabel, die ihren Mann nur alle drei Monate sieht, da er wegen der Drohungen gegen ihn nun in Chile arbeitet, bereitet zuhause das Essen vor, während Tochter María am See mit Freundinnen ihren Geburtstag feiert. Der Wechsel der Perspektiven, wie die sich über zehn Jahre spannenden Zeitsprünge, zieht sich als Struktur durch den Film und nimmt die Veränderungen im Leben der Hinterbliebenen und der Täter in den Fokus.

So kämpft sich Maixabel durch ihre Trauer, unterstützt von Freund*innen und in Sorge um ihre Tochter. Sie bleibt weiter politisch aktiv und ist zwischen den Jahren 2001 und 2011 Direktorin des "Amtes für die Betreuung der Opfer des Terrorismus" der baskischen Regierung. Die Täter werden nach kurzer Zeit gefasst, und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Nach einem weiteren Zeitsprung sehen wir Maixabel als Großmutter, während die Täter sich von der ETA lösen und in ein Gefängnis im Baskenland verlegt werden. Mehr durch seine ruhigen Bilder, als mit Worten, zeigt die Kamera die Entwicklung der emotionalen Verfassung seiner Protagonist*innen, die dazu führt, dass einer der Mörder sich ein Gespräch mit Maixabel wünscht.

Der lange und schwierige Weg zur Aussöhnung

In einer langen Einstellung, die die ganze Schwere der Situation erfasst, zeigt der Film Maixabel in einem Raum im Gefängnis, während sie auf den Mörder ihres Mannes wartet. Die Kamera macht deutlich, welch große Überwindung sie dieser Schritt kostet. Als politisch engagierte Frau ist ihr diese Entscheidung ein wichtiges Anliegen, doch es bringt sie persönlich an ihre Grenzen. Die ruhige Kameraführung lässt die Zuschauer*innen die Spannung im Raum spüren, und die Luft anhalten, um dieses Gespräch, das so schwer zu führen ist, nicht zu stören. Denn auch der Mörder, der ihr nun gegenübertritt, traut sich erst nach nach und nach, seinen Blick zu heben. Hier kann sich die Regisseurin auf ihre ausdrucksstarken Schauspieler*innen verlassen, die durch ihre Blicke, den Ton der Stimme und die Bewegung des Körpers eine Atmosphäre vermitteln, die über Worte hinaus geht.

Der Film, das sei hier schon verraten, endet mit einer menschlich und politisch bedeutsamen, wie auch berührenden Aussöhnungsgeste, die, wie alle Ereignisse im Film, den realen Geschehnissen nachempfunden sind. Regisseurin Icíar Bollaín, die gemeinsam mit Isa Campo das Drehbuch schrieb, unterhielten sich mehrfach mit den Beteiligten, um sich ihre Geschichte erzählen zu lassen. Zu den im Film verwendeten Fakten sagt Icíar Bollaín: "Man kann diese Geschichte und vieles von dem, was passiert ist, nicht erfinden, es ist zu unglaublich. Eigentlich ist das Einzige, was von den tatsächlichen Begebenheiten abweicht, die Zeit."

AVIVA-Tipp:Der Film nimmt nicht nur die Frage nach Schuld und Versöhnung in den Mittelpunkt, sondern verknüpft sie auch mit der persönlichen Entscheidung, einen anderen Menschen zu töten. Dadurch zeigt er, wie tief sich solch eine Tat in die Leben der Opfer und Täter eingräbt, sie emotional belastet und verbindet. Die Filmemacher*innen und die Schauspieler*innen haben für ihre Leistung zurecht mehrere Auszeichnungen erhalten. Diesen Film bitte nicht verpassen.

Auszeichnungen:
2022: Goya - Spanischer Filmpreis
2021: Premio Días de Cine
2021: Premio Feroz
2021: Premio José María Forqué
2021: Filmfestival San Sebastián /

Zur Regisseurin: Icíar Bollaín, geboren 1967 in Madrid, arbeitet als Schauspielerin, Filmregisseurin und Drehbuchautorin. Ihr Schauspieldebüt feierte sie 1983 in Víctor Erices "El Sur", und spielte danach, unter anderem, 1995 in Ken Loach "Land and Freedom". Für "Leo", Regie José Luis Borau, wurde sie im Jahr 2000 als Beste Schauspielerin für den Spanischen Filmpreis Goya nominiert. 1995 drehte sie mit "Hola, ?Estás Sola?" ihren ersten Spielfilm als Regisseurin, für den sie in Valladolid mit dem Regie-Nachwuchspreis ausgezeichnet wurde. Es folgten, unter anderen, "Öffne meine Augen" 2003, der sieben Goyas bekam, 2010 erhielt sie für "También La Lluvia - Und dann der Regen", den Panorama-Publikumspreis. Für ihren letzten Film, "Rosas Hochzeit", 2020, wurde sie mit zwei Goyas ausgezeichnet.

Zur Hauptdarstellerin: Blanca Portillo, geboren 1963 in Madrid, absolvierte eine Schauspielausbildung an der Real Escuela Superior de Arte Dramático in Madrid und steht sowohl auf der Bühne, wie auch vor der Kamera. Für ihre Rolle in "Volver" erhielt sie 2006, gemeinsam mit Penélope Cruz, den Preis als Beste Darstellerin bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes. 2009 spielte sie in "Zerrissene Umarmungen", ebenfalls ein Film von Pedro Almodóvar. 2010 spielte sie in dem mexikanischen Filmdrama "Biutiful" neben Javier Bardem.

Zur Schauspielerin: María Cerezuela, geboren 1993 in Barcelona, absolvierte ihre Schauspielausbildung im Taller de Artes Escénicas in Vitoria und im Centro de Formación Escénica BAI in Baracaldo, anschließend arbeitete sie als Theaterschauspielerin. Für ihre erste Kinorolle in "Maixabel" wurde sie mit dem Goya als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet.

Zur Co-Drehbuchautorin: Isa Campo, geboren 1975 in Oviedo, schloss Studien als Industrieingenieurin und in Philosophie ab, bevor sie als Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin arbeitete. Sie ist bekannt für ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur Isaki Lacuesta, für den sie Drehbücher schreibt, so als Co-Autorin für "Ein Jahr, eine Nacht", 2022, der im Wettbewerb der Berlinale 2022 lief. Bei dem Spielfilm "La propera pell", 2016, führte sie gemeinsam mit Isaki Lacuesta Regie.

Kurzbiographie von Maixabel Lasa und Juan Mari Jáuregui:
Beide wurden 1951 in der baskischen Provinz Gipuskoa geboren und bereits als Jugendliche ein Liebespaar. Sie heirateten 1975, 1981 wurde ihre Tochter Maria geboren. Nachdem Juan Mari, der sich unter der Franco-Diktatur dem politischen Flügel der ETA angeschlossen hatte, die Organisation 1972 verließ, engagierten sich beide in der Partido Comunista de Euskadi und der Gewerkschaft Comisiones Obreras. In den 80er Jahren traten sie gemeinsam der Partido Socialista de Euskadi PSE-PSOE bei. 1994 wurde Juan Mari Zivilgouverneur in der Provinz Gipuzkoa und war an der Aufklärung und Verurteilung von Mitgliedern der paramilitärischen GAL beteiligt, die zwei ETA-Aktivisten gefoltert und ermordet hatten. Als 1996 die konservative PP an die Regierung kam, wurde er abberufen und ging nach Chile, da er auf der Todesliste der ETA stand. Bei einem seiner regelmäßigen Besuche seiner Familie und Freunde, wurde er erschossen. Maixabel blieb, auch nach dem Attentat, weiterhin politisch aktiv und war von 2001 bis 2011 Direktorin des "Amtes für die Betreuung der Opfer des Terrorismus" der baskischen Regierung. Gegen heftige Widerstände öffnete sie 2008 die Arbeit dieses Amtes für alle Opfer von Gewalt, auch der der GAL und der Polizeigewalt. Daneben engagierte sie sich in der zivilgesellschaftlichen "Coordinadora Gesto por la Paz de Euskal Herria", die wesentlich zur Deeskalation der Gewalt im Baskenland beitrug.
(Quelle: Pressemitteilung Piffl-Medien)

Maixabel
Eine Geschichte von Liebe, Zorn und Hoffnung

Originaltitel: Maixabel
Spanien 2021
FSK: ab 12 Jahren
Regie: Icíar Bollaín
Drehbuch: Icíar Bollaín, Isa Campo
Darsteller*nnen: Blanca Portilla, Luís Tosar, Urko Olazabal, María Cerezuela, u.a.
Verleih: Piffl Medien
Lauflänge: 115 Minuten
Kinostart: 26.05.2022

Webseite des Films: www.maixabel.piffl-medien.de
Dort finden Sie die Termine der Vorpremieren mit Filmgesprächen, wie die regulären bundesweiten Spielzeiten.

Zum Hintergrund: Der baskische Konflikt im Norden Spaniens
Die Bestrebungen, ein von Spanien unabhängiges Baskenland zu erreichen, gehen bis 1895 zurück. In diesem Jahr gründet sich die sozialdemokratisch ausgerichtete PNV (Partido Nacionalisa Vasco), die mit friedlichen Mitteln für die Erhaltung der baskischen Tradition und Sprache eintritt. Aufgrund der repressiven Politik des spanischen Zentralstaates entstehen Anfang des 20. Jahrhunderts radikale baskisch-nationalistische Gruppierungen. Als 1936 mit dem Putsch von Francisco Franco der Spanische Bürgerkrieg beginnt, wird dieser im Baskenland besonders brutal geführt, wie durch die Bombardierung Guernicas am 26. April 1937 durch die deutsche Legion Condor. Nach Francos Sieg erfolgt das Verbot aller baskisch-republikanischen Verbände. 1958 gründet sich die ETA und versteht sich als antifrankistischer Widerstand, wie auch Teil der antikolonialen Befreiungsbewegungen. Nach Francos Tod 1975 und der Generalamnestie, bei der alle inhaftierten ETA-Mitglieder frei kommen, spaltet sich die ETA in eine politischen und einen bewaffneten Flügel. Zwischen 1980 und 2010 kommt es zu Anschlägen und Ermordungen durch die ETA, wie auch zu Repressionen durch den weiter frankistisch geprägten spanischen Staat. Nach der Bekanntgabe des Waffenstillstandes 2011, löst sich die ETA im Jahr 2018 endgültigen auf.
(Quelle: Pressemitteilung Piffl-Medien)

Weitere Informationen:

www.english.elpais.com
In der spanischen Zeitung El País erschien am 29. Mai 2013 ein Interview von Mónica Ceberio Belaza mit Maixabel Lasa unter dem Titel "I´m sure my husband would have tried to talk to his own killers." Dieser Artikel, in dem Maixabel über ihre Entscheidung spricht, sich mit den Mördern ihres Mannes zu treffen, und weshalb sie dies politisch und persönlich als wichtig erachtet, war der Anlass und Ausgangspunkt für diesen Film.


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Beitrag vom 23.05.2022

Helga Egetenmeier