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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2024 - Beitrag vom 01.09.2023


Motherland. Kinostart am 31.8.2023
Helga Egetenmeier

Auch wenn der Titel des Dokumentarfilms von Hanna Badziaka und Alexander Mihalkovich eine positive Konnotation zu Herkunft, Zugehörigkeit und Familie vermuten lässt, beleuchten sie das Gegenteil: die Grausamkeiten im belarussischen Militär. Dort ist die "Herrschaft der Großväter", die "Dedowschtschina"...




... in der belarussischen Gesellschaft bekannt und gefürchtet. Ihre Methoden reichen von Misshandlungen bis zu Mord.

Bezeichnet wird damit die in den Streitkräften der russischen und postsowjetischen Staaten bis heute üblichen Praxen von Grausamkeiten durch Dienstältere an neu Eingezogenen. Dabei geht es nicht nur um dauerhafte Schikanen, sondern auch um Unterwerfung bis hin zu Körperverletzungen und Mord.
Mit eindrücklichen Bildern zeigen die Filmemacher*innen den aussichtslosen Kampf einer Mutter um die Rehabilitierung ihres toten Sohnes. Und am Beispiel eines jungen Soldaten, wie Erniedrigungen und Gewalt zur Aufgabe von Widerstand führen können. Dass diese Mechanismen von Unterdrückung und Folter Machthaber Lukaschenko dazu verhalfen, die Proteste zur Wahlfälschung im Jahr 2020 in Belarus brutal niederschlagen zu lassen, behandeln Hanna Badziaka und Alexander Mihalkovich im letzten Drittel ihres chronologisch angelegten Films.

Svetlana: Mutter eines ermordeten Wehrpflichtigen

Svetlana will eine Sammelklage einreichen, um gegen die regelmäßig gedeckelten Morde an jungen Soldaten juristisch vorzugehen. Ihr Sohn Sascha starb während seines Armeedienstes und sie ist sich sicher, dass er getötet wurde. Mit Olga, einer Mutter, die ebenfalls annimmt, dass ihr Sohn ermordet wurde, unterhält sich Svetlana dazu über die "Dedowschtschina".

Der Film zeigt, wie sich Svetlana immer wieder bemüht, Informationen von anderen Eltern zu bekommen. Diese bestätigen ihr, dass sie sich ebenfalls sicher sind, über die wahre Todesursache ihrer Söhne belogen worden zu sein. Es sei ihnen gesagt worden, sie seien eines natürlichen Todes gestorben, oder hätten Selbstmord begangen. Doch an den toten Körpern ihrer Kinder hätten sie Hämatome in verschiedenen Verfärbungen gesehen, erzählen sie Svetlana, der die Kamera bei ihren Gesprächen folgt.

Nikita: wird in die Armee eingezogen

Nikita, ein junger Mann, der in der Minsker Techno-Szene unterwegs ist, ist neben Svetlana der zweite Protagonist, den die Dokumentarfilmer*innen porträtieren. Er hat zu Beginn des Films seine Einberufung zum Wehrdienst erhalten. Wir sehen ihn, wie er mit seinen Freund*innen tanzt und später durch Industriebrachen zieht. Bei einem nachdenklichen Gesprächmit ihnen bedauert er, wegen des eineinhalbjährigen Militärdienstes eine schöne Zeit seiner Jugend zu verpassen.

Seine Freund*innen fragen Nikita auch, weshalb er nichtabhauen würde, so wie andere, oder sich ein Bein oder einen Arm brechen würde. Dagegen freut sich sein Großvater darüber, dass seinem Enkel durch das Militär Disziplin beigebracht werden würde. Nikita sieht keinen Grund, sich dem Wehrdienst zu entziehen und sich dadurch seine Zukunft in Belarus zu verbauen. Doch am Ende des Films, nach seiner Entlassung aus dem Militär, wird er sagen, diese Zeit sei "wie eine Gehirnwäsche" gewesen.

Brief eines Soldaten an seine Mutter

Der dritte Protagonist in diesem Dokumentarfilm ist ein (bis zum Abspann) nicht namentlich benannter Soldat, dessen Briefe an seine Mutter eine Stimme aus dem Off vorliest. Er beschreibt darin die psychischen Auswirkungen der Misshandlungen und die grausame Zwangslage, in der er sich befindet. Durch diese Erklärung des seelischen Zustands eines Soldaten erschließt sich für die Zuschauer*innen die Ausweglosigkeit, die auch das Leben von Svetlana und Nikita prägen.

Aus dem ersten Brief:
"Hallo meine liebste Mami. Heute ist mein dritter Tag bei der Armee, was mich mit sehr gemischten Gefühlen erfüllt. Niemand ist aus freiem Willen hier. Doch es gibt keinen Weg zurück. Jeder versucht, den anderen zu dominieren. Aber mit Bedacht, als würde man einen Fremden vorsichtig abtasten. Ständige Müdigkeit hat sich eingestellt. Gleich am Morgen fühle ich mich, als ob ich in einer Plastiktüte wäre. Heute sind wir um 4 Uhr morgens aufgestanden und haben das Gelände bis zum Mittag gereinigt. Trotzdem waren die Beamten unzufrieden. Ich fragte meinen Feldwebel: "Was ist los?" "Alles ist falsch! Jetzt bist du in der Armee!", antwortete er. Und seine Antwort gibt unseren Zustand vollständig wieder."

Die Niederschlagung der Proteste in einer vom Militär überwachten Gesellschaft

Nikita ist noch beim Militär und telefoniert mit seinen Freund*innen, als der Dokumentarfilm zeitlich bei den Wahlen in Belarus im Sommer 2020 angekommen ist. Er wird von ihnen gefragt, ob die Soldaten schießen würden, wenn es Proteste gegen die Wahlfälschungen gäbe. Befehle würden befolgt, meint Nikita dazu, denn "wenn ich nicht gehorche, ist es einfacher für sie mich zu liquidieren." Damit legt der Film nahe, dass die "Dedowschtschina" zu dem brutalen Einsatz des Militärs gegen die Demonstrant*innen geführt hat und durch den Autokraten Lukaschenko und seinen Machtapparat dafür genutzt wird, weiterhin in Belarus an der Macht zu bleiben

So zeigen Hanna Badziaka und Alexander Mihalkovich in ihrem ruhig geschnittenen Film, in dem ihre Empathie für ihre Protagonist*innen zu spüren ist, wie eine engagierte belarussische Gesellschaft diesen militärischen Praktiken hilflos gegenüber steht. Und die Mütter müssen erleben, dass ihre Zivilklagen zur Untersuchung der Todesursachen ihrer Söhne, abgelehnt werden, da es kein staatlich unabhängiges Gericht in Belarus gibt.

AVIVA-Tipp: Hanna Badziaka und Alexander Mihalkovich gelingt mit ihrem Dokumentarfilm ein vielschichtiges Gesellschaftsbild von Belarus, das die Brutalität deutlich macht, mit der die Profiteure der Diktatur die Menschen unterdrücken. Der Weg zur demokratischen Freiheit scheint für die Menschen in Belarus noch lang, doch dieser Film kann einen Beitrag dazu leisten.

Zur Regisseurin: Hanna Badziaka schloss an der Belarussischen Staatlichen Universität im Jahr 2010 mit einem Master in Philologie ab. Danach arbeitete sie als Videojournalistin für unabhängige Online-Medien und später für den einzigen unabhängigen Fernsehsender in Belarus. Als Journalistin konzentrierte sie sich auf soziale Fragen und Themen des täglichen Lebens. Dann beteiligte sie sich an der Erstellung mehrerer Dokumentarfilme und arbeitete als Regisseurin und Drehbuchautorin für TV-Projekte mit Kurzdokumentationen. "Motherland", bei dem sie als Co-Regisseurin fungiert, ist ihr Dokumentarfilm-Debüt.

Zum Regisseur: Alexander Mihalkovich, belarussisch-ukrainischer Regisseur und Produzent, graduierte mit einem PhD in Bibliothekswissenschaft und einem Magister in Filmregie im internationalen Studienprogramm DocNomads. Nach mehreren kurzen Dokumentar- und Experimentalfilmen drehte er seinen ersten Langfilm "Meine Oma vom Mars". Der Film hatte einen erfolgreichen Kinostart in der Ukraine und wurde bei zahlreichen Filmfestivals ausgewählt, wie das DOK.fest München 2019 und als Eröffnungsfilm für das Eastern Neighbours Film Festival 2019.

Auszeichnungen
CPH:DOX 2023 (Copenhagen International Documentary Film Festival) = Winner DOX:Award
23rd goEas - Festival of Central and Eastern European Film = fipresci Award

Motherland
Genre: Dokumentarfilm, OmU
Schweden, Ukraine, Norwegen 2023
Regie: Hanna Badziaka, Alexander Mihalkovich
Drehbuch: Hanna Badziaka, Alexander Mihalkovich
Kamera: Siarhiej Kanalplianik
Schnitt: Katiia Vushnya
Verleih: déjà-vu film
Lauflänge: 92 Minuten
Kinostart: 31.08.2023

Mehr zum Film unter www.dejavu-film.de

Mehr zum Thema unter:

www.razam.de
Eine Webseite und ein Verein, der am 9. August 2020, dem Tag der Präsidentschaftswahl in Belarus in Deutschland gegründet wurde und übersetzt "gemeinsam" heißt. Der Verein will die Menschen "bei ihrem Streben nach freien Wahlen und einem Ende der staatlichen Gewalt" unterstützen und versteht sich als "erste Interessenvertretung von und für in Deutschland lebende Belaruss*innen". Wie die Webseite erklärt, unterstützen sie seit dem 24. Februar 2022 auch die Opfer des Angriffskriegs auf die Ukraine.

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Helga Egetenmeier