Konrad Wolf - Der geteilte Himmel. Nach der Erzählung von Christa Wolf - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kunst + Kultur Film



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 18.03.2009


Konrad Wolf - Der geteilte Himmel. Nach der Erzählung von Christa Wolf
Claire Horst

Zum 80. Geburtstag von Christa Wolf erscheint die DEFA-Verfilmung von "Der geteilte Himmel" erstmalig auf DVD, ergänzt um Wolfs berühmte Rede auf dem Alexanderplatz, "Zeitzeugengespräche",...




... die der Filmemacher Thomas Grimm mit Christa und Gerhard Wolf führte, und den Fernsehfilm zur Erzählung "Selbstversuch".

Leben und Werk

Christa Wolf wurde am 18. März 1929 in Landsberg/Warthe (heute Polen) geboren. Schon Anfang der 1960er Jahre war sie mit "Der geteilte Himmel" zu einer wichtigen kritischen Stimme der DDR geworden. In ihren Texten und auch in öffentlichen Stellungnahmen hat sie sich beständig in politische und moralische Debatten eingemischt und dabei immer eine eigenständige Position vertreten. "Kindheitsmuster" und "Nachdenken über Christa T." beschäftigen sich mit der jüngeren deutschen Geschichte und befragen die Stellung der Einzelperson in einer restriktiven Gesellschaftsordnung. In Werken wie "Kassandra" und "Medea" werden griechische Mythen aus feministischer Sucht umgedeutet und ihr patriarchaler Ursprung hinterfragt.

Kritische Loyalität zur DDR

Nach der Wende wurde Christa Wolf als "Staatsautorin" der DDR kritisiert. In Texten wie "Was bleibt" und "Leibhaftig" hat sie sich jedoch durchaus offen mit den negativen Aspekten des Staatssozialismus auseinandergesetzt. Die Auswirkungen der Überwachung durch die Stasi, von der auch sie – trotz ihrer Loyalität zur DDR - betroffen war, untersucht sie in diesen Texten.

"Der geteilte Himmel"

Hauptfigur von "Der geteilte Himmel" ist die junge Rita, die nach einem psychischen Zusammenbruch in einem Sanatorium zu sich kommt und die Ereignisse des letzten Jahres reflektiert. Der Beginn ihrer Ausbildung im Lehrerinnenseminar, ihre Ferienarbeit in einer Brigade des Waggonbauwerks Ammendorf, ihre Liebe zu Manfred, einem Chemiker, das sind die wichtigsten äußeren Fakten. Tatsächlich geht es um Ritas Entwicklung zu einer eigenständigen Persönlichkeit, während sie sich mit politischen und persönlichen Konflikten auseinandersetzt. Auslöser des Zusammenbruchs waren Manfreds Entscheidung, in den Westen zu gehen und Ritas Entschluss, in der DDR zu bleiben.

Kritik am Staatssozialismus

Ungewöhnlich klar äußert Wolf Kritik an der realen politischen Lage in der DDR. Ihre Figuren diskutieren Fehlentwicklungen des Landes, und selbst der Entschluss des Chemikers Manfred, das Land zu verlassen, wird nachvollziehbar – in der DDR sind seine Forschungen unerwünscht. Eine derart offene Auseinandersetzung mit den Missständen war ungewöhnlich. Wie die Erzählung von 1963 geriet auch der Film ein Jahr später zum Ereignis. Mit einer vorher nie gekannten Offenheit wurden Wunden der DDR-Gesellschaft beleuchtet, wobei als Ursachen für die Konflikte der Figuren auch Intoleranz, politischer Opportunismus und Heuchelei in den "eigenen Reihen" zur Sprache kamen. In der DDR wurde der Film nach 1968 kaum noch gezeigt.

Die Rede auf dem Alexanderplatz

Christa Wolfs kritische Haltung zur DDR wird auch anhand ihrer Rede auf dem Alexanderplatz deutlich. Sie war zwar als überzeugte Sozialistin schon 1949 in die SED eingetreten und erst im Mai 1989 ausgetreten, hatte aber die Solidaritätserklärung an Wolf Biermann nach seiner Ausbürgerung unterschrieben und war daraufhin aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen worden. Anhand ihrer Rede über "Die Sprache der Wende" vom 4. November 1989 lässt sich nachvollziehen, was einen großen Teil der DDR-BürgerInnen damals bewegte. Wie viele war Wolf überzeugt von der Reformierbarkeit des Systems. Eine "Wende" hin zum Staatssystem der BRD lehnte sie daher zunächst ab. In ihrer Rede setzte sie sich mit der Kraft der Sprache des Volkes auseinander, die für sie einen großen Anteil an den jüngsten Veränderungen hatte.

ZeitzeugInnengespräche

In den ZeitzeugInnengesprächen mit Christa Wolf und ihrem Mann Gerhard, ebenfalls Schriftsteller und Verleger, blicken die AutorInnen auf die damalige Zeit zurück und äußern sich zur eigenen Tätigkeit.

Selbstversuch

Ein weiteres Extra der DVD ist der DFF-Fernsehfilm "Selbstversuch" von Peter Vogel. Er basiert auf der gleichnamigen, wenig bekannten Erzählung von Christa Wolf. Sie erschien 1980 als "Geschlechtertausch. Drei Erzählungen" zusammen mit Texten von Sarah Kirsch und Irmtraud Morgner. In der Erzählung erklärt sich eine Wissenschaftlerin bereit zu einem Versuch, in dem ein Medikament zur Geschlechtsumwandlung eingesetzt wird. Das Experiment scheitert an der Unmöglichkeit, zu einer eigenen Identität zu finden – die Hauptfigur ist gefangen in den widersprüchlichen Erwartungen, die an sie als Mann oder Frau gestellt werden. Wolf spielt mit den Klischees, die Frauen und Männern zugeschrieben werden. Die namenlose Ich-Erzählerin, die jetzt der Mann "Anders" ist, wirkt plötzlich aggressiver, aber weniger fantasievoll. Kritisiert wird vor allem eine patriarchale Welt, in der Frauen sich den Erwartungen der Männer anpassen, aber auch die Aufrechterhaltung dieses Systems durch die Frauen.

AVIVA-Tipp: Christa Wolf ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Autorinnen Deutschlands, die stilistisch wie thematisch Maßstäbe gesetzt hat. Die sorgfältig zusammengestellte DVD ist daher nicht nur für Christa-Wolf-Fans interessant, sondern bietet eine gute Einführung in das Werk der Autorin und zudem einen interessanten Einblick in die jüngere deutsche Geschichte.

Konrad Wolf: Der geteilte Himmel
ISBN: 978-3-89848-551-7
Preis: 29,90 Euro
Bonusmaterial: "Selbstversuch" (DDR 1989) die Verfilmung von Christa Wolfs Novelle über einen Geschlechtertausch
- Christa Wolfs legendäre Alexanderplatz-Rede vom 4.11.1989
- Zwei ausführliche ZeitzeugInnengespräche mit Thomas Grimm

Regie: Konrad Wolf
Literarische Vorlage: Christa Wolf
Kamera: Werner Bergmann
Produktions-Land+Jahr: DDR 1964
Musik: Hans-Dieter Hosalla
DarstellerInnen: Eberhard Esche (Manfred Herrfurth), Renate Blume (Rita Seidel), Hilmar Tate (Ernst Wendland), Hans Hardt-Hardtloff (Rolf Meternagel), Martin Flörchinger (Herr Herrfurth), Erika Pelikowsky (Frau Herrfurth)
2 DVDs, insgesamt 280 Min. (116 min + Extras), Sprache: deutsch
Filmverlag und Vertrieb unter: www.absolutmedien.de und www.abakusberlin.de

Veranstaltungen zu Christa Wolfs 80. Geburtstag

Christa Wolf wird am Freitag, 20. März 2009 mit einer Veranstaltung in der Akademie der Künste geehrt. Über 70 KünstlerInnen haben Texte und Bilder zu einem gemeinsamen Buch beitragen, das ihr zum Geburtstag überreicht wird.
Weitere Informationen finden Sie im AVIVA-Veranstaltungskalender: Christa Wolf in der Akademie der Künste
Im Kino Babylon Mitte findet vom 19. März bis zum 1. April 2009 eine Filmreihe statt. Informationen finden Sie unter www.babylonberlin.de/christawolf.htm
Im Fernsehen wird zu ihrem Geburtstag das Fernsehporträt "Ein Tag, ein Jahr, ein Leben" (2004) ausgestrahlt: RBB am 18. März 2009 um 22.50 Uhr. Weitere Informationen zum Film unter: www.rbb-online.de




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Beitrag vom 18.03.2009

Claire Horst 






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