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AVIVA-BERLIN.de im April 2021 - Beitrag vom 23.04.2009


Harlan - Im Schatten von Jud Süss
»Nana« Nicole Wenger

Veit Harlan war der erfolgreichste Filmregisseur des Dritten Reiches. Von Goebbels beeinflusst und dem Nazi-Regime mit allen Mitteln gefördert, erreichte der antisemitische Film "Jud Süß" ...




... ein millionenfaches Publikum – in ganz Europa. Vom Reichsführer der SS Himmler verordnet, wurde "Jud Süß" zum Lehrfilm für die gesamte Waffen-SS, die Polizei und andere Reichsorgane gezielt eingesetzt, um Rassenwahn und Judenhass in seiner unfassbaren Dimension zu verbreiten.

Bereits in seiner Gerhard Hauptmann Verfilmung "Der Herrscher" griff Veit Harlan die Volksgemeinschaftsparolen, den Genie- und Herrscherkult auf und versetzte das Ganze gekonnt künstlerisch mit den ideologischen Botschaften der Zeit. Hitler und Goebbels wurden auf Harlan aufmerksam und wussten ihn bis zum Ende ihrer Herrschaft für ihre Propaganda zu nutzen. Für seine aufwendigen Filme wurden alle Mittel zu Verfügung gestellt - Menschen, Juden und Soldaten. Er drehte mit den berühmtesten und beliebtesten SchauspielerInnen, den Stars des Dritten Reiches, die mit jeder Pore das Bild des arischen Herrenmenschen hochhielten. Seine Frau, die Deutsch-Schwedin Kristina Söderbaum, die oft die naive blonde Kindfrau verkörperte und als "Reichswasserleiche" berühmt wurde, entwickelte sich zur Garantin seines Erfolgs. Es ist ihr Filmtod in "Jud Süß", der die Botschaft: "Totschlagen – Der Jude muss weg!" in die Köpfe der ZuschauerInnen pflanzen und verfestigen sollte.

Nach dem Ende des Krieges hatte sich Veit Harlan zweimal vor Gericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verantworten – er berief sich bis zu seinem Lebensende auf den Zwang, den Goebbels auf ihn ausgeübt habe. Er wurde zweimal freigesprochen, auch wenn die Fragen nach seiner persönlichen Verantwortung und der Beihilfe zur Volksverhetzung nie verstummten. Veit Harlan konnte dennoch seine Filmkarriere weiterführen.

Doch wie geht Harlans Familie mit dem politischen Erbe, ihrer Geschichte und ihrer Verantwortung heute – auch in der dritten Generation - um? Diesen Fragen geht der Regisseur und Dokumentar-Filmer Felix Moeller nach. Er befragt Harlans Söhne, Töchter, Nichten, Neffen und EnkelInnen. Es ist eine große Familie, sie reicht hin bis zu seiner Nichte Christiane, die Stanley Kubrick heiratete und zu seiner Enkelin Jessica Jacoby, deren anderer jüdischer Großvater von den Nazis umgebracht wurde.
Die Reaktionen der Beteiligten fallen dabei sehr unterschiedlich, bisweilen schockierend, aus. Sein ältester Sohn Thomas Harlan setzt sich unnachgiebig mit der politischen wie künstlerischen Verantwortung seines Vaters und seiner Familie auseinander, für ihn ist und bleibt "Jud Süß" ein Mordinstrument:

Ich glaube nicht, dass der Antisemitismus bei ihm ein interessantes Thema ist. (...) Das Wirkliche ist, dass der Nicht-Antisemit der beste Wetzer des Messers war. Und das Schlimmste ist, dass der, der es gemacht hat, nicht verstanden hat, zu was er gerufen worden ist. Und als er es verstanden hat oder hätte verstehen können, immer noch nicht gemerkt hat, dass man in dem Beruf vielleicht doch nicht weiter machen darf."
Sein anderer Sohn Kristian Harlan kann den Umgang der Gesellschaft und seines Bruders nicht nachvollziehen und lehnt jegliche Schuld seines Vaters ab:
Es geht niemanden etwas an, was ich von meinem Vater denke. Er ist mein Vater!"
Seine Töchter Maria und Susanne Körber, die ihren Nachnamen änderten um ihre Schauspielkarriere nicht zu gefährden, versuchten durch ihre Heirat eines jüdischen Mannes Ruhe zu finden und scheiterten daran.

Auch seine Enkel und Enkelinnen stehen unterschiedlich distanziert und betroffen zu ihrer Familiengeschichte: Für manche von ihnen ist das Filmverbot für "Jud Süß" nicht mehr so ganz nachvollziehbar, sie hatten sich den Film "brutaler" vorgestellt. Jessica Jacoby muss damit leben, dass ihr prominenter Großvater Harlan alles Interesse auf sich zog, während ihr jüdischer Großvater in einem Massengrab der Anonymität preisgegeben wurde.

AVIVA-Tipp: Felix Moeller vereint in seinem Dokumentarfilm Biografie, Film- und Zeitgeschichte. Dank seiner sensiblen und verantwortungsvollen Auswahl und Montage von Kommentaren und Filmsequenzen vermeidet er ein einseitiges Portrait einer gespaltenen Familie. Das Schicksal von Millionen europäischer Juden und ihren Familien wird nicht von dem Familienschicksal der Harlans überlagert. Sein Film zeigt aber auch die Bereitschaft Einzelner, sich ihrer Verantwortung und ihrer Familiengeschichte zumindest teilweise entziehen zu wollen. Dem werden deutliche Zeit- und Filmdokumente entgegen gesetzt.

Harlan – Im Schatten von Jud Süss
Ein Film von Felix Moeller
D 2008, 100 Minuten
Regie und Buch: Felix Moeller
Mit: Thomas Harlan, Maria Körber, Caspar Harlan, Kristian Harlan, Jan Harlan, Christiane Kubrick, Jessica Jacoby, Alice Harlan, Chester Harlan, Nele Harlan, Lotte Harlan, Lena Harlan, Stefan Drößler u.a.
Im Verleih der Edition Salzgeber
Musik: Marco Hertenstein, eingespielt vom Philharmonischen Filmorchester München
Kamera: Ludolph Weyer, BVK
Sprecher: August Zirner

Produzenten: Amelie Latscha, Felix Moeller
Redaktion: Felix Kuballa (WDR), Rolf Bergmann (RBB), Barbara Denz (NDR), Outi Saarikosky (YLE)
Eine Produktion von Blueprint Film
Koproduktion: WDR/RBB/NDR
Zusammenarbeit: YLE TEEMA ATELJEE
Mit besonderer Unterstützung von Friedrich-Wilhelm-Murnau Stiftung / Transit Film
Gefördert durch FFF Bayern, den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Deutscher Filmförderfonds, Projektentwicklung unterstützt durch das Media Programm der Europäischen Union

Kinostart: 23. April 2009
Weitere Informationen im Netz finden Sie unter:
www.salzgeber.de


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Beitrag vom 23.04.2009

AVIVA-Redaktion 






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