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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 24.06.2009


Alle Anderen
Anna Opel

Schonungslos nah zeigt der zweite Film der Regisseurin Maren Ade ein modernes Liebespaar beim schwierigen Balanceakt zwischen Hingabe und Selbstbehauptung. Birgit Minichmayr erhielt den Silbernen..




... Bären für ihr exzellentes Spiel

Liebe – jenseits von Rollen

Dieser Film bannt durch seine differenzierte und immer fragende Darstellung einer Liebesbeziehung, in der beide Partner Liebe jenseits aller Rollenklischees suchen. Gitti (Birgit Minichmayr) gesteht Chris (Lars Eidinger) im gemeinsamen Urlaub immer wieder unprätentiös, scheu, ehrlich ihre Liebe. Sie braucht eine Antwort, bekommt sie aber nicht – bis zum Blackout, der in einem Moment größter Spannung den Film beendet.
Beide Liebende sind dominant und nachgiebig, doch Gitti ist Chris in ihrer Klarheit und ihrem Selbstbewusstsein überlegen. Die Spannung zwischen den beiden ist trotz sommerlicher Hitze und leichter Bekleidung nicht grob sexualisiert. Er grabbelt sie nicht an, sie bezirzt ihn nicht, konfrontiert ihn nicht mit ihrer Enttäuschung, ihren Erwartungen. Keine gegenseitigen Besitzansprüche, stattdessen Spiel, leichtfüßige Zitate, ernste Gespräche. Die Zuschauerin ist mittendrin, während die beiden versuchen, sich kennen zu lernen und die Regeln und Rahmen eines möglichen Miteinander ausloten.

Alles neu – und doch bekannt

Unter der klugen und bedächtigen Regie Maren Ades wird der Abstand zwischen Individuum und Rolle fast sichtbar. Beide SpielerInnen zeigen sich in einzelnen Momenten rückhaltlos offen dem Gegenüber, auch uns, dem Publikum. Die Grenzen zwischen Rolle und DarstellerIn werden thematisiert und gleichzeitig verwischt. Das beobachten zu können, ist in der emotionalen Intensität schlicht umwerfend.
Erschreckend, die unüberbrückbare Distanz zwischen zwei Personen, für die Liebe allenfalls eine wackelige Brücke sein kann. Erschreckend auch, wie sich, trotz aller Reflexion und Bewusstheit, das Bild von der hingebungsvoll liebenden Frau und dem nach außen indifferenten männlichen Part wieder einstellt.

Die anderen als Katalysatoren

Ohne sich auf eine Handlung oder einen Plot zu stützen, gelingt der jungen Regisseurin Maren Ade das authentische Bild eines Paares aus der Kreativbranche. Das fragile Gleichgewicht zwischen den beiden gerät ins Wanken, als Chris einem ehemaligen Studienkollegen begegnet, der inzwischen Karriere gemacht hat. Der selbstgewisse Hans (Hans-Jochen Wagner) und seine, sich in ihrer Rolle als werdende Mutter pudelwohl fühlende Sana (Nicole Marischka), bieten sich als Zerrspiegel und Katalysatoren der eigenen Identitätsthematik bestens an.

Während Gitti und Chris sich selbst und einander noch tastend suchen, haben Hans und Sana das Format ihres Beziehungslebens im ständigen ironischen Rekurs auf traditionelle Rollen gefunden und grinsen aus ihren Schablonen heraus. Da können seine ständigen machohafte Bemerkungen über Kochkünste ihrerseits großzügig weggekichert werden und jeder weiß allzu genau, wo er steht.
Während die selbstbewusste Gitti Hans´ gönnerhaften Bemerkungen gegenüber ihrem Freund kritisiert, fühlt Chris sich von dessen Selbstbewusstsein angestachelt, Selbstzweifel endlich über Bord zu werfen und distanziert sich von Gitti. Sie versucht, sich an die neue Marschroute anzupassen und überfordert sich dabei. Zwischen den Liebenden gerät einiges gefährlich ins Rutschen.

Offensives Fragen

Der Schluss bleibt offen, Maren Ade lässt vieles ungesagt und unentschieden. Auch darin beweist sie Klugheit und eine sympathische Komplizenschaft mit ihrem Publikum. Sie weiß auch nicht mehr. Aber sie erzählt eine offensiv fragende und anrührende moderne Liebesgeschichte. Der zum Niederknien nostalgische und dankenswerterweise völlig unironisch eingesetzte Soundtrack (Cat Stevens! Herbert Grönemeyer!) spielt die dritte Hauptrolle.

AVIVA-Tipp: "Alle Anderen" ist stark in den glasklaren Dialogen, wie in den Szenen, in denen Ungesagtes zwischen den ProtagonistInnen vibriert. Die große Nähe zu den beiden HauptdarstellerInnen macht den Film zum überwältigend subtilen Porträt einer Generation, die überholte Rollenbilder reflektiert und überwiegend ablehnt. Das bleibt mutig und aufregend, weil sie offenkundig (noch?) keinen Ersatz an der Hand hat.

Der Film sowie Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr wurden auf der diesjährigen Berlinale mit zwei Silbernen Bären ausgezeichnet und auf dem Buenos Aires Filmfestival mit dem FIPRESCI KritikerInnenpreis sowie dem Preis für die Beste Regie geehrt.

Alle Anderen
Deutschland 2008
Buch und Regie: Maren Ade
DarstellerInnen: Birgit Minichmayr, Lars Eidinger, Hans-Jochen Wagner, Nicole Marischka
Verleih: Prokino
Lauflänge: 119 Minuten
Kinostart: 18. Juni 2009


Kunst + Kultur > Film

Beitrag vom 24.06.2009

AVIVA-Redaktion 






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