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AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 21.07.2009


Salami Aleikum
Claire Horst

"Wenigstens isses kein Wessi", so die wenig begeisterte Reaktion der Bergheims auf die neue Liebe ihrer Tochter. Mohsen ist iranischer Abstammung. Und "die Ayatollahs" sind in Oberniederwalde...




... nicht gerade beliebt.

Das ostdeutsche Kaff zeichnet sich nur durch eines aus: durch seine Trostlosigkeit. Seit die örtliche VEB "Textile Freuden" mit der Wende schließen musste, haben hier fast alle die Hoffnung verloren. Auch Ana Bergheim hat sich von ihren Träumen schon lange verabschiedet. Von ihrer Karriere als Profi-Kugelstoßerin ist nur ihre dopingbedingte Größe und Stärke geblieben.

Gerade das findet Mohsen an ihr so attraktiv. Der kleingewachsene und schüchterne Kölner lebt noch bei seinen Eltern. Eigentlich soll er die Metzgerei des Vaters weiterführen. Leider kann er aber keinem Schaf ein Haar krümmen – er ist eine einzige Enttäuschung für die Eltern wie die Stammkunden. Seine Wut, seine Trauer und seine Ängste verarbeitet er beim Stricken. Die starke Ana gewinnt sein Herz im ersten Augenblick.

Eigentlich wollte Mohsen nach Polen. Ein dubioser Händler hat ihm "Musterschafskis" versprochen, die er nicht einmal selber schlachten muss – eine traumhafte Lösung für seine Probleme. Mitten in dem Dorf ist jedoch sein Wagen liegen geblieben. In der Gaststätte der Bergheims wird er mit einem von Herzen kommenden "Ham wa´ nich´" abgewiesen. Ambiente und Atmosphäre des Dorfes erinnern stark an Jeunets "Delicatessen", so surreal und unwirklich ist die Szenerie. Nebelschwaden umwabern die düsteren Häuserreihen, alle Gespräche verstummen, als der schüchterne Fremde die Kneipe betritt.

Im strömenden Regen muss er schließlich im Auto übernachten, um das finstere Gestalten herumschleichen. Gerettet wird er von Ana, die inzwischen als Automechanikerin arbeitet. Die große Liebe, die zwischen den beiden Außenseitern entsteht, muss sich gegen Widerstände aller Art durchsetzen. Rassistische Kneipenbesucher und glatzköpfige Dorfjugendliche sind da noch das kleinste Problem.

Doch Mohsen hat Glück: Durch ein Missverständnis wird er für den zukünftigen Retter des Dorfes gehalten. Der "Perser" will die VEB wieder aufbauen und iranische Textilien produzieren, davon sind bald alle überzeugt. Unglaublich komisch ist es zu beobachten, wie die DorfbewohnerInnen persische Vokabeln trainieren (daher der Titel), Köfte statt Schweinenierchen kochen und Gebetsteppiche ausrollen. Mohsen will Ana nicht enttäuschen und genießt die plötzliche Zuneigung ihrer Eltern.

Die Situation spitzt sich zu, als die Taheris eintreffen. Bewaffnet mit einem Baseballschläger wagen sie sich in den Osten, um ihren Sohn heimzuholen. An Vorurteilen stehen sie den Bergheims überhaupt nicht nach. So sind auch sie von der Beziehung der beiden nicht begeistert: die große Frau werde ihren Sohn zusammenschlagen, befürchten sie.

Mohsen gelingt es, seine Lüge noch eine Weile aufrecht zu erhalten. Spätestens mit dem Besäufnis der beiden Väter sind die letzten Animositäten ausgeräumt – der Iraner und der Ostdeutsche haben schließlich einiges gemeinsam: beide wurden nicht aus der Armee entlassen und haben dennoch Posten und Heimatland verloren. Beide hatten Träume, die enttäuscht wurden.

"Salami Aleikum" ist ein seltener Glücksfall: eine Komödie aus Deutschland, die wirklich komisch ist. Ähnliches kennt man aus Schweden von Josef Fares´ "Jalla Jalla" – auch der Witz dieses Films beruht nicht nur, aber zu großen Teilen auf interkulturellen Missverständnissen. Ali Samadi Ahadi ist eines noch besser gelungen als Fares: Seine Stereotypen sind derart überzogen, dass ihre Absurdität sofort deutlich wird.

Und er erzählt sein Märchen von der großen Frau, dem kleinen Mann und dem Schaf mit so viel Liebe und Humor, dass man einfach daran glauben möchte. An diesem Erfolg sind zum einen seine großartigen SchauspielerInnen beteiligt, die aus so unterschiedlichen Fächern kommen wie dem politischen Kabarett oder der persischen Popmusik. Zum anderen ist "Salami Aleikum" eine spannende Mischung aus Märchen, Realsatire, Bollywood- und Animationsfilm. Fliegende Teppiche und tanzende Schafe spielen eine ebenso große Rolle wie die Geschichten, die Mohsens selbstgestrickter Schal zu erzählen hat.

"Ich glaube, der Trick liegt darin, dass wir nicht versucht haben, komische Menschen zu beschreiben. Wir haben unsere Figuren sehr ernst genommen und sie weder denunziert noch uns über sie lustig gemacht. [...] Fast alle unsere Szenen könnten, wenn man sie ein bisschen anders erzählt, Dramen sein. Es ist nur ein winziger Schritt von der Tragödie zur Komödie.", glaubt Regisseur Ali Samadi Ahadi.

AVIVA-Tipp: Ein großartiger Film! Wer intelligenten Humor mag, ist hier genau richtig. "Salami Aleikum" ist ernsthaft, komisch, romantisch und absurd zugleich. Stereotypen von Männern, Frauen, Ossis, Wessis, PerserInnen, PolInnen werden genüsslich auf die Schippe genommen – doch dabei bleibt der Film wunderbar unverkrampft. Und vor allem macht er Spaß. Den SchauspielerInnen ist die große Entdeckung zu wünschen, allen voran den DarstellerInnen der beiden Elternpaare.


Zum Regisseur: Ali Samadi Ahadi wurde 1972 in Täbriz/Iran geboren. Mit 12 Jahren kam er 1985 ohne Familie nach Deutschland und machte sein Abitur in Hannover. An der Gesamthochschule Kassel absolvierte er sein Studium der Visuellen Kommunikation mit Schwerpunkt Film und TV und führte bei mehreren Dokumentationen Regie. Der Dokumentarfilm "Lost Children" über Kindersoldaten in Uganda, bei dem er zusammen mit Oliver Stoltz Regie führte, wurde international mehrfach ausgezeichnet (u.a. UNICEF Award, Al Jazeera Award) und mit dem Deutschen Filmpreis 2006 als "Bester Dokumentarfilm" prämiert. Ali Samadi Ahadi und Oliver Stoltz wurden mit "Lost Children" zudem für den bedeutendsten amerikanischen Fernsehpreis Emmy 2009 nominiert. "Salami Aleikum" ist Samadi Ahadis Spielfilmdebüt.

Der Film im Netz: www.salami-aleikum.de

Salami Aleikum
Deutschland 2009
102 Minuten
Regie und Buch: Ali Samadi Ahadi
Buch: Arne Nolting
Kamera: Bernhard Jasper
VFX-Supervisor: Frank Sennholz
DarstellerInnen: Navid Akhavan, Anna Böger, Michael Niavarani, Proschat Madani, Wolfgang Stumph, Eva-Maria Radoy
Kinostart: 23.07.2009

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin "Lost Children", der Dokumentarfilm über Kindersoldaten in Uganda, bei dem Ali Samadi Ahadi zusammen mit Oliver Stoltz Regie führte.


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Beitrag vom 21.07.2009

Claire Horst 






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