Helen - eine Frau in den Tiefen der klinischen Depression - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kunst + Kultur Film



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 24.11.2009


Helen - eine Frau in den Tiefen der klinischen Depression
Anna Opel

Noch wenn sie sich das Messer gegen die Brust schlägt, sieht Ashley Judd in der Rolle der Helen gut aus. Regisseurin Sandra Nettelbeck gelingt das realistische Bild einer grausamen Krankheit




Fünf Gründe, trotzdem zu leben

Depression ist eine Volkskrankheit. Das wissen wir, viele Menschen leben mit antidepressiven Medikamenten, viele leiden jahrzehntelang. Aber wie sieht die Depression aus, was richtet sie an mit einem Leben? Im neuen Film von Sandra Nettelbeck finden zwei kranke Frauen vorübergehend aneinander Trost: Helen (Ashley Judd) und Mathilda (Lauren Lee Smith), treffen sich nach Zufallsbegegnungen in einer psychiatrischen Anstalt. Im vorigen Leben war Helen Mathildas Musikprofessorin. Die klinische Depression hat die beiden Frauen gleich gemacht. Eine glückliche Frau in den besten Jahren, in zweiter Ehe gut verheiratet, mit niedlich pubertierender Tochter und riesigem Freundeskreis – und eine Getriebene, Beziehungslose, die in einem verwahrlosten Loch haust und ihre Fäuste durch Glasscheiben treibt. Als die Depression Helen von allem isoliert hat, was vorher wichtig war, kann sie nur noch Mathildas Gegenwart ertragen. Weil sie versteht, keine Ratschläge gibt, nichts verlangt. Eine innige Freundschaft, fast eine Liebe, entsteht.

Riskanter Stoff

Drehbuchautorin und Regisseurin Sandra Nettelbeck ist herzulande mit ihrem leichteren Drama "Bella Martha" (mit Martina Gedeck in der Titelrolle) bekannt geworden. Mit "Helen" hat sie sich einem riskanten Stoff zugewandt. Ihn filmisch zu bewältigen ist schon deshalb schwierig, weil Depression Unlebendigkeit, Abwesenheit von Kontakt bedeutet, Phänomene, die sich für bildliche Darstellungen nicht gerade aufdrängen.
Es dauert eine Weile, bis, nach sich verfinsternden, melodramatischen Blicken und Köpfeschlagen gegen die Wand, die Zuschauerin mit dem Film ankommt in einer stimmigen Dimension der Problematik, bis irgendwann beinahe alle Brücken zu Helens Leben, ihrem Mann, ihrer Tochter, ihrem Beruf, einstürzen.
Der Film steigt mit Helen in den Abgrund hinab und ist dort stark, wo er zeigt, wie sie sich fast verliert, wo er die Zweischneidigkeit der entmündigenden Behandlung in der Psychiatrie anspricht, dem dauernden destruktiven Grenzgang zwischen Leben und Tod Raum gibt.

Zu Besuch in der Hölle

Und dennoch – etwas stimmt nicht in der allzu klischeehaften Kontrastierung der Figuren Helen und Mathilda, daran, wie das alles in der höchsten Verzweiflung noch schick und – dann doch – nach Beziehungsdrama aussieht. Und an der expliziten, plakativen Art, mit der Mathilda als Verlorene stigmatisiert ist (wenn sie fremde Männer anquatscht und am schnellen Fick im Stehen leidet, ihren Kopf gegen die Wand schlägt, zittert und um sich schlägt). Für Helen, wie für die Dramaturgie ist sie weniger eigenständige Figur, als Teil der "Hölle", der die intaktere Helen nur einen vorübergehenden Besuch abstattet.
Als Helens Tochter in der gemeinsamen Absteige vorbeikommt, bringt das für Helen die Wende. Sie beschließt, weiterzuleben und sich der Elektroschockbehandlung zu unterziehen, die sie zuvor strikt abgelehnt hatte.

Wichtige Sätze

Sandra Nettelbeck verfolgt beste Absichten und es gelingt ihr, in ihrem Film eine Vorstellung vom radikal unsozialen Zustand der Depressiven zu vermitteln. Dass Depression nicht Traurigkeit ist, sondern Krankheit, dass sie mit Liebe nicht zu heilen ist. Einsichten, die wichtig sind für das Verständnis und für das Umfeld der Betroffenen. Helens Ehemann (Goran Visnjic) bleibt als Figur ziemlich blass in seiner Hilflosigkeit, der Eifersucht auf Martha und mit seinen repetitiven, oberflächlichen Liebesbekundungen.
Der erleichterte Rückblick, der die Geschichte schon zu Beginn als bewältigte Vergangenheit darstellt und der etwas süßliche Schluss, stellen einen merkwürdigen Widerspruch dar zur absolut radikalen Verlorenheit der beiden kranken Frauen. Denkbar, dass dies Konzessionen waren, um das düstere und wichtige Thema überhaupt auf dem US-amerikanischen Markt platzieren zu können.

Helen feierte die Weltpremiere im Januar 2009 auf dem Sundance-Festival.

AVIVA-Tipp: Ein Film über die Destruktionsarbeit der Krankheit Depression. Zwischen Melodram und Beziehungsgeschichte zeigt Sandra Nettelbeck ihre Titelfigur, wie sie durch eine Phase der sozialen Auflösung geht und sich am Rande des Todes aufhält. Eine ungewöhnliche Freundschaft zu einer anderen Frau hilft ihr, zu überleben. Etwas zwiespältig ist die Rahmenhandlung, die die ungeheuerliche Kraft der Krankheit ins Dämonische zieht und zur Wiederherstellung der Normalität eine der Figuren opfert.

Helen
Deutschland / Kanada 2008
Drehbuch und Regie: Sandra Nettelbeck
DarstellerInnen: Ashley Judd, Lauren Lee Smith, Goran Visnjic, u.v.m.
Eine Produktion von Egoli Tossell Film (Judy Tossell), Insight Film Studios (Christine Haebler) in Zusammenarbeit mit Aramid Entertainment
Gefördert durch Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, Medienboard Berlin Brandenburg, Filmförderungsanstalt (FFA), Deutscher Filmförderfonds (DFFF) und Telefilm Canada
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany
119 Minuten
Kinostart: 26.11.2009
www.helen-derfilm.de



Kunst + Kultur > Film

Beitrag vom 24.11.2009

AVIVA-Redaktion 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Dear Future Children. Ab 14. Oktober 2021 im Kino

. . . . PR . . . .

Dear Future Children
Drei Länder, drei Konflikte, drei Frauen und ein ähnliches Schicksal: Doch sie haben nicht vor aufzugeben: Hilda in Uganda, Rayen in Santiago de Chile, und Pepper in Hongkong. Sie kämpfen weiter. Für ihre und unsere zukünftigen Kinder.
Mehr zum Film und Termine der Kinotour unter: www.camino-film.com/filme/dearfuturechildren

Zuhurs Töchter. Kinostart am 04.11.2021

. . . . PR . . . .

Zuhurs Töchter
Das Regie-Team Laurentia Genske und Robin Humboldt zeichnet in ihrem neuen Werk das Porträt der beiden Transgender-Teenager Lohan und Samar, die in ihrer neuen Heimat Deutschland endlich ihre weibliche Identität entfalten können.
Mehr zum Film und der Trailer unter: www.camino-film.com/filme/ zuhurstoechter

Walter Kaufmann – Welch ein Leben! Bundesweiter Kinostart am 30.9.21

. . . . PR . . . .

Walter Kaufmann. Welch ein LebenDie Lebensgeschichte des jüdischen Schriftstellers und Korrespondenten Walter Kaufmann vom Kindertransport nach Großbritannien über die DDR und um die ganze Welt erzählt dieser berührende Film.
Alle Infos, der Trailer und Termine unter: www.walterkaufmannfilm.de

Das Glück zu leben - The euphoria of being. Ab 30.09.2021 im Kino

. . . . PR . . . .

Das Glück zu leben - The euphoria of being
Dokumentarfilm von Réka Szabó über die Entstehung einer Tanzperformance, in der die 90-jährige Éva Fahidi im getanzten Dialog mit einer jungen Tänzerin über ihr Leben und Schicksal erzählt, als einzige ihrer Familie das KZ Auschwitz überlebt zu haben.
Mehr zum Film und der Trailer unter: www.filmkinotext.de/das-glueck-zu-leben

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris

. . . . PR . . . .

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris
Biografische Porträts der Fotokünstlerinnen, Porträtfotografinnen und Fotoreporterinnen Marianne Breslauer, Gisèle Freund, Dora Maar und Lee Miller im Paris der 1920er und 1930er Jahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Online: Die Videoaufzeichnung der Panel-Diskussion "Fragmented Narratives"

Erinnerungspolitiken im Spiegel von Rassismus und Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart.
Mit Dr. Lea Wohl von Haselberg, Veronika Kracher, Dr. Ingrid Strobl, Dr. Michal B Ron. Moderiert von Sharon Adler. Im Rahmen der Ausstellung mit Werken von Elianna Renner und Sharon Paz bei alpha nova & galerie futura

Roamers – Follow your Likes, Kinostart: 22. Juli 2021

. . . . PR . . . .

 Roamers – Follow your Likes
Der Dokumentarfilm ROAMERS erzählt von der Suche "Digitaler Nomaden" auf der Jagd nach dem nächsten, perfekten Moment nach Sinn und Halt in einer neuen, digitalen Welt unzähliger Möglichkeiten.
Mehr zum Film und Termine der Kinotour in Anwesenheit der Regisseurin Lena Leonhardt unter: www.camino-film.com/filme/roamers

Iris Schürmann-Mock – Frauen sind komisch. Kabarettistinnen in Porträt

. . . . PR . . . .

Iris Schürmann-Mock - Frauen sind komisch
Liesl Karlstadt, Valeska Gert, Maren Kroymann, Carolin Kebekus ... In zehn ausführlichen und fünfzig kurzen Porträts stellt die Journalistin und Autorin die Königinnen der Kleinkunst vor. Ihre Disziplinen: Comedy, Poetry Slam, Tanz, Pantomime, Chanson, Rap.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.aviva-verlag.de

fair share! Sichtbarkeit für Künstlerinnen


Kooperationen

GEDOK-Berlin
Paula Panke
RuT - Rad und Tat e.V.
Begine