Die Frau mit den 5 Elefanten - Ein Film über Swetlana Geier von Vadim Jendreyko - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kunst + Kultur Film



AVIVA-BERLIN.de im März 2021 - Beitrag vom 25.01.2010


Die Frau mit den 5 Elefanten - Ein Film über Swetlana Geier von Vadim Jendreyko
Claudia Amsler

"Verbrechen und Strafe", "Der Idiot", "Böse Geister", "Ein grüner Junge" und die "Die Brüder Karamasow", diese Namen tragen die fünf Elefanten, doch sie haben wenig mit den tonnenschweren...




... Rüsseltieren zu tun, sondern mit russischer Literatur und deren größter Übersetzerin Swetlana Geier.

Der morsche Holzboden knarrt, die Zuschauerin betritt ihn Hand in Hand mit der 85-jährigen Swetlana Geier, denn "Die Frau mit den 5 Elefanten" verfilmt hautnah die Lebensgeschichte der Russisch-Deutschen Übersetzerin, ihr literarisches Schaffen wie auch ihr alltägliches Sein. Mit persönlichen Fragen und Kommentaren des Regisseurs Vadim Jendreyko wird dem Geheimnis ihrer Lebensenergie auf die Spur gegangen.

Zu Beginn sieht frau einen Güterzug, von dem jedoch nur die beschlagenen Fenster zu sehen sind. Es liegt Melancholie in der Luft, denn Swetlana Geier fährt mit diesem Zug zurück in ihre Heimat die Ukraine, die sie seit ihrer Jugendzeit nicht mehr besucht hatte. Sie habe nie einen Grund gehabt in die Ukraine zurück zu kehren, meint die Übersetzerin nachdenklich.

Swetlana Geiers Kindheit war überschattet von Stalinismus und Nationalsozialismus, ihr Vater wurde bei politischen Säuberungen verhaftet, misshandelt und wieder frei gelassen, starb jedoch 18 Monate später an den schweren Folterungen. Dann verlor sie ihre beste Freundin, als SS Kommandos in Kiew über Zehntausend Juden und Jüdinnen erschießen. Es sind Erlebnisse, die nie in Vergessenheit geraten und auch an Schmerz nichts verlieren werden.

Die junge Ukrainerin fiel in ihrer Heimat früh auf, denn sie beherrschte die deutsche Sprache und wurde deswegen während Hitlers Besetzung als Dolmetscherin eingesetzt.. Sie hatte Glück und traf auf Menschen, die sie unterstützten und ihr Talent wahrnahmen. So wurde der Sowjetischen Staatsbürgerin nach einer Begabten-Prüfung ein Humboldtstipendium in Berlin zu erkannt.

Ihr Leben scheint von Anfang an beinahe "vorherbestimmt" zu sein für die Übersetzungen, bestimmt zu sein, einen neuen literarischen Meilenstein zu setzen. Denn die Frau mit den großen treuen Augen übersetzt nicht von links nach rechts, sondern "Mit der Nase hoch", was bedeuten soll, dass sie sich den ganzen Text verinnerlicht, so lange bis sie die Melodie des Textes hört, nicht mehr die einzelnen Sätze, sondern den Charakter des ganzen Buches und Autors erfasst hat. Swetlana Geier betont mehrmals, dass die Sprache nicht kompatibel ist und stets Verluste einzubüssen sind, doch genau diese interessieren sie so sehr. "Übersetzungen sind sterblich. Jede Zeit verdient ihre eigenen Übersetzungen."

Wenn Swetlana Geier von ihren fünf Elefanten - den Klassikern von Dostojewski - schwärmt, wird sie selbst zur Poetin. "Die Zwiebel hat keinen Mittelpunkt" beginnt sie zu erzählen, während sie in ihrem hohen Alter immer noch ein ganzes Menu zu bereitet, "sie hat kein Ziel", fährt sie fort. Und so vergleicht die reife Frau eine Zwiebel mit dem Leben, denn dieses besäße genau so wenig ein Ziel. Folgendermaßen wird die Zuschauerin an verschiedene Schauplätze - Gefühlsstationen - geführt, welche stets einen metaphorischen Charakter haben.

Die Aufnahmen sind sehr persönlich, lassen keine noch so feine Falte aus, zeigen die Furchen des Lebens und die Freuden der Seele auf. Swetlana Geiers Gesicht füllt so sehr oft die ganze Kinoleinwand aus, Schatten und Licht spielen auf ihm und stets blicken ihre großen Augen Richtung Publikum. Diese scheinen nicht mitgealtert zu sein, sprühen immer noch voller Lebensfreude und Energie. Frau bekommt das Gefühl, einen ausnahmslos guten Menschen anzuschauen, der mit größter Leidenschaft sein Leben den Wörtern widmet. Und es doch als Wertvollstes empfindet, "wortlos, was sagen zu können".

AVIVA-Tipp: "Die Frau mit den 5 Elefanten" zeigt nicht nur ein außergewöhnliches Schicksal auf, sondern auch die Möglichkeiten des Alters. Swetlana Geier demonstriert, dass sie selbst "Zu alt für Pausen" ist und arbeitet tagtäglich an ihren Übersetzungen. Eine Arbeit, die sie mit größter Passion betreibt und die ihr Leben beschwingt. Der Film gibt jedoch auch Einblicke in intime und traurige Momente von Swetlana Geiers Leben und gleichzeitig stellt er auf komödiantische Art und Weise die Sturheit des Alterns dar. Es ist ein Kinofilm, der die Historie aufwühlt und sie doch kommentarlos ruhen lässt.

Die Frau mit den 5 Elefanten
Schweiz/Deutschland 2009
Buch und Regie: Vadim Jendreyko
ProduzentInnen: Hercli Bundi, Vadim Jendreyko (Mira Film GmbH), Thomas Tielsch (Filmtank GmbH)
DarstellerInnen: Swetlana Geier und ihre Familie
Musik: Daniel Almada, Martin Iannaccone
Kamera: Niels Bolbrinker, Stéphane Kuthy,
Länge: 93 Minuten
Verleih: Real Fiction Filmverleih
Filmstart: 28. Januar 2010

Mehr zum Film: www.5elefanten.ch

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Swetlana Geier - Ein Leben zwischen den Sprachen


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Beitrag vom 25.01.2010

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