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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2021 - Beitrag vom 04.04.2011


WOMB - Der neue Film des Ungarn Benedek Fliegauf
Sonja Baude

Die Vision des Klonens wird in ein märchenhaftes Stillleben eingefügt. Eva Green, bekannt durch den Bond-Film "Casino Royale", bringt melancholische Sinnlichkeit und dunklen Charme in´s Spiel.




Der Wunsch, einen geliebten Menschen aus dem Totenreich zurück ins Leben zu führen, ist alt. Im Mythos von Orpheus und Eurydike wird er beinahe wahr, als Orpheus die Gelegenheit bekommt, seine tote Frau aus der Unterwelt zu den Lebenden zurückführen. An diesen Mythos, in dem sich Orpheus um sein Glück betrogen fühlt, erinnert der neue Film WOMB des 1974 in Budapest geborenen Benedek Fliegauf. Die Geschlechterrollen allerdings sind vertauscht: Hier ist es die schöne Rebecca, gespielt von Eva Green, die den normalen Gang der Dinge nicht wahrhaben will, sich der Trauerarbeit entzieht und sich auf ihrem Weg nicht beirren lässt.

Aber alles der Reihe nach: Für den Anfang kehren wir zurück in die Kindheit dieser Frau. Rebecca ist neun Jahre alt und verbringt die Sommerferien bei ihrem Großvater, an einem Ort, der nirgendwo ist, einer Zeit, die sich der Einordnung entzieht. Sagen wir, die Zeit ist heute, der Ort ein weiter einsamer Sandstrand, dahinter das Meer, wild und dunkel. Wir sind an Caspar David Friedrichs Landschaften erinnert (Drehort: Sankt Peter-Ording). Dort lernt Rebecca den gleichaltrigen Tommy kennen. Gemeinsam stromern die Kinder durch die Landschaft, rennen den Strand entlang, blicken gemeinsam auf´s Wasser. Außer ihnen scheint es niemanden zu geben. Die Kinder sind genaue BeobachterInnen und damit ganz absorbiert in ihrer Welt. Die Entdeckung der Langsamkeit und auch die der Lebenszeit machen sie zu Verbündeten. Eine kurzwährende, intime Kinderfreundschaft wird da gezeigt, an der Schwelle zur sexuellen Selbstwahrnehmung. Dann sind die Ferien vorbei und am nächsten Tag wird Rebecca mit ihrer Mutter nach Tokio ziehen. Lange Kameraeinstellungen und die Kraft der Wiederholung verbinden sich in der ersten Filmhälfte zu einem zeitlosen, elegischen Bilderreigen.

Zwölf Jahre später kehrt Rebecca aus der Fremde zurück und trifft erneut auf Tommy (gespielt von Matt Smith). Eine Liebe auf den zweiten Blick. Dass sie ab jetzt und für immer an seiner Seite sein will, ist für Rebecca beschlossene Sache. Warum die beiden seit jeher offenbar nur auf diesen Augenblick gewartet zu haben scheinen, entzieht sich dem Blick der Zuschauerin. Es bleibt auch keine Zeit, das herauszufinden, denn der Unfalltod von Tommy beendet jäh das nur wenige Tage währende Glück.

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, geht eine Welt zu Ende. Benedek Fliegauf aber schreibt eine andere Geschichte. Denn es wird einmal sein eine Zeit, und hier setzt das Märchen ein, in der man sich die Menschen neu erschaffen kann. Gedacht, getan. Rebecca überzeugt Tommys Vater, ihr DNA-Material vom Sohn zu geben, und sie trägt dann auch gleich den neuen Tommy selbst aus. Heraus kommt ein Klon, ein Repli. Das Kind, das später die perfekte Kopie des einstigen Geliebten werden soll, wächst mit der Mutter in einer Hütte am Meer auf. Die Welt um sie herum rückt ab von ihnen und so entsteht zwischen Mutter und Kind eine fast inzestuöse Nähe, in die eines Tages eine junge Frau einbricht. Die neue Situation führt Rebecca in eine tiefe Depression und die Welt beginnt zu wanken. Und am Ende kehren wir noch einmal zurück zum allerersten Bild des Films, das Rebecca mit schwangergerundetem Bauch in ebenjener Hütte am Meer sitzend zeigt: "Es ist vorbei", sagt sie.

Und auch dieses Ende, das eigentlich der Anfang ist, erschließt uns nicht, warum diese Geschichte über das Klonen erzählt wurde. Ethische und moralische Fragen werden nicht diskutiert. Das ist mit Sicherheit so gewollt, aber wofür dann diese Thematik bemühen? Rebecca hat am Ende bekommen, was sie wollte, so scheint es, denn das Ziel ihrer großen Liebe ist erreicht: die Mutterschaft. Und so immerhin erklärt sich der Filmtitel: Womb, zu deutsch Gebärmutter.

AVIVA-Fazit: Der neue Film des Ungarn Benedik Fliegauf Womb, zu deutsch Gebärmutter, beweist gerade in der ersten Hälfte die filmerische Souveränität des Regisseurs. Péter Szatmáris Kameraführung ihrerseits zeugt von einem sehr behutsamen Umgang mit Menschen und Stimmungen. Allein das Thema des Films, das als Trägersystem funktionieren soll, das Klonen, bietet kaum tiefer greifende Erkenntnisse.

WOMB
Deutschland / Frankreich
Buch und Regie: Benedek Fliegauf
Kamera: Péter Szatmári
DarstellerInnen: Eva Green, Matt Smith, Lesley Manville, Peter Wight, István Lénárt, Hannah Murray, Ruby O. Fee
Verleih: Camino Film
Lauflänge: 102 Minuten
Kinostart: 07. April 2011
www.womb-film.de


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Beitrag vom 04.04.2011

AVIVA-Redaktion 






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