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AVIVA-BERLIN.de im März 2021 - Beitrag vom 26.07.2011


Yume - ein Dokumentarfilm von Annkatrin Hausmann und Shirin Saghaie
Sonja Baude

Drei starke junge Frauen aus drei sehr verschiedenen Kulturen folgen unbeirrt ihrem Traum von einem selbstbestimmten Leben. Trotz mancher Fremdheit liegt in dieser Sehnsucht etwas sehr Vertrautes.




Produziert wurde der Dokumentarfilm von der Kunsthochschule für Medien Köln, an der die beiden jungen Regisseurinnen ihr Filmstudium in den Jahren 2009 und 2010 absolviert haben. Der Film lief beim diesjährigen Filmfestival Max Ophüls Preis und kommt nun erfreulicherweise in die Kinos.
Das japanische Wort Yume heißt übersetzt Träume. Der Film lässt verstehen, dass ein Traum nicht nur etwas über diejenigen erzählt, die träumen, sondern immer auch etwas über die Wirklichkeit, die das Träumen in Gang setzt.

Hausmann und Saghaie begleiteten eine Zeit lang drei junge Frauen im Alter um die 30 Jahre, die in den Metropolen Tokio, Havanna und Teheran zuhause sind. Vordergründig ist es nicht allzu viel, was die ZuschauerInnen erfahren, keine chronologischen Lebensgeschichten, stattdessen aber sehr viele einzelne Augenblicke, Bausteine, die so klug von den Macherinnen verdichtet werden, dass sie einen tiefen Einblick bieten in das je verschiedene Leben dieser Frauen. Drei Leben, die trotz ihrer weiten geographischen und sozio-politischen Distanz viel miteinander verbindet: eine große Sehnsucht und eine unaufgeregte Beharrlichkeit, um diese Wirklichkeit werden zu lassen.

Zumeist geht der Sehnsucht ein Mangel voraus. Und so setzt der Film in Tokio ein, das blinkend und leuchtend und überelektronisiert eine Ruhelosigkeit hervorruft, die wenig Geborgenheit zu bieten scheint. In diese Stimmung hinein läuft Tonko Kanako Ito, Straßensängerin, die mit knapp 30 Jahren über ihr bereits gelebtes Leben sagt, dass es oft sehr einsam gewesen sei, dass sie, wenn sie es bedenke, sehr viel Zeit alleine zugebracht habe. Ein Gefühl großer Verlorenheit vor der Kulisse ganz großer Lebendigkeit. Sie träumt davon, als Sängerin leben zu können, geht in Tonstudios zu Castings, singt und verkauft ihre selbst hergestellten CDs in den Gängen anonymer Einkaufspassagen und gibt ihre Hoffnung auf den Durchbruch nicht auf. Noch immer lebt sie bei ihren Eltern, die sie bescheiden unterstützen und gleichzeitig mit Besorgnis der Zukunft ihrer Tochter entgegen blicken.

In Havanna lernen wir Analía Amaya Garcia kennen, Videokünstlerin, die sich auf engstem Raum mit ihrem Vater Küche, Bad und ein Zimmer teilt, und eine heruntergekommene, für den nordeuropäischen Blick romantisch morbide Terrasse, von wo aus die beiden die Satdt und das Meer weit überblicken: "Havanna liegt uns zu Füßen", sagt Analía. Während ihres Studiums war sie drei Monate in Schottland. Wäre sie kürzer geblieben, hätte sie keine Zeit gehabt, sich zu verlieben, sagt ihre Mutter, die vom Vater getrennt und in einer anderen Stadt Kubas lebt. Ihr graut vor der großen räumlichen Entfernung zur Tochter, falls deren Traum Wirklichkeit werden sollte und sie tatsächlich nach Europa auswandern und zu dem geliebten Mann zurückkehren würde.

In den Straßen Teherans folgt die Kamera Ayin Bahar. Eine schöne und kluge Frau, die mit ernstem Gesicht davon erzählt, dass es den iranischen Frauen, anders als den Männern, in der Öffentlichkeit nicht gestattet sei, zu lachen. Sie verlören sonst ihr Ansehen. Ayin Bahar ist auf dem Weg zum Training. Schon in ihrer frühen Jugend spürte sie große Aggressionen in sich aufwallen, für die sie seit langem ein Ventil gefunden hat: das Kickboxen. Sie trainiert mit unermüdlichem Ehrgeiz - hier am geschützten Ort darf sie ohne Hidschab kämpfen. Auf der Straße ist ihr Kampf gegen Unterdrückung und patriarchale Regressionen nur verdeckt zu erkennen. Sie will sich an keinen Mann binden, denn darin wähnt sie weitere Ausformungen ihrer Unfreiheit. Auch sie lebt, wie die beiden anderen Frauen, bei ihren Eltern, die ihre Tochter gleichsam stützen. Vielleicht ist sie, obwohl möglicherweise den größten Widerständen ausgesetzt, diejenige der drei Frauen, der es am ehesten gelingt, sich ihres Lebens selbstbewusst zu ermächtigen.

Während die Regisseurinnen diese Frauen begleiten, bleiben sie selbst im Hintergrund und so geht die Kamera mit durch die Straßen, kommentiert nicht, sondern schaut zu. Von Tokio schwenkt sie nach Teheran und von dort weiter nach Havanna. Die Filmerinnen führen eine Gemeinsamkeit der Schicksale vor, die unbedingt glaubhaft erscheint, ohne kulturelle und politische Unterschiede zu nivellieren. Gerade indem der Film auch das Verhältnis der Töchter zu ihren Eltern zeigt, erfahren wir manches von privaten und gesellschaftlichen, von tradierten und abweichenden Lebensweisen der Menschen dieser Großstädte. Damit gelingt es den Regisseurinnen auch, ein Stück gegenwärtiger Mentalitätsgeschichte zu erzählen.

AVIVA-Tipp: Der Dokumentarfilm Yume der Nachwuchsfilmerinnen Annkatrin Hausmann und Shirin Saghaie erzählt von den Hoffnungen drei junger Frauen, die an verschiedenen Orten dieser Welt unter sehr unterschiedlichen sozialen und politischen Umständen sozialisiert wurden. Ihre Heimatländer sind Japan, Kuba und Iran. Was diese Frauen verbindet, ist der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben, für das es sich unermüdlich zu kämpfen lohnt. Den Regisseurinnen gelingt ein zurückhaltender und einfühlsamer Blick in die jeweiligen Lebenswelten ihrer Protagonistinnen, der uns wie nebenbei lehrt, dass Träume immer auch die Wirklichkeit widerspiegeln.

Yume
Deutschland 2010
Buch und Regie: Annkatrin Hausmann und Shirin Saghaie
Kamera: Shirin Saghaie
Schnitt: Annkatrin Hausmann
Produktion: Kunsthochschule für Medien Köln in Koproduktion mit Annkatrin Hausmann und Shirin Saghaie
digital
Mitwirkende: Tonko Kanako Ito, Analía Amaya Garcia, Ayin Bahar
Verleih: Kunsthochschule für Medien Köln
Lauflänge: 65 Minuten
Kinostart: 28. Juli 2011




Kunst + Kultur > Film

Beitrag vom 26.07.2011

AVIVA-Redaktion 






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