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AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 15.06.2011


Die Frau die singt - Incendies
Ricarda Ameling

Der letzte Wunsch ihrer Mutter schickt die Zwillinge Jeanne und Simon auf eine Reise in den Nahen Osten, in ein Gewirr von nie endenden Kriegen und unschuldiger Liebe. Frei nach dem Theaterstück...




... von Wajdi Mouawad erzählt "Incendies" von der eindrucksvollen und bewegenden Suche zweier junger Erwachsener nach ihrer Herkunft und der Geschichte ihrer Mutter: ein Sinnbild der Spirale der Gewalt im libanesischen Bürgerkrieg und der ermutigenden Kraft zur Versöhnung.

"Incendies" erzählt retrospektiv, aber nicht chronologisch, die tragische Geschichte von Nawal Marwan (Lubna Azabal, "Paradise Now"), die aus einem vom Bürgerkrieg zerstörten Land im Nahen Osten geflohen und nach Kanada emigriert ist. Als Nawal stirbt, eröffnet ihr Freund und Anwalt Jean Lebel (Rémy Girard) ihren bereits erwachsenen Kindern, Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin, "Dédé, à travers les brumes") und Simon (Maxim Gaudette, "Polytechnique"), das Testament, welches die beiden vor ein Rätsel stellt: Ihr Mutter möchte mit dem Gesicht nach unten beerdigt werden, ohne Sarg und ohne Grabstein. Einen Grabstein wünscht sie sich erst, wenn die Zwillinge ihren letzten Wunsch erfüllen: Jeanne soll ihrem Vater einen Brief überreichen - einem Vater, von dem die Geschwister annahmen, er sei tot. Simon wird von Nawal beauftragt, den anderen Brief an seinen Bruder auszuhändigen – von dessen Existenz bis dahin niemand etwas wusste. Beide sind schockiert, doch gehen sie unterschiedlich mit der Situation um:

Während Sohn und Mutter stets ein angespanntes Verhältnis hatten, und Simon sichtlich genervt über die postume Forderung ist, macht sich die verständnisvollere Jeanne alleine auf die Reise von Kanada in deren Geburtsland.

Ohne Arabischkenntnisse und nur mit einem Foto der jungen Nawal begibt sie sich auf die Suche nach Anhaltspunkten in einem von Bürgerkrieg gezeichneten, ihr völlig fremden Land und entdeckt – später mit der Hilfe ihres Bruders und des befreundeten Anwalts - allmählich den Lebens- und Leidensweg ihrer Mutter. Doch nicht nur das: Auch ihr eigenes Schicksal, ihre Herkunft ist auch erschreckende Weise mit den schockierenden Ereignissen von damals verbunden.

Basierend auf dem gefeierten Theaterstück "Incendies"

Der 1968 im Libanon in einer wohlhabenden christlichen Familie geborene Wajdi Mouawad hat weder den Schauplatz noch die verschiedenen Seiten des politischen Konflikts, welcher den Hintergrund des Theaterstücks darstellt, eindeutig benannt. Der Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur ließ also viel Spielraum für Spekulationen und eigene Interpretationen. Mehr als um genaue historische Fakten geht es ihm generell darum, inwieweit Krisen, Kriege und Konflikte das Leben des Einzelnen beeinflussen.

Im Film ist es ein wenig anders: Zwar bleibt auch hier die Region unbenannt, aber der kanadische Regisseur Denis Villeneuve zeigt ausdrücklich die am Konflikt beteiligten Parteien: Christen und Muslime. Wahrscheinlich handelt es sich bei der Heimat von Nawal um den Libanon, bei den beschriebenen Kriegen um Szenen aus dem libanesischen Bürgerkrieg, welcher von 1975 bis 1990 andauerte und mindestens 90.000 Todesopfer forderte. Die Grundaussage bleibt dennoch beim Theaterstück und Film dieselbe.

Die Verbindung, die Nähe von Liebe und Hass wird auf eine schwer ertragbare Weise dargestellt, - unmöglich, fast absurd und deshalb umso erschütternder. Zum Schluss des Films, da man den Abgründen der Menschheit einmal so tief ins Auge geblickt hat, ist man überwältigt, vor allem aber ratlos.

In beeindruckender Form harmonieren eindringliche, ausdrucksstarke und erschütternde Bilder mit einer Intensität, welche von der ersten Einstellung an auch auf Grund der durchweg hervorragenden schauspielerischen Leistungen spürbar ist - nicht umsonst wurde "Incendies" als "Bester Fremdsprachiger Film" bei den Oscars 2011 nominiert und gewann den Don-Quijote-Preis auf dem norwegischen Tromsø Internasjonale Filmfestival 2011: Leid, Trauer, Entsetzen, Beklemmung, Unverständnis und die Verbundenheit zu den Charakteren lässt vergessen, dass es sich um einen Film handelt. Die schockierenden und beinahe dokumentarfilmhaft wirkenden Bilder sprechen in diesem Drama für sich, Dialoge wurden sparsam eingesetzt.

Schon in der ersten Minute stimmt eine der Schlüsselszenen ein auf das, was kommt: Der Blick ist auf eine Gruppe von bewaffneten Jungen gerichtet, deren Haar millimeterkurz rasiert wird. Es erklingt die unverwechselbare Stimme des Leadsängers von Radiohead, Thom Yorke, auf seine ganz eigene, wunderbar melancholische Weise. Kaum ein anderer Song könnte diese Szene passender begleiten als "You and Whose Army", ein eindrückliches und tief bewegendes Lied.

AVIVA-Tipp: Wajdi Mouawad beschrieb sein Theaterstück "Incendies" folgendermaßen: "`Verbrennungen` ist auf keinen Fall ein Stück über die Notwendigkeit, seine Wurzeln zu kennen, so wie es falsch ist zu glauben, es sei ein Stück über den Krieg. Es ist vielmehr ein Stück über den Versuch, in einer unmenschlichen Situation seine Versprechen als Mensch zu halten."
Denis Villeneuve beweist, dass es ihm gelungen ist, diesen Grundgedanken weiterzuführen: "Incendies" zeigt auf eindringliche, direkte, aber keinesfalls übertriebene oder kitschige Weise, zu welchem Grauen Menschen durch gesellschaftliche, politische und religiöse Wertvorstellungen fähig sind, und wohin Krieg führen kann.

Die Frau die singt - Incendies
Incendies
Kanada 2010
Originalsprachen: Französisch, Arabisch, Englisch
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Denis Villeneuve und Valérie Beaugrand-Champagne
DarstellerInnen: Lubna Azabal, Mélissa Désormeaux-Poulin, Maxim Gaudette, Rémy Girard, Abdelghafour Elaaziz
Verleih: Arsenal
Lauflänge: 133 Minuten
Kinostart: 23. Juni 2011

Weitere Infos zum Film finden Sie unter:

www.arsenalfilm.de/die-frau-die-singt

www.sonyclassics.com/incendies


Kunst + Kultur > Film

Beitrag vom 15.06.2011

AVIVA-Redaktion 






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