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AVIVA-BERLIN.de im März 2021 - Beitrag vom 26.11.2010


Schnee. Frei nach Motiven des Romans von Orhan Pamuk
Claire Horst

Eigentlich geht es um die Türkei in der gleichnamigen Romanvorlage – um eine Türkei, in der putschendes Militär und aufbegehrende Muslime sich gegenüberstehen. Für das Ballhaus Naunynstraße...




... haben die Autoren Hakas Savas Mican und Oliver Kontny es, der Tradition des Theaters entsprechend, zu einem "postmigrantischen" Stück umgearbeitet, das in Deutschland angesiedelt ist.

Der Dichter und Journalist Ka kehrt aus Frankfurt (wo er auch in der Romanvorlage lebt) in seine Heimatstadt Karsberg zurück. Vorgeschobener Grund sind die Selbstmorde junger "Kopftuchmädchen", in Wirklichkeit will er seine Jugendliebe, die inzwischen von ihrem Mann getrennt ist, nach Frankfurt holen.

In Karsberg gerät er zwischen die Fronten: Ist es die Unterdrückung des Glaubens, die für den Selbstmord der jungen Frauen verantwortlich ist? Ist es die Repression der Frauen durch ihre religiösen Führer, die ihnen persönliche Freiheit absprechen? Zwischen den Fronten stehen auch die EinwohnerInnen Karsbergs, die aufgerieben werden zwischen den sich widersprechenden Ideologien. Als Herdentiere erscheinen sie den Extremisten jeglicher Couleur willenlos ausgeliefert.

Ka, desillusioniert und ohne jeden Glauben an Heilsversprechen jeglicher Art, schwankt in seiner Beurteilung der Ereignisse. Vereinnahmt von konkurrierenden Bürgermeisterkandidaten und Journalisten, hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Seide und der Faszination für ihre jüngere Schwester Samt, Anführerin der Kopftuchmädchen, ist er nicht in der Lage, ein Urteil über die wirkliche Situation in Karsberg zu treffen.

Die Übertragung auf Deutschland funktioniert deshalb, weil die Autoren sich vor Absurditäten nicht scheuen und auf allzu deutliche Fingerzeige verzichten. Aus Islamisten wird eine russlanddeutsche Separatistengruppe, bei den "Kopftuchmädchen" verzichten sie darauf, auf die unsägliche Sarrazindebatte zu verweisen. Wie bei Pamuk sind das Kopftuch und damit der weibliche Körper Symbol für den Konflikt, den Machtmenschen unter sich austragen. Wie bei Pamuk ist die eigentliche Bevölkerung – KoranschülerInnen, laizistische ZuschauerInnen eines politischen Lehrstücks – ein willenloser Haufen Zerrissener, die sich von Ideologen verführen lassen. Ihr eigentliches Drama ist die Sinnlosigkeit ihrer Existenz, die Angst, für nichts zu kämpfen. Nicht zufällig ist der Führer der Islamisten, ebenso wie sein laizistischer Gegner, auch Kandidat für die Bürgermeisterwahl. Um Macht geht es – nicht um den richtigen Glauben.

Das eigentliche Leitmotiv Pamuks, der Schnee, der die umkämpfte Gebirgsstadt während des dreitägigen Putsches von der Außenwelt abschließt, symbolisiert Bühnenbildnerin Lea Walloschke mit weißen Kissen und Deckenstrahlern die das gesamte Bühnenbild ausmachen. Immer wieder stolpern die Figuren, sinken darin ein und bringen sich gegenseitig zu Fall im Schnee.

Eine zentrale Szene des Romans, in der ein junger Koranschüler seinen Glaubensverlust schildert, wird im Stück nur angedeutet. Nur Ka ins Ohr flüstern darf der Junge seine Vision von einer gottlosen Welt: "Ich schaue auf diese Szenerie während der Nacht, in der Dunkelheit, aus einem Fenster hinaus. Draußen sind zwei weiße Mauern, hoch und ohne Fenster, wie die Mauern einer Burg. Wie zwei Burgen, die sich gegenüberstehen. Ich schaue furchtsam in den engen Abgrund zwischen ihnen, der sich als eine Art enger Gasse vor mir hinzieht. Die Gasse an dem Ort, an dem Allah nicht ist, ist wie in Kars schneebedeckt und schlammig, aber ihre Farbe ist lila. In der Mitte der Gasse, ist etwas, das `Halt!` zu mir sagt, aber ich schaue bis ans Ende der Gasse, an das Ende der Welt. Dort steht ein Baum, ein nackter Baum ohne Blätter. Weil ich ihn anschaue, beginnt er sich auf einmal zu röten und Feuer zu fangen."

Der Konflikt des Einzelnen, die Unfähigkeit, eins der zu Verfügung stehenden Heilsversprechen – Säkularismus oder Glauben – für sich anzunehmen, ist zentrales Moment der Inszenierung, ebenso wie die Unmöglichkeit, aus der tiefen Einsamkeit, dem In-die-Welt-Geworfensein durch die Liebe herauszufinden.

Glücklicherweise haben die Autoren darauf verzichtet, allzu starke Bezüge auf die in Deutschland tobende unsägliche Diskussion um Integration, Kopftuchmädchen und Thilo Sarrazin zu nehmen. Es geht nicht um den Konflikt zwischen "Biodeutschen" und MigrantInnen bei Mican (der auch Regie geführt hat) und Kontny. Dieser Konflikt schwelt hier unter den Deutschen selbst – mit sich haben sie genug zu tun.

AVIVA-Tipp: Überzeugende DarstellerInnen und eine Inszenierung, die der Vorlage neue Elemente hinzufügt – das Ballhaus Naunynstraße erweist sich immer wieder als große Bereicherung für die Berliner Kulturlandschaft. Dass die Botschaft stellenweise allzu deutlich formuliert wird (wir hätten es auch so verstanden), ist verzeihlich.

Schnee
Frei nach Motiven des gleichnamigen Romans von Orhan Pamuk
Regie: Hakan Savaþ Mican
Premiere 25.11.2010, 20 Uhr
Weitere Vorstellungen 26., 28. und 29.11. sowie 1.–5.12.2010, 20 Uhr
Stückfassung: Hakan Savaþ Mican und Oliver Kontny
Bühne und Kostüm: Lea Walloschke
Licht: Hans Leser
Musik: Turgay Ayaydýnlý
Dramaturgie: Irina Szodruch
Produktionsleitung: Kathi Bonjour
Regieassistenz: Paulina Papenfuß
DarstellerInnen: Godehard Giese, Nora Rim Abdel-Maksoud, Sesede Terziyan, Aleksandar Tesla, Mehmet Yýlmaz

Ballhaus Naunynstraße
Naunynstr. 27
10997 Berlin

www.ballhausnaunynstrasse.de
Tel. 030 – 754 537 25

Karten: 10 Euro an der Abendkasse, Online 9,90 Euro / ermäßigt 7 Euro


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Beitrag vom 26.11.2010

Claire Horst 






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