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AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 19.06.2012


Barbara Morgenstern - Sweet Silence
Katarina Wagner

Seit den Neunzigern ist sie fester Bestandteil der Berliner Electro-Szene. Ihr siebter Longplayer klingt so klar und auf den Punkt gebracht, wie noch nie. Nicht minimalistisch, aber ganz ohne...




... Überflüssiges in Musik und Lyrics ist es ein Pop-Album nach feinster elektronischer Art.

Erst das Wohnzimmer, dann die Welt

Jazz in Hagen. Keine offensichtliche Kombination, aber ausschlaggebend für Barbara Morgensterns musikalischen Werdegang. In einem sechzigköpfigen Orchester, das der Saxophonist Martin Verborg zusammen stellte, lernte die junge Sängerin erstmals gewagte krumme Takte und experimentelle Musik kennen und war begeistert. Bis dahin hatte sie Jazz anders erfahren und kannte durch ihre Klavierstunden eher Klassik von Bach, Telemann und Haydn.
Mit ihrem ersten programmierbaren Step-Sequenzer begann die Abiturientin nach der Schule eigene Klangwelten zu erzeugen, die ganz anders waren als die üblichen Gitarren-, Bass- und Schlagzeugsounds.
Einige Formationen und einen Popmusikkurs in Hamburg später, kam sie 1994 nach Berlin um sich musikalisch weiter zu entwickeln.

Mit der Band Oof! erhielt Barbara einen Plattenvertrag. Allerdings wurde schnell deutlich, dass es dem Label vor allem um Verkaufszahlen ging und die Musik dem Mainstream anpassen wollte. Das einzige Album hatte keinen Erfolg und die Neuberlinerin verließ das Label, entschlossen, keine Kompromisse mehr einzugehen.
Unabhängig von Plattenfirmen und PromoterInnen wurde schließlich die Berliner Wohnzimmerszene geboren. Joe Tabu, mit dem die Künstlerin von Hamburg an die Spree gezogen war, hatte die Idee, in der eigenen Wohnung Konzerte zu veranstalten. Nach dem Do-It-Yourself-Prinzip wurde hier mit Klängen experimentiert, Neues ausprobiert und der deutsche Pop aufgemischt.
Die Musikerin und Produzentin Gudrun Gut veröffentlichte den ersten Wohnzimmer-Sampler und nahm auch Barbara in ihrem Label Monika Enterprise auf, wo die Künstlerin bis heute geblieben ist.

Als Botschafterin des deutschen Electro wird Morgenstern auch im Ausland gefeiert, ist beispielsweise in Polen oder in den USA sogar erfolgreicher als in Deutschland.

Im Interview mit dem Musiker und Journalisten Arnt Cobbers für seinen 2007 im Schott Music Verlag erschienenen Band "Wir sind jetzt!" Frontfrauen im deutschen Pop erklärt sie, dass sie sich dennoch nicht als reine Electronic-Musikerin sieht, sondern auch als Songwriterin. Bei Konzerten singt und spielt sie außerdem immer live zu ihren Tracks.
Mit der Berliner Szene verbindet sie ein fast familiäres Band. Zur Frage, ob diese von Männern dominiert sei, antwortet sie ihm: "Schon, wie alles. Aber das sind sehr weit entwickelte Männer. (lacht) Die finde ich sehr nett, das ist nicht so eine Machoszene wie in der Rockmusik. ... Und es gibt auch noch andere wichtige Frauen in der Szene. Ich habe nicht das Gefühl, als Frau alleine zu sein."

Sweet Silence

Das aktuelle Werk ist wahrscheinlich das homogenste Album ihrer Karriere. Keyboards, Club-Bässe und Drumcomputer prägen die schlichten, dafür umso luftigeren 13 Songs. Der leichte, helle Gesang drückt in den Lyrics tiefgründige Gedanken aus. Über Sozialpolitisches, Zwischenmenschliches und die Notwendigkeit, hin und wieder ganz für sich allein zu sein. Es ist ihr erstes Album komplett auf Englisch.

Im Titelsong wird das Album mit atmosphärischen Klängen und Vocals eingeleitet. Es geht um das Bedürfnis nach Ruhe in unserer schnelllebigen Zeit.

"inner peace, calm and sweet
will refill my leaking batteries with what my heart needs
i know before i will leave
these are the prictures that i will keep
and when the flashback starts to repeat
i´ll have my life´s most presicous moments"


Im zweiten Song Need to hang around wird das Tempo gesteigert. Sehr tanzbar mit einem eingängigen Refrain ergänzt er diese Botschaft: Der Körper wird manchmal selbst die Notbremse ziehen.

"in the past two weeks i could have written tons of no.1 hits, but i was sick
i could have experienced the very peak of my creativity, but i was too dizzy"


Um die eigene Verortung in der globalisierten Welt geht es in the minimum says, ein selbstkritischer Kommentar zur ungleichen Verteilung von Wohlstand und Entscheidungsmacht.

"try to survive in a time that has everything
islands of trash and a lot more nothing
it´s not the peak when the minimum speaks
i´m here, but not for everyone
overabundance
we are having fun"


Drei rein instrumentale Tracks hat Morgenstern aufgenommen. Der fast Wiegenlied-ähnliche Bela ist vermutlich Bela Bartók gewidmet, den sie 2007 für sich wiederentdeckte. Hip Hop Mice ist ein Elektrosong, der an die Zusammenarbeit mit Robert Lippok für das Album Tesri (2005) erinnert.

Den Abschluss bildet Love is in the air, but we don´t care. Ohne Lyrics lässt das Stück das Album ausfaden und hinterlässt eine "Sweet Silence", in der wir als ZuhörerInnen über diesen Songtitel und über die Gesamtbotschaft des Albums ungestört nachdenken können.

AVIVA-Tipp: Nach ihren vielseitigen Vorgängeralben scheint sich Barbara Morgenstern auf Sweet Silence auf einen Sound eingespielt zu haben. Luftig leichter Elektro mit Lyrics, die große Fragen anrühren.

Barbara Morgenstern
Sweet Silence

Label: Monika Enterprise
VÖ: 8. Juni 2012


Weitere Infos unter:

www.barbaramorgenstern.de

www.m-enterprise.de

Weiterhören auf AVIVA-Berlin:

Barbara Morgenstern - The Grass is always greener (2006)

Weiterlesen auf AVIVA:

Wir sind jetzt - Frontfrauen im deutschen Pop

Bleib Gold, Mädchen

Interview mit Gudrun Gut


Kunst + Kultur > Music

Beitrag vom 19.06.2012

AVIVA-Redaktion 






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