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AVIVA-BERLIN.de im November 2020 - Beitrag vom 07.09.2019


Sivan Talmor - Immigrants Of Lace
Sharon Adler

Minimalistisch und doch intensiv, unprätentiös und hypnotisierend, in einem Wort: magisch. So ließe sich Stimme und Stil der israelischen Sängerin und Songwriterin wohl am treffendsten beschreiben. Sivan Talmor, die ihre musikalische Karriere als Zehnjährige begann, vereint auch auf ihrem dritten Album virtuos verschiedenste Musikstile.




Dass sie sich nicht auf ein Genre festlegen, sich nicht einengen lassen will, zeigte die Künstlerin, die 1986 in Be´er Scheva geboren wurde, in Kfar Vradim und später in Caesarea aufwuchs, schon früh. Im Alter von neun Jahren verkündete Sivan ihrer Mutter, es sei ihr fester Entschluss, Karriere als Sängerin machen zu wollen. Die unterstützte ihre Tochter in ihrer Entscheidung und begleitete sie erst in die örtliche Musikschule, später zum Casting ins knapp vier Zugstunden entfernte Tel Aviv. Dort wurde Sivans Talent erkannt, sie wurde angenommen. Mit 14 schließlich tourte sie durchs ganze Land, wirkte in Musicals mit, bis sie mit 18 in die Armee eintrat. Auch dort sang sie, gründete eine Band, die 4x4.

"Eine tolle Erfahrung", sagt sie, "weil wir jeden Tag ein Konzert gaben, unser Rekord waren einmal sogar acht Konzerte an nur einem Tag, das war schon ziemlich verrückt. Manchmal spielten wir vor 800 Leuten, manchmal auch vor drei, vier Wachleuten, die gerade nichts Anderes zu tun hatten und seit drei Wochen niemandem mehr begegnet waren. Danach wusste ich ganz sicher, dass ich fortan als Sängerin ein bisschen Glück und Freude in die Herzen der Menschen bringen wollte."

Nach Ende ihrer Armeezeit im Jahr 2011 studierte sie an der renommierten Rimon Musikschule für Jazz und Gegenwartsmusik in Ramat Hasharon.
2012, sie plante gerade, ihr erstes Album mit eigener Band aufzunehmen, wurde ihr die Teilnahme an der ersten Staffel von ´The Voice Of Israel´ angeboten. "Ich habe lange gezögert", erinnert sich Sivan, "weil ich an solche Shows nicht glaubte, irgendwie empfand ich mich dort fehl am Platz". Schließlich habe sie aber doch zugesagt, "(…) Ich nahm es als ein Spiel, ich war kein ganz junges Mädchen mehr und wollte wenigstens keine Chance verpassen. Und ich war mir auch sicher, dass niemand dort mich nach all meinen Erfahrungen noch würde verbiegen können."

Diese Haltung ist auch Thema im Film The Secrets (Ha Sodot), in dem Sivan eine kleine Rolle hatte. Der Film aus dem Jahr 2007 erzählt die Geschichte von zwei jungen Frauen, die in der repressiven orthodoxen Community, wo es Frauen verboten ist, zu sprechen, geschweige denn zu singen, ihre Stimme erheben.

Sivan Talmor gehört heute zu den prägnantesten weiblichen Stimmen Israels, arbeitet(e) mit den besten Musiker*innen des Landes zusammen.
Während sie die Lyrics für ihr in New York aufgenommenes Debüt-Album Luna Park noch auf Hebräisch verfasst hatte, sang sie auf dem darauffolgenden, zweiten Album Fire auf Englisch, ein Umstand, den sie damit erklärt, dass sie offener in ihren Texten sein könne, sich hinter der Nicht-Muttersprache verstecken könne.

Die Bedeutung von Sprache setzt die Musikerin auch auf ihrem neuen Album Immigrants Of Lace ein. Nicht nur der Titel des Albums ist Programm: Besonders der Song Fight or Flight, die dritte Single auf dem Album, transportiert ihre Message, das Erreichen von Freiheit durch den bewussten Reifeprozess im Leben eines Menschen.
Sivan Talmor kommentiert: "Im Song geht es um die menschliche Natur und ihren Umgang mit den alltäglichen Problemen, mit der ein jeder von uns hin und wieder konfrontiert wird.
Dann heißt es meist "FIGHT OR FLIGHT", kämpfe oder flieh."


Dieses Motto ist der Künstlerin quasi in die Wiege gelegt worden. Ihre Großeltern sind Miriam und Stef Wertheimer, die 1952 in einer Wellblechhütte in Nahariya den Grundstein für das äußerst erfolgreiche Unternehmen ISCAR gelegt haben. Ihr Großvater, der 1926 in Deutschland geborene Selfmade-Billionär Stefan "Stef" Wertheimer wurde 2008 mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet, weil er "wie kaum ein zweiter" das Motto der Woche der Brüderlichkeit zum 60. Geburtstag Israels repräsentiere – den Ausspruch von Ben Gurion: "Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist."

Gegenüber Deutschlandfunk Kultur erklärte die Musikerin im August 2018: "Israel ist keine einfache Heimat. Mit vielen Dingen, die dort passieren, mit vielen Entscheidungen unserer Regierung bin ich überhaupt nicht einverstanden. Und doch bin ich stolz, Israeli zu sein. Ich bin stolz darauf, wer ich bin, ich bin stolz auf meine Freunde und meine Familie. In Israel leben viele Menschen, ganz unterschiedliche Menschen, und die sind oft ganz anders, als sie im Ausland gesehen werden."

Sivan, die ihr neues Album im Herbst 2019 auf einer Release Tour in Europa vorstellen wird, schreibt auf ihrer Facebook-Seite:
"Das Album zeigt zum ersten Mal wer Sivan Talmor wirklich ist - eine Person mit all ihren Höhen und Tiefen. Es ist eine Mischung aus all den Elementen meines Lebens, meiner Person und meiner Kunst."

Für Immigrants Of Lace hat die zweifache Mutter, die während der Arbeit an diesem Album mit ihrem dritten Kind schwanger war, eine Woche lang mit der Band an den Ort ihrer Kindheit im Norden Israels verbracht. Sie ist stolz darauf, dass das komplette Album anders als die vorherigen nicht im Studio, sondern Track für Track mit der ganzen Band live eingespielt wurde: "Each one of us brought their own world of musical influences and flavors, and that´s why this album´s soundscape is much wider and contains many musical genres. At the end we managed to create something that we felt told the story in a whole."

AVIVA-Tipp: Sivan Talmor und ihre Band integrieren Jazz, Pop, Folk und Chanson-Anleihen und machen ihre Musik damit zu etwas ganz und gar eigenem, einem einzigartigen und unverwechselbaren Sound. Immigrants Of Lace erzählt mit poetisch verschlüsselten Lyrics von beauty and sadness und liefert damit einen betörend schönen Soundtrack für Träumer*innen und Realist*innen. Soulfood, das Herz und Hirn gleichermaßen berührt.

Sivan Talmor
Immigrants Of Lace

Lyrics: Sivan Talmor
Drums: Shahar Haziza
Bass: Ori Winokur
Guitars: Alon Lotringer
Keyboards: Shelly Levy
IMU Records/Kontor New Media. VÖ: 23.8.2019

Mehr zu Sivan Talmor und zu ihrer Tournee auf: www.sivantalmor.com und www.facebook.com/SivanTalmorPage

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sivan Talmor – Fire
Ihr wird eine hypnotische Stimme und Bühnenperformance bescheinigt. Die israelische Sängerin erzählt in ihren minimalistisch angelegten Songs kleine, persönliche Geschichten. Angesiedelt sind die unprätentiösen Stücke zwischen Pop und Folk. (2016)

A-WA - BAYTI FI RASI. The AVIVA-interview with the Yemenite-Israeli sisters Tair, Liron, Tagel Haim
A-WA means "Yes" in Arabic, "BAYTI FI RASI" means "My Home Is In My Head". A-WA is the bandname of three sisters, who grew up in the desert in southern Israel. Today the trio performs in Clubs and Festivals worldwide to bring the almost extinct Yemeni songs of women into the world, who never learned how to read or write. Their concept album is based on the courageous story of their great grandmother Rachel, coming from Yemen to Israel as one of 49,000 Yemenite Jews as a single mom in 1949´s historic "Operation Magic Carpet." (2019)

Liraz – Naz
Das neue Album von Liraz ("Liraz Charhi" und "Rak Lekha Mutar"/"Only You´re Allowed") ist zu Teilen eine Femmage an die persische Pop-Musik der 70er und doch ein gutes Stück Musik unserer Zeit. Geschickt versteht es die israelische Musikerin, Tänzerin und Schauspielerin, deren Familie kurz vor Ausbruch der Iranischen Revolution nach Israel immigrierte, ihren eigenen Stil und ihre Geschichten in die Sounds zu verbinden und bietet damit ein musikalisches Vergnügen der leichten Art, durchaus mit hintergründigen Botschaften. (2018)

Victoria Hanna
Das Debütalbum einer der derzeit schrillsten israelischen Künstlerinnen, Victoria Hanna, ist angefüllt mit vokalen Experimenten und treibenden Beats, die mühelos eine Brücke zwischen aramäischem Hiphop, kabbalistischem Rap und Spoken-Word Performance schlägt. Ein Debüt mit sprichwörtlichen Höhen und Tiefen. (2018)


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Beitrag vom 07.09.2019

Sharon Adler 






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