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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 18.03.2010


Etta Cameron and Nikolaj Hess with Friends - Etta
Nadja Grintzewitsch

Sie galt in Dänemark als Grande Dame des Gospels und schuf mit hochklassigen MusikerInnen immer wieder eigene Interpretationen bekannter Blues- und Jazzballaden. Etta Camerons neu erschienene CD...




...ist zugleich ihr Vermächtnis: Kurz vor Auslieferung des Albums starb sie am 4. März 2010 an den Folgen eines langen Krebsleidens.

Ihr Leben war so bewegt, dass es verfilmt werden sollte. 1939 auf den Bahamas geboren, zog Etta Cameron im Alter von knapp neun Jahren mit ihrer Familie in die Vereinigten Staaten. Dort begann sie ihre musikalische Karriere im Gospelchor der Methodistenkirche. In den Sechziger Jahren trat sie mit namhaften MusikerInnen - wie Lionel Hampton - auf und gab ihr erstes Europakonzert in London. Wegen des überwältigenden Erfolges wurde sie sogar nach Ostberlin eingeladen. Dort wurde jedoch ihr Pass gestohlen, weshalb sie fünf Jahre ihres Lebens in der Hauptstadt der DDR verbringen musste. Mit Hilfe dänischer Freunde gelang ihr schließlich 1972 die Flucht über die Grenze.

Etta Cameron entschied sich anschließend, in Europa zu bleiben und zog nach Kopenhagen. Dort gründete sie einen Gospelchor, arbeitete mit verschiedenen Jazz-Bigbands zusammen und tourte mit ihrer eigenen Band durch Europa. Seit 1987 unterrichtete sie an einer Musikhochschule in der dänischen Hauptstadt. Bekannt wurde sie auch als Jurymitglied der dänischen Version von Star Search. Etta Camerons Tochter Debbie trat in die musikalischen Fußstapfen ihrer Mutter und schnitt beim Eurovision Song Contest 1981 mit einer ordentlichen Platzierung im Mittelfeld ab.

Ihr nunmehr 17. Album nahm Etta Cameron gemeinsam mit dem Jazzpianisten und langjährigen Kollegen Nikolaj Hess und vier weiteren begabten MusikerInnen auf. Es vereint elf der bekanntesten Blues-, Jazz- und Gospelsongs, nach Etta-Art völlig neu definiert. Wer beispielsweise glaubt, der weithin interpretierte Armstrong-Klassiker "What a wonderful world" sei inzwischen ausgelutscht, hat weit gefehlt. Etta und Friends erschufen eine fast meditative Version des Stückes mit einem minutenlangen instrumentalen Vorspiel. Trompete und Stimme sind derart ausgewogen, dass man/frau sich fragt, wer hier eigentlich wen begleitet.

Meisterin der dunklen Töne

Es ist kaum zu glauben, dass dies die Stimme einer (zu Aufnahmebeginn) 69 jährigen ist, so jugendlich kommt sie auf der Scheibe daher. Etta Cameron klingt nicht fragil-kratzig wie die Bluesikone Billie Holiday und hat auch nicht die volltönende Powerstimme einer Dee Dee Bridgewater, von Scatgesang ganz zu schweigen – aber die Lady versteht es, die Lyrics zu ihrer ganz persönlichen Geschichte umzuformen. Sie singt sie nicht, sie erzählt sie – und das auf eindrucksvoll intime Weise.

Ihre Stärke ist das ganz dunkle Timbre, da klingt sie samtig-weich wie flüssiger Karamell. Den Gospelklassiker "Sometimes I feel like a motherless child" singt die Cameron fast a cappella, begleitet von äußerst sparsamer Percussion. Mehr ist auch nicht vonnöten, denn sie erfindet hier ganz eigene Phrasierungen, präsentiert das vollständige Potential ihrer Stimme. Einsamkeit musikalisch umgesetzt.

Careless love, das neunte Lied der CD, ist ein musikalischer Dialog zwischen Sängerin und Tenorsaxofon. Letzteres umschmeichelt den Gesang wie ein Liebhaber auf Brautschau, das erdige Instrument steht in völligem Gegensatz zu den luftigen Versen: "If I was a little bird / I would fly from tree to tree / I´d build my nest up in the air / Where love couldn´t bother me". Letztendlich schafft es der musikalische Verführer jedoch nicht, das Vögelchen auf den Boden zurück zu holen, denn es hat ihn eiskalt durchschaut: "Love, oh love, oh careless love / You broke the heart of many a poor girl / But you´ll never break this heart of mine".

AVIVA-Tipp: Das letzte Album der Dänin überzeugt durch sehr persönliche Interpretationen altbekannter Klassiker. Ob Gershwin oder Billie Holiday, die Cameron erfindet sie alle neu. Es ist eine CD für ruhige Abende vor dem Kamin. Frau sollte sich Zeit nehmen für die warme Stimme der Lady, die mit großer Aufrichtigkeit und Erfahrung immerwährende Geschichten von Liebe vorträgt.
Lady übrigens im wörtlichen Sinne, denn die dänische Königin adelte Etta Cameron 1997 zur "Ritterin des Ordens von Dannebrog".

Weitere Informationen finden Sie unter:
www.ettacameron.dk

Weiterhören auf AVIVA-Berlin:

Dee Dee Bridgewater – Red earth

Dee Dee Bridgewater - Eleanora Fagan, 1915-1959, To Billie with Love from Dee Dee

Ella Fitzgerald – We all love Ella

Abbey Lincoln – Abbey sings Abbey

Elisabeth Kontomanou – Back to my groove

Etta Cameron and Nikolaj Hess with Friends
Etta

Label: Stunt Records / SunnyMoon, VÖ April 2010


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Beitrag vom 18.03.2010

AVIVA-Redaktion 






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