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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 16.06.2011


Tangowerk by NHOAH
Lisa Erdmann

Ambivalenter und kunstvoller könnte ein Longplayer kaum sein: dieses einzigartige Projekt lässt Traum und Wirklichkeit, Leidenschaft und Schwermut zu einem Klangteppich verschmelzen, welcher der...




... Hörerin für knappe 64 Minuten den Atem raubt.

Tango, das ist getanzte Leidenschaft auf höchstem Niveau, der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens und der wohl gegensätzlichste Tanz, den es gibt. Seitdem die flirrende Metropole Buenos Aires für den Musikproduzenten und Komponisten NHOAH im Jahr 2005 zum Ziel wurde, um dem Gefühl des künstlerischen Stehenbleibens zu entfliehen, hat auch ihn die Leidenschaft und das Lebensgefühl des Tangos erfasst. Daraus entstanden ist das schnörkellos betitelte Projekt "Tangowerk", dessen Kompositionen - ganz im Sinne des Tanzes - von Ambivalenz und Kreativität leben.

Klassische Tangoinstrumente vereinen sich mit mutigen Elektrobeats, wobei der mal sehnsüchtige, mal wütende, heisere, schreiende, spottende und hauchende Gesang der erschiedensten AusnahmekünstlerInnen als Bindeglied fungiert.

Eingespielt mit einigen Mitgliedern des Orquesta Típica Fernández Fierro erscheint dabei jeder Titel als individuelle Transformation von der Tradition zur Moderne. Gemeinsam haben alle den Bezug zu NHOAHs musikalischem Lebensweg. Historische Grammophonklänge aus Kindertagen werden mit analoger Radiotechnik und Close-Harmony-Effekten verziert, androgyne Synthesizer und Glockenspiele erinnern an die Transvestitenszene im Berlin der 1980er Jahre.

Die Ästhetik des "Tangowerks" liegt in seinen unkonventionellen Gegensätzen, für deren Realisierung der Komponist eine Reihe befreundeter MusikerInnen aus der Berliner Musik- und Kunstszene gewinnen konnte. Gemeinsam reisten die IndividualistInnen nach Argentinien und fanden in Buenos Aires ihr künstlerisches Miteinander, welches frau nun auf diesem einzigartigen Longplayer hören und fühlen kann.

Einer der Titel, der die Klangwelt des Tangowerks wohl am treffendsten beschreibt, ist "Dance On The Volcano". Synthie-Pop und ein rasanter Elektropuls flirten mit Bandoneóns und dem ausufernden Rufgesang des australischen Sängers Headvoice - ein Tanz auf dem Vulkan, der mehr und mehr ins Brodeln gerät. Zärtlichere Leidenschaft spürt frau bei "Innocent" - vertont im Schellacksound mit Violine und Bass leiht hier Lulu Schmidt ihre Stimme dem Tango und der Melancholie - und erscheint dabei alles andere als unschuldig.

Weitere Highlights sind natürlich das von Mieze Katz (MIA-Frontfrau) besungene, elektrisierende "Lost in Weltschmerz". Drumcomputer trifft hier auf treibende Violinen, der Scat-Gesang der Mieze strömt als vertontes Stroboskoplicht aus den Boxen und frau hält den Atem an. NHOAH produzierte bisher alle Alben der Pop-Formation MIA und hat auch bei diesem Titel wieder revolutionäre Kreativität bewiesen.

Auch die spanischen Titel ziehen die Hörerin als tanzbarer Rausch zwischen Wut und Leiden(-schaft) in ihren Bann. Die Songs sind mal vulgär, wie bei der von Bandoneon, Tamburin und Piano getragenen Hymne an den "Hijo De Puta" (besungen von Tangoikone Adriana Varelas), mal gehen sie als leidenschaftliche Untreue ("Si Te Puedo Ser Fiel" - Karina Beorlegui) ins Ohr.

Die in Los Angeles und Berlin lebende Bildhauerin und Sängerin Ina Viola Blasius setzt dem Tangowerk schließlich mit dem zwölften Titel "1-2-3" die Krone auf. "Ich bin die Sünde unter Sündern, bester Spieler unter Spielern" haucht sie hier zugleich fordernd und erotisierend ins Mikrophon. Die Bläser im Background tuen ihr Übriges, um diesen Titel in einen vertonten Liebesakt zu wandeln. Musik, die vor stilvollem Sexappeal nur so strotzt.

Übrigens: das beiliegende 64-seitige Booklet und die beiliegende DVD enthüllen neben drei Musikvideos auch spannende Infos zur Entstehung des Projekts. Vor allem das "Making Of"-Video ist äußerst sehenswert.

Tangowerk by NHOAH im Netz: www.tangowerk.com

AVIVA-Tipp: Diese Berlin/Buenos Aires-Connection zieht nicht nur Tangofans in den Bann. Komponist NHOAH vertont mit seinem Tangowerk eine Klang-Welt, die irgendwo zwischen Ekstase und Melancholie, Synthie-Pop, Retrosound und Elektrobeats verführt. Eine auditive Razzia durch die Varietés und Tangoclubs von Buenos Aires, die frau so noch nie gehört und erlebt hat.


NHOAH
Tangowerk

Label: R.O.T. Records, VÖ: Mai 2011


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Beitrag vom 16.06.2011

Lisa Erdmann 






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