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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 09.06.2011


Lisa Batiashvili - Echoes of Time
Leonie Schwarzer

Mit ihrem Debütalbum, erschienen im Mai 2011 bei der Deutschen Grammphon, verzaubert uns die in Georgien geborene Künstlerin und erzeugt auf ihrer Geige ein unverwechselbares Klangbild.




Die talentierte Violinistin möchte uns einerseits musikalisch ihre Heimat näher bringen und gleichzeitig die Aufmerksamkeit richten auf die finanzielle Misere der "Zentralen Musikschule in Tiflis", die sie auch selbst besuchte. Lisa Batiashvili ruft zu einer Spendenaktion auf, damit die heruntergekommene Schule für junge, hochbegabte MusikerInnen renoviert werden kann.

Die 1979 geborene Ausnahmegeigerin spielt auf "Echoes of Time" Stücke von Schostakowitsch, Kancheli, Pärt und Rachmaninov. So unterschiedlich die Werke auf diesem Album auch sein mögen, eins verbindet sie dennoch: Alle Komponisten arbeiteten unter dem Druck des Sowjetsystems und waren daher auch künstlerisch stark davon beeinflusst.

Das zentrale Werk von "Echoes of Time" ist das "erste Violinkonzert in a-Moll" von Schostakowitsch. Für Lisa Batiashvili spielt es eine wichtige Rolle und erinnert sie persönlich an ihre Kindheit: "Das Stück entwickelte sich zu einem Symbol der Sowjetherrschaft, die ich während der ersten zehn Jahre meines Lebens ja selbst erlebt habe. Auch die Musiker suchten in der Sowjetära nach jener Freiheit, der Schostakowitsch mit seiner Musik nachspürte. Musik war eine Zuflucht, ein Symbol der Freiheit in einer Zeit, in der es schwer war, innerhalb dieses unglaublich brutalen Systems zu funktionieren." Diese innere Zerissenheit und der Freiheitsdrang des Komponisten lässt sich deutlich in der Musik wiederfinden und spüren. Die vier Sätze pendeln zwischen den Extremen: Mal klingt die Geige energisch und wütend, dann wieder werden wir als Zuhörerin umhüllt von ihrem weichen, süßen Klang.

Souverän und technisch versiert meistert Lisa Batiashvili jegliche Schwierigkeit und füllt auch die schnellste Passage mit einem unglaublichen Maß an Hingabe und Gefühl. Doch letztendich sind es die langsamen, schwelgerischen Stellen, die die besondere Chrakteristik der Aufnahme ausmachen und uns einen ungeheurer tiefen Einblick in die Gefühlswelt der Solistin erlauben. Lisa Batiashvili lässt die Geige weinen und bringt eine tiefe Sehnsucht nach ihrer Heimat zum Ausdruck. Als Zuhörerin bleibt der Eindruck, bei einem sehr innigen Moment dabei sein zu dürfen, beinahe so, als würde die aufgebaute Spannung aus den Lautsprechern zu uns vor dringen.

Ebenfalls vertreten auf Echoes of Time ist "V & V" des Komponisten Giya Kancheli, der wie Lisa Batiashvili aus Georgien stammt. Das Stück für eine Stimme auf Tonband, Geige und Streicherorchester wirkt erhaben und religiös. Die beinah hingehauchte Violinstimme baut bis zum Ende eine dramatische Spannung auf und Lisa Batiashvili füllt selbst die leisesten, höchsten Töne mit völliger Hingabe. Fast unheimlich erscheint dieses Stück und geht unter die Haut. Meditativ und intim wirkt auch "Spiegel im Spiegel" von Arvo Pärt, welches Lisa Batiashvili zusammen mit der französischen Pianistin Hélène Grimaud einspielte. Mit fast trivialen Mitteln schaffen die beiden Künstlerinnen ein beeindruckendes, musikalisches Kunstwerk. Die einfachen Dreiklangsstrukturen des Klaviers und die ruhige Melodie der Violine lassen die Zeit für einen Moment still stehen und entführen uns in die Tiefen der Musik. Auch der estnische Komponist musste auf Druck der sowjetischen Regierung emigrieren und wir können beim Hören die Wehmut und Sehnsucht nach dem Heimatland spüren.

Konträr dazu erscheint der "Lyrische Walzer" aus dem "Tanz der Puppen" von Schostakowitsch. Mit einem warmen, vollen Klang und viel Vibrato erscheint das Geigenspiel fast heiter und unbeschwert. Sowohl dieses als auch die weiteren auf dem Album "Echoes of Time" vertretenen Werke, brachte die Künstlerin gemeinsam mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen in einen harmonischen Einklang. Mit einem hoffnungsvollen Gefühl entlässt uns das letzte Stück "Vocalise op. 34 no. 14" von Rachmaninov. Wieder begleitet Hélène Grimaud am Klavier und wir erahnen in der Musik eine fast nostalgische Sehnsucht nach der Heimat und den eigenen Wurzeln. Doch gleichzeitig vermittelt uns das kraftvolle, energische Spiel der Geige den Mut, aufzubrechen und neue Länder zu entdecken. "Wenn man in der ganzen Welt konzertiert, ist es wichtig, einen guten Draht zu den unterschiedlichsten Menschen entwickeln zu können. Und wenn einem das gelingt, ist man kein Fremder mehr, nirgendwo." Mit diesen Worten betont Lisa Batiashvili, dass ihre enge Bindung zur Heimat keinesfalls ausschließt, sich der neuen Welt zu öffnen und sie kennen zu lernen.

Neben ihrem Album startete die mehrfach preisgekrönte Geigerin auch eine große Benefizaktion für ihre ehemalige Musikschule in ihrem Heimatort Tiflis. Mit Unterstützung der Berliner Stiftung Fair Play und der Schauspielerin und Projekt-Schirmherrin Marion Kracht möchte Lisa Batiashvili Spenden sammeln und die Schule unterstützen. Im März 2011 reiste sie zurück in ihre Heimatstadt, um dort mit einem Filmteam einen 20-minütigen Dokumentarfilm zu drehen. Hier wird deutlich, in welch menschenunwürdigem Zustand sich das alte Gebäude befindet, nachdem ein Erdbeben und die Kriegszustände es zerstört haben. Eindrücke von abblätterndem Putz, trostlos wirkenden Unterichtsräumen und verstimmten Klavieren erzeugen umso mehr Hochachtung vor den jungen, hochtalentierten MusikerInnen, die auch unter diesen Umständen den Traum einer Musikkarriere nicht aufgeben.

AVIVA-Tipp: "Echoes of Time" beweist, welch facettenreiches Klangbild Lisa Batiashvili auf ihrer Geige erzeugen kann. Sicherlich ist es keine Aufnahme, die man nebenbei im MP3-Player hören kann. Diese Musik verlangt nach ungeteilter Aufmerksamkeit und Beschäftigung. Doch es lohnt sich, da wir trotz dieser sommerlichen Temperaturen beim Hören der sehnsuchtsvollen Violinklänge einen wohligen Schauer auf der Haut verspüren.

Lisa Batiashvili
Echoes of Time

Label: Deutsche Grammophon, VÖ: 20. Mai 2011
www.deutschegrammophon.com

Lisa Batiashvili im Netz: www.lisabatiashvili.com und www.musicschooltbilisi.blogspot.com

Weiterhören auf AVIVA-Berlin:

Hélène Grimaud spielt Chopin und Rachmaninov

Hélène Grimaud spielt Bach




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Beitrag vom 09.06.2011

AVIVA-Redaktion 






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