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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.05.2007

Cindy Dyson - Unalaska
Jana Muschick

In diesem Roman wird die Geschichte der Blondine Brandy erzĂ€hlt, die mehr in ihrem Kopf hat als Make-Up und das Geld fĂŒr den nĂ€chsten Trip. Die sprachliche Schönheit des Werkes fasziniert ungemein.



Brandy stellt all das dar, was eine bodenstĂ€ndige Frau mit Anfang 30 nicht ist - sie lebt ihre SexualitĂ€t und die BedĂŒrfnisse ihres Körpers mit allen Mitteln aus - auch wenn sie damit die MĂ€nner, mit denen sie sich "befristet" abgibt, oft vor den Kopf stĂ¶ĂŸt. Ihre emotionale Bindungslosigkeit und die Sucht, stĂ€ndig auf der Suche nach etwas Neuem zu sein, ist verbunden mit ihrer Kindheit, in der sie von ihrem Vater schwer enttĂ€uscht wurde. Der gebildete Mann hielt hohe StĂŒcke auf seine Tochter, doch die Alkoholsucht zwang ihn in die Knie. Seine Frau, Brandys Mutter, unterstĂŒtzte ihn nicht und so verlor das MĂ€dchen schon in jungen Jahren das Vertrauen in die Festigkeit von Beziehungen.

Ihr neuer Freund That ist ein gut aussehender blond gelockter Fischer. Er lĂ€dt sie auf die Insel Unalaska ein, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben mit etwas zurecht kommen muss, das sie vorher nie erlebt hat: der grenzenlosen Einsamkeit eines Eilands am Ende der Welt in der die "weiße Frau" nicht zu den tĂ€glichen Erscheinungsbildern gehört. Allein gelassen mit sich selbst erkundet sie ein Leben fern ab von Luxus und Mainstream.

Die Erfahrungen, die Brandy mit sich selbst macht, werden vermischt mit der tradierten Geschichte von Generationen allĂ«utischer Frauen. Die Ureinwohnerinnen Unalaskas mussten sich in Zeiten der grĂ¶ĂŸten Not selbst zu helfen wissen. Durch den Einmarsch russischer Besatzer im 18. Jahrhundert wurde das Pockenvirus auf die Insel gebracht. Fast alle ihrer MĂ€nner wurden zu Kriegszwecken abgefĂŒhrt und die Frauen, denen es aus religiösen GrĂŒnden verboten war, zu jagen, konnten nicht zusehen, wie die Kinder durch Krankheit und Hunger vor ihren Augen starben. So machten sie sich ein Ritual zu Nutze, das sonst nur die MĂ€nner fĂŒr das besonderes GlĂŒck auf der Jagd nach Walen oder Robben benutzt hatten: Sie gingen auf den HĂŒgel mit den GrĂ€bern ihrer verstorbenen Krieger und schnitten ihnen etwas Fleisch aus dem verdörrten Körper. Dieses Fleisch aßen sie - es gab ihnen Macht und Kraft, forderte aber auch seinen Tribut, denn die meisten Frauen, die in dieses Ritual involviert waren, verloren dabei einen Teil ihres Verstandes.

Wieweit dieses allĂ«utische Ritual in die Neuzeit hinein reicht und wie stark Brandy mit den Traditionen der UreinwohnerInnen in BerĂŒhrung gerĂ€t, wird eindrĂŒcklich und in moderner Sprache in "Unalaska" von Cindy Dyson dargestellt.

Zur Autorin: Cindy Dyson selbst wuchs in Alaska auf. Sie jobbte, wie ihre Protagonistin Brandy, in Kneipen und war fĂŒr die Fischereiindustrie tĂ€tig. "Unalaska" ist Dysons erster Roman.

AVIVA-Tipp: "Unalaska" ist nicht fĂŒr jeden Geschmack gemacht. Die unendliche Weite einer ewig kargen Landschaft, die seelischen Prozesse einer Frau, die sonst nur von MĂ€nnern, Sex und Drogen gelebt hat, die sie hier und da "mitnehmen" konnte - das alles und darĂŒber hinaus eine Sprache, die kein Blatt vor den Mund nimmt, stellt das breite Spektrum eines Romans dar, dessen Autorin mehr in diesem Werk wohnt, als die Leserin es anfangs anzunehmen wagt.
Es ist erstaunlich, wie sehr diese Frau mit ihrem Debut die Formen einer unkomplizierten und aktuellen Ausdrucksform mit der Kraft einer Jahrhunderte alten Tradition verschmelzen lassen kann.
Hoffentlich hören wir in den nÀchsten Jahren noch mehr von Cindy Dyson fulminantem erzÀhlerischen Können.

Cindy Dyson
Unalsaska

Originaltitel: And she was
Übersetzt von Barbara Schaden
Bloomsbury Verlag Berlin, erschienen Oktober 2006
ISBN 13: 978-3-8270-0634-9
22,90 Euro
Hardcover, 350 Seiten

Literatur Beitrag vom 14.05.2007 Jana Muschick 





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