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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.04.2008

Helen Levitt ‚Äď Fotografien 1937-1991
Kristina Tencic

Spielende Kinder, gelangweilte Erwachsene, ruhende Alte ‚Äď jedes der Bilder Helen Levitts mutet an wie Poesie, dabei zeigen sie eigentlich nur den Alltag auf den √§rmlichen Stra√üen New Yorks.



Vier Kinder laufen eine Stra√üe neben einer scheinbar endlosen Steinmauer entlang. Ein M√§dchen tr√§gt kein T-Shirt, wodurch man ihren d√ľnnen Oberk√∂rper sieht. Die drei anderen Kinder tragen Kleidchen. Alle vier schauen gebannt einigen Seifenblasen hinterher, und man hat das Gef√ľhl, dass es sich bei diesen wenigen Seifenblasen um das Sch√∂nste und Faszinierendste f√ľr die vor dem tristen Hintergrund stehenden M√§dchen handelt. Wie gebannt laufen sie den Bl√§schen entgegen. Es sind drei Afro-Amerikanerinnen und ein hellh√§utiges M√§dchen. Eigentlich w√§re dies nicht weiter bedeutend, doch wenn man bedenkt, dass die Fotografie im Amerika der f√ľnfziger Jahre aufgenommen wurde, bekommt dieses Bild eine andere Bedeutungsebene.

Die Fotografie stammt von einer der bekanntesten amerikanischen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts, Helen Levitt. Die J√ľdin mit russischen Wurzeln z√§hlt zu den Pionierinnen der Street Art Photography und ist heute in jedem Fotografie-Standard-Werk vertreten.

Die junge Helen Levitt brach ihre Schule ab und begann eine Lehre bei einem New Yorker Portraitfotografen. Durch ihn lernte sie 1935, mit 22 Jahren, Henri Cartier-Bresson kennen. Er nahm sie mit auf seine Streifz√ľge durch die Stra√üen New Yorks, jenseits der noblen Fifth Avenue. 1936 kaufte sie sich eine gebrauchte Leica und begann damit, eigene, als Schnappschuss anmutende Fotos zu machen. Durch Henri Cartier-Bresson lernte sie, die Menschen in Spanish Harlem und Lower East Side im "entscheidenden Moment", wie er es nannte, festzuhalten. Walker Evans, der ber√ľhmte Portraitfotograf, den sie 1936 als Freund gewann, wies sie an, keine Politik in ihre Bilder zu lassen. Daran hat sie sich, im Gegensatz zu ihm, auch gehalten.

Jedes ihrer Bilder erz√§hlt eine ganze Geschichte, die zwar die Verelendung des Viertels zeigt, aber niemals bewertet, sondern subtil dokumentarisch und mit einem teils ironischen, teils grotesken Flair auf die Menschen blickt. Sie dr√ľckt eben einfach im "entscheidenden Moment" ab und gibt den BetrachterInnen dadurch das Gef√ľhl, mitten in New York zu stehen, die Abgase zu atmen und ziellos Menschen auf den verstaubten Stra√üen zu beobachten. Einmal sind es Kinder beim Spielen, oder Arbeiter bei ihrer Mittagspause, und auch Alte beim Plausch auf der Stra√üe, oder eine beleibte Mutter mit ihren Kindern in einer Telefonzelle ‚Äď gemeinsam ist den Aufnahmen, dass die Portraitierten zwar in ihrem Umfeld fotografiert wurden, aber dennoch seltsam aus dem Zusammenhang gerissen wirken. Die Fotografie zeigt zugleich die √∂ffentliche und pers√∂nliche Facette der Portraitierten, dadurch l√§sst sich erahnen, welche Vergangenheiten die Fassaden der H√§user und Menschen verbergen.

Die Geschichten der abgelichteten Menschen sind so vielf√§ltig wie das Leben selbst: Sie erz√§hlen von Liebe, Freundschaft, Streit, Langeweile, Verlorenheit und vielen Sehns√ľchten. Es ist somit eine fotografische Milieustudie, die mit Gegens√§tzen wie jung/alt, klein/gro√ü, arm/reich, dick/d√ľnn und Schw√§che/St√§rke spielt. Einzig die Komposition des Bildes vermag es, all die Gegens√§tze in einem schwarz-wei√üen oder farbigen Bild festzuhalten.

Von der Motivation des/r Betrachters/in, die Bilder in einen narrativen Kontext zu stellen, h√§lt die heute 94-J√§hrige K√ľnstlerin wenig. Sie sagt, dass sie Schriftstellerin und nicht Fotografin geworden w√§re, wenn sie √ľber ihre Fotografien sprechen wollen w√ľrde. Somit ist auch der umfangreiche Bildband "Helen Levitt - Fotografien" sehr wortkarg ausgefallen. Bis auf einige wenige einleitende S√§tze durch Walker Evans ist in dem Begleitkatalog zu der Spectrum-Ausstellung im Sprengel Museum in Hannover (vom 10.02. ‚Äď 25.05.2008) infolgedessen auch kein Text zu finden. Unter den √ľber 100 Fotografien des Bildbandes lassen sich auch aus ihrem Oeuvre bisher unver√∂ffentlichte Werke finden.

AVIVA-Tipp: Die ausgew√§hlten Aufnahmen zeigen die Ikone des "Antijournalismus", Helen Levitt, in ihrer Gesamtbedeutung f√ľr die Geschichte der Fotografie. Die Bilder laden den/die BetrachterIn dazu ein, den abgebildeten Menschen ihre Geschichten zu entlocken, sich von Seite zu Seite √ľberraschen zu lassen und wieder von Neuem zu entdecken. Zwar h√§tte frau/man sich zumindest kurze biografische Angaben und einige erg√§nzende Erkl√§rungen gew√ľnscht, doch bei Fotografien, die selbst mehr erz√§hlen, als man je in W√∂rtern artikulieren k√∂nnte, ist das vielleicht auch gar nicht n√∂tig.

Zur Fotografin: Helen Levitt wurde 1913 in New York geboren. Sie verlie√ü die Schule kurz vor ihrem Abschluss und ging bei einem New Yorker Portraitfotografen in die Lehre, durch welchen sie Henri Cartier-Bresson und Walker Evans kennen lernte. Bereits im Jahre 1943 hatte sie eine Einzelausstellung im Museum of Modern Art. Zu dieser Zeit fing sie an, bei Filmen mitzuarbeiten und sp√§ter auch zu drehen. Ihre Arbeiten "In the Street" und "The Quiet One" gingen in die Filmgeschichte ein. 1959 begab sie sich mit ihrer Kamera wieder auf die Stra√üen New Yorks. Ihre Arbeiten wurden weltweit ausgestellt, 1997 auch auf der documenta x und befinden sich, zusammen mit Bildern von Walker Evans und Henri Cartier-Bresson im MoMA. Das Sprengel Museum zeigt die bisher umfangreichste Ausstellung ihrer Werke. Anlass hierzu ist die Verleihung des Internationalen Preises f√ľr Fotografie der Stiftung Niedersachsen an die K√ľnstlerin. Die in New York lebende Helen Levitt z√§hlt zu den Pionierinnen der Street Photography.

(Quellen: Verlagsinformationen, spiegel.de, sprengel-museum.de)

Helen Levitt ‚Äď Fotografien 1937-1991
Text von Walker Evans
Hatje Cantz Verlag, erschienen März 2008
Gebunden, 168 Seiten, 142 Abbildungen, 70 farbig
ISBN 978-3-7757-2169-1
49,80 Euro

Literatur Beitrag vom 03.04.2008 Kristina Tencic 





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