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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 30.03.2003

Batya Gur: Denn die Seele ist in deiner Hand
Ilka Fleischer

Mit ihrem neuesten Kriminalroman f├╝hrt die israelische Autorin ihren feinsinnigen Helden Kommissar Ochajon in die Welt jemenitischer Juden und J├╝dinnen im heutigen Jerusalem



1947 in Tel Aviv geboren, studierte Batya Gur zun├Ąchst Literaturwissenschaften und arbeitete als Lehrerin und Journalistin, bevor sie sich als erste israelische Autorin im Krimi-Genre einen Namen machte. Mit ihrem Debutroman der "Ochajon-Serie" Denn am Sabbat sollst du ruhen wurde sie 1993 mit dem deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet. Auch die Folgeromane Am Anfang war das Wort, Du sollst nicht begehren und Das Lied der K├Ânige sicherten ihr internationale Anerkennung und machten sie zur Garantin f├╝r sozialkritisch geistreiche Krimiunterhaltung.
Als einflussreiche Literaturkritikerin der Tageszeitung Ha┬┤aretz arbeitet und lebt sie heute mit ihrer Familie in Jerusalem, das auch in ihrem j├╝ngsten Roman den zentralen Schauplatz privat-politischer Macht- und ├ťberlebensk├Ąmpfe darstellt.

Wie bereits in ihren Stadtimpressionen In Jerusalem leben konzentriert sich Batya Gur in der Ochajon-Serie nicht zuletzt auf die Welt linker israelischer Intellektueller - auf deren kritisch-innovative Kr├Ąfte, aber auch auf ihre ideologischen Beschr├Ąnkungen. So schafft sie mit der Beziehung zwischen dem Hauptprotagonisten Inspektor Ochajon und seiner - in jeder Hinsicht - ÔÇÜrechten Hand┬┤Balilati, dem Leiter des polizeilichen Nachrichtendienstes, ein vitales politisches Spannungsfeld, das sich zuweilen in hitzigen Wortgefechten und sarkastischen Kommentaren entl├Ądt:
"So sind sie, die Linken: Man spuckt ihnen ins Gesicht, kippt Schei├če ├╝ber sie aus, und sie sagen - es regnet."

Doch nicht genug mit den Grabenk├Ąmpfen zwischen links-liberalen und rechts-konservativen Str├Âmungen - in Denn die Seele ist in deiner Hand werden auch die inter-kulturellen Fehden der j├╝disch-israelischen Gesellschaft detailgetreu skizziert und hautnah erfahrbar gemacht. In persona und zutiefst verfeindet stehen sich dabei die jemenitische Familie Baschari und deren ungarische Nachbars-Familie Benesch gegen├╝ber - arabische und europ├Ąische Juden und J├╝dinnen in Israel "ganz nah und doch so fern".
Der ├ťberh├Âhung des jemenitischen Judentums durch die ermordete Zohra Baschari stellt die Autorin das ÔÇÜwei├če┬┤ Dominanz-Gebahren der Klara Benesch gegen├╝ber. Dabei geht sie den Urspr├╝ngen der inter-kulturellen Kluft bis an die Grenzen unverarbeiteter Holocaust-Erfahrungen nach: Zohra wollte die Entf├╝hrung ihrer verschollenen ├Ąlteren Schwester publik machen. W├Ąhrend ihre Eltern in dem Glauben gelassen wurden, ihr Kind sei kurz nach der Einwanderung der Familie verstorben, wurde es scheinbar von Mengele-Opfern adoptiert. Doch dient die Ermordung der jungen Zohra der Verschleierung eines systematischen Kindesentzuges durch ├ťberlebende der Shoa?

Vor der morbiden Real-Kulisse des israelisch-pal├Ąstinensischen Konfliktes rollen Kommissar Ochajon und sein Team somit nicht nur den ÔÇÜFall Zohra┬┤, sondern auch einen Teil israelischer Geschichte und kollektiver Verdr├Ąngungsmechanismen auf. Die spannungsgeladene Atmosph├Ąre wird dabei durch private wie politische Leitfragen nach (Selbst-)Ver├Ąnderungspotentialen, -notwendigkeiten und -konditionen bereichert, die das unaufl├Âsliche Wechselspiel von Individuum und Gesellschaft durchziehen. Angefangen bei der ermordeten Zohra, ├╝ber den nachdenklichen Kommissar bis hin zum entf├╝hrten M├Ądchen Nesja, das es nicht nur physisch zu retten gilt, zeichnet Batya Gur ihre ProtagonistInnen zwischen Opfer- und (Mit-)T├Ąterschaft, zwischen Stagnation und Aufbruch - und appelliert mit ihrem Helden Ochajon:
"Es kommt der Punkt im Leben eines Menschen, an dem er klar erkennt: wenn er jetzt nichts unternimmt, wenn er sich jetzt nicht ├╝ber seine Bedenken hinwegsetzt, und den Gef├╝hlen freien Lauf l├Ąsst, die er jahrelang unterdr├╝ckt hat - dann wird er es niemals tun."

Gerade vor dem Hintergrund dieses nahezu programmatischen Ansatzes im j├╝ngsten Gur-Roman erstaunt die Hinwendung der Autorin zu herk├Âmmlichen bis r├╝ckw├Ąrts-gewendeten Geschlechterrollen: Auch wenn der Frauenschwarm Ochajon viele ÔÇÜunm├Ąnnlich-weiche┬┤ Anti-Helden-Zuschreibungen erf├Ąhrt, wird ihm ein weibliches Pendant zur Seite gestellt, das eine provozierend-passive Haltung kultiviert.
Durch den Mangel an charismatischen Protagonistinnen und einer Omni-Pr├Ąsenz konservativer und vielfach auf ├äu├čerlichkeiten reduzierter Frauen-Darstellungen wird der Lesegenuss zwar getr├╝bt. Dennoch ist der Autorin mit ihrem j├╝ngsten Polit-Krimi ein niveuvoll-vielschichtiger und zugleich tempo- wie spannungsreicher One-Night-Stand gelungen.




Batya Gur Denn die Seele ist in deiner Hand
Roman
Goldmann Verlag, 2003
Gebundenes Buch, 448 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 3-442-30836-4
ÔéČ 22,90 [D]90008115&artiId=2083493"



Batya Gur / Ulrich Pleitgen (Sprecher)Denn die Seele ist in deiner Hand
Gek├╝rzte Lesung
Random House Audio, 2003
5 Audio-CDs, Laufzeit: ca. 300 min, mit Booklet
ISBN: 3-89830-468-X
ÔéČ 29,50 [D] 90008115&artiId=2091879"


Literatur Beitrag vom 30.03.2003 Ilka Fleischer 





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