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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.02.2008

Der Multikulti-Irrtum
Clarissa Lempp

Seyran Ates widmet sich der Frage "Wie wir in Deutschland besser zusammen leben k├Ânnen". Aus eigenem Erleben und handfesten Grundlagen verfasst sie eine klare Momentaufnahme der Integrationspolitik



Parallelgesellschaft, Zwangsheirat, Ehrenmorde- Schlagw├Ârter die den deutschen Integrationsdiskursen in den letzten Jahren Feuer geben. Durch ├ľffentlichkeitsarbeit von Menschenrechts-, Frauen- und MigrantInnenorganisationen sind diese Begriffe keine leeren H├╝lsen mehr. Die Frage nach dem Umgang damit ist aber noch auf vielen Wegen offen. Seyran Ates blickt kritisch auf die Begegnung der deutschen Integrationspolitik und die Wertetraditionen in den Einwanderer-Communitys. Vier Jahre nach ihrer Autobiografie Gro├če Reise durch das Feuer" positioniert sie sich, selbst als "streitbare" Pers├Ânlichkeit in der ├Âffentlichen Integrationsdebatte wahr genommen, mit ihrem Buch "Der Multikulti-Irrtum" zur aktuellen Lage.

Anschaulich verfolgt Seyran Ates die Geschichte der t├╝rkischen MigrantInnen in Deutschland: Von den GastarbeiterInnen in den 1950ern, die alle in die Heimat zur├╝ckkehren wollten und trotz "Tarzan-Deutsch" und Arbeiterwohnheimen 30 Jahre blieben. Deren Kinder, die zweite "entwurzelte" Generation, ist laut Ates der Beweis daf├╝r, dass die ersten m├╝den Integrationsversuche der Multi-Kulti Bef├╝rworterInnen gescheitert sind. Und sie zieht ein trauriges Res├╝mee ├╝ber die dritte Generation: sie seien kaum mehr als "zweisprachige Analphabeten". Um diesen Kindern und Jugendlichen Chancengleichheit zu bieten, muss nach Ates die sprachliche Bildung und damit auch die Schulpolitik, aktiver in den Integrationsprozess eingebunden werden. Deutschland definiert sich heute, wie die USA, als Einwanderungsland, die Realit├Ąt dagegen sieht anders aus, so Ate┬║. Die "Mulitkulti-Fanatiker" und die konservativen muslimischen Verb├Ąnde seien Schuld am "f├╝rchterlichen Nebeneinander der Kulturen". Das als Toleranz verkleidete gegenseitige Desinteresse von "Urdeutschen" und Einwanderern stelle sich gegen eine erfolgreiche Integration der Zuwanderer. Die Schwierigkeiten spiegeln sich bereits in der fortw├Ąhrenden Suche nach der angemessen Bezeichnung wider. Aus "Gastarbeitern" wurden zun├Ąchst "Ausl├Ąnder", dann "ausl├Ąndische Mitb├╝rger", sp├Ąter "Deutsche t├╝rkischer Herkunft" und nach dem 11. September 2001 schlie├člich "Muslime". Ates selbst schl├Ągt den Begriff "Deutschl├Ąnder" vor, der in der T├╝rkei f├╝r in Deutschland lebende T├╝rken verwendet wird.

Aus pers├Ânlichen Erfahrungen und mit dem Wissen einer Familienanw├Ąltin und Frauenrechtsvertreterin deutsch-t├╝rkischer Herkunft, sind f├╝r Ate┬║, neben Bildung und Sprache, Unterdr├╝ckung und Gewalt gegen Frauen zentrales Thema einer gelingenden Integrationspolitik. Sie beschreibt unverbl├╝mt F├Ąlle von sexueller und h├Ąuslicher Gewalt und berichtet ├╝ber die "├ťberwachungssysteme" der Familien. Ehrenmorde, "Jungfr├Ąulichkeitswahn", Verschleppung, Bedrohung sollen mit dem Koran gerecht fertigt werden. Dass die Scharia, also die islamische Gesetzschreibung, solche Verbrechen berechtige, entkr├Ąftigt Ate┬║ mit dem Hinweis darauf, dass sie keine allgemeing├╝ltige Grundlage bildet. Der Islam bilde keine homogene Gruppe. Verschiedene Auslegungen pr├Ągen die Sicht und den Umgang mit den Lehren und Rechten. Die religi├Âse Deutungshoheit der Fundamentalisten zentriert Seyran Ate┬║ als Ausgangspunkt eines angemessenen Integrationsansatzes. Nicht der Deutsche Rechtsstaat muss sich nach der Vorstellung von Religionsfreiheit einer Gruppe richten, sondern der/die Einzelne muss das System der Gesellschaft, in der er lebt, respektieren. Der "Kopftuchstreit" oder die Rechtssprechungen in F├Ąllen der Befreiung vom Sportunterricht muslimischer M├Ądchen, zeigen aber ein gegenteiliges Bild. Aber nur eine Gesellschaft mit eigenen Vorstellungen und dem Konsens ├╝ber ihre Werte kann diese auch verteidigen und vermitteln. Seyran Ates pl├Ądiert deshalb nicht nur f├╝r eine Liberalisierung des Islams, sie r├╝ckt auch in diesem Zusammenhang die Bedeutung einer "europ├Ąischen Leitkultur" im Sinne eines "Kulturpluralismus mit Wertekonsens" in den Blick.


Zur Autorin: Seyran Ates, 1963 in Istanbul geboren, lebt seit 1969 in Deutschland. Sie ist Autorin und arbeitete bis 2006 als Rechtsanw├Ąltin mit eigener Kanzlei. 2003 erschien ihre Autobiographie Gro├če Reise ins Feuer. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Berliner Frauenpreis des Berliner Senats f├╝r Wirtschaft, Arbeit und Frauen (2004), die Ehrung zur Frau des Jahres durch den Deutschen Staatsb├╝rgerinnen-Verband (2005) und den Ossip-K.-Flechtheim-Preis des Humanistischen Verbands Deutschland (2006). Seyran Ates lebt in Berlin.
Weitere Informationen unter: www.seyranates.de

AVIVA-Tipp: Der "Multikulti-Irrtum" berichtet eindr├╝cklich und bissig von der "Integrationsfront". Seyran Ates beweist sich mit vielversprechenden gesellschaftspolitischen Ans├Ątzen und klugen Vorschl├Ągen zur Bildungs- und Integrationspolitik als Frau vom Fach. Mit mutiger und scharfsinniger Stimme kritisiert sie die Integrationspolitik und scheut sich auch nicht davor, ihre pers├Ânliche Lebenswelt und ihre eigene Position als Integrationsvertreterin unter die Lupe zu nehmen. Zwar schl├Ągt sie mit der Verurteilung der Linken und der "Multi-Kulti-Fanatiker" bisweilen ├╝ber die Str├Ąnge, der Erfahrungswert und die doppelte Perspektive, die das Buch lesenswert machen, bleiben dadurch aber weitgehend unber├╝hrt.


Seyran Ates
Der Multikulti-Irrtum
Wie wir in Deutschland besser zusammenleben k├Ânnen

Ullstein Verlag, erschienen 2007
288 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3550086946
ISBN-13: 9783550086946
18,90 Euro

Literatur Beitrag vom 03.02.2008 Clarissa Lempp 





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