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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.12.2011

Robert Bober - Wer einmal die Augen ├Âffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen
Sigrid Brinkmann

Der Titel seines neuen Romans ist einem Gedicht von Paul Reverdy entlehnt. Das Buch, sagt Bober, der erst mit 62 Jahren Prosa zu schreiben begann, h├Ątte auch "Begegnungen" hei├čen k├Ânnen.



Wenn Robert Bober aus den Fenstern seiner gro├čen Wohnung im 11. Pariser Arrondissement schaut, blickt er auf kleine Gesch├Ąfte und die Haltestelle der Buslinie 96. Mit ihr kann man die ganze Stadt diagonal von Nordwest nach S├╝dost durchqueren. Manchmal steigt Bober in den 96er, doch noch immer durchstreift er lieber zu Fu├č Gegenden, die er liebt: den S├╝den von Paris rund um die rue de la Butte aux Cailles, in die er als zweij├Ąhriges Kind zog, und das ├Âstliche Viertel Belleville, in dem sein fr├╝h verstorbener Freund, der Schriftsteller Georges Perec, aufwuchs. Das Spazierengehen ist eine alte Leidenschaft. Er kennt jede Stra├če in Paris, und hinter den neuen Hausfassaden sieht er die alten durchschimmern. Paris ist f├╝r ihn ├╝ber die Jahrzehnte hinweg zu einem "durchsichtigen Gewebe" geworden. Er zitiert einen Vers von Baudelaire, "Die Form einer Stadt wandelt sich schneller als das Herz eines Menschen", und f├╝gt hinzu: "Ich gehe auch in den Herzen der Menschen spazieren".

Der Titel seines neuen Romans "Wer einmal die Augen ├Âffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen" ist einem Gedicht von Paul Reverdy entlehnt. Das Buch, sagt Bober, der erst mit 62 Jahren Prosa zu schreiben begann, h├Ątte auch "Begegnungen" hei├čen k├Ânnen. Sein Held ist "disponibel", also offen und bereit f├╝r Treffen, bei denen Weichen gestellt werden, die ungeahnte T├╝ren ├Âffnen. Immer begegnet man in Bobers B├╝chern auch ihm selbst. In seinem Deb├╝troman "Was gibt┬┤s Neues vom Krieg" tritt er uns als Schneiderlehrling Maurice Abramowicz entgegen. Unweit seiner heutigen Wohnung, zwischen R├ępublique und Bastille, im einstigen Schmattes-Viertel, hat Bober bis 1953 als Zuschneider und N├Ąher gearbeitet. Er teilt die Erfahrungen seines Helden Joseph Berg, der in einer Ferienkolonie f├╝r j├╝dische Waisenkinder arbeitet und Jugendliche f├╝r Jazz-Musik, die Marx-Brothers, das Rollschuhfahren und die Tour de France begeistert. Und er gleicht haargenau der Figur Robert, die Paris durchkreuzt, um Drehorte f├╝r Francois Truffaut ausfindig zu machen.

1961 assistierte Bober Truffaut bei den Filmaufnahmen f├╝r "Jules und Jim". Fast vierzig Jahre sp├Ąter erz├Ąhlt er nun die "jiddische Variante" der Kult gewordenen Liebesgeschichte. Sie ist zugleich eine gro├če Hommage an das Paris der sechziger Jahre - melancholisch gef├Ąrbt, aber keineswegs eine nostalgische Beschw├Ârung von Orten, Kl├Ąngen und Bildern, die den jungen Bober ├Ąsthetisch pr├Ągten.

Die W├Ąnde in Robert Bobers Arbeitszimmer sind mit schwarz-wei├č- Fotografien ├╝berzogen: Aufnahmen vom Schuhmachergesch├Ąft seines Vaters und dem L├Ądchen der Mutter, die nebenan Korsagen und B├╝stenhalter n├Ąhte, Ansichten der rue Vilin, in der Perec zuhause war und ├╝ber die Bober einen Film drehte, er selbst neben Jeanne Moreau und Oscar Werner bei den Dreharbeiten zu "Jules und Jim" und Familienfotos. Eines, datiert 1928, ist besonders kostbar. Es zeigt den Urgro├čvater inmitten seiner Kinder, Enkel und Neffen. 1903 hatte er Polen verlassen, um ├╝ber Wien nach Amerika auszuwandern. Sogar den Bart hatte er abnehmen lassen, um bei den Einwanderungsbeh├Ârden auf Ellis Island nicht als frommer Jude Auffallen zu erregen. Das Gesuch wurde abgewiesen. Er kehrte nach Wien zur├╝ck, lie├č den Bart wieder wachsen und verdiente den Lebensunterhalt mit handgefertigten Leuchtern. Der Urenkel Robert, 1931 in Berlin geboren, flog 1979 nach New York, um einen Dokumentarfilm ├╝ber Ellis Island, den gr├Â├čten Einwanderungshafen der USA zu drehen. Dort, angef├╝llt mit Geschichten ├╝ber Diaspora und Exil, begann in ihm etwas zu wirken, f├╝r das er so schnell noch keine Form finden sollte. Er habe, sagt Bober, ein ganzes Leben gebraucht, um zu verstehen, warum er sich von jeher zu der Literatur von Arthur Schnitzler, Hugo von Hoffmannsthal, Stefan Zweig und Joseph Roth hingezogen f├╝hlte. Der Urgro├čvater und die Schriftsteller geh├Ârten zur gleichen Generation. Nur, dass sein Vorfahr nicht lesen konnte. Bober arbeitet an einem Film, der den illiteraten Ahnen ein Denkmal setzt.

Auch von Madame Rayda hat der Filmemacher und Autor in seinem Zimmer eine kleine Fotografie aufgeh├Ąngt. Ein dicker Pelzkragen schm├╝ckt den Hals der Wahrsagerin, die aus dem Fenster ihrer Wohnung in der rue Vilin lehnt und neugierig auf die Stra├če blickt. Auf einer Spanplatte am aufgeklappten Fensterladen hat sie in Sch├Ânschrift ihre Gaben aufgelistet: Hand- und Tintenflecklesen, Gro├čes chald├Ąisches Tarock, Hellsehen nach Foto und brieflich, Wiedergewinnung von Zuneigung. Madame Rayda wurde in Bobers j├╝ngstem Buch verewigt. Manchmal hat der 80-j├Ąhrige das Gef├╝hl, er m├╝sse etwas gut machen, weil er allzu lange achtlos an einem Ort vorbeigelaufen ist. Es kommt ihm heute so vor, als ob Orte auf einen Ruf antworten. Robert Bober ist ein Sucher, der "der Nase nach" l├Ąuft, T├╝ren aufst├Â├čt, sp├Ąht und dabei gelegentlich auf Leute st├Â├čt, die sich unumwunden zu ihrem Laster bekennen - Geschichten zu m├Âgen.

AVIVA-Tipp: Es sind Geschichten aus erster Hand von Leuten, die behaupten, alles selbst erlebt zu haben. Solche Zufallsbekanntschaften versprechen immer einen gl├╝cklichen Tag. Dem menschenfreundlichen und unerm├╝dlichen Sammler von Geschichten verdanken wir wunderbar in Sprache und Bild verdichtete Augenblicksmomente. M├Âge er noch lange ein "unverbesserlicher" Spazierg├Ąnger bleiben.

Zum Autor: Robert Bober, geboren 1931 in Berlin, emigrierte 1933 mit seiner Familie nach Frankreich. Er arbeitete als Schneider, T├Âpfer, Erzieher, wurde Assistent von Fran├žois Truffaut und drehte ├╝ber 100 eigene Dokumentarfilme. In Deutschland wurde Robert Bober mit seinen B├╝chern "Was gibt┬┤s Neues vom Krieg" (1995) und "Berg und Beck" (2000) bekannt.


Robert Bober
Wer einmal die Augen ├Âffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen

Originaltitel: On ne puet plus dormir tranquille quand on a une fois ouvert les yeux
Aus dem Franz├Âsischen von Tobias Scheffel
Antje Kunstmann Verlag, erschienen 2011
284 Seiten, gebunden
19,90 Euro

Dieser Beitrag wurde uns von der Journalistin Sigrid Brinkmann freundlicherweise zur Verf├╝gung gestellt. Erstmalig ist die Rezension im November 2011 in der J├╝dischen Allgemeinen Wochenzeitung erschienen.
Lesen/h├Âren Sie auch den Radiobeitrag von Sigrid Brinkmann auf Deutschlandradio Kultur:
www.dradio.de

Literatur Beitrag vom 29.12.2011 AVIVA-Redaktion 





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